Hildegardis Wulff (* 8. September 1896 in Mannheim als Liselotte Wulff; † 20. Oktober 1961 in Freiburg im Breisgau) war Mitbegründerin des Frauenordens der Benediktinerinnen OSB von der heiligen Lioba in Freiburg im Breisgau Günterstal und Gründerin und Priorin des Klosters der Benediktinerinnen von der heiligen Lioba in der Strada Coroana de Oțel im III. Bezirk Elisabetin in Timișoara. Nach der Machtübernahme der Kommunisten in Rumänien wurde sie am 18. August 1950 verhaftet und wegen Landesverrat, Spionage für den Vatikan und für die Vereinigten Staaten von Amerika am 19. Februar 1952 vom Militärgericht Bukarest zu insgesamt 25 Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt.banatica.ro (PDF-Datei; 313 kB), Claudiu Sergiu Călin: Der Orden der Benediktinerinnen von „St. Lioba“ und ihre Tätigkeit in Temeswar (1929–1948)
Studium Hildegardis Wulff wurde als Älteste von drei Kindern einer Industriellenfamilie in Mannheim geboren. Sie wurde im Geist des liberalen Protestantismus erzogen und machte 1914 an der Liselotte-Schule das Abitur. Danach studierte sie Germanistik, mittelalterliche Geschichte und Kirchenrecht in Heidelberg und Bonn. Während des Studiums in Heidelberg hatte sie den ersten Zugang zum Ordensleben. Von ihren katholischen Kommilitonen erfuhr Hildegardis Wulff von neugegründeten Orden und Säkularinstituten, die Frauen die Möglichkeit gaben, außerhalb von Schule und Krankenhaus apostolisch tätig zu sein. Das Studium und diese Begegnungen führten Hildegardis Wulff zum katholischen Glauben. Am 17. Januar 1918 wurde sie katholisch getauft., Sr. Hildegardis Mitbegründerin des Klosters St. Lioba.
Gründung der Liobaschwesternschaft miniatur|Benediktinerinnenkloster St. Lioba in Freiburg-Günterstal Nach Abschluss des Studiums trat Hildegardis Wulff in das Zisterzienserinnen Kloster Lichtenthal ein. Hier lernte sie Maria Föhrenbach kennen und wurde zusammen mit ihr und Elisabeth Steinbacher Mitbegründerin der Benediktinerinnen von der heiligen Lioba. Gemeinsam entwarfen sie 1920–1921 die ersten Statuten, die nach Rom eingereicht wurden. Das Noviziat verbrachten sie in St. Hildegard, Eibingen. Am 1. Mai 1921 wurden sie eingekleidet und erhielten die Namen Maria-Benedicta und Hildegardis.
Nachdem am 23. August 1921 die Gründung der Schwesternschaft der heiligen Lioba zunächst von Rom abgelehnt wurde, gründeten sie vorerst den weltlichen Verein „St. Lioba e. V.“ Das Kloster Beuron kleidete die Schwestern als Oblatinnen ein und nahm ihnen das Profess ab. Dank der Intervention des Erzbischofs von Freiburg, Karl Fritz, wurde die Ordensgründung von Rom genehmigt und am 21. März 1927 fand die kirchliche Errichtung des Mutterhauses in Günterstal statt.
Die Ordensschwestern hatten sich der Krankenpflege, der Seelsorgehilfe, der Erziehung und Bildung, der beruflichen Ausbildung, der Altenpflege und der allgemeinen Fürsorge verschrieben. Neben den Niederlassungen in Deutschland hatte der Orden Priorate in Dänemark, Indien, Belgien, und in Timișoara (Rumänien). (PDF-Datei; 2,2 MB), Ausstellung Sr. Dr. Hildegardis Wulff
Priorin im Banat Hildegardis Wulff hatte einen Lehrauftrag an der neu ins Leben gerufenen „Sozialen Frauenschule“ in Freiburg. Sie unterrichtete Psychologie, Sozialpädagogik, Geschichte und Frauenfragen. Hier bekam sie durch Mitglieder der „Banater Missionsgesellschaft“ einen ersten Kontakt zu den banatdeutschen Katholiken. 1927 wurde sie von zwei ihrer Schülerinnen nach Timișoara eingeladen. Zu Weihnachten besuchte sie die beiden im Banat, wo sie in der Weihnachtsoktav sechs Vorträge hielt. Ihr dortiger Erfolg führte zu einer weiteren Einladung nach Timișoara, der sie 1928 mit einer Vortragsreihe folgte.
Vom 3. bis zum 7. Januar 1928 kam sie auf Einladung des Bistums und der „Gesellschaft für soziale Werke“ nach Timișoara, um öffentliche pädagogische Vorträge in der Banatia zu halten. Franz Kräuter, Professor an der "Katholischen Deutschen Lehrerbildungsanstalt" und Abgeordneter im rumänischen Parlament, erhielt durch Innenminister Ion Duca die Genehmigung der Vorträge. Förderer des neuen Ordens im Banat waren Prälat Franz Blaskovics, Franz Kräuter und Bischof Augustin Pacha.
Nachdem Schwester Hildegardis 1927 und 1928 zwei Vortragsreisen ins Banat gemacht hatte, erhielt sie von Augustin Pacha, Bischof des Bistums Timișoara, den Auftrag zu Vortragsreisen in seiner Diözese, um dort unter den Banater Schwaben apostolisch zu wirken. Sie hielt in den banatschwäbischen Dörfern Vorträge über religiöse Themen, wie die Liturgie, das Kirchenjahr, darüber hinaus über Erziehungsfragen, Brauchtum und Volkstanz, Literatur und Fragen des täglichen Lebens. , Ausstellungen
1931 kamen Schwester Veronika und Schwester Ruperta hinzu. Mit diesem kleinen Konvent begann das klösterliche Leben. Durch die Hilfe der Diözese, vor allem des Prälats Franz Blaskovics, konnte im September 1931 durch Schwester Hildegardis das Grundstück mit dem Haus in der Kronengasse (rumänisch: Strada Coroana de Oțel) und das anschließende kleinere Gelände in der Königsgasse (rumänisch: Strada Regelui) in der Elisabethstadt (rumänisch: Elisabetin) in Timișoara vom Mutterhaus in Freiburg erworben werden. Es wurde ein Krankenhaus eingerichtet und es wurde Mädchenarbeit geleistet, die gleich zu Beginn ein Schwerpunkt war.
1934 erwarb Hildegardis Wulff die rumänische Staatsbürgerschaft, um das Konkordat zu erfüllen, welches bestimmte, dass klösterliche Niederlassungen nicht vom Ausland abhängig sein dürfen. Am 17. Dezember 1934 wurde die kirchliche Errichtung des selbstständigen Priorates in Timișoara unterzeichnet. Zu Beginn waren 13 Schwestern aus Deutschland hier tätig. 1938 waren bereits 17 einheimische Schwestern dem Konvent beigetreten. Die Schwestern wurden zum Studium nach Deutschland geschickt. Am Liobatag 1941 wurde im Priorat Timișoara die erste Ewige Profess gefeiert. Am gleichen Tag begann das erste Prioratskapitel, das die eigenen Statuten des rumänischen Priorates beschloss und Hildegardis als Priorin wählte.
Zwischenkriegszeit Hildegardis Wulff wohnte zunächst bei den Sozialen Schwestern in Timișoara und fuhr zu Vorträgen auf die Dörfer. Allein im Mai 1929 hielt sie 21 Vorträge an verschiedenen Orten, im Oktober waren es 22 und im Dezember bereits 33 öffentliche Vorträge.
Sie sprach zu den Themen: Religion: Katechese, Heiligenlehre, Liturgie und Kirchenjahr Erziehungslehre und Soziales: Caritas, Ehe und Familie Tradition: Herkunft, Volkslied und Volkstanz
Frauenverein und Mädchenkränze
Das erste Arbeitsgebiet war der 1930 behördlich genehmigte und staatlich anerkannte „Katholisch-Deutsche Frauenverein“ und die Mädchenkränze. 1933 gab es 90 Ortsgruppen mit über 5.000 Mädchen und Frauen als Mitglieder. 1938 hatte der Frauenverein 15.000 Mitglieder mit 138 Untergliederungen.
1929 organisierte Hildegardis Wulff den ersten Mädchentag in Lenauheim. Mit behördlich genehmigten Satzungen wurde 1930 der erste Frauenverein und Mädchenkranz in Triebswetter gegründet. 1931 fand der Mädchentag in Maria Radna statt und 1932 auf der Piața Unirii in Timișoara.
Am jährlichen Frauenfest in Deta waren 1930 etwa 500 Teilnehmerinnen und beim letzten Fest 1938 mehr als 4.000 Teilnehmerinnen dabei.
Volkshochschule
Hildegardis Wulff organisierte Vortragsreihen zu religiösen, sozialen und allgemeinbildenden Themen. Bücher kamen in Umlauf, Lesekreise wurden eingerichtet, es wurde Theater gespielt, musiziert, gesungen, Volkstänze einstudiert, verschiedene Sportarten wurden gepflegt, man machte Handarbeiten, Gesellschaftsspiele, Ausflüge und Feste wurden organisiert. Die Gruppenstunden in den Mädchenkränzen konzentrierten sich auf das Winterhalbjahr, da im Sommer die Feldarbeit Vorrang hatte. Trotzdem wurden auch Sommerlager organisiert.
1932 wurde durch die Aufstockung des Hauses die Einrichtung einer Mädchen-Volkshochschule möglich. Die Kurse begannen an Allerheiligen und endeten zu Ostern. Jeweils 40 Mädchen konnten an einem Kurs teilnehmen. Dozenten waren Priorin Hildegardis, Josef Nischbach, Direktor der Banatia, sowie die Schwestern Dominica und Theodora.
St. Anna Krankenhaus
1933 konnte ein angrenzendes Grundstück gekauft werden und 1935 wurden das "St. Anna Krankenhaus" und das Entbindungsheim gebaut. Ab 1939 mussten sich die Schwestern heftig gegen Eingriffe des Staates wehren. Das Krankenhaus hatte 25 Betten und das Entbindungsheim 20. Jährlich fanden 500 bis 600 Geburten statt und ebenso viele Behandlungen und Operationen.
Schwester Hildegardis gründete zudem einen Erntekindergarten, Jugendhäuser und das katholische Schülerheim Norbertinum in Hermannstadt.
Seit der Einrichtung des Klosters hatten die Schwestern häusliche Altenpflege übernommen. Nach der Erweiterung des Heimes konnte 1943 auch ein Altenheim mit zunächst 10 Plätzen im St. Anna Heim eingerichtet werden.
Nachkriegszeit Am 16. März 1938 wurde Hildegardis Wulff zum deutschen Konsul Kuhna bestellt, weil sie sich gegen den Anschluss Österreichs öffentlich geäußert haben soll. Ab da begannen die Probleme mit der NSDAP der Deutschen Volksgruppe in Rumänien (DViR). Ebenso fanden ab da regelmäßige Vorladungen zu Gesprächen mit Fritz Fabritius in die deutsche Botschaft nach Bukarest statt.
Nach dem Ausbruch des Krieges 1939 brachen alle Verbindungen zum Mutterhaus in Freiburg ab. 1940 wurden alle katholischen Frauen- und Mädchenverbände seitens der Deutschen Volksgruppe in Rumänien verboten. Schwester Hildegardis trat dem entgegen, indem sie das „Veronikawerk“ gründete, das unter erschwerten Bedingungen die Frauenarbeit weiterführte.
1941 gründete Hildegardis Wulff die zweijährige Seelsorgehelferinnenschule und rief Katecheten- und Kantorenkurse ins Leben. Von dieser Schule aus gab es für einzelne Schwestern die Möglichkeit, im Bonifatiuswerk mitzuwirken. 1941 wurde Schwester Hildegardis aus politischen Gründen eine Reise nach Deutschland ins Mutterhaus verwehrt.
Nach dem Umsturz am 23. August 1944, als die Kommunisten in Rumänien die Macht ergriffen, kamen Zeiten der Verfolgung der Kirche und Klöster. Durch den Einmarsch der Roten Armee im September 1944 wurden die Schwestern aus Deutschland interniert. Im Dezember 1945 kamen sie zurück und waren ab da in ihrer Arbeit durch die staatlichen Behörden stark eingeschränkt.
Kinderhilfswerk
Als im Januar 1945 alle deutschen Frauen und Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt wurden, blieben die Klosterleute dank französischer und amerikanischer Hilfe davon verschont. Viele Verschleppte mussten ihre Kinder zurücklassen.
Mit Hilfe von Bischof Augustin Pacha und Domherr Josef Nischbach konnte Schwester Hildegardis ein Kinderheim für 80 Kinder einrichten; somit war das Kinderhilfswerk gegründet. Arbeiter verschiedener Konfessionen und Nationalitäten aus Timișoara errichteten kostenlos einen Anbau zur Unterbringung der Kinder.
Das zunächst in Timișoara tätige Kinderhilfswerk richtete in den Folgemonaten auch in den Dörfern Hilfsstellen ein. Benötigte Nahrungsmittel wurden bei der Bevölkerung gesammelt. Hilfe kam über die Nuntiatur in Bukarest auch aus Rom.
Flüchtlingshilfswerk
Im Sommer 1944 waren Eisenbahntransporte mit Deutschen aus Bessarabien und Transnistrien an der Grenze zu Ungarn angekommen. Aus ihrer Heimat vertrieben, aus Polen verjagt, hielten die Rumänen sie in einem bewachten Lager ohne die geringste Versorgung fest. Den Liobaschwestern erwuchs damit eine neue Aufgabe. Im Auftrag der Priorin sammelte Patricia Zimmermann Lebensmittel und brachte Wagenladungen nach Arad.
An der ungarisch-rumänischen Grenze kamen im Sommer 1945 die Flüchtlinge vom Herbst 1944 zurück. Die Einreise nach Rumänien wurde ihnen verweigert. So errichteten die Lioba Schwestern in Neu-Arad ein Hilfswerk, um den ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Unter großem Einsatz wurden eine tägliche Suppenküche und eine medizinische Versorgung aufgebaut.