miniatur|350px|Vincent van Goghs Die Kartoffelesser (1885) dient als Frontispiz des Buchs. Die Kartoffelesser seien die stimmlosen Arbeiter, die große Mehrheit, die man nicht vergessen solle, der Bevölkerung der griechischen und römischen Antike, auf denen eine große Zivilisation aufgebaut war, die sie verachtet habe und alles tat, sie vergessen zu machen.Geoffrey de Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World. From the Archaic Age to the Arab Conquests, Duckworth, London 1981, S. 210.

The Class Struggle in the Ancient Greek World. From the Archaic Age to the Arab Conquests (deutsch: Der Klassenkampf in der antiken griechischen Welt. Von der archaischen Zeit bis zur arabischen Eroberung) ist ein Buch in englischer Sprache des britischen marxistischen Althistorikers Geoffrey de Ste. Croix. Es erschien erstmals 1981 und hatte in der ersten Auflage 732 Seiten. Es gibt etliche Neuauflagen.

Ziel des Buches ist es, Marx’ historisches Modell nahezu auf die gesamte griechische Antike und die Zeit unmittelbar danach, nämlich von 700 v. Chr. bis 650 n. Chr., anzuwenden und mit seiner Hilfe die Gesellschaftsstruktur, geschichtliche Ereignisse, Prozesse und Institutionen zu erklären.Geoffrey de Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World. From the Archaic Age to the Arab Conquests, Duckworth, London 1981, hier: Preface.

Dazu gehört die Anwendung marxistischer Methoden: Vor allem spielen die Begriffe Klasse, Klassenkampf und Ausbeutung eine wichtige Rolle. Mit ihnen soll die soziale und ökonomische Struktur der griechischen Gesellschaft analysiert werden und Fragen beantwortet werden, wie zum Beispiel: Welche Klassen gab es, wer wurde ausgebeutet? Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch Marx’ Geschichtsauffassung, nach der es verschiedene Phasen der Menschheitsgeschichte gibt, wodurch die Antike in einen größeren Zusammenhang der Gesellschaftsentwicklung gestellt wird. Wie Marx geht de Ste. Croix dabei davon aus, dass die sozioökonomischen Verhältnisse die entscheidende Triebfeder hinter politischen Entwicklungen sind und man von einem permanenten Klassenkampf ausgehen müsse.

Ste. Croix über seine Vorgänger Ste. Croix bemängelt in seinem Werk ein allgemeines Desinteresse der englischen Althistoriker an Marx. Hart ins Gericht geht er insbesondere mit Forschern wie Fergus Millar, da diese keine Historiker, sondern bloße Antiquare seien, da sie durch ihre Ablehnung moderner Theorien letztlich keine Analysen und Erklärungen bieten könnten, sondern lediglich Materialsammlungen. Noch stärkere Kritik ernten jene, die nicht ökonomische Konflikte, sondern Rivalitäten innerhalb der Eliten als treibende Kraft hinter den inneren Kämpfen (Staseis) im antiken Griechenland sehen. Ihre Position verwirft Ste. Croix mit dem Verweis darauf, dass die Dichotomie Arme gegen Reiche in den Quellen omnipräsent sei und daher nicht wegdiskutiert werden könne. An einigen anderen Stellen geht er auf marxistische und andere gesellschaftskritische Autoren ein, die sich vor ihm mit der antiken Gesellschaft beschäftigt haben. Als marxistische Theoretiker, die ihren Klassenbegriff der antiken Realität aufzwingen wollten und so antike Klassen konstruiert hätten, die in Wirklichkeit kaum Bedeutung hatten oder gar nicht existierten, kritisiert er George Derwent ThomsonGeorge Thomson: The First Philosophers. Studies in Ancient Greek Society. Lawrence & Wishart, London 1972 (1. Auflage: 1955). und Margaret O. Wason.Margaret O. Wason: Class struggles in ancient Greece. Gollancz, London 1947. Ähnlich „falsche“ Auffassungen kritisiert Ste. Croix an den Nicht-Marxisten Eduard Meyer, Max Weber und Georg Busolt, die von „Wirtschaftsaristokratien“ („commercial aristocracies“) in Ägina und Korinth sprachen; andere Aspekte ihrer Arbeiten hält er allerdings für wertvoll, insbesondere bei Weber.

An einer anderen Stelle geht er Autoren durch, die Marx’ Klassenbegriff seiner Ansicht nach falsch interpretieren oder in ihrer Beschäftigung mit der Antike falsch anwenden. Das Buch The Ancient Economy, ein Standardwerk von Moses I. Finley, schätzt Ste. Croix insgesamt sehr hoch ein, jedoch werden Finley mangelhafte Marx-Kenntnisse attestiert. Die Anwendung des marxistischen Klassenbegriffs, wie Finley ihn interpretiert, auf die griechische Antike, würde bedeuten, die Gesellschaft einfach (nach Produktionsmittelbesitz) zweizuteilen und damit zu enden, dass etwa freie Lohnarbeiter dasselbe seien wie Sklaven. Dass Finley über ein solches Verfahren meint, „das scheint kein sehr vernünftiger Weg zu sein, um die Geschichte der Antike zu analysieren“,Moses I. Finley: The Ancient Economy. University of California Press, Berkeley/Los Angeles 1973, S. 49. verwundert Ste. Croix nicht – nur handele es sich dabei ganz einfach um eine Fehlinterpretation des marxistischen Klassenbegriffs. Marx schreibe im Manifest der kommunistischen Partei, dass sich in der kapitalistischen Gesellschaft fast nur noch zwei große Klassen (Bourgeoisie und Proletariat) gegenüberstehen, dass es aber „in den früheren Epochen der Geschichte […] fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen“Karl Marx: Marx-Engels-Werke. 4. S. 462f. gegeben hat. Trotz seiner Kritik an Finley will Ste. Croix fortsetzen, was Finley begonnen hat, nämlich eine kritischere Geschichtsschreibung der Antike, die auch die ökonomische Basis der Gesellschaft und die damit verbundenen Lebenslagen unterer Schichten in den Blick rückt – was man auch daran merkt, dass sich sehr viele behandelte Themen der beiden Bücher genau überschneiden. Diese Fortsetzung findet aber unter marxistischen Vorzeichen statt, besonders was die Verwendung des Klassenbegriffs betrifft – Finley spricht ja, statt vom Begriff der Klasse, lieber von einer sozialen Stratifikation („social stratification“) aus einem Spektrum aus Status und Ständen („spectrum of statuses and orders“).

Eine vorrangig politische – statt ökonomische – Ausprägung ihres Klassenbegriffs kritisiert Ste. Croix an Finley, Ralf Dahrendorf, Edward P. Thompson und Eric Hobsbawm.

Auch die zwar durchaus Marx-affinen Franzosen Charles Parain und Jean-Pierre Vernant hätten, so Ste. Croix, Marx falsch interpretiert. Sie unterscheiden erstens einen fundamentalen Widerspruch innerhalb der griechischen Gesellschaft („fundamental contradiction of Greek society“) – zwischen Sklaven und Sklavenhaltern – von einem, zweitens, prinzipiellen oder dominierenden Widerspruch („principal or dominant contradiction“) – zwischen armen Bürgern und reichen Bürgern. Letzterer habe einen Klassenkampf innerhalb der Bürgerschaft hervorgebracht. Für Ste. Croix ist diese Unterscheidung bloße Phrasendrescherei und beinhaltet keinen irgendwie nützlichen Gedanken. Pierre Vidal-Naquet folgt den beiden, entfernt sich aber dann noch weiter von Marx, indem er behauptet, die Sklaven würden nicht am Klassenkampf (der sich auf politischer, nicht auf ökonomischer Ebene abspiele) teilnehmen – also auch keine eigene Klasse bilden. Zusammen mit Michel Austin lehnt Vidal-Naquet überhaupt eine Analyse der Antike mittels Klassen ab, eine Position, die Ste. Croix keineswegs teilt.

Aristoteles und Platon AristotelesDie Passagen zu Aristoteles folgen: Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World, S. 60f. und 69–81. ist für Ste. Croix nicht nur der wichtigste empirische Wissenschaftler (zum Beispiel in den Fächern Zoologie und Verfassungsgeschichte), sondern auch der wichtigste Politikwissenschaftler und Soziologe der Antike, dessen Gesellschaftsanalyse derjenigen von Marx sehr nahekommt. Denn dass die wirtschaftliche – und nicht etwa die politische – Position der entscheidende Faktor für die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft überhaupt ist, sieht Aristoteles als ganz selbstverständlich an. So unterteilt er die Gesellschaft (der erwachsenen, männlichen Bürger) an zwei StellenAristoteles, Politik 1295b1 ff. und 1296b34 ff. in Reiche, Arme und hoi mesoi (die dazwischen), wobei „die dazwischen“ die Mehrheit bilden sollten, da zwischen Reichen und Armen immer Spannungen (bis zum bewaffneten Konflikt; vgl. Klassenkampf) bestehen. Ein Zustand der nach Ste. Croix im klassischen Athen verwirklicht war.

Die enorme Bedeutung der Kategorien „Arm“ und „Reich“ lässt sich auch in Aristoteles’ Beschreibungen der OligarchieAristoteles, Politik 1279b16 ff. und 1290a40 ff. bemerken. Theoretisch ist eine Oligarchie einfach eine Herrschaft von wenigen, in der Praxis jedoch ist sie immer die Herrschaft der Reichen. Er geht so weit, zu sagen, man könne auch dann von einer Oligarchie sprechen, wenn eine reiche Mehrheit über eine arme Minderheit herrsche. Auch ist nach Aristoteles ein Armer immer Demokrat, ein Reicher immer Anhänger der Oligarchie. Auch bei anderen Autoren (z. B. Platon, Xenophon, Thukydides, Herodot, Euripides) findet Ste. Croix die Unterscheidung zwischen Armen und Reichen, wobei „denen dazwischen“ (als Mittelschicht, Gemäßigte mit bescheidenem Besitz) oft eine stabilisierende Funktion zukommt. Er schließt daraus, dass sie alle wie Marx davon ausgehen, „dass der wesentliche determinierende Faktor des politischen Verhaltens der meisten Individuen die ökonomische Klasse ist“.Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World, S. 74.

Auch Aristoteles’ Einteilung der GesamtgesellschaftAristoteles, Politik 1290b38 ff. und 1291a33 ff. bzw. der Masse (plethos) in Teile (mere)Aristoteles, Politik 1321a5-6 und das Kapitel IV,4., deren kleinere Einheiten wiederum die einzelnen Familien sind, wird von Ste. Croix hervorgehoben. Nach ihrer Rolle in der Produktion unterscheidet Aristoteles dort folgende mere der Gesellschaft: Bauern, Handwerker, Händler und Lohnarbeiter.

Aristoteles’ Interesse an empirischen Fragen unterscheidet ihn nach Ste. Croix von Platon.Dieser Abschnitt zu Platon folgt: Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World, S. 70–71. Letzterer war ausschließlich Philosoph und „weitgehend uninteressiert an historischen Tatsachen [...und] nicht gewillt, was Aristoteles war, […] konkrete Situationen zu analysieren.“Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World, S. 70. Ste. Croix kritisiert nicht nur Platons „verbissen repressive“ und „unpraktikable“ Utopie, sondern auch seine antidemokratische Darstellung der Demokratie (auch mit Aristoteles’ Darstellung der athenischen Demokratie ist Ste. Croix nicht ganz zufrieden). Die wirkliche antike Demokratie „zeigte nur wenig Ähnlichkeiten zu seinem unschönen Portrait der Demokratie.“Ste. Croix: The Class Struggle in the Ancient Greek World, S. 71. Was Platons Utopien in der Politeia und den Nomoi betrifft, ist Ste. Croix der Ansicht, dass Platon zwar den Gegensatz von Reich und Arm als Grund der zeitgenössischen politischen Spannungen erkannte und sich dabei nicht auf die Seite der oligarchischen Partei stellte, dass seine Utopien jedoch am Ende nichts anderes als eben eine starre Oligarchie – eine Herrschaft nicht der Reichen, sondern der Wächter und Philosophen – vorzeichnen. Aus einer „arroganten Verachtung“ für die arbeitende Bevölkerung will sie Platon diese von allen politischen Rechten ausschließen.

Definitionen Klasse Stände sind institutionalisierte, rechtlich festgeschriebene und fixierte soziale Funktionen, die nicht – wie Klassen – auf der Rolle basieren, die die zu kategorisierenden Personen im Produktionsprozess spielen. Nach Ste. Croix ist weder der Stand, noch der soziale Status, noch die politische Position das fundamentale Kriterium zur Einteilung einer Gesellschaft, sondern eben der auf die ökonomische Position abzielende Klassenbegriff. Dieser ist immer verbunden mit dem Begriff der Ausbeutung, dem der Klassengesellschaft und dem des Klassenkampfes.