mini|Englischsprachige Darstellung einer Rape Culture als Pyramide. Die Phänomene auf den unteren Ebenen (Vergewaltigungswitze, Catcalling, sexistische Einstellungen) sind jeweils notwendige Bedingungen für diejenigen auf oberen Ebenen (Victim blaming, Rachepornos, Stealthing). Vergewaltigungen sind dementsprechend nur die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“.
Unter dem Begriff Rape Culture (von „Vergewaltigung“, und „Kultur“) wird das Zusammenspiel verschiedener sozialer Normen und gängiger Überzeugungen verstanden, das dazu führt, dass Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt innerhalb einer Gesellschaft toleriert und verharmlost werden.
Durch eine Rape Culture wird die Verantwortung für die Verhinderung von sexualisierter Gewalt teils oder ganz auf die Opfer (in der Regel Frauen) übertragen – etwa indem ihnen vorgeworfen wird, eine Vergewaltigung durch die Wahl ihrer Kleidung oder durch ihr Verhalten provoziert zu haben (Victim blaming). Damit geht die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt sowie die Herabsetzung Betroffener einher. Täter werden hingegen verteidigt und häufig vor juristischen Konsequenzen geschützt.
Begriff mini|alternativtext=Demonstrierende Person trägt Schild mit der Aufschrift „Fight Rape Culture“.|„Fight Rape Culture“: Verwendung des Begriffs durch Teilnehmende des Slutwalks in München (2019) Der Begriff Rape Culture wird in feministischen, politischen und sozialwissenschaftlichen Diskursen verwendet. In der deutschsprachigen Literatur finden sich sowohl der Anglizismus Rape Culture als auch seltener die direkte Übersetzung Vergewaltigungskultur. Sexuelle Übergriffe und andere Formen sexualisierter Gewalt sind zwar in erster Linie Verbrechen einzelner Individuen, können aber durch eine Vielzahl sozialer Faktoren begünstigt werden. Wenn eine Gesellschaft oder Gemeinschaft solche Faktoren aufweist, besitzt sie eine Rape Culture.
In der Praxis beinhaltet der Begriff Rape Culture, dass z. B. Vergewaltigung oder auch sexuelle Belästigung zwar gesetzlich unter Strafe stehen, aber immer wieder als eine Art Kavaliersdelikt verharmlost werden. Dabei wird den Opfern oft eine gewisse Mitschuld an der Tat unterstellt, während viel Verständnis für die Befindlichkeiten und Rechtfertigungen der Täter an den Tag gelegt wird. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Christine Künzel erkannte beispielsweise genau diese Muster in der medialen Berichterstattung rund um den Fall Dominique Strauss-Kahn.Christine Künzel: Die mediale Aufbereitung des Falls Dominique Strauss-Kahn: Ein backlash für die Debatte um sexuelle Gewalt in Europa? In: Femina Politica. 20. Jahrgang, Nr. 2, 2011, S. 101–104, .
Ursprung und Verwendung des Ausdrucks In den frühen 1970er Jahren begannen Feministinnen mit Versuchen, das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit für das Vorkommen von Vergewaltigungen zu steigern. Bis dahin wurden Vergewaltigungen selten diskutiert oder zugegeben:
Teil der Bewusstmachungsbestrebungen war die Etablierung des Begriffs Rape Culture. Laut der Encyclopedia of Rape entstand der englische Begriff während der zweiten Welle des Feminismus in den USA, wurde in den 1970er Jahren in unterschiedlichen Medien vielfach verbreitet und wird heute von Feministen häufig verwendet, um die zeitgenössische amerikanische Kultur als Ganzes zu beschreiben.
Eines der ersten Bücher, das den Begriff Rape Culture verwendete, war Rape: The First Sourcebook for WomenNoreen Connell, Cassandra Wilson: Rape: the first sourcebook for women New American Library 1974, ISBN 978-0-452-25086-4, Kapitel 3, abgerufen am 14. Mai 2012. von 1974. Es enthielt Berichte von Vergewaltigungen aus erster Hand und trug wesentlich zur Bewusstmachung in der Öffentlichkeit bei. Das im Buch postulierte Ziel ist die „Eliminierung von Vergewaltigungen“, was aber nicht ohne eine revolutionäre Transformation der Gesellschaft erreicht werden könne. 1975 erschien der Dokumentarfilm Rape Culture, in dem sowohl Opfer von Vergewaltigungen als auch Täter zu Wort kommen. Es war einer der ersten Filme, die eine Verbindung zwischen Vergewaltigungen und dem gesellschaftlichen Verständnis von Erotik sowie der medialen Verharmlosung von sexualisierter Gewalt herstellten.
Ausformungen Eine Rape Culture äußert sich am Verhalten der in ihr agierenden Menschen. Die Existenz einer Rape Culture korreliert dabei mit zahlreichen anderen sozialen Faktoren wie Rassismus, Homophobie, Altersdiskriminierung, Klassismus (die systematische Diskriminierung einer Gruppe durch eine andere, basierend auf ökonomischen Unterschieden), religiöser Intoleranz und weiteren Formen von Diskriminierung.
Vergewaltigungsmythen
Vergewaltigungsmythen sind stereotype Annahmen, die über Vergewaltigungen als solches sowie über Täter und Opfer kursieren. Dabei kann zwischen frauen- und männerzentrierten Vergewaltigungsmythen unterschieden werden.Philipp Süssenbach: Vergewaltigungsmythen und Entscheidungen in Vergewaltigungsfällen. Eine Übersicht mit Metaanalyse. In: Recht & Psychiatrie. 34. Jahrgang, Nr. 1, 2016, S. 35–42, hier S. 36 (online). Unter die erste Kategorie fallen Behauptungen, die suggerieren, dass Opfer eine Mitschuld an Vergewaltigungen tragen würden. Solche Mythen sind beispielsweise folgende:
Die meisten Vergewaltigungen erfolgen durch Fremde und passieren an dunklen, einsamen Plätzen, welche daher von Frauen gemieden werden müssen (In Wahrheit findet die Mehrheit der Vergewaltigungen in den eigenen vier Wänden statt und die Täter sind Partner oder Bekannte). Es werden nur junge und hübsche Frauen vergewaltigt, die die Täter z. B. durch ihren Kleidungsstil zur Tat provozieren (In Wahrheit werden die verschiedensten Menschen vergewaltigt und ihre Kleiderwahl zum jeweiligen Zeitpunkt der Tat ist sehr unterschiedlich, was darauf schließen lässt, dass nicht sie, sondern die Täter für die Tat verantwortlich sind). Wenn sich eine Person nicht wehrt, ist es keine Vergewaltigung (Diese Argumentation kommt häufig bei Angeklagten in Sexualstrafverfahren vor, die dann insistieren, davon ausgegangen zu sein, dass ihr Gegenüber ebenfalls Sex wollte. In Wahrheit sind die Reaktionen von Betroffenen von sexualisierter Gewalt unterschiedlich. Viele Opfer verfallen beispielsweise in eine Schockstarre und wehren sich daher nicht).Anna Möller, Hans Peter Söndergaard, Lotti Helström: Tonic immobility during sexual assault - a common reaction predicting post-traumatic stress disorder and severe depression. In: Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica. 96. Jahrgang, Nr. 8, 2017, S. 932–938, (englisch).
Männerzentrierte Vergewaltigungsmythen dienen dazu, Täter zu entlasten. Sie postulieren z. B., dass alle Vergewaltiger psychisch krank seien. Tatsächlich kommen nur etwa drei Prozent der Sexualstraftäter in den psychiatrischen Maßregelvollzug. Alle anderen Verurteilten gelten als psychisch gesund. Ein ebenfalls häufig vorkommenden männerzentrierter Vergewaltigungsmythos ist die sogenannte „Dampfkesselmetapher“. Sie besagt, dass Männer ihre sexuellen Triebe nur bedingt kontrollieren könnten und Frauen sich daher entsprechend verhalten müssten, um Vergewaltigungen zu entgehen. Die empirische Forschung findet allerdings bei Sexualstraftätern äußerst heterogene Motive für ihre Taten.
Die Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen bedingt Victim blaming und sorgt somit dafür, dass die Schuld für sexuelle Übergriffe nicht bei Tätern, sondern bei Opfern gesucht wird. Dieselbe Funktion erfüllt Slutshaming, bei dem Menschen aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten herabgewürdigt werden. Es kommt vor, dass auch Opfer sexualisierter Gewalt von Slutshaming betroffen sind.Megan Stubbs-Richardson, Nicole E. Rader, Arthur G. Cosby: Tweeting rape culture: Examining portrayals of victim blaming in discussions of sexual assault cases on Twitter. In: Feminism & Psychology. 28. Jahrgang, Nr. 1, 2018, S. 90–108, hier S. 101, (englisch; online). Der Glaube an Vergewaltigungsmythen in Verbindung mit Victim blaming und Slutshaming rationalisiert und legitimiert sexualisierte Gewalt. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Männer, die selbst an Vergewaltigungsmythen glauben und/oder davon ausgehen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Vergewaltigungsmythen hoch ist, eher zu einer Vergewaltigung bereit sind.Dominic Abrams, Tendayi Viki, Barbara Masser, Gerd Bohner: Perceptions of Stranger and Acquaintance Rape: The Role of Benevolent and Hostile Sexism in Victim Blame and Rape Proclivity. In: Journal of Personality and Social Psychology. 84. Jahrgang, Nr. 1, 2003, S. 111–125, (englisch; online). Bei einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen lässt sich daher von einer Rape Culture sprechen.Kimberly Peterson: Victim or Villain?: The Effects of Rape Culture and Rape Myths on Justice for Rape Victims. In: Valparaiso University Law Review. 53. Jahrgang, Nr. 2, 2019, S. 467–508, hier S. 470 (englisch; online).
Sexualisierung von Frauen und Mädchen Laut der Juristin Samantha Y. Sneen führt die gesellschaftliche Sexualisierung von Frauen und Mädchen dazu, dass sich die Aufmerksamkeit auf den weiblichen Körper und dessen vermeintliche Signale konzentriert, während diejenigen, die sexualisieren (in aller Regel Männer und Jungen) dafür kaum kritisiert werden. Dies leiste sexualisierter Gewalt Vorschub und sei daher ein Anzeichen von Rape Culture.Samantha Y. Sneen: The Current State of Sex Education and Its Perpetuation of Rape Culture. In: California Western International Law Journal. 49. Jahrgang, Nr. 2, 2017, S. 464–490, hier S. 482 ff. (englisch; online).
Als ein weiteres konstitutives Element einer Rape Culture werden Vergewaltigungswitze und Alltagssexismus gesehen. Beides führt zu einer Objektifizierung von Frauen und normalisiert die Vorstellung, dass sie belästigt werden dürften.Raúl Pérez, Viveca S. Greene: Debating rape jokes vs. rape culture: framing and counter-framing misogynistic comedy. In: Social Semiotics. 26. Jahrgang, Nr. 3, 2016, S. 265–283, (englisch; researchgate.net).
Ob es einen Zusammenhang zwischen der Existenz einer Rape Culture und der freien Verfügbarkeit von Pornografie in modernen Gesellschaften gibt, ist innerhalb der Forschung umstritten. Robert Jensen, emeritierter Professor für Journalistik, bezeichnete Pornografie beispielsweise als „Propaganda für Rape Culture“. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 stellte einen positiven Zusammenhang zwischen dem regelmäßigen Konsum von Pornografie und der Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen fest.Ashley Hedrick: A Meta-analysis of Media Consumption and Rape Myth Acceptance. In: Journal of Health Communication. 26. Jahrgang, Nr. 9, 2021, S. 645–656, doi:10.1080/10810730.2021.1986609 (englisch).
Allerdings lässt sich auch feststellen, dass in allen Gesellschaften, in denen Pornografie zum Alltag gehört, die Anzahl der begangenen Sexualdelikte auf lange Sicht sinkt.Brian McNair: Rethinking the effects paradigm in porn studies. In: Porn Studies. 1. Jahrgang, Nr. 1–2, 2014, S. 161–171, (englisch; online).Christopher J. Ferguson, Richard D. Hartley: The pleasure is momentary… the expense damnable? The influence of pornography on rape and sexual assault. In: Aggression and Violent Behaviour. 14. Jahrgang, 2009, S. 323–329, doi:10.1016/j.avb.2009.04.008 (englisch; online). Eine amerikanische Studie kam 2021 zu dem Ergebnis, dass sich die Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen nicht durch den Konsum von Pornografie, sondern durch eine auf hostilen Sexismus aufbauende Haltung erklären lasse. Pornografiekonsum könne den Zusammenhang zwischen hostilem Sexismus und der Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen allerdings verstärken.Nicholas C. Borgogna, Emma C. Lathan, Ryon C. McDermott: She Asked for It: Hardcore Porn, Sexism, and Rape Myth Acceptance. In: Violence Against Women. 28. Jahrgang, Nr. 2, 2021, S. 510–531, doi:10.1177/10778012211037378 (englisch).