__TOC__ Anamur ist eine Stadtgemeinde (Belediye) im gleichnamigen İlçe (Landkreis) der Provinz Mersin in der türkischen Mittelmeerregion und gleichzeitig ein Stadtbezirk der 1993 gebildeten Büyükşehir belediyesi Mersin (Großstadtgemeinde bzw. Metropolprovinz Mersin). Seit der Gebietsreform ab 2013 ist die Gemeinde flächen- und einwohnermäßig identisch mit dem Landkreis, und die dem städtischen Kreiszentrum (hier Anamur) angeschlossenen Dörfer gelten als Stadtteile (Mahalle), sodass die reale Stadtbevölkerung nur schwer zu ermitteln ist, wenn man die unmittelbaren Stadtteile nicht kennt. Die im Stadtlogo vorhandene Jahreszahl (1909) dürfte auf das Jahr der Ernennung zur Stadtgemeinde (Belediye) hinweisen.

Bemerkungen zum Namen Etwa 6 km südwestlich der rezenten Stadt Anamur liegen die Ruinen des antiken Anemurium (auch Anamurium oder Anemurion, griechisch Ἀνεμούριον), der westlichsten historischen Bastion der türkischen Provinz İçel (Mersin), auf dem untersten Kap der Kargagedik Dağları. Dieses Gebirge erstreckt sich im mittleren Taurus-Gürtel der Toros Dağları (Taurusgebirge) bis zum Mittelmeer und bildet dort die südlichste Spitze der Türkei: Cap Anamur (deutsch: Kap Anamur; türkisch: Anamur Burnu, auch Rüzgarlı Burun = Windiges Cap). Der Frachter Cap Anamur und die Hilfsorganisation Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte wurden nach ihm benannt. Vom Namen der antiken Vorgängerstadt Anemurium leitet sich die heutige Bezeichnung „Anamur“ ab. Im Griechischen bedeutet ἀνεμούριον „Windmühle“,ἀνεμούριον, Henry George Liddell, Robert Scott, A Greek-English Lexicon, on Perseus project wird aber auch mit „Windrad“ übersetzt. Laut der türkischen Geografin Rüya Bayar besteht die Möglichkeit, dass der ursprüngliche Name „Animura“ lautete und aus dem Luwischen stammt: Mura (mUra / M(a)-ura) ist eine der alten anatolischen Bezeichnungen, die dieses Sprachelement „Großer Ma“ enthalten.

Anmerkungen zur Geographie, Lage und wirtschaftlichen Gliederung Der Landkreis/Stadtbezirk ist der westlichste der Provinz İçel und grenzt im Westen an die Provinz Antalya, im Norden an die Provinz Karaman und im Osten an den Kreis/Stadtbezirk Bozyazı. Im Süden bildet das Mittelmeer eine natürliche Grenze. Von hier aus ist gegenüber die Insel Zypern zu sehen, bei schönem Wetter sogar deren Gebirge. Der Ort Anamur ist von Zypern nur etwa 75 km entfernt.

Die rezente Stadt Anamur, früher Çorak, liegt mit ihrem Zentrum 3 Kilometer landeinwärts von der Mittelmeerküste entfernt am Fuße eines abfallenden Bergrückens. Die Ost- und Westseite sind jeweils von einem breiten Tal umgeben, im Westen vom Sultansuyu-Tal, im Osten von der Senke des Anamur Çayı. Die Südseite ist eine lange, schmale Ebene (Anamur Ovası), die sich entlang des Meeres erstreckt. Da am Fuße der Stadt Tamarisken wachsen und damit „geringe Fruchtbarkeit“ signalisieren, wurde der Ort früher Çorak (çorak = unfruchtbar) genannt. Noch heute ist die Stadt Anamur unter den Einwohnern als Çorak bekannt.

Der Landkreis Anamur liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von 1100 Metern, wobei der Höhenanstieg zumeist unmittelbar hinter der oft steilen Küste von 0 m auf 2.335 m (Sarıtaş Tepesi) einsetzt. 59 % des Landkreises nehmen Wälder, 22 % Weiden ein; 11 % sind Agrarflächen, 7 % Fels- und Dünengebiete und 1 % Siedlungsräume. Die türkische Geographin Rüya Bayar hat diese Region zwischen Mittelmeerküste und Mittlerem Taurus in drei Wirtschaftszonen gegliedert:

links|mini|Ausgedehnte Gewächshauskulturen bei Beyreli im Osten der Anamur-Ebene. Die erste Zone, die südöstliche Küstenzone, wo die Anamur-Ebene unter dem Einfluss des mediterranen Klimas relativ große für Ackerbau geeignete Flächen bietet, stellt mit den Orten Anamur, Çarıklar und Ören den am weitesten entwickelten Teil des Kreises in Bezug auf Landwirtschaft, Dienstleistung, Gewerbe und Siedlungsflächen dar. Hier wird in fast allen Agrargebieten Bewässerungslandwirtschaft betrieben. Hier kultiviert man Produkte, wie Erdnüsse, Sesam, Zitrusfrüchte, Oliven sowie oft in Treibhäusern Bananen, Gemüse und Erdbeeren. Dabei haben Bananen einen besonderen Stellenwert: Sie wurden zum Aushängeschild für den Kreis. Hier liegen die Wohngebiete mit städtischen Funktionen. Die entsprechenden Gewerbebezirke sind allerdings nicht sehr groß. Es hat sich ein Werkstatt- und Heimgewerbe entwickelt, und die im Kreiszentrum konzentrierten Areale sind derzeit auf einem Niveau, das lediglich den Bedürfnissen der Kreisbevölkerung gerecht wird.

links|mini|Blick von der Kaş Yaylası auf die über 1000 m tiefer liegende Anamur Ovası. Die zweite Zone, die ansteigenden Partien zur Hochfläche des Taşeli-Plateaus, hat den größten Flächenanteil innerhalb des Landkreises. Ständige Abwanderung von dort (Landflucht) ist ein Zeichen für fehlende wirtschaftliche Prosperität. Hier ist ausgedehnter Trockenfeldbau üblich, und Wälder bedecken große Areale. Bewässerungslandwirtschaft gibt es nur in den Tälern, und die Produktion erfolgt nach regionalem Bedarf. Die wichtigsten Produkte sind dort Weizen und Gerste. Die großen Waldflächen können wegen fehlender Infrastruktur nicht ausreichend genutzt werden. links|mini|Die mit Weide- und Waldland bedeckte Hochfläche des Taşeli-Plateaus (Taşeli Yaylası) liegt weitgehend außerhalb örflicher Gemeindegebiete. mini|Das 384 km² große Gebiet des Taşeli-Plateaus wird als Gemeinschaftsfläche der festen Siedlungen als Yayla genutzt. mini|Auf dem Taşeli-Plateau, das im Laufe der Geschichte die wichtigsten Weideflächen des Landkreises Anamur bereitstellte, liegen heute oft temporäre Yaylas-Siedlungen als Sommerfrischen für die Küstenbewohner, wie hier in der Sommersiedlung Abanoz Yaylası im Mai 1997.

Die dritte Zone im Kreis ist die mit Weide- und Waldland bedeckte Hochfläche des Taşeli-Plateaus (Taşeli Yaylası). Dieses 384 km² große Gebiet, das weitgehend außerhalb dörflicher Gemeindegebiete liegt, wird als Gemeinschaftsfläche der festen Siedlungen als Yayla genutzt. Auf dem Taşeli-Plateau, das im Laufe der Geschichte die wichtigsten Weideflächen des Landkreises bereitstellte, liegen temporäre Yaylas-Siedlungen, in denen Kleinviehhaltung vorherrscht. Während die nordöstlichen Hochebenen in den letzten Jahrzehnten nur noch als Sommerferien-Aufenthalte der Küstenbevölkerung genutzt wurden, finden sich in den westlichen Hochebenen immer noch Spuren ehemaliger Nomadenkultur. Die Waldflächen in dieser Zone werden außer zur Holz- und Brennstoffversorgung nicht genutzt.

Geologisch-morphologische Aspekte links|mini|400x400px|Die Kartenskizze zeigt die geologisch-topographische Situation des Landkreises Anamur in der Provinz İçel (Mersin) in der Süd-Türkei. Der Landkreis Anamur und seine Umgebung lassen sich hinsichtlich ihrer Landformen vor allem geologisch und morphologisch in drei Abschnitte gliedern. Der erste dieser Abschnitte ist die Taşeli Yaylası auf 1500–2000 m Höhe nördlich von Anamur. Ihre oft fast horizontale Oberfläche besteht aus lehmigen, sandigen miozänen Kalksteinen und Mergeln und wird vom Göksu Nehri, dem Ermenek Çayı und ihren Nebenflüssen tief durchschnitten, sodass das darunter liegende vor-neogene Grundgebirge insbesondere entlang des Ermenek Çayı freigelegt ist. Die geomorphologische Entwicklung dieses mittleren Taurusgebirges weist hier äußerst komplexe orogene Merkmale auf: Im südlichen Taurusgebirge war es während des gesamten Mesozoikums zu kontinuierlichen Karbonat-Ablagerungen gekommen. Im späten Mesozoikum hob sich ein großer Teil des westlichen und zentralen Gebirges. Seit dem Miozän kam es dann in diesem Gebirgsteil zu Fragmentierungen und Brüchen. Entsprechende Nord-Süd-orientierte Depressionsgebiete entstanden in Form von intramontanen Becken im westlichen Taurusgebirge sowie entlang des Antalya-Gürtels im mittleren Taurus, wo auch das Taşeli-Plateau liegt. links|mini|Das einst oberirdische Gewässernetz hat sich seit dem Pliozän von den weiten Flächen des sterilen Kalkstein-Plateaus des Taşeli-Plateaus weitgehend in das heutige natürliche unterirdische karstige Drainagenetz zurückgezogen. mini|Karsthöhlen, tiefe Dolinen, Ponoren und anderen Karsterscheinungen beherrschen in weiten Partien die Karstflächen des Taşeli-Plateaus, wie hier in einem Dolinenfeld Kaş Yaylası im Bereich des 1690 m hohen Suolmaz Gecidi zwischen Anamur und Ermenek. Dieser zentrale Teil ist dabei im Miozän unter den Meeresspiegel abgesunken, hob sich aber zusammen mit diesem orogenen Gürtel seit dem Ende des Pliozäns erneut auf über 1000 Meter. Infolge dieses Anstiegs wurden die seit Beginn des Mesozoikums entstandenen Gewässer in ihren Bettungen blockiert und verlegten diese durch rückschreitende Erosion rasch rückwärts. Gleichzeitig mit dem Anstieg begann sich das oberirdische Gewässernetz in Karstgebieten unter die Erdoberfläche zu verlagern: Dabei bildete sich das heutige natürliche unterirdische Drainagenetz mit seinen Karsthöhlen, Dolinen, Ponoren und anderen Karsterscheinungen. Im westlichen Gebirgsteil entwickelten sich derartige Karstformen hauptsächlich innerhalb der Kalksteine des Mesozoikums (besonders während der Kreidezeit) und im Mittelteil zumeist innerhalb der marinen Kalksteine des Miozäns, also auf dem Taşeli-Plateau und den Teilen östlich davon. Während Tiefenkarst häufiger in den westlichen Teilen anzutreffen ist, kommt Oberflächenkarst eher in den zentralen Teilen vor.

Der zweite Abschnitt ergibt sich aus den abfallenden Hängen des durch Täler fragmentierten Taşeli-Plateaus. Diese Hänge mit teilweise über 80 % Gefälle reichen von 1800 Metern oft bis zum Ufer des Mittelmeeres und zeigen aufgrund der geomorphologischen Entstehung ein sehr fragmentiertes, zerklüftetes und abfallendes Erscheinungsbild: Während der alpinen Orogenese konnten die harten Sedimente nicht gefaltet werden und brachen. Die Gewässer nutzten diese Bruchlinien und bildeten an den Hängen des Taşeli-Plateaus Systeme mit tiefen Tälern. Diese Gewässer stammen aus Karstquellen, von denen die meisten im Sommer austrocknen. Im Landkreis Anamur gibt es drei Hauptflusstäler, von denen das wichtigste, das des Anamur Çayı, nördlich des Dorfes Sugözü entspringt. Innerhalb dieses Tals fließt der Anamur Çayı durch tiefe und enge Schluchten mit einem Höhenunterschied von stellenweise mehr als 800–1000 m und mündet nach Querung der Anamur-Ebene ins Mittelmeer. Paläozoische kristalline, bisweilen auch rekristallisierte Kalksteine, Marmor, Quarzite und metamorphe Schiefer bilden die Basis dieser Taşeli-Region. links|mini|Sogenannte "Hog-Back" Sedimente am Zive Deresi (Taşeli-Plateau) bei Kazancı. Diese Gesteinsserien, die im Norden gelegentlich steil abfallende unterschiedlich widerständige Sedimentschichten (sogenannte Hog-Backs) formen, treten im unterhalb des Plateaubereichs als marine miozäne Schichten diskordant auf, so z. B. zwischen Anamur und Sarıdana, wo sich Marmor- und Quarzitschichten mit sehr steilen Hängen mit erosionsbeständigen Glimmerschiefern abwechseln. Alle diese paläozoischen Formationen umrahmen mit sehr ausgeprägten Steilhängen die tiefer gelegenen Partien und Küstenebenen des Landkreises.