Pioniere in Ingolstadt ist eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Marieluise Fleißer durch den Regisseur, Autor und Darsteller Rainer Werner Fassbinder mit dem Ensemble des antiteaters. Innerhalb von drei Jahren war es Fassbinders neunter Spielfilm. Zum dritten Mal konnte Fassbinder im Auftrag des Fernsehens drehen (im November 1970 in 25 Tagen), erstmals im Auftrag des ZDF. Das Budget betrug 550.000 Deutsche Mark. Die Uraufführung war am 19. Mai 1971 im ZDF.Rainer Werner Fassbinder Werkschau – Programm, Rainer Werner Fassbinder Foundation (Hrsg.), Berlin, 1992.

Handlung Ein Pionierbautrupp zieht in Ingolstadt ein, um eine Brücke zu errichten. Dort lebt das Dienstmädchen Berta bei Kaufmann Unertl, der seinen Sohn Fabian drängt, sie für sexuelle Erfahrungen zu nutzen. Berta mag ihn nicht und verliebt sich in den Soldaten Karl. Doch dieser sieht sie nur als ein weiteres Abenteuer und verlässt sie bald wieder.

Hintergrund Bei Pioniere in Ingolstadt zeigt sich erneut Fassbinders Interesse daran, sowohl Theater als auch Film als Ausdrucksform zu nutzen. Von den neun Spielfilmen, die Fassbinder 1969–1971 drehte, sind vier Theaterverfilmungen: Vor Pioniere in Ingolstadt verfilmte er zwei eigene Stücke (Katzelmacher, Der amerikanische Soldat) und ein Stück von Carlo Goldoni (Das Kaffeehaus).

Ende der 1960er Jahre wurde Marieluise Fleißer (nach Elfriede Jelinek die „größte Dramatikerin des 20. Jahrhunderts“) wiederentdeckt. Dies war auch ein Verdienst von Fassbinders Aufführung der Pioniere in Ingolstadt durch das antiteater, die im Februar 1968 unter dem Titel „Zum Beispiel Ingolstadt“ im Münchener Büchner-Theater stattfand. Marieluise Fleißer hatte angeblich alle Versionen ihres Stückes Pioniere in Ingolstadt persönlich aufgekauft, weil es ihr nicht gefiel. Sie erfuhr aus der Zeitung, dass ihr Stück in einer stark bearbeiteten Fassung gespielt werden sollte. Zuletzt hatte die von Brecht 1929 stark veränderte Fassung für einen Skandal gesorgt und das Stück auf die Liste des schädlichen und unerwünschtem Schrifttums gebracht. Sie wollte die Fassbinder-Aufführung unterbinden und nahm sich einen Anwalt. „Ich weiß, dass Rainer sich darum persönlich bemühte, dass sie seine Bearbeitung akzeptierte. Peer Raben fuhr zu ihr nach Ingolstadt und lud sie zur Generalprobe ein. Sie kam dann zusammen mit Therese Giehse. Es gefiel ihnen.“ Sie stimmte einer Aufführung mit verändertem Titel zu.Interview mit Irm Hermann, S. 49, in: Das ganz normale Chaos, Gespräche über Rainer Werner Fassbinder, Henschel Verlag, Berlin, 1995, ISBN 3-89487-227-6.Rainer Werner Fassbinder, Monographie, Michael Töteberg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 2002, ISBN 3-499-50458-8.Biographie Marieluise Fleißer Dieter Wunderlich, DieterWunderlich.de, 2008.

Marieluise Fleißer hat in Fassbinders Bühnenstück „Katzelmacher“ (Bühne: 1968, Film: 1969) gesehen, wie beeinflusst er sich zeigte, von „ihrer Lakonie, ihrer sozialen Genauigkeit, dem Wechselspiel von Komischem und Tragischem, auch der Sehnsucht nach Glück, die ihre Figuren ausstrahlen und die doch nie Erfüllung findet“.Pioniere in Ingolstadt Carl Schenk, film-dienst, Nr. 14/2005, zitiert nach CinOmat.kim-info.de

Fassbinder über seine Literaturverfilmungen: „Wenn ich die Geschichten von anderen verfilme, liegt das daran, dass ich sie genauso gut auch selbst hätte schreiben können, da sie sich mit Problemen und Themen beschäftigen, mit denen ich mich bereits in meinen eigenen Stoffen beschäftigt habe.“Es ist besser, Schmerzen zu genießen als sie nur zu erleiden, Interview mit Christian Braad Thomsen, 1970, S. 401, in: Fassbinder über Fassbinder, Robert Fischer [Hrsg.] Verlag der Autoren, Frankfurt, 2004.

Der Hauptdarsteller Harry Baer sagt über Pioniere in Ingolstadt, dass der Film am Ende eines ersten Produktionsrausches stand, auf den bis zur Produktion von Händler der vier Jahreszeiten eine einjährige Schaffenspause folgte. „Pioniere in Ingolstadt war ein Höhepunkt an Durcheinander, der Film ist ein grober Schnitzer. Der `Händler´ dagegen ist völlig gradlinig erzählt, die Story ist stimmig.“Harry Baer im Interview mit Herbert Gehr, S. 104/105, in: Das ganz normale Chaos, Gespräche über Rainer Werner Fassbinder, Henschel Verlag, Berlin, 1995, ISBN 3-89487-227-6.

Fassbinders Kameramann Dietrich Lohmann sagt auf die Frage, ob man durch die Filme von Fassbinder die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland rekonstruieren könne: „Ich glaube schon. Gerade bei seinen ersten Filmen, die ich persönlich am Besten finde, besonders `Händler der vier Jahreszeiten`, ´Niklashauser Fart`, ´Pioniere in Ingolstadt`, ´Wildwechsel` und dann ´Fontane Effi Briest`. Aus diesen Filmen kann man über die Bundesrepublik, über die frühe Bundesrepublik, sehr viel erfahren. Und zwar über das Bürgerliche, die Unfähigkeit zur Kommunikation, die Ausländerfeindlichkeit. (...) Die Kommunikationsunfähigkeit zwischen Menschen, das war, glaube ich, sein Hauptthema. Deshalb sind ja auch alle Dialoge sehr kurz, aber doch eindeutig.“Interview mit Dietrich Lohmann, S. 156, in: Das ganz normale Chaos, Gespräche über Rainer Werner Fassbinder, Henschel Verlag, Berlin, 1995, ISBN 3-89487-227-6.

Kritik

Anmerkung: Dass es sich um einen Schwarzweiß-Film handele, ist falsch.Angaben zu Pionieren in Ingolstadt in der Internet Movie Database, siehe Weblinks

Anmerkung: Die Abkürzungen fd sowie angegebene Nummern beziehen sich auf die entsprechenden Kritiken in der Zeitschrift film-dienst.

Literatur Marieluise Fleißer: Ingolstädter Stücke: Fegefeuer in Ingolstadt. Pioniere in Ingolstadt. Suhrkamp Verlag, Berlin, 1977, ISBN 3-518-36903-2.

Weblinks

Pioniere in Ingolstadt, Film- und Hintergrundinformationen, Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin Pioniere in Ingolstadt Ralf Schenk (film-dienst Nr. 14/2005) bei CinOmat.kim-info.de

, veröffentlicht in Auszügen bei FassbinderFoundation.de

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1971 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Fernsehfilm (ZDF) Kategorie:Theaterverfilmung Kategorie:Rainer Werner Fassbinder