Gönnersdorf ist ein archäologischer Fundplatz aus dem späten Jungpaläolithikum. Er ist nach dem Ortsteil Gönnersdorf des Neuwieder Stadtteils Feldkirchen im nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz benannt, wo sich der rund 15.500 Jahre alte Siedlungsplatz aus dem Magdalénien fand. Er zählt zu den bedeutendsten und besterforschten Plätzen für das Leben in der Spätphase der letzten Kaltzeit, insbesondere Ernährung, Siedlungsverhalten und Kunst (gravierte Schieferplatten vom Fundplatz Gönnersdorf, Frauenstatuetten vom „Typ Gönnersdorf“).

Bedeutung Der Fundplatz Gönnersdorf ist einer der größten und besterforschten Siedlungsplätze der Spätphase der letzten Kaltzeit. Er liegt orographisch rechts des Rheins im westlichsten Zipfel des Wollendorf-Gladbacher Beckenhanges des Neuwieder Beckenrandes (etwa 70 Meter nördlich der Neuwieder Rheintalweitung) im Mittelrheinischen Becken und datiert mit etwa 15.500 Jahren in das späte Jungpaläolithikum bzw. das Magdalénien.Martin Street, Olaf Jöris, Elaine Turner: Magdalenian settlement in the German Rhineland – An update. In: Quaternary International, 12. September 2012, Nr. 272–273 The Magdalenian Settlement of Europe, S. 231–250 (englisch); doi:10.1016/j.quaint.2012.03.024, ; Zusammenfassung. sciencedirect.com, 21. März 2012 (englisch). Die eiszeitlichen Siedlungsreste waren aufgrund ihrer Überdeckung durch die Bimsschichten des in zwölf Kilometer Luftlinie entfernt liegenden Laacher See-Vulkans außergewöhnlich gut erhalten. Fundreichtum, gute Konservierung und großflächige, sorgfältige Ausgrabungen machen Gönnersdorf zu einem der weltweit wichtigsten Archive für das Leben am Ende der letzten Eiszeit. Der Platz war offenbar ein wichtiger und alljährlich aufgesuchter Treffpunkt für die mobilen Jäger-Sammler-Gruppen der damaligen Zeit. Der Fundplatz Gönnersdorf ist insbesondere für seine zahlreichen Kunstwerke (gravierte Schieferplatten, Frauenstatuetten vom „Typ Gönnersdorf“) weltberühmt. Besonders aufschlussreich sind die Funde und Strukturen auch für das Verständnis der Ernährungsweise und das Siedlungsverhalten.

Forschungsgeschichte Der Fundplatz Gönnersdorf wurde 1968 in einer Baugrube entdeckt, in der Steinwerkzeuge und Knochen unter der Bimsschicht aufgefallen waren. In den folgenden Jahren bis 1976 wurde neben der Baugrube und auf den angrenzenden Grundstücken unter der Leitung von Gerhard Bosinski eine Fläche von insgesamt 687 m² in 8 Grabungskampagnen ausgegraben. Dem Vorbild der Arbeiten am etwa zeitgleichen Freilandfundplatz Pincevent im Pariser Becken folgend, erreichten die Ausgrabungen und ihre Dokumentation in Gönnersdorf ein nach damaligen Maßstäben besonders hohes Niveau. Das reiche Fundmaterial wird bis heute durch das archäologische Forschungszentrum Monrepos erforscht. Aktuelle Projekte fokussieren besonders auf die Rekonstruktion des Siedlungsverhaltens und die Analyse der gravierten Schieferplatten. Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Pressemitteilung, 23. Oktober 2012; abgerufen am 1. März 2017. (PDF; 100 kB). Moderne Analyseverfahren wie 3D-Scans, Isotopenuntersuchungen oder GIS-basierte Raumanalysen vervollständigen und präzisieren das Bild der eiszeitlichen Lebensweise in Gönnersdorf.Alexandra Güth: Using 3D scanning in the investigation of Upper Palaeolithic engravings: first results of a pilot study. In: Journal of Archaeological Science, Oktober 2012, Band 39, Nr. 10, S. 3105–3114 (englisch); doi:10.1016/j.jas.2012.04.029, ; Zusammenfassung. sciencedirect.com, 25. April 2012 (englisch). Frank Moseler: Die Konzentration IV von Gönnersdorf. Eine räumliche Analyse der Steinartefakte. In: Martina Sensburg, Frank Moseler: Die Konzentrationen IIb und IV des Magdalénien-Fundplatzes Gönnersdorf (Mittelrhein) (= Römisch Germanisches Zentralmuseum. Unterreihe: Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Band 73). [Red.: Hans G. Frenz et al.] Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2008, ISBN 978-3-88467-120-7, Schnell & Steiner, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7954-2102-1, S. 55–168; .

Lage und Umwelt Der Fundplatz Gönnersdorf liegt rechtsrheinisch auf dem Sporn einer Mittelterrasse des Rheins, 96–, auf einer windgeschützten sonnigen Hangfläche. Genau gegenüber am linken Rheinufer befindet sich der etwa gleichzeitige Fundplatz Andernach in nur etwa zwei Kilometern Entfernung. Der Rhein war in dieser Zeit flacher, breiter und in viele mäandrierende Arme unterteilt. Der Fundplatz liegt in der Nähe eines kleinen Bachlaufs, die Menschen hatten also möglicherweise direkten Zugang zu Frischwasser.

Die Magdalénienfundschicht befindet sich im Löss der Eiszeitsteppe. Auf ein trocken-kaltes Klima weisen auch einige der in Gönnersdorf nachgewiesenen Tierarten hin, z. B. Halsbandlemming, Eisfuchs, Schneehase, Pferd, Ren, Saiga-Antilope.François Poplin: Données de la grande faune sur le climat et l’environnement. In: Karl Brunnacker (Hrsg.): Geowissenschaftliche Untersuchungen in Gönnersdorf (= Der Magdalénien-Fundplatz Gönnersdorf. Band 4). 1. Auflage. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1978, ISBN 3-515-02510-3, , S. 98–104, hier: 99 (französisch). Unter den nachweisbaren Arten sind aber auch Tiere anderer Lebensräume vertreten, die die spezifische Umweltsituation am Siedlungsplatz widerspiegeln. Sowohl aquatische Tiere (Fische wie Lachs und Forelle), als auch Vögel (Schwan, Ente, Gans, Schneeeule), schließlich Säugetiere (Gämse, Wolf, Ur, Mammut) gehörten zum Jagdspektrum. Durch Holzkohleanalysen lassen sich Rückschlüsse auf den Bewuchs um den Siedlungsplatz ziehen. Nachweisbar sind Kiefer (Waldkiefer, weitere Kiefernarten nicht auszuschließen), eine Art aus der Familie der Zypressengewächse (möglicherweise Gemeiner Wacholder) und Weide.Fritz H. Schweingruber: Holzanalytische Untersuchungen. In: Karl Brunnacker (Hrsg.): Geowissenschaftliche Untersuchungen in Gönnersdorf (= Der Magdalénien-Fundplatz Gönnersdorf. Band 4). 1. Auflage. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1978, ISBN 3-515-02510-3, , S. 82–97, insbesondere 82–83 und 90. Pollenanalysen weisen eine reiche Krautvegetation nach.

Ernährung Durch seine gute Knochenerhaltung und die genaue Dokumentation der Befunde, insbesondere der Gruben, gibt Gönnersdorf weitreichende Aufschlüsse über die Ernährungsweise in der späten Eiszeit, insbesondere die Jagd und Verarbeitung der Beute.

Jagd Eine vorrangige Rolle bei der Nahrungsgewinnung der Menschen in Gönnersdorf spielte die Jagd. Belegt ist diese durch die vielen Funde von Tierresten. Auch Teile von Jagdwaffen wie Geschossspitzen aus Geweih und Stein (sog. Rückenmesser), die als Bewehrungen hölzerner Speere gedient haben können,Gerhard Bosinski: Gönnersdorf und Andernach-Martinsberg. Späteiszeitliche Siedlungsplätze am Mittelrhein. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 19). Mit Beitr. von Hannelore Bosinski. Gesellschaft für Archäologie an Mittelrhein und Mosel e. V., Koblenz 2007, ISBN 978-3-929645-12-5, (105). weisen auf einen hohen Stellenwert der Jagd. Als Jagdbeute nachgewiesen ist v. a. Pferd, aber auch Rentier, Wildrind, Saiga-Antilope, Gämse, Eisfuchs, Schneehase und verschiedene Vögel und Fische.Gerhard Bosinski: Urgeschichte am Rhein (= Tübinger Monographien zur Urgeschichte.). Kerns Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-935751-09-4, (304). Gönnersdorf ist also nicht der unmittelbare Jagdplatz, sondern Siedlungs- und Verarbeitungsplatz. Teilweise wurde die Beute am Tötungsplatz außerhalb von Gönnersdorf zerlegt und dann zur Weiterverarbeitung nur in Teilen an den Lagerplatz gebracht. Das zeigen Häufigkeiten der Präsenzen der verschiedenen Körperregionen der Tiere. So fehlen zum Beispiel Brustbeine von Pferden.Gerhard Bosinski: Gönnersdorf und Andernach-Martinsberg. Späteiszeitliche Siedlungsplätze am Mittelrhein. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 19). Mit Beitr. von Hannelore Bosinski. Gesellschaft für Archäologie an Mittelrhein und Mosel e. V., Koblenz 2007, ISBN 978-3-929645-12-5, (114).

Bevorzugtes Jagdtier war das Pferd. Aus den Häufigkeiten der einzelnen Körperregionen lässt sich die Mindestindividuenzahl errechnen. So wurden z. B. 50 zweite Finger- bzw. Zehenknochen (Phalangen) gefunden, was auf mindestens 13 Individuen schließen lässt. Es ist aber von einer weit größeren Anzahl gejagter Pferde auszugehen, da weder sämtliche Knochen eines Tieres an den Lagerplatz kamen, noch sich alle dort hingekommenen Tierreste auch bis heute erhalten haben.

Die Auswertung der Rentierreste belegt 180 Knochen (-fragmente) von mindestens 4 erlegten Tieren, die ihres Fleisches, aber auch ihres Geweihes wegen gejagt wurden.

Von Wisent und Saiga-Antilope konnte je ein Knochen nachgewiesen werden. Ein Mammutoberschenkelknochen, der nahe einer Feuerstelle gefunden wurde, ist nachweislich 2000 Jahre älter als die Siedlung. Man vermutet, dass dieser Knochen in der Umgebung aufgesammelt wurde und zusammen mit einer Rengeweihschaufel als Grillkonstruktion gedient hat.Michael Baales: Archäologie des Eiszeitalters. Frühe Menschen an Mittelrhein und Mosel (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 16). Ges. für Archäologie an Mittelrhein und Mosel, Koblenz, Archäologische Denkmalpflege, Amt Koblenz, Koblenz 2005, ISBN 3-929645-08-4, (99). Gerhard Bosinski: Gönnersdorf und Andernach-Martinsberg. Späteiszeitliche Siedlungsplätze am Mittelrhein. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 19). Mit Beitr. von Hannelore Bosinski. Gesellschaft für Archäologie an Mittelrhein und Mosel e. V., Koblenz 2007, ISBN 978-3-929645-12-5, (53). Darüber hinaus ist das Mammut durch Elfenbein belegt, vermutlich kam dieses als Rohmaterial aus der Umgebung in die Siedlung. Eine Jagd auf Ur, Wisent und Mammut ist aufgrund der geringen Knochenanzahl als unwahrscheinlich einzustufen.

Vom Eisfuchs konnten Knochen und Zähne von mindestens 30 Tieren nachgewiesen werden, bei den Schneehasen wurden bisher 300 Knochen von mindestens sieben Tieren gefunden. Beide Tierarten waren vermutlich weniger als Nahrungsquelle, sondern vielmehr ihres Felles wegen Beute.

Vereinzelte Reste von Fischen (Lachs, Forelle, Quappe) in Gruben belegen den Fischfang, der vermutlich ebenfalls eine große Bedeutung für das Nahrungsspektrum der Menschen hatte.Gerhard Bosinski: Gönnersdorf und Andernach-Martinsberg. Späteiszeitliche Siedlungsplätze am Mittelrhein. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 19). Mit Beitr. von Hannelore Bosinski. Gesellschaft für Archäologie an Mittelrhein und Mosel e. V., Koblenz 2007, ISBN 978-3-929645-12-5, (125).

Vogelknochenfunde belegen die Jagd auf Schwan, Gans, Ente und Schneehuhn, wohl vorrangig als Nahrungsquelle, aber auch auf Kolkrabe, Möwe und Schneeeule, welche wohl eher ihrer Federn wegen gejagt wurden.Gerhard Bosinski: Gönnersdorf und Andernach-Martinsberg. Späteiszeitliche Siedlungsplätze am Mittelrhein. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. Band 19). Mit Beitr. von Hannelore Bosinski. Gesellschaft für Archäologie an Mittelrhein und Mosel e. V., Koblenz 2007, ISBN 978-3-929645-12-5, S. 124; .

Sammelwirtschaft Trotz der vermutlich wichtigen Bedeutung der Sammelwirtschaft für die Menschen in Gönnersdorf konnten kaum Belege für das Sammeln von Vogeleiern, Früchten, Pflanzen und Beeren nachgewiesen werden. Nur vereinzelt wurden Pollen von Wildkräutern in Kochgruben gefunden, die auf die Zubereitung pflanzlicher Kost hinweisen könnten.Gerhard Bosinski: Urgeschichte am Rhein (= Tübinger Monographien zur Urgeschichte.). Kerns Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-935751-09-4, S. 302; .

Ebenfalls mit der Pflanzenverarbeitung im Zusammenhang stehen als Reibsteine genutzte Felsgesteinplatten.

Kochgruben Am Lagerplatz selbst wurde in Kochgruben unterhalb der Schieferplatten mithilfe von Wasser und erhitzten Steinen Nahrung zubereitet, was durch Holzkohleschichten in den Gruben und durch Hitzeeinwirkung zerborstene Steine nachgewiesen werden konnte.