mini|Nabonid auf einem Relief bei der Anbetung der Gestirnsgottheiten Sin, Šamaš und Ištar
Nabonid (auch Nabonaid und Nabunaid; spätbabylonisch Nabû-nāʾid, Nabunaita, elamisch Nabunida, ;Dies ist die von Herodot verwendete Form, der hiermit aber wohl allgemein die Könige der neubabylonischen Dynastie bezeichnet; abweichende Schreibweisen finden sich im Kanon des Ptolemaios und den Epitomatoren des Berossos. * nach 609 v. Chr.; † frühestens 539 v. Chr.) war ein babylonischer König. Er regierte von 556 v. Chr.Das 18. Regierungsjahr hätte am 1. Nisannu im Jahr 538 v. Chr. seinen Beginn gehabt, weshalb volle 17 Jahre zum Jahr 538 v. Chr. hinzugezählt werden müssen. bis 539 v. Chr. als letzter König des Neubabylonischen Reiches.Unter Dareios I. folgten 522 v. Chr. Nebukadnezar III. und 521 v. Chr. Nebukadnezar IV. als Usurpatoren. Sein Name bedeutete „Nabu ist erhaben“.
Mit Nabonid folgte ein Regent assyrischer Abstammung als neuer König von Babylonien auf den Thron. Der Babylonierkönig sah sich selbst als Erbe Assyriens; des Landes, das 609 v. Chr. durch die militärische Niederlage gegen die Babylonier und Meder seine politische Eigenständigkeit verlor.Hans J. Nissen: Geschichte Altvorderasiens. Oldenbourg, München 1999, S. 111. Nabonids Umkehr von Nebukadnezars wirtschaftlichem Kurs der Zentralisierung Babyloniens führte durch Belebung der Randprovinzen zu einer Verbesserung der Versorgungssituation im Land.
Die vom Babylonierkönig betriebene Wiedereinführung assyrischer Kulte und Restaurierung der alten Tempelheiligtümer verursachte Spannungen mit der Marduk-Priesterschaft, die mit ihrer Reaktion den Babylonierkönig möglicherweise veranlassten, für zehn Jahre nach Tayma zu gehen. Nabonids Absetzung von Marduk als oberster Gottheit ließ die Priesterschaft schließlich mit dem Perserkönig Kyros II. kooperieren, der den Fall Babyloniens und damit verbunden das Ende des Babylonierkönigs bewirkte.
Historische Quellen Die Quellenlage zu Nabonids Leben vor seinem Regierungsantritt ist spärlich und erlaubt nur wenige Angaben. Gemäß zahlreicher Inschriften können dagegen seine Tätigkeiten als König in Babylonien genauer beschrieben werden. Zu den Umständen seines Todes liegen sehr widersprüchliche Informationen aus Nabonid-feindlichen Texten vor. Gegenüber den Keilschriftquellen ist die Bedeutung der Angaben griechischer Historiker als gering zu beurteilen.
Keilschrifttexte mini|Nabonid-Zylinder: Sin-Tempel in Ur Aus der ergiebigen Anzahl von Keilschrifttexten aus der Regierungszeit Nabonids kann ein nahezu umfassendes Bild der ausgedehnten Bautätigkeiten und religiösen Vorstellungen des Babylonierkönigs sowie des damaligen Wirtschaftslebens gezeichnet werden.Etwa 3000 Wirtschaftsurkunden aus der 17-jährigen Regierungszeit Nabonids stehen nur 1700 Texte aus der 43-jährigen Regierungszeit von Nebukadnezar II. gegenüber. Dagegen sind die Gründe für seinen langjährigen Aufenthalt in der Wüstenoase Tayma kaum belegt und nur wenige Details seiner dortigen Tätigkeit bekannt.
Die neutral gehaltenen Inschriften, insbesondere die Nabonid-Chroniken, liefern in trockenen Jahresberichten kurzgefasste und glaubwürdige Angaben. Von den Nabonid-Chroniken sind Teile des 1. bis 3., des 6. bis 11. und des 16. bis 17. Regierungsjahres in lesbarem Zustand erhalten geblieben. Nach seinen Regierungsjahren datierte Privaturkunden gehen in die Tausende. Da eine Wertung der Handlungen des Babylonierkönigs nicht erfolgt, sehen die Historiker die Nabonid-Chroniken und die Privaturkunden als zuverlässigste Quellen zu speziellen Details aus seiner Regierung.
Nabonid gestaltete seine Tätigkeitsnachweise in Form von Selbstdarstellungen traditionell positiv. Bauinschriften wie beispielsweise die Egipar-Inschrift gab Stephen Langdon erstmals 1912 umfassend und mit Übersetzung heraus.St. Langdon: Die neubabylonischen Königsinschriften, 1912, S. 46 ff., 218 ff. Außerdem veröffentlichte Wilfred G. Lambert 1968/1969 einen komplettierten Official report of the reign of Nabonidus unter A new Source for the reign of Nabonidus. Von den Funden sind besonders die Nabonid-Stele, die Stele seiner Mutter und die Nabonid-Zylinder aus Sippar und Ur hervorzuheben, da in den Schilderungen Nabonids der theologische Hintergrund sichtbar wird. Die „göttliche Berufung“ zum neuen König wird vom Babylonierkönig mit den historischen Fakten verwoben, weshalb ein Abgleich mit den historisch neutralen Quellen vorgenommen werden muss. Gleiches gilt für die aus persischer Sicht erstellten Inschriften, die dem Babylonierkönig extrem feindlich gesinnt sind.
Den Ausführungen des im Jahr 1879 entdeckten Kyros-Zylinders sind die aus der Sicht des Perserkönigs maßgeblichen Gründe für den Sturz Nabonids zu entnehmen. Das von der Marduk-Priesterschaft als nachträgliche Schmähschrift verfasste Strophengedicht des Nabonid behandelt die angeblichen Freveltaten des Babylonierkönigs und beschreibt ihn als „geisteskranken König, der seine Untertanen ausplünderte, so dass sie verarmten und Hunger litten“. Diese Aussagen dienten dazu, die Entthronung Nabonids mit dessen angeblichen Freveltaten zu rechtfertigen. Weder der Kyros-Zylinder noch das Strophengedicht werden als historisch neutral verwertbare Quellen angesehen: „Ein Versuch, aus ihnen Fakten abzuleiten, liefert äußerst unsichere Ergebnisse, wenn keine weiteren Quellen als Verifizierung zur Verfügung stehen. Jedoch erlauben die mit anderen Inschriften teilweise übereinstimmenden Passagen eine Bestätigung von Nabonids Aussagen“.Reinhard-Gregor Kratz: Das Judentum im Zeitalter des Zweiten Tempels (Studienausgabe aus der Schriftenreihe: Forschungen zum Alten Testament, Nr. 42). Mohr (Siebeck), Tübingen 2006, S. 44–47.
Antike Historiker und Altes Testament hochkant|mini|Büste von Herodot (Antikes Agora-Museum, Athen, Nr. S270). Von den griechischen Historikern sind besonders die Ausführungen des Herodot und die erhaltenen Fragmente des letzten babylonischen Geschichtsschreibers Berossos bedeutend. Die Fragmente von Berossos sind durch Auszüge (Epitomen) seines Werkes bei den Historikern Flavius Josephus und Eusebius von Caesarea überliefert. Schließlich beziehen sich im Korpus des Alten Testaments die Kapitel 4 und 5 des Buches Daniel auf die Regierungszeit von Nabonid, die jedoch anderen antiken Quellen entnommen wurden und sich teilweise mit den Erwähnungen Nabonids decken. Ebenfalls der jüdischen Überlieferung zuzurechnen ist der unter den Schriftrollenfunden vom Toten Meer in Höhle 4 entdeckte, auf Aramäisch verfasste legendarische Bericht Gebet des Nabonid.Muhammad A. Dandamayev: Nabonid. In: RIA, Bd. 9, S. 7–8;
Nach Herodot, der Nabonids Namen entstellt als Labynetos (Λαβύνητος) angibt,Herodot, Historien 1,74; 1,77; 1,188. habe Nabonids königlicher Vater ebenfalls Labynetos geheißen und seine Mutter Nitokris.Herodot, Historien 1,188. Diese Angaben stellten sich nach der Entdeckung der Keilschrifttexte als falsch heraus. Des Weiteren erwähnt Herodot, dass der „Babylonier Labynetos“ den im 585 v. Chr. geschlossenen Frieden zwischen dem lydischen König Alyattes und dem medischen König Kyaxares vermittelt habe.Herodot, Historien 1,74. Ob dieser Labynetos mit Nabonid zu identifizieren ist, scheint nicht klar. Als Argument für diese Gleichsetzung wird angeführt, dass Herodot Labynetos bei seiner Friedensvermittlung noch ohne Königstitel erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch der historische Nabonid noch nicht den Rang eines Herrschers inne. Bei der Niederlage des Krösus tituliert Herodot dann Labynetos korrekterweise als König. Dennoch ist die von F. H. Weissbach präferierte Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass der griechische Historiker mit dem Friedensvermittler von 585 v. Chr. den damals regierenden Babylonierkönig meint, den angeblich gleichnamigen Vater des späteren Herrschers Labynetos. In diesem Fall hatte er damit freilich in Wirklichkeit Nebukadnezar II. im Sinn, da dessen Name Herodot unbekannt war. Die Berichte über Nabonid und Kyros II. wiederholen sich bei seinen Dareios-I.-Erzählungen. Die spärlichen Aussagen zur frühen Regierungszeit des Babylonierkönigs sind anderen Quellen entnommen und als frei erfundene Geschichtskonstrukte eingeflossen. Auch Herodots Bericht über den Fall Babylons ist fast gänzlich unhistorisch. Insgesamt sind die Ausführungen von Herodot keine gut verwertbaren Quellen und können größtenteils für die Ermittlung von Nabonids Wirken nicht herangezogen werden.
Die Vielzahl der antiken griechischen Historiker charakterisiert Nabonid sehr negativ. Nach Xenophon war der letzte Herrscher Babylons, dessen Namen er nicht nennt, ein gottloser Regent.Xenophon, Erziehung des Kyros 5,4,35 und 7,5,32 Die Bewertungen und Darstellungen erfolgten jedoch auf Grundlage älterer Texte und der nicht zu übersehenden Verehrung des Perserkönigs. Die schon bei Herodot erkennbaren romanhaften Tendenzen bestimmen die Qualität dieser historischen Quellen und tragen nicht zur Aufhellung der tatsächlichen Gegebenheiten bei. Nur die Exzerpte des Berossos erzählen einigermaßen übereinstimmend mit der Nabonid-Chronik die persische Eroberung Babylons.
Als umgeschriebene Darstellungen fanden die Berichte Jahrhunderte später als die Geschichten Daniels Einzug in die Bibel. Das Buch Daniel stellt damit eine interessante Quelle zur Identifikation der zu Grunde liegenden antiken Vorlagen dar. In Kapitel 5 im Danielbuch wird Belschazzar als der letzte Babylonierkönig bezeichnet, aber dass er Daniel nur den dritten Platz im Königreich anbietet, könnte darauf hindeuten, dass Belschazzar nur Vizekönig war.Alan R. Millard: Bibel und Archäologie. TVG Brunnen, Gießen/Basel 1977, ISBN 3-7655-9023-1, S. 38. Herodot nennt Nabonid in Historien 1,188 hingegen Labynetos. Herodot merkt an, dass er denselben Namen wie sein Vater (Nabonid) hat.
Frühe Jahre Über die Jahre vor Nabonids Regierungsantritt ist relativ wenig bekannt. Der Babylonierkönig wurde als Sohn des Nabû-balātsu-iqbiEine Backsteininschrift aus Harran nennt den Vater des Nabonid abweichend Nusku-balāstu-iqbi. und der Adad-happe nach 609 v. Chr. geboren. Nabû-balātsu-iqbi bekleidete die Position des Gouverneurs in Harran und wird in den Inschriften seines Sohnes als „weiser Prinz“ oder „mächtiger Statthalter“ bezeichnet. Der Babylonierkönig hatte dadurch den Rang eines „Schwiegersohns“. Nabonids Mutter stellt sich auf ihrer Stele als Entu-Priesterin des in Harran verehrten Mondgottes Sin vor. Dies wird in der Forschung als nicht zutreffend angesehen,Wolfgang Röllig: Erwägungen zu neuen Stelen König Nabonids. In: Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. Band 56, 1964, S. 218–260, hier S. 236. zumal es keine anderen Inschriften gibt, die diese Aussage stützen.Paul-Alain Beaulieu: The reign of Nabonidus, King of Babylon, 556–539 B.C. Yale University Press, New Haven 1989, S. 74–80. Laut ihrer Inschrift, die vom Babylonierkönig nach ihrem Tod selbst verfasst wurde, absolvierte Nabonid gemäß ihrem Wunsch treue Dienste für die Könige Nebukadnezar II. und Nergal-šarra-uṣur. Demnach könnte Nabonid eine bedeutende Stellung am Hof der genannten Babylonierherrscher innegehabt haben.