Westend ist der Titel eines 1992 publizierten Romans des deutschen Schriftstellers Martin Mosebach. mini|hochkant=1.2|Die im Krieg zerstörte und wieder aufgebaute Christuskirche. Alfred sammelt Unterschriften gegen den Plan, die Ruine abzureißen, um eine „Suppenküche für Studenten“Mosebach, Martin: Westend. München 2004, S. 482. ISBN 978-3-423-13240-4. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. zu bauen. „Tatsächlich konnte er sich nicht vorstellen, dass die Schubertstraße einmal nicht mehr auf das große Himmelsfenster des gotischen Bogens zuliefe. Er wußte nicht, wie die Welt aussehen würde, wenn die stillen und doch auch spannungsvoll sich verengenden Perspektiven nicht mehr in diesen Ausblick in das jenseitige Land mündeten.“Mosebach, S. 482 f.
Handlungsverlauf Die Handlung spielt, wie der Titel signalisiert, im um die Jahrhundertwende erbauten Frankfurter Westend und konzentriert sich auf die Schubert- sowie die Mendelssohnstraße im Umfeld der neugotischen Christuskirche. Hier stehen die, allerdings fiktiven, Villen der Familien Labonté und Has als Zentren der beiden kontrastierenden und sich bei den Enkeln Alfred und Lilly immer wieder überkreuzenden Erzählstränge. Ihre achtzehnjährige Geschichte, vom Ende der Nachkriegszeit an, etwa 1950, bis zum sich ankündigenden 68er Aufbruch wird in sieben Teilen erzählt, im Allgemeinen chronologisch mit Fokussierung einzelner Etappen. Eingeschoben sind die Erinnerungen der Protagonisten. Zusammen mit den Rückblicken entsteht so ein Bild der Veränderungen des bürgerlichen Stadtgebietes im Laufe des 20. Jhs. sowie seiner Bewohner.
Vorgeschichte Familie Labonté Die von Alfreds Urgroßvaters Friedrich seinen Kindern übertragene Feinkost- und Genussmittel-Handlung »Wwe. Labonté« wird nach dem frühen Tod seines Sohnes Wilhelm verkauft. Der Rechtsanwalt der Familie legt für die Erben, die weiterhin in der kleinen, 1897 erbauten Villa in der Schubertstraße leben, das Vermögen an, mit dem die unverheirateten Töchter des Gründers, die 1905 geborene Matilde (Tildchen) und Mi, einen bürgerlichen Haushalt mit Köchin, Fräulein Emig, finanzieren und auch ihren arbeitslosen Neffen Alfred und seine Frau Stephanie unterhalten.
Alfred gerät nach einer Reihe unglücklicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen in eine schwierige Situation ohne Perspektiven: Auf eine abgebrochene Schulausbildung, seinen Einsatz als Soldat, den Lageraufenthalt als besiegter und geschlagener Kriegsgefangener, „eine[] ungeschickte[] und ruhmlose[] Rolle […] in der Schwarzmarktzeit“, seine „Unfähigkeit zu anhaltender Arbeit“ und sein unruhiges, „brütendes Plänemachen“Mosebach, S. 11, 12. folgt eine durch „Aufwallung von Eifersucht und Haß“ instabile Lebensphase wechselnder Beziehungen.Mosebach, S. 10. Aus einer plötzlichen Laune heiratet er die, nach Trennung von ihrer Familie aus Böhmen-Mähren in einem Erziehungsheim gelandete, entwurzelte Stephanie (Steffi). „Es [kommt] ihm vor, als könne er sich zu wechselseitigem Nutzen mit der kleinen Pflanze zusammenschließen, als seien sie beide Kinder eines vergessenen, wehrlosen Volkes, die sich in der Fremde gefunden haben und nun die hoffnungslose Überlegenheit der Gesellschaft, in die sie geraten sind, leichter ertragen.“Mosebach, S. 11. Seine Erwartung erfüllt sich nicht, zu dieser „neben ihm ganz für sich allein wie in einer Luftblase“ gleichgültig im „kraftlose[n] Flug der Motten“Mosebach, S. 27. und zeitlos in einem ungeregelten Tagesablauf Dahinlebenden durchzudringen und von ihr ein „Echo“ zu erhalten.Mosebach, S. 12.
Familie Has Im Vergleich zu den Labontés findet man bei der Familie Has eine Erfolgsgeschichte, die allerdings die Geschichte des Scheiterns bereits in sich birgt. Frau Has verwaltet das von ihren Eltern Olenschläger geerbte Vermögen, u. a eine Sammlung von Gemälden der Kronberger Malerschule. Sie legt ihr Geld weitverstreut in Immobilien an, die teilweise, wie das Familienhaus in der Mendelsohnstraße, durch Bombardierungen 1945 zerstört werden, und vorausschauend in Anteilen an einer Schweizer Uhrenfabrik. Da ihr Mann, ein Notar, früh vergreist, wird ihr Neffe Friedrich Olenschläger, genannt Fred, ihr Mitarbeiter. Ihr Sohn Eduard, gerade mit 24 Jahren zum Dr. der Volkswirtschaft promoviert, geht zwei Monate vor Kriegsbeginn als Volontär nach Genf und kauft als Geldanlage in Basel günstig aus deutschen Museen entfernte Entartete Kunst: drei Bilder von Kirchner und einen Klee. In diesem Zusammenhang lernt er den Kunsthändler Guggisheim kennen, und den gehobenen Stil, sich zu kleiden.
1945 wird die „Olenschlägersche Haus- und Grundstücksverwaltung“Mosebach, S. 16. gegründet, die vom Wiederaufbau der zerstörten Stadt profitieren soll. Nach dem Tod der Mutter führt Fred als Vormund, und Eduard nur als Kompagnon, das Geschäft weiter, aus Sorge, der Sohn könne mit dem Vermögen nicht haushälterisch umgehen.
Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz hat Eduard Has große Pläne: Bei der Betrachtung der Reste seine Elternhauses sind „die Augen seines Geistes auf die Zukunft gerichtet. Die Trümmer […] bedeute[n] für ihn nichts anderes als einen Bauplatz, und dieser Bauplatz schien für sein Vorhaben zu klein.“Mosebach, S. 77. Auch als „Anhänger der Tradition müsse man immer aufs neue wägen, was abgestorben und abgetan sei und was verdiene, der nächsten Generation weitergegeben zu werden.“ Er will keinen Wiederaufbau, sondern für sich einen Neubau, doch Fred, der die Frankfurter Kaufmannstugend praktiziert, „die eigene Wohlhabenheit nach außen hin nicht durchscheinen zu lassen“,Mosebach, S. 82. plant ein sechsstöckiges Mietshaus und überlässt dem Vetter nur die oberste Etage. Eduard dagegen demonstriert lieber Reichtum und Weltläufigkeit und fährt einen roten Chevrolet, trotz Freds Widerstand.
Bei einem Gespräch mit Guggisheim über seine in der Schweiz deponierten Bilder gewinnt ihn dieser für die Idee, mit seiner Hilfe eine Expressionismus-Sammlung aufzubauen. Has interessiert sich auch für dessen exotische, in ihrer kinderlosen Ehe unglückliche Frau. Guggisheim gibt Dorothée und seinem Kunden die Gelegenheit, sich während einer Urlaubsreise zu Dritt kennenzulernen. In der Folgezeit reist Dorothée zwischen Basel und Frankfurt hin und her. Als sie schwanger wird, ist ihr Mann allerdings nicht bereit, die Vaterrolle zu übernehmen, und sie heiratet Has, der diese Entwicklung als Einigung unter kultivierten Menschen würdigt, die es ermöglicht, mit dem Kunsthändler und Sammlungsberater weiterhin freundschaftlich und geschäftlich verbunden zu bleiben.
Charakteristisch für das Gesellschaftsbild des bürgerlichen Westends ist auch das Dienstpersonal. Vertreten wird es neben Frau Emig durch den Hausmeister Herr und die Putzfrau Scharnhorst, die während des Krieges aus Schlesien nach Frankfurt kommt, ins Has-Haus eingewiesen wird und sich dort nützlich macht. Als während eines Luftangriffs eine Bombe auf das Dach des Gebäudes fällt, steigt sie mit Hilfe des Hausmeisters hinauf und entfernt den Brandherd. Für diese Heldentat belohnt sie die Besitzerin mit einem verbrieften Wohnrecht im Souterrain, das sie allerdings nicht lange nutzen kann, da bald darauf das Haus niederbrennt. Ein Jahr später quartiert sie sich auf dem Trümmergrundstück ein. In der Zwischenzeit kommt sie auf einem ehemaligen Schrebergartengebiet unter, das als Sammelplatz der aus den Trümmergrundstücken herausgeholten Altmetalle genutzt wird. Dort lebt sie einige Zeit mit dem Schrotthändler Kalkofen zusammen. Nach seinem plötzlichen Verschwinden kehrt sie mit ihrem Baby Kurtgeb. ~1946, mindestens drei Jahre älter als Alfred in die Mendelsohnstraße zurück und verdient ihren Unterhalt mit Putzarbeiten.
Hauptgeschichte Erster Teil: Der Main Alfred Labonté verlässt an einem regnerischen Tag im April das Haus, um auf dem Main Kanu zu fahren Auf dem Weg begegnet er Eduard Has und unterhält sich mit ihm über die bevorstehende Geburt ihrer Kinder. In einem eingeblendeten Rückblick erfährt man von ihrer Rivalität als Jugendliche. Während Alfred in dieser Zeit wegen seines unkonventionellen Verhaltens als kräftiges Mitglied einer Bande und seiner sexuellen Erfahrungen im Ansehen der Jugendlichen dominierte, hat sich in der Nachkriegszeit die Situation umgekehrt. Er führt mit seiner traurigen Frau ein ungeordnetes Leben ohne eigenständige Einnahmen. Eduard dagegen hat durch seinen Aufenthalt während des Krieges in der Schweiz seinen Lebensstil erweitert und eine dazu passende elegante Lebensgefährtin nach Frankfurt geholt. Alfred wird durch den Kontrast seine eigene Lage bewusst. Er verschwindet aus der Stadt. Da man sein Boot an einer Schleuse findet, geht die Polizei davon aus, dass er gekentert und im Fluss ertrunken ist. Sechs Wochen später wird er in der Nähe von Hannover in einem gestohlenen Auto festgenommen. Ende Mai stirbt seine Frau Steffi bei der Geburt ihres Sohnes. Der Rechtsanwalt Dr. Paul Stahr regelt den Fall: Alfred wird mit 70.000 Mark abgefunden, verzichtet auf weitere Rechte und gibt seinen Sohn Alfred zur Adoption durch Mi und Tildchen frei. Im selben Jahr gebärt Dorothée eine Tochter, Lilly. Die Kindheitsphase der beiden wird sehr komprimiert erzählt. Während Alfred als neuer Lebensinhalt der Großtanten in der alten Villa ihren Prinzipien entsprechend bescheiden umsorgt wird, erlebt Lilly die Spannung zwischen Überhitzung und Unterkühlung in der Erziehung durch Vater und Mutter.
Die beiden Familienstränge berühren sich erneut, als Lilly und Alfred dieselbe Klasse besuchen. Ihre einseitige Freundschaft reicht bis in die Zeit zurück, als er „ganz im Bann des »Ritters von Cronberg bei seinem Auszug ins Heilige Land« lebt.“Mosebach, S. 224. und sich und das blonde Mädchen in das Bild hineinträumt[]. „Von Anfang an rechnet[] er Lilly einer anderen Welt zu.“Mosebach, S. 220. Das bestätigt sich für ihn täglich, wenn sie, die bei Klassenarbeiten nicht so gut zurecht[kommt] wie er, im roten Wagen des Vaters zur Grundschule gebracht und von dort wieder abgeholt wird und „[e]r fürchtet[] sich davor, Lilly im Alltäglichen zu begegnen, denn er fühlt[], dass sie dann nicht ganz sie selber [ist].“Mosebach, S. 226. Entsprechend spielt die Has-Tochter vor Abschluss der Grundschule im Märchenstück Mein Rautendelein die Hauptrolle, er aber nicht, wie er es sich vorgestellt hat, den Ritter, sondern einen Hasen, der einmal die Prinzessin anspricht: „Ist dein Haar aus echtem Gold?“.Mosebach, S. 242. Diese Frage wird sich Alfred während der folgenden acht Jahre immer wieder stellen. Aber Lilly beachtet ihn zum ersten Mal, als sie bei den Proben erfährt, dass er ein Labonté ist.
Zweiter Teil: Das Beben Dieser Teil erzählt von den nächsten fünf Jahren. Aus einer kleinen Erderschütterung, die einen Rohrriss in einem der Olenschlägerschen Verwaltung gehörenden Haus in der Schubertstraße verursacht, resultiert eine entscheidende Verwerfungen im Privatleben von Eduard Has. Er untersucht, während Dorothées und Lillys Urlaub in Askona, in der Wohnung der neuen, von ihrem Mann abgeschobenen, Mieterin Etelka, mit Betonung auf der ersten Silbe, Kalkofen einen Wasserschaden und ist von dem Aussehen und der Redeflut der Frau mit dem kunstvollen Haarknoten so angetan, dass er mit ihr ein Verhältnis beginnt. Für sie ist der freigebige Dr. Has der Erlöser aus ihrem einfachen Leben und ein Geschenk aus einer noblen Welt, in die sie aufzusteigen träumt, um Dorothées Platz einzunehmen. Beunruhigt vom Zuzug der Kalkofen-Frau ist dagegen die Putzfrau Scharnhorst, die schon glaubte ihre Spuren verwischt zu haben, weil sie ihren Sohn nicht mit dem Vater teilen will, und nun berechtigte Angst hat, der Altwarenhändler könne nun wieder öfter in ihrem Viertel seine ausgesetzte erste Ehefrau besuchen und dabei Kurt entdecken.
Dritter Teil: Das Haus