mini|Graffiti in der Prenzlauer Allee 53 auf der Hauswand der Bäckerei Sporys, die als „Schwäbische Bäckerei“ beworben wird. (2014)
Schwaben in Berlin ist eine stereotype Bezeichnung für als spießig, wohlhabend und provinziell wahrgenommene Zugezogene, die den Prozess der Gentrifizierung in Berlin vorantreiben. Die Gruppe ist weder geographisch noch dialektal klar definiert und kann sich auch auf Zugezogene beziehen, die nicht aus Schwaben stammen. Das Klischee der „Schwaben“ hat seine Ursprünge im linksalternativen Milieu West-Berlins der 1980er Jahre und ist häufig Gegenstand von Theater, Kabarett, Satire und Feuilleton.
Historische Ethnophaulismen für Schwaben
Schwabenfeindlichkeit in Baden und der Schweiz mini|Holzschnitt der Schlacht bei Dornach während des Schwabenkriegs zwischen Eidgenossen und Schwaben (um 1500) Schwabenfeindlichkeit wurde verschiedenen Gruppen in unterschiedlichen Zusammenhängen zugeschrieben. Heute gilt dies vor allem für die Konflikte zwischen Schwaben und Badnern. In einer Umdichtung des aus dem 19. Jahrhundert stammenden Badnerlieds wird der Neckar als „alte Schwabensau“ bezeichnet.Waltraud Linder-Beroud: Wie badisch ist das Badnerlied? Zur Geschichte der Landeshymnen in Baden und Württemberg. In: Eckhard John (Hrsg.): Volkslied – Hymne – politisches Lied. Populäre Lieder in Baden-Württemberg. Volksliedstudien, Band 3. Waxmann, Münster 2003, ISBN 3-8309-1351-6, S. 54–95, hier S. 89. Eine abwertende Bezeichnung für Badener in Schwaben ist Gelbfüßler. Konflikte zwischen Habsburgern und Eidgenossen führten im 15. Jahrhundert zum Schwabenkrieg. Im 19. Jahrhundert entstanden in der Schweiz die Schimpfwörter „Schwabe“ und „Sauschwabe“ für Deutsche,Johannes Bumüller: Die Weltgeschichte. Ein Lehrbuch für Mittelschulen und zum Selbstunterricht. Dritter Teil: Die neue Zeit. 6., verbesserte Auflage. Herder, Freiburg 1867, S. 36.; Friedrich Wilhelm Barthold: Deutschland und die Hugenotten. Geschichte des Einflusses der Deutschen auf Frankreichs kirchliche und bürgerliche Verhältnisse … 1531–1598. Band 1, Schlodtmann, Bremen 1848, S. 31.; Dora Rudolf: Konrad Meyer und sein Freundeskreis. Ein Zürcher Literaturbild aus dem 19. Jahrhundert. Juchli & Beck, Zürich 1909, S. 43 (Suche: „Schwabenhass“). in den 1970er Jahren das Wort „Gummihals“. Im Elsässischen wurde das Wort „Schwob“ für Deutsche verwendet.
„Schwaben“-Lehnwörter in Mittel- und Osteuropa In verschiedenen Ländern in Mittel- und Osteuropa werden vom Wort „Schwaben“ abgeleitete Lehnwörter als abwertende Bezeichnungen für Deutsche verwendet. Es handelt sich dabei um als Ethnophaulismen, die sich nicht auf Menschen beziehen müssen, die aus der Region Schwaben stammen. In Polen entstand im 19. Jahrhundert das Wort „Szwab“. Bei den MagyarenAnonym: Die magyarische Revolution. Kurzgefaßte Schilderung der jüngsten Zeitereignisse in Ungarn und Siebenbürgen. Heckenast, Pest 1849, S. 197. bezogen sich in der aufkommenden ungarischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts ähnliche Bezeichnungen als „Verachtung auf die Deutschen“,Politische Miscellen vom Verfasser der „sibyllinischen Bücher aus Oesterreich“. Tendler, Wien 1848, S. 79. die in der Mehrheit Donauschwaben waren. Im ehemaligen Jugoslawien war die Bezeichnung „Schwabo“ für Deutschsprachige gebräuchlich und wird heute von Menschen verwendet, die von dort nach Deutschland ausgewandert sind. Die Schriftstellerin und spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller verwendete in der 1982 im Band Niederungen in Bukarest erschienenen Erzählung Das schwäbische Bad zahlreiche Beschimpfungen gegen Schwaben. Sie löste damit einen Skandal unter den Banater Schwaben aus, die darin Nestbeschmutzung sahen.„Du schwäbisches Arschkappelmuster, du schwäbisches Mondskalb, du schwäbisches Kampelsackel.“ zit. nach:
Schwaben in West-Berlin seit den 1960er Jahren
Entstehung des Klischees Das Klischee vermeintlich schwäbischer Zugezogener und die Abneigung gegen „Schwaben“ ist bereits in den 1980er Jahren im linksalternativen Milieu von Berlin-Kreuzberg und Schöneberg (etwa in der Potsdamer Straße), der Szene von Hausbesetzungen und Wohngemeinschaften und den Demonstrationen am 1. Mai dokumentiert. „Schwaben“ wurden mit „Wessis“ identifiziert, also Zugezogene aus allen Teilen Westdeutschlands. Im engeren Sinn wurden als „Schwaben“ Zugezogene aus Süddeutschland bezeichnet. Da insbesondere Schwäbisch und Badisch für Sprecher des Berliner Dialekts ähnlich klingen, unterscheiden sich Fremd- und Selbstzuschreibungen.
Erklärungen Der in Leonberg aufgewachsene Historiker und Publizist Götz Aly beschreibt den Zuzug von Studenten aus Baden-Württemberg nach West-Berlin seit den 1960er Jahren und ihre Dominanz in der 68er-Bewegung in mehreren Beiträgen. In einem in der taz veröffentlichten Streitgespräch mit Katharina Rutschky vertritt er die Ansicht, die Mehrheit der Studenten an der FU Berlin seien „Krawallschwaben“ gewesen, also junge Menschen aus dem süddeutschen Raum, die aus autoritären Elternhäusern stammten. In seinem Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück (2008) erklärt Aly die Abwanderung junger Menschen aus Baden-Württemberg nach West-Berlin mit der dort vorherrschenden liberalen Atmosphäre:
Aly schlägt in Anlehnung an den Länderfinanzausgleich scherzhaft „eine Reparationsleistung der konservativen Weststaaten an Berlin“ vor: „20 000 Euro pro westdeutschem Repressionsflüchtling, zu verzinsen mit fünf Prozent seit dem 1. Januar 1970 bis zum 31. Dezember 2007“. Dies ergebe im Jahr 2008 mit Zinsen 95.979,63 Euro. Bei einer Schätzung von 100 000 nach West-Berlin zugewanderten jungen Menschen wären laut Aly zehn Milliarden Euro als Ausgleichszahlung fällig.Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-10-000421-5, S. 74 f.
Das von Aly angesprochene Milieu wird aufgrund seiner pietistischen Prägung auch als Pietcong (Kofferwort aus „Pietismus“ und „Vietcong“) bezeichnet. Der in Schwäbisch Hall aufgewachsene SPD-Politiker Erhard Eppler war von Herbert Wehner so bezeichnet worden. Der in Neckargröningen geborene Journalist Ulrich Kienzle bezeichnete die Pietisten als die „schwäbischen Taliban“. Als bekanntestes Beispiel gilt die in einer schwäbischen Pfarrersfamilie aufgewachsene RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, die an der FU Berlin studierte.
Künstlerische und satirische Rezeption
In der ersten Folge der Serie Liebling Kreuzberg (1986) empfängt der Kreuzberger Anwalt Robert Liebling (Manfred Krug) seinen neuen Mitarbeiter Dr. Giselmund Arnold (Michael Kausch), der zuvor zwei Jahre in Stuttgart gearbeitet hat. Liebling lobt sein „schönes, verständliches Deutsch“. 1988 begann der in Stuttgart geborene Kabarettist und Moderator Albrecht Metzger mit einer Reihe von Theaterstücken in Kreuzberg über Schwaben im damaligen West-Berlin unter dem Titel Schwabenoffensive. Das erste Stück trug den Titel Komm du bloß hoim. Ein Stück für Schwaben und Schwabenhasser. Ursprünglich wollte Metzger in Berlin einen Kongress organisieren, auf dem sich alle in Berlin lebenden Schwaben versammeln sollten. Auf dem „Schwäbischen Kosmos“ sollten Koryphäen Kurzreferate auf Schwäbisch halten. Der Senat bewilligte jedoch nur Mittel für Metzgers Theaterprojekt.Dorothee Hackenberg: Kreuzberg – Keine Atempause. Porträts. Berlin: bebra, 2007, ISBN 978-3-8148-0157-5, S. 57. Verschiedene Spaß- und Kommunikationsguerilla-Aktionen persiflierten bundesdeutsche Debatten über Ausländerpolitik. 1995 kandidierte der als Der wahre Heino bekannte Sänger Norbert Hähnel für die Spaßpartei Kreuzberger Patriotische Demokraten/Realistisches Zentrum für die Abgeordnetenhauswahlen. Ein Wahlversprechen lautete „kein Asyl für Schwaben“.N.N.: „Kein Asyl für Schwaben“, jetzt-Magazin, 16. Oktober 1995. Die Partei forderte bereits 1989 eine „Zuzugssperre für Süddeutsche, insbesondere Schwaben“. Falls dies grundgesetzlich nicht umzusetzen sei, solle eine „Rückkehr- bzw. Dortbleibprämie“ ausgelobt werden. Gefordert wurde außerdem die „Abschiebung straffällig gewordener Schwäbinnen und Schwaben“.N.N.: „Der wahre Heino will ins Rote Rathaus“, Mitteldeutsche Zeitung, 17. Oktober 1995; Dorthe Ferber: „Zuviele Anhänger verderben die Gemütlichkeit“, Der Tagesspiegel, 15. Oktober 1995. Im 1996 erstmals erschienenen Handbuch der Kommunikationsguerilla der aus süddeutschen Zugezogenen bestehenden „autonomen a.f.r.i.k.a.-gruppe mittlerer neckar“ wurde die Forderung der Prämie übernommen. Der Berliner Senat hatte 1975 eine Zuzugssperre für Ausländer in Kreuzberg, Tiergarten und Wedding beschlossen. Der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger hatte 1975 eine Rückkehrprämie für Ausländer gefordert. 1990 sprach sich sein Amtsnachfolger Lothar Späth für Rückkehrprämien für Übersiedler aus der DDR aus. mini|Skulptur „Die Sieben Schwaben“ von Hans-Georg Damm am Fehrbelliner Platz (1978) mini|Skulptur „Schwäbische Floßfahrer“ von Peter Lenk in Berlin-Zehlendorf
1997 veröffentlichte der Essayist Michael Rutschky im Merkur eine an das Genre des Bildungsromans angelehnte Erzählung über die im pietistischen Schwaben aufgewachsene Kreuzbergerin Gerlinde Stürzenbecher, die in sein Buch Lebensromane (1998) einging.Michael Rutschky: Werde, der du bist. Vom Bildungsroman zur therapeutischen Gesellschaft. Merkur: März 1997, 51. Jahrgang, Heft 576, S. 187–203. Der im oberschwäbischen Bad Saulgau geborene Regisseur Erwin Michelberger drehte 1999 den Dokumentarfilm-Essay Blumen lieben oben über die ebenfalls dort geborene Ingrid Rogge, die 1979 unter ungeklärten Umständen in einem Haus in der Kreuzberger Waldemarstraße zu Tode kam. Ihr Skelett wurde dort erst 1985 entdeckt. Die Schriftstellerin Marie-Luise Scherer hatte darüber 1987 eine Reportage im Spiegel veröffentlicht und darin das Milieu der Hausbesetzer geschildert, in das sich junge Menschen aus dem Schwäbischen flüchteten.
Der in Bremen geborene und in den 1980er Jahren nach Kreuzberg gezogene Schriftsteller Sven Regener beschreibt Schwaben im Kreuzberg der 1980er Jahre in verschiedenen, seit den 2000er Jahren erschienenen Romanen, darunter Herr Lehmann (2003), Der kleine Bruder (2008), Magical Mystery (2013) und Wiener Straße (2017). Darin tritt die Figur des wohlhabenden Kneipenwirts Erwin Kächele auf, der in Der kleine Bruder als „Schwabensau“ bezeichnet wird. Regener nannte Schwabenhasser in einem Interview „Rassisten“. Kreuzberg sei durch die Sanierungstätigkeit von Zugezogenen aus Schwaben „gerettet“ worden.
Zwei Skulpturen stellen Schwaben im öffentlichen Raum Berlins dar: Die 1978 errichtete Skulptur Die Sieben Schwaben von Hans-Georg Damm auf einer Straßeninsel am Fehrbelliner Platz und die Skulptur Schwäbische Floßfahrer von Peter Lenk.Peter Lenk, Dirk Bartsch: Berliner Rodeo. Stadler, Konstanz 2004, ISBN 978-3-7977-0508-2. Lenk wollte sie in den 1980er Jahren auf dem Kurfürstendamm aufstellen, was jedoch nicht zustande kam. Sie steht heute in der Walterhöferstraße in Berlin-Zehlendorf. Nachdem der Bezirk Wilmersdorf Damms Skulptur zunächst nicht ankaufte, bekundete Daimler in Stuttgart Interesse. Der in Stuttgart geborene Verleger Franz Karl Maier, Herausgeber des Tagesspiegels, spendete dem Bezirksamt 50.000 DM, sodass die Skulptur 1991 angekauft werden konnte.
Schwaben in der Gentrifizierungsdebatte
Schwaben in Berlin und Ostdeutschland seit 1990
Das in den 1980er Jahren geprägte Klischee der Schwaben setzte sich im nach Wende und Wiedervereinigung geeinten Berlin fort, als viele Menschen aus West-Berlin und den alten Bundesländern in günstige Wohnungen im Ostteil der Stadt sowie in Städte in Ostdeutschland zogen oder dort an Hausbesetzungen teilnahmen. 1990 kam es im Zusammenhang mit der Räumung der Mainzer Straße in Friedrichshain zu Randalen. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD), dessen Koalition dadurch später zerbrach, sagte dem Spiegel in einem Interview mit der Überschrift „Die Besetzer sprechen Schwäbisch“: