mini|Plakatwerbung für das Berliner Tageblatt (inv. Ephraim Moses Lilien, 1899)

Das Berliner Tageblatt (BT) war von 1872 bis 1939 eine überregionale Tageszeitung im Deutschen Reich. Die vollständige Bezeichnung lautete: Berliner Tageblatt und Handelszeitung. Von Rudolf Mosse gegründet, richtete sich das Blatt an ein Massenpublikum und entwickelte sich als auflagenstärkste Zeitung im Deutschen Kaiserreich zu einem Leitmedium. Während der Weimarer Republik vertrat das Berliner Tageblatt eine linksliberale Linie und wurde als nichtoffizielle Parteizeitung der Deutschen Demokratischen Partei wahrgenommen, womit ein deutlicher Rückgang der Auflage verbunden war.Detlef Lehnert: Die „Erfolgsspirale“ der Ungleichzeitigkeit: Bewertungsmuster der NSDAP-Wahlergebnisse in der Berliner und Wiener Tagespresse. Springer-Verlag, 2013, S. 30.Rüdiger Graf: Die Zukunft der Weimarer Republik: Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918–1933. Oldenbourg Verlag, 2008, S. 48–49. 1933 erfolgte die Gleichschaltung und 1937 zur Abwicklung die Eingliederung in den Deutschen Verlag.Karsten Schilling: Das zerstörte Erbe: Berliner Zeitungen der Weimarer Republik im Portrait. Dissertation. Books on Demand, Norderstedt 2011, S. 214 f. Die Zeitung besaß Redaktionsbüros in mehreren Städten im In- und Ausland. Der Hauptsitz befand sich im Mossehaus in der Jerusalemer Straße 46–49 in Berlin.

Struktur und Inhalte mini|Innenseite des Berliner Tageblatts vom 13. Januar 1930

Das Berliner Tageblatt erschien mit einer Berliner- und einer Reichsausgabe wöchentlich jeweils zwölfmal. Die Woche begann im Hause Mosse immer montags mit einer Abendausgabe; eine Morgenausgabe gab es an diesem Tag nicht. Dienstags bis sonnabends wurden eine Morgen- und eine Abendausgabe ausgeliefert, sonntags nur eine Morgenausgabe (später nur noch Sonntagsausgabe genannt). Die Satzschrift war bis zum 21. März 1927 Fraktur, danach Antiqua.Gotthart Schwarz: Berliner Tageblatt (1872–1939). In: Heinz-Dietrich Fischer (Hrsg.): Deutsche Zeitungen des 17.–20. Jahrhunderts. Fischer, 1972, S. 315–327.

Wochentags umfasste die Zeitung 16 und sonntags 32 Seiten mit Berichten aus den Bereichen Kultur, Politik, Wirtschaft und Sport. Kennzeichnend für das aus heutiger Sicht moderne und vielfältige Blatt waren Sensationsberichte über Rekorde, Unfälle, Attentate, Verbrechen, Feuerbrünste und sonstige Ausnahme-Tatbestände. Die Titelseite blieb weitestgehend der Politik mit einem kritischen Leitartikel vorbehalten. Auf der zweiten Seite ging es weiter mit innenpolitischen und deutschlandweiten Nachrichten. Es folgten die Auslandsberichterstattung und ein kurzer Wirtschaftsteil nebst Börsenkursen. Dem Feuilleton wurde ein hoher Stellenwert beigemessen: Neben Reiseberichten, Kurzgeschichten, Fortsetzungsromanen, Gedichten gab es Bücherempfehlungen, Kino-, Theater- und Rundfunk-Wochenspielpläne sowie Kritiken zu Kunstausstellungen, Kino-, Kabarett-, Theater- und Konzertaufführungen. Einen konkreten Nutzwert boten Tabellen mit diversen aktuellen Vergleichspreisen für Brot, Milch, Briketts und weiteren Artikeln des täglichen Lebensbedarfs. Zeit ihres Bestehens enthielt die Zeitung viele Kleinanzeigen und besonders am Wochenende sehr üppige gewerbliche Annoncen.Karsten Schilling: Das zerstörte Erbe: Berliner Zeitungen der Weimarer Republik im Portrait. Books on Demand, Norderstedt 2011, S. 224 f.

Regelmäßige Beilagen, meist in Heftform, waren unter anderen: Ulk Illustriertes Sportblatt Technische Rundschau Berliner Stadtblatt (expliziter Lokalteil des Berliner Tageblatts) Der Welt-Spiegel Der Frauenspiegel Haus, Hof und Garten

Auflage und Statistik Das Berliner Tageblatt zählte zeitweise zu den auflagenstärksten Zeitungen im Deutschen Reich, wobei die Angaben in der heute vorliegenden Literatur erheblich voneinander abweichen. Hintergrund: Eine einheitliche und quartalsbezogene Erhebung gab es noch nicht, Kontrollmechanismen wurden erst ab 1933 installiert. Nach Eigenangaben des Mosse-Konzerns soll die Auflage während der Weimarer Zeit an manchen Sonntagen bei 300.000 gelegen haben. Konkret werden beispielsweise für 1929 werktags 137.000 (davon 83.000 Hauptstadtauflage) und sonntags 250.000 Exemplare angegeben. Diese firmeneigene Statistik zweifelten bereits zu dieser Zeit Werbende und Kreditgeber an. Unter den rund 4.700 existierenden Tages- und Wochenzeitungen tobte ein aggressiver Kampf um Anzeigenkunden, sodass Verleger schon damals die Auflagenhöhe wegen des Tausenderkontaktpreises gern nach oben korrigierten. In diesem Zusammenhang stellte die Hausbank des Mosse-Konzerns 1929 fest, dass den 3,2 Millionen Einwohnern in Berlin nur 308.900 Haushalte und 147 in der Reichshauptstadt erscheinende beziehungsweise reichsweit 4.700 Tages- und Wochenzeitungen gegenüberstanden.Sabine Rennefanz: Die Auflagenzahlen der IVW sind nicht immer exakt. In: Berliner Zeitung. 28. November 2001.Otto Altendorfer, Ludwig Hilmer: Medienmanagement. Band 2: Medienpraxis. Mediengeschichte. Medienordnung. Springer-Verlag, 2015, S. 164.

Unwahrscheinlich sind die Angaben auch deshalb, weil oft in den gleichen Zeiträumen Auflagenzahlen für die Berliner Morgen-Zeitung von 150.000 und für die Berliner Volks-Zeitung von 160.000 angegeben wurden, die beide ebenfalls im Mosse-Konzern erschienen. Wird allein noch der Ullstein Verlag berücksichtigt, der zeitgleich mit seiner Berliner Morgenpost 623.000 und mit der Berliner Illustrirte Zeitung sage und schreibe 1.952.740 Exemplare erzielt haben will, dann kann das Ganze als „reductio ad absurdum“ bezeichnet werden.Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung an der Österreichischen Akademie der WissenschaftenDavid Oels, Ute Schneider: „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“: Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Walter de Gruyter, 2015, S. 266.

Nachweislich erreichte die Auflage des Berliner Tageblatts am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihren Höchststand, ging ab 1916 zurück, schwankte in der Weimarer Zeit stark und fiel 1932 extrem. Als gesichert gelten die Angaben für folgende Jahre: 1906: 95.000 Exemplare gemäß Meldung an das Kaiserliche Statistische Amt 1914: 245.000 Exemplare gemäß Meldung an das Kaiserliche Statistische Amt 1919: 160.000 Exemplare gemäß Meldung an das Statistische Reichsamt 1932: 25.000 Exemplare gemäß Ermittlung im Zuge der Eröffnung des Konkursverfahrens 1937: 56.000 Exemplare gemäß Ermittlung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.Otto Altendorfer, Ludwig Hilmer: Medienmanagement. Band 2: Medienpraxis. Mediengeschichte. Medienordnung. Springer-Verlag, 2015, S. 164.Elisabeth Kraus: Die Familie Mosse: deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert. C.H. Beck, 1999, S. 470 f.

Diese Zahlen sprechen dennoch für die hohe Akzeptanz und Qualität des Berliner Tageblatts. Wegen der großen Medienvielfalt lag die Auflage der meisten Tageszeitungen zwischen 5.000 und 20.000 Exemplaren.

Anfänge in der Kaiserzeit Das am 1. Januar 1872 gegründete Berliner Tageblatt bestand anfangs nur aus Anzeigen. Um eine größere Aufmerksamkeit bei den Lesern zu erzielen, ergänzte Rudolf Mosse sehr bald die Seiten mit redaktionellen Beiträgen. Erster Chefredakteur war Arthur Levysohn. Ihm folgte 1906 Mosses Vetter Theodor Wolff, der den Charakter der Zeitung 27 Jahre maßgeblich prägte. Er war bei personellen Entscheidungen die letzte Instanz, trug die Verantwortung für Gestaltung, Gesamtinhalt sowie Themenauswahl und bestimmte die weltanschauliche Ausrichtung.

Das Berliner Tageblatt trug ausgeprägte Züge eines Familienunternehmens: In den Redaktionsbüros im In- und Ausland waren sämtliche Führungspositionen mit nahen Verwandten von Rudolf Mosse besetzt. Zeitweise beschäftigte der Verlag über 4.000 Mitarbeiter, von denen ein hoher Anteil der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörte.Elisabeth Kraus: Die Familie Mosse: deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert. C.H. Beck, 1999, S. 193 f. Diese Wurzeln spiegelten sich in der Zeitung nur bedingt wider. Wenn es um explizit jüdische Themen ging, wurden diese in Reaktion auf aktuelle Ereignisse diskutiert, und nicht aus einer aktiv propagierten ideologisch motivierten Haltung heraus.Karsten Schilling: Das zerstörte Erbe: Berliner Zeitungen der Weimarer Republik im Portrait. Books on Demand, Norderstedt 2011, S. 222 f. Politisch hatte das Blatt in der Kaiserzeit eine liberale Ausrichtung, wobei zu Lebzeiten Mosses auf eine gewisse Neutralität beziehungsweise parteiliche Ausgewogenheit bei politischen Themen geachtet wurde. Grundsätzlich gab das Berliner Tageblatt in den ersten vier Jahrzehnten ihres Bestehens einen Sachverhalt nicht als Kommentar, sondern als Bericht oder Nachricht wieder.Elisabeth Kraus: Die Familie Mosse: deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert. C.H. Beck, 1999, S. 470.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellten die Redakteure in ihrer Berichterstattung vorübergehend innenpolitische Auseinandersetzungen komplett zurück. Mit zunehmender Dauer des Krieges und dem ausbleibenden Sieg begann die Bereitschaft der auferlegten Zurückhaltung zu bröckeln. Versorgungsmangel sowie Kriegsmüdigkeit führten im zweiten Kriegsjahr zu ersten wilden Streiks und Demonstrationen. Das Ende des politischen Burgfriedens kam im Sommer 1916: Als erste Zeitung thematisierte das Berliner Tageblatt die Kriegszielfrage öffentlich. Daraufhin wurde die Ausgabe vom 28. Juni 1916 beschlagnahmt und die Auslieferung der Zeitung vom 1. bis 7. August 1916 verboten.Kurt Koszyk: Deutsche Pressepolitik im Ersten Weltkrieg. Droste, 1968, S. 167. Für Wolff war damit bis Kriegsende die Veröffentlichung von Exklusivberichten äußerst mühselig.

Reichskanzler Bernhard von Bülow (im Amt 1900–1909) verweigerte dem Blatt generell Interviews und Theobald von Bethmann Hollweg (1909–1917) untersagte allen Regierungsstellen jegliche Zusammenarbeit mit den Redakteuren des Berliner Tageblatts.Uwe Klußmann, Joachim Mohr: Die Weimarer Republik: Deutschlands erste Demokratie. DVA, 2015, S. 22 f.

Entwicklung in der Weimarer Republik

Politische Positionierung Im Zuge der Novemberrevolution positionierte sich das Blatt als ein Verfechter der Radikaldemokratie mit stark linksliberalen Tendenzen. Am 14. November 1918 erschien unter dem Titel „Volksstaat oder verkehrter Obrigkeitsstaat?“ ein Gastbeitrag von Hugo Preuß, in dem auf die Legitimitäts- und Demokratiedefizite der Revolutionsregierung und auf die Dringlichkeit der Einberufung einer auf soziale und liberale Reformen hinarbeitenden Nationalversammlung hingewiesen wurde – einen Tag später berief Friedrich Ebert, Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten, aufgrund dieses kritischen Artikels Preuß in das Amt des Staatssekretärs im Reichsamt des Innern, um durch ihn die Regierungsvorlage eines Entwurfes für eine neue, republikanische Verfassung erarbeiten zu lassen. Am 16. November 1918 erschien in der Morgenausgabe unter der Überschrift „Die große demokratische Partei“ ein von Theodor Wolff verfasster und von 60 weiteren Personen unterzeichneter Aufruf zur Gründung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Das Berliner Tageblatt stand in der Folgezeit dieser Partei sehr nahe, lehnte den Sozialismus sowie einen übersteigerten Wohlfahrtstaat ab und trat für eine individuelle Freiheit der Menschen ein.Konstanze Wegner: Linksliberalismus im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik. Literaturbericht. In: Geschichte und Gesellschaft. Nr. 4, 1978, S. 120. Damit praktizierte die Redaktion fortan einen klar erkennbaren Meinungsjournalismus.

links|mini|Rudolf Mosse um 1916