mini|Guido Knopp und Ehefrau beim Radio Regenbogen Award 2017 Guido Friedrich Knopp (* 29. Januar 1948 in Treysa, Hessen) ist ein deutscher Journalist, Historiker, Publizist und Fernsehmoderator. Er ist vor allem für seine Beschäftigung mit zeitgeschichtlichen Themen bekannt. Besonders zum Thema Nationalsozialismus hat Knopp in Form von Dokumentationen, Büchern und DVDs viele Beiträge produziert.
Knopp erreichte mit seinen Dokumentationen ein breites Publikum und erhielt dafür mehrere Auszeichnungen, sowohl im Inland als auch im Ausland. Viele von ihm verantwortete Fernsehbeiträge werden bis heute regelmäßig gesendet. Kritiker werfen Knopp vor, geschichtliche Zusammenhänge zu stark vereinfacht dargestellt oder durch „emotionalisierende“ Zeitzeugeninterviews die Rolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg teils verharmlost zu haben.
Leben Schulzeit und Studium Guido Knopp wurde als Sohn des Kaufmanns Guido Heinz-Joachim Knopp und dessen Frau Ilse, geb. Wiegand, in Treysa geboren und wuchs in einem evangelisch geprägten Elternhaus in Aschaffenburg auf. Väterlicherseits stammt seine Familie aus Oberschlesien, mütterlicherseits aus Oberhessen. Knopp besuchte das humanistische Kronberg-Gymnasium in Aschaffenburg und wechselte dann zum Friedrich-Alexander-Gymnasium in Neustadt an der Aisch, wo er 1968 das Abitur mit der Note 1,4 ablegte.
Nach dem Abitur studierte Knopp seit Oktober 1968 Geschichte, Germanistik, Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft und Italienisch an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und seit 1970 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Schon während seiner Studienzeit arbeitete er als freier Journalist beim Main-Echo und für die Frankfurter Neue Presse. Im Juli 1975 wurde er an der Universität Würzburg bei Rudolf Buchner promoviert (Zweitgutachter war Eberhard Kolb). Thema der Dissertation waren die Vereinigungsbestrebungen in SPD und USPD in den Jahren 1917 bis 1920.Guido Knopp: Einigungsdebatte und Einigungsaktion in SPD und USPD 1917–1920 unter besonderer Berücksichtigung der „Zentralstelle für Einigung der Sozialdemokratie“. Würzburg 1975.
Berufliche Laufbahn
Als Historiker beim ZDF Knopp wollte nach eigener Aussage schon immer zum Fernsehen, wollte aber erst den Weg über die Printmedien gehen. Er entschied sich für den Burda-Verlag, der ihm imponierte. Nach einem Jahr ging Knopp zur Welt am Sonntag und später zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort lernte er Dieter Stolte, den damaligen ZDF-Programmdirektor, kennen, der ihn 1978 zum ZDF holte.
Beim ZDF übernahm Knopp 1980 die wöchentliche Sendereihe Fragen zur Zeit. Ab 1984 leitete er die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, deren Gründung er initiiert hatte und die er im ZDF als eigenständigen Programmbereich verantwortete. Dort wurden seit den 1980er Jahren zeitgeschichtliche Fernsehreihen und Dokumentationen wie Hitler – Eine Bilanz, Unser Jahrhundert – Deutsche Schicksalstage, Hitlers Helfer, Holocaust und Die Deutschen produziert. Auch die von Knopp moderierten wöchentlichen Geschichtssendungen Damals (bis 2000) und History (bis 2013) wurden von seiner Redaktion verantwortet. Zu den Fernsehdokumentationen veröffentlichte Knopp auch regelmäßig Begleitbücher und -DVDs, von denen einige zu Bestsellern wurden.
Als Professor Knopp lehrte Journalistik an der Universität Gießen und an der Gustav-Siewerth-Akademie in Weilheim-Bierbronnen, einer umstrittenen, von 1988 bis 2014 bestehenden katholischen Privathochschule. Von dieser wurde Knopp 1994 zum Professor ernannt. Laut Vorlesungsverzeichnis hatte Knopp einen Sitz im Senat der Akademie und war Leiter eines von insgesamt vier Fachbereichen.Thomas Schuler: Eine Recherche vor Gericht wird zur Recherche fürs Gericht. In: Thomas Leif: Mehr Leidenschaft Recherche: Skandal-Geschichten und Enthüllungsberichte; ein Handbuch zur Recherche und Informationsbeschaffung. VS Verlag, 2003, S. 68–69; Google Books-Ausschnitt; Ausschnitt des Buches mit komplettem Beitrag auf Netzwerk Recherche (PDF; 1,1 MB) Er gehörte auch dem Freundeskreis der Akademie an, bei deren Festveranstaltungen er als Moderator auftrat, ehe der Hochschule 2013 die staatliche Anerkennung entzogen wurde.
mini|Guido Knopp (2008)
Aschaffenburger Gespräche und „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ Knopp initiierte die Aschaffenburger Gespräche, eine Reihe von Podiumsdiskussionen zu Themen der Zeitgeschichte, die er von 1978 bis 2008 organisierte und leitete. Diese Diskussionen wurden aufgezeichnet und vom ZDF und von Phoenix ausgestrahlt. Seit 2010 ist Knopp Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation, der sich zur Aufgabe gemacht hat, „Erinnerungen von Zeitzeugen filmisch festzuhalten und auch künftigen Generationen verfügbar zu machen“. Seit Oktober 2011 ist ein „Jahrhundertbus“ in Deutschland unterwegs, in dem Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen befragt werden. Knopp ist zudem Berater des 2016 eröffneten Museums The Wall Museum East Side Gallery.
Ruhestand Am 3. Februar 2013 beendete Knopp mit Erreichen der Altersgrenze seine Arbeit als Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte.Knopp hört auf. welt.de; abgerufen am 7. Februar 2013. In der Presse wurde er zu diesem Zeitpunkt als „Deutschlands bekanntester Historiker“ bezeichnet.
Privates Knopp lebt in Mainz, ist in zweiter Ehe mit einer ungarischen Lehrerin verheiratet und hat aus beiden Ehen jeweils zwei Kinder.Interview: Guido Knopp über Geschichte senioren-ratgeber.de vom 21. Juli 2011, abgerufen am 27. Januar 2018 An Weihnachten 2018 erlitt Knopp in seinem Ferienhaus in Florida eine lebensgefährliche Gehirnblutung. Er musste viermal operiert werden und lag wochenlang auf der Intensivstation. Inzwischen hat er sich von dieser Erkrankung erholt und arbeitet wieder an neuen Buchprojekten.Was macht eigentlich Guido Knopp?
Arbeitsweise und Zielgruppe Das ZDF etablierte historische Dokumentationen zur besten Sendezeit und erreicht damit ein breites Publikum. Knopp hat diese Entwicklung maßgeblich geprägt. Sein Stil wird mit dem Kofferwort „Histotainment“ (eine Begriffsbildung analog zu „Edutainment“ und „Infotainment“) beschrieben.Guido Knopp wird 70Bernhard Schulz: Bewegte Bilder, bewegende Zeugen ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp geht in den Ruhestand. Zum Abschied gibt’s 30 Jahre Zeitgeschichte Knopp selbst stellt seine Arbeit unter das Motto „Aufklärung braucht Reichweite“. Die Produktionen aus Knopps Redaktion werden von ZDF Enterprises auch international erfolgreich vermarktet.
Da sich die von Knopp produzierten großen Serien immer wieder auf Biographien einzelner Persönlichkeiten beschränkten, bemängeln Kritiker seine Geschichtsdarstellung als oberflächlich und sehen eine zu starke Vereinfachung komplexer geschichtlicher Zusammenhänge. Befürworter seiner Arbeit betonen hingegen, dass das Zielpublikum nicht Geschichtswissenschaftler, sondern Menschen ohne detailliertes historisches Wissen seien. In den Fachberaterstäben von Knopps Produktionen finden sich namhafte Historiker wie Ernst Baltrusch, Alexander Demandt, Heinz Duchhardt, Joachim Ehlers, Lothar Gall, Dieter Langewiesche, Sönke Neitzel, Heinz Schilling, Hagen Schulze, Heinrich Schwendemann, Barbara Stollberg-Rilinger, Michael Stürmer, Hans-Ulrich Wehler, Heinrich August Winkler oder Stefan Weinfurter; auch der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands kooperiert mit Knopps Redaktion und empfiehlt Produktionen wie z. B. „Die Deutschen“ zur Verwendung im Schulunterricht.
Kontroversen In Thomas Leifs Buch Leidenschaft: Recherche wird die Auseinandersetzung zwischen dem Journalisten Thomas Schuler und Guido Knopp als Beispiel für Komplikationen bei Recherchen angeführt. Schuler hatte im Jahr 2000 Knopps Professorentitel als unseriös eingestuft, da er von der Gustav-Siewerth-Akademie verliehen wurde, deren Führungspersonal laut Schuler unter anderem mit der rechten Organisation Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis verbunden ist. Gegen diesen Artikel klagten Personen der Gustav-Siewerth-Akademie, und obwohl Schuler vor Gericht gewann, veröffentlichte die Berliner Zeitung den Artikel daraufhin vorsichtshalber nicht in ihrem öffentlich verfügbaren Archiv.Thomas Schuler: Eine Recherche vor Gericht wird zur Recherche fürs Gericht. In: Thomas Leif: Mehr Leidenschaft Recherche: Skandal-Geschichten und Enthüllungsberichte; ein Handbuch zur Recherche und Informationsbeschaffung. VS Verlag, 2003, S. 73–83; Google Books-Ausschnitt; Ausschnitt des Buches mit komplettem Beitrag aufNetzwerk Recherche (PDF; 1,1 MB)
Peter Kümmel fasst US-amerikanische und deutsche Kritiken an Knopps Dokumentationen so zusammen: Knopps Filme funktionierten wie „Rollenspiele, mit deren Hilfe sich die Deutschen mit ihren Großvätern versöhnen könnten.“ Die Filme würden das „Wir“-Gefühl mehr ansprechen als die Fakten. Erinnerung sei bei ihm empathisch geladen und daher zu wohlwollend.Peter Kümmel: Ein Volk in der Zeitmaschine. In: Die Zeit. Nr. 10/2004, 26. Februar 2004. Die verharmlosenden oder emotionalisierenden Zeitzeugeninterviews würden historisch brisante Tatsachen verdecken, kritisiert Evelyn Finger die Dokureihe Die Kinder der Flucht des ZDF aus dem Herbst 2006.Evelyn Finger: Alle waren Opfer. In: Die Zeit. Nr. 48/2006, 23. Nov. 2006, S. 57. Es sei entpolitisierend, Einzelschicksale zu zeigen und die historische Beurteilung zu verschweigen, wenn mit dem Anspruch aufgetreten werde, eine ganze Epoche darzustellen. So erwähne Knopp in seiner Einleitung dieser Trilogie mit keinem Wort die von deutschen Armeen über Polen, die Sowjetunion und weitere Teile Europas gebrachten Vertreibungen, als „Umsiedlung“ genannten Massenmorde, individuelle Angst, Schmerzen, Hunger und heute oft verdrängte Lasten. Auch diese nicht zu vergessen hieße nicht, sie gegenseitig aufzurechnen.G. Knopp in Zeichen der Versöhnung (Über die ZDF-Reihe Die Kinder der Flucht), Michael Jeismann vertrat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hingegen die Ansicht, dass ein Extra-Hinweis auf den Vernichtungskrieg des Deutschen Reichs im Osten unnötig sei und dass sich aus den Einzelinterviews relevante Erkenntnisse ergäben. Die Erkenntnisse seien allerdings kein Verdienst Knopps, sondern des Regisseurs Hans-Christoph Blumenberg.Michael Jeismann: Fernsehvorschau – Erfahrbare Geschichten der Flucht. In: FAZ. 28. November 2006, Nr. 277, S. 42.
Jenseits der Kritik in den Feuilletons finden sich nur wenige geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen zu den Produktionen der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Eine umfassende Auseinandersetzung liefert z. B. Oliver Näpel in der Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, der die Funktionen und Wirkung der unterschiedlichen Bausteine von Knopps Dokutainment-Sendungen, mit Hauptaugenmerk auf den Sendereihen zur NS-Zeit, systematisch aufarbeitet.Oliver Näpel: Historisches Lernen durch 'Dokutainment'? – Ein geschichtsdidaktischer Aufriss. Chancen und Grenzen einer neuen Ästhetik populärer Geschichtsdokumentationen, analysiert am Beispiel der Sendereihen Guido Knopps. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik. 2 (2003), S. 213–244. (online auf der Seite des Verfassers) Wulf Kansteiner bescheinigt Knopp zwar, dass die gesprochenen Kommentare und Botschaften korrekt seien. Der „visuelle Sog“ der teils nachgestellten und mit Ton unterlegten Szenen überlagere jedoch oftmals den Off-Kommentar, schaffe eine raffinierte Identifikationsmöglichkeit etwa mit einem Militäridol und lasse die gegensätzlichen Perspektiven von Tätern und Opfern außen vor.Wulf Kansteiner: Die Radikalisierung des deutschen Gedächtnisses im Zeitalter seiner kommerziellen Reproduktion: Hitler und das „Dritte Reich“ in den Fernsehdokumentationen von Guido Knopp. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 51 (2003), S. 634.