mini|Cover eines Handexemplars in der Burgerbibliothek Bern Psychologie und Weltanschauung: Wirklichkeitsfragen und ihre Beantwortung nach dem heutigen Stande der Wissenschaft in allgemeinverständlicher Darstellung ist ein Buch von Hans Martin Sutermeister. Das populärwissenschaftliche Werk wurde 1944 im Hans Huber Verlag in Bern veröffentlicht. Der darin erklärte Begriff der Angstregression wurde in Uwe Henrik Peters’ Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie aufgenommen.
Inhalt
Gemäss Mario von Galli vertritt Sutermeister in Psychologie und Weltanschauung folgende sieben Thesen:
«Die Menschheit ist in der Entwicklung begriffen vom Menschentum des reinen Hirnstammbewusstseins zum Menschentum des Hirnrindebewusstseins.» «Diese Entwicklung wird zwar von jedem Menschen individuell rekapituliert, d. h. er muss sie durchmachen, wobei sich jedoch diese Rekapitulation von Generation zu Generation schneller vollzieht.» «Nur der Hirnrindemensch ist der eigentliche Logiker und erarbeitet in Mathematik, Naturwissenschaft unverfälschtes Wissen.» «[D]as Individuum [ist] sich Selbstzweck, sein Lebenssinn ist die Selbstentwicklung.» «Metaphysik, Musik, Kunst, Religion, aber auch die soziale Schichtung der Menschen sind Ausdruck der prälogisch-magischen, katathymen Haltung.» «Die Hauptursache der heutigen Weltkrise ist darin zu suchen, dass der Mensch die eigentlich logischen, naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in seinem Leben nicht anwendet, sondern immer wieder zurückfällt (‹regrediert›) in prälogische Verhaltensweisen.» «Die Überwindung der Gegenwartskrise verlangt die Angleichung der praktischen Lehensauffassung an die Theorie, an die Logik.»
Kontext
mini|Inhaltsverzeichnis
Hans Martin Sutermeister veröffentlichte Psychologie und Weltanschauung im «Anschluss an eine Internationale Tagung in Zürich 1942 unter C. G. Jung, die diesem Thema gewidmet war … aber beinahe ohne Echo, denn der ‹Pansexualismus› und Totalitätsanspruch der Psychoanalyse war noch unerschüttert».
Sutermeister selbst zählte das Buch zu seinen «hauptsächlichsten Arbeiten» auf dem Gebiet der medizinischen Psychologie, neben seinen Schriften Über psychosomatische Medizin (1946), Film und Psychohygiene (1955) und Über Rhythmusforschung in der Medizin (1949)Autobiographische Notiz von Hans Martin Sutermeister in: Universitas, Band 6, 1951, S. 383. Mario von Galli betrachtete Psychologie und Weltanschauung als Höhepunkt einer Reihe neopositivistischer Schriften, zu denen Alte und neue Logik (1942), Verstehende oder erklärende Psychologie? (1942) und Nomen atque Omen (1942) gehören: Texte, in denen Sutermeister «für eine rein logische, metaphysikfreie, allen ‹geisteswissenschaftlichen Verdunkelungsversuchen› feindliche Weltanschauung» kämpft.Mario von Galli: Neue Psychologie auf der Suche nach den Ursachen der geistigen Gegenwartskrise: Zu den Thesen Hans Sutermeisters. In: Apologetische Blätter, Band 9, Nr. 9, 15. Mai 1945, S. 81–83.
Rezeption
mini|Anzeige des Hans Huber Verlags im Organ der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, 1945
Von monistischen Psychologen wie Hans Rudolf Oehlhey (1947) wurde Psychologie und Weltanschauung gelobt.Hans Rudolf Oehlhey. Buchbesprechung in: Aufbau: Kulturpolitische Monatsschrift, 1947, Nr. 3, S. 282 f. Und Walther Saupe (1944) schreibt über Psychologie und Weltanschauung:
Der Zürcher Student schrieb, Das Buch versuche, eine wissenschaftliche Weltanschauung zu begründen, biete jedoch eine stark vereinfachte Lehre. Es erfasse den Menschen nicht ganzheitlich und strebe Einheit auf Kosten der Ganzheit an, was zu Widerspruch einladen würde.
Für Wolfgang Goetz (1946) gehen in Psychologie und Weltanschauung
Von geistlicher Seite wurde Psychologie und Weltanschauung differenzierter kritisiert. Besonders Psychologie und Weltanschauung machte Sutermeister gemäss Gebhard Frei zu einem „nahmhaften Vertreter“ der physiologischen Psychologie in der Schweiz.Gebhard Frei. Psychologie, Parapsychologie und Weltanschauung. In: Schweizer Rundschau, Band 46, Nr. 7/8, Okt./Nov. 1946, S. 585–593. So zeigt sich für Frei (1946) «im Schrifttum von Sutermeister … die große Gefahr und Einseitigkeit, die der physiologischen Psychologie droht, dass sie einen rein positivistischen Wissenschaftsbegriff nicht überwinden kann». Frei kritisiert anhand einiger Sutermeister-Zitate die Betonung des erkenntnistheoretischen «Materialismus als einzig wissenschaftliche Grundlage», u. a. Sutermeisters Forderung einer neuen und definitiven «Aufklärung zur Überwindung alles Glaubens und aller idealistischen Wissenschaft», dessen individualistische Ethik und Relativierung «ehelicher Sittlichkeit».
In gleicher Linie kritisiert ausführlich Mario von Galli (1945) eine Gesamtheit von Sutermeisters neopositivistischen Schriften: Sutermeister erinnere an Oswald Spengler oder an Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts, liesse aber «alles abstrakt, unplastisch» und springe skrupelloser um mit Materialien als jene. Er zeige psychologisch
Was gemäss dem katholischen italienischen Arzt und Psychologen Agostino Gemelli (1948) in Psychologie und Weltanschauung resultierte, ist ein «Gemisch von neurologischen, psychoanalytischen und philosophischen Daten mit einer materialistischen Philosophie».Agostino Gemelli. Buchbesprechung in: Scientia: rivista di scienza, Band 83, 1948, S. 119 f.
Die letzte Rezeption des Buches stammt von Leopold von Wiese, der ihm in seinem Buch Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft den letzten Teil des Kapitels „Haupttypen der Ethik“ der Psychologie und Weltanschauung widmete. Für von Wiese stellt Sutermeisters Buch eine auf die Spitze getriebene Form der von ihm kritisierten Individualethik dar:
In den weiteren Seiten analysiert von Wiese Psychologie und Weltanschauung. Er geht davon aus, dass Sutermeisters Denkweise „den Vorzug einer (soweit wir es beurteilen können) guten Kenntnis der modernen Gehirnanatomie und -physiologie aufweist“:
Von Wiese kommt zu folgender These:
„Angstregression“ Sutermeisters in Psychologie und Weltanschauung verwendeter Begriff der Angstregression fand Eingang in Uwe Henrik Peters Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie: Angstregression sei eine durch „Angst ausgelöste Rückstufung des Verhaltens auf biologisch ältere Entwicklungsstufen; Beispiele sind Totstellreflex (Schreckstarre) oder Bewegungssturm. I.w.S. jede ‚primitive‘ Verhaltensweise in Angstsituationen.“
Grundbegriffe der Psychologie von heute
mini|Cover von Grundbegriffe der Psychologie von heute (1976)
Das Thema Psychologie und Weltanschauung setzte Sutermeister fort und veröffentlichte 1976 im Selbstverlag Grundbegriffe der Psychologie von heute. Das 500-seitige Buch war seine letzte und umfangreichste psychologische Schrift. Es basierte auf einer Vortragsreihe an der Volkshochschule Bern.Sutermeister: Grundbegriffe der Psychologie von heute, 1976, S. 1.
Sutermeisters Ziel war, die populäre Psychologie, die sich hauptsächlich auf deskriptive Vermögenspsychologie konzentrierte, zu kritisieren. Das Buch markierte den Höhepunkt von Sutermeisters methodologischem Anarchismus, bei dem er bewusst auf die Präsentation von Forschungsmethoden verzichtete. Stattdessen verwendete er Beispiele aus dem täglichen Leben und verlieh dem Werk autobiografische Züge. Otto Scrinzi lobte das Buch und Rosemarie Doms bezeichnete es als „Hilfe für den psychologische Laien“. Rémy Droz und Hans Szewczyk kritisierten es als unfreiwillige Parodie der aufkommenden populärwissenschaftlichen Soziobiologie.
Literatur
Ausgabe
Sekundärliteratur
Paul Pulver: Hans M. Sutermeister. Psychologie und Weltanschauung. In: Bernischer Lehrerverein (Hrsg.): Berner Schulblatt, Band 78 (1945–1946), Heft 15, S. 249–250.
Nordisk medicin, Band 25, 1945, S. 164.
Weblinks
Volltext in e-Helvetica ES 207 (1) und ES 207 (2): Sutermeisters Handexemplare im Nachlass der Burgerbibliothek Bern
Einzelnachweise und Anmerkungen
Kategorie:Freidenker-Vereinigung der Schweiz Kategorie:Psychologisches Werk Kategorie:Werk von Hans Martin Sutermeister Kategorie:Literatur (Schweiz) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch)