Homo floresiensis („Mensch von Flores“) ist eine ausgestorbene, im Vergleich zum Homo sapiens kleinwüchsige Art der Gattung Homo. Die im September 2003 auf der indonesischen Insel Flores entdeckten und dieser Art zugeordneten Knochenfunde wurden 2004 in der Erstbeschreibung auf ein Alter von rund 18.000 Jahren datiert.Mike J. Morwood et al.: Archaeology and age of a new hominin from Flores in eastern Indonesia. In: Nature. Band 431, 2004, S. 1087–1091, doi:10.1038/nature02956. Aus dieser Datierung wurde abgeleitet, dass, während die Nachbarinseln schon seit mehreren tausend Jahren vom anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) besiedelt waren, auf Flores noch eine zweite Homo-Art lebte. 2016 wurde jedoch eine Neudatierung der Funde publiziert, der zufolge die Knochen nicht jünger als 60.000 Jahre sind.Did humans drive 'hobbit' species to extinction? Auf: nature.com vom 30. März 2016.

Wie eng die Verwandtschaft von Homo floresiensis mit anderen Arten der Gattung Homo ist, ist unter Anthropologen und Paläoanthropologen umstritten. Von seinen Entdeckern wurde Homo floresiensis bereits 2004 als so genannte Inselverzwergung stammesgeschichtlich von Homo erectus abgeleitet.Peter Brown, Thomas Sutikna, Mike Morwood et al.: A new small-bodied hominin from the Late Pleistocene of Flores, Indonesia. In: Nature. Band 431, 2004, S. 1055–1061, doi:10.1038/nature02999. Andere Forscher vermuteten, es könne sich um eine krankhaft veränderte Population von Homo sapiens gehandelt haben. Die jüngsten Befunde – darunter eine neuerliche genaue Beschreibung aller Knochen des SchädelsYousuke Kaifu et al.: Craniofacial morphology of Homo floresiensis: Description, taxonomic affinities, and evolutionary implication. In: Journal of Human Evolution. Band 61, Nr. 6, 2011, S. 644–682, doi:10.1016/j.jhevol.2011.08.008. – „deuten jedoch darauf hin, dass Homo floresiensis eine klar unterscheidbare Art“ war.„Although some scientists believe that this tiny hominin was a modern human with a physical disorder, recent evidence suggests that Homo floresiensis was a distinct species.“ Zitiert aus: Alice Roberts: Evolution: The Human Story. Dorling Kindersley, London 2011, ISBN 978-1-4053-6165-1, S. 142.

Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Homo ist abgeleitet von lateinisch homo [], dt. Mensch. Das Epitheton floresiensis verweist auf den Fundort des Typusexemplars auf der indonesischen Insel Flores. Homo floresiensis bedeutet somit „Mensch von Flores“.

Neben dem wissenschaftlichen Namen wird, angelehnt an Tolkiens kleinwüchsige Phantasiewesen, scherzhaft auch die Bezeichnung „Hobbit“ als Spitzname gebraucht; die Forscher hatten zunächst den Spitznamen Flo verwendet.Lydia Pyne: The Precious: Flo's Life as a Hobbit. Kapitel 6 in: Dies: Seven Skeletons. The Evolution of the World's Most Famous Human Fossils. Viking, New York 2016, ISBN 978-0-525-42985-2, S. 187.

Wegen der morphologischen Merkmale, die von allen bis dahin bekannten homininen Fossilien stark abweichen, wählten die Entdecker im ersten Entwurf ihrer Erstbeschreibung die Art-Bezeichnung „Sundanthropus floresianus“. Im Verlauf des Peer-Review wiesen die von der Fachzeitschrift Nature berufenen Gutachter jedoch darauf hin, dass der Schädel LB1 große Ähnlichkeiten mit den Schädelvarianten innerhalb der Gattung Homo aufweise. Zudem erinnert „floresianus“ in englischer Aussprache an „flowery anus“ (etwa: „blumiger Anus“), ein Gleichklang, den man vermeiden wollte. Aufgrund dieser gutachterlichen Einwände wurde in der schließlich von Nature im Oktober 2004 publizierten, überarbeiteten Version der Erstbeschreibung die Bezeichnung Homo floresiensis gewählt.Henry Gee: The Accidental Species: Misunderstandings of Human Evolution. The University of Chicago Press, Chicago/London 2013, ISBN 978-0-226-28488-0, S. 5–11.

Erstbeschreibung mini|Schädel und Unterkiefer von Homo floresiensis LB1 (Nachbildung)

Holotypus von Homo floresiensis ist laut Erstbeschreibung das erste in der Höhle Liang Bua gefundene hominine Fossil, LB1. Gestützt wurde die anhand von LB1 definierte neue Art der Hominini durch einen einzeln gefundenen Vorderbackenzahn aus dem Bereich eines linken Unterkiefers, das Fossil LB2.

Von LB1 wurden 2003 der Schädel (Sammlungsnummer LB1/1) nebst Unterkiefer geborgen. Hinzu kamen zwei Oberschenkelknochen, zwei Schienbeine, zwei Wadenbeine, zwei Kniescheiben, einige Hand- und Fußknochen, Fragmente des Beckens, der Wirbel und des Kreuzbeins, der Rippen, der Schulterblätter und der Schlüsselbeine.

Die Kombination der anatomischen Merkmale erschien ungewöhnlich: Das Schädelinnenvolumen und die Körpergröße erinnerten an die noch affenähnlichen Australopithecinen aus Afrika, zahlreiche andere Merkmale hingegen an frühe Vertreter der Gattung Homo. Die naheliegende Vermutung, dass es sich um einen Homo sapiens handelte, dessen Kleinwuchs die Folge einer Hormonstörung war, wurde verworfen: Man fand keine Anzeichen für IGF-1-Mangel, hypophysären Kleinwuchs oder Mikrozephalie. Der Fundort, eine stets von Wasser umgebene Insel, machte daher eine sogenannte Inselverzwergung wahrscheinlich. Vorfahren der neuen Art wären dann größere Individuen der Gattung Homo aus dem Pleistozän gewesen; genannt wurden Funde von Homo erectus von der benachbarten Insel Java, die als Java-Mensch bekannt sind.

Entdeckung mini|300px|Die Lage der indonesischen Insel Flores und der Verlauf der Wallace-Linie mini|Die Höhle Liang Bua im Jahr 2007, in der die Knochen im Jahr 2003 (rechts vor dem Ausgang, unmittelbar neben der damaligen Höhlenwand) entdeckt wurden.

Im Zentrum der indonesischen Insel Flores waren bereits Mitte der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre von Theodorus Verhoeven sowie 1994 und 1997 von Paul Sondaar am Oberlauf des Flusses Ae Sissa, im Bereich der Fundstelle Mata Menge im Soa-Becken, Steinwerkzeuge entdeckt worden. Das Alter dieser Werkzeuge bestimmte man anhand einer Zirkon-Spaltspurdatierung auf 880.000 (± 70.000) bis 800.000 (± 70.000) Jahren BP.Mike J. Morwood u. a.: Fission-track ages of stone tools and fossils on the east Indonesian island of Flores. In: Nature. Band 392, 1998, S. 173–176, doi:10.1038/32401.Hobbit-Vorfahren: Vor einer Million Jahren lebten schon Menschen auf der indonesischen Insel Flores. Auf: heise.de vom 20. März 2010. Unter Verweis auf Studien von Philip Rightmire zur Ausbreitung der Gattung Homo im AltpleistozänG. Philip Rightmire: Teil 6: Schluss. Die Verwandtschaftsbeziehung von Homo erectus zu jüngeren mittelpleistozänen Hominiden. In: 100 Jahre Pithecanthropus. Das Homo erectus Problem. In: Courier Forschungsinstitut Senckenberg. Nr. 171, Frankfurt am Main 1994, S. 319–326, ISSN 0341-4116. wurde vermutet, dass es sich beim Hersteller der Werkzeuge um Menschen der Art Homo erectus gehandelt haben müsse. Die Datierung war jedoch umstritten, da die Insel Flores zwei Grad östlich des indonesischen Kontinentalsockels (östlich der Wallace-Linie) liegt und daher auch im Pleistozän stets vom Meer umschlossen war.Chris Stringer: Der Zwergmensch von Flores. In: Spektrum der Wissenschaft. Januar 2005, S. 14–15. Man traute damals Homo erectus den Bau von Wasserfahrzeugen nicht zu und ging daher davon aus, dass die Inselkette östlich von Java erst durch Homo sapiens besiedelt wurde.

Um die Datierung abzusichern, suchten indonesische Wissenschaftler in den folgenden Jahren auf Flores nach fossilen Belegen für Hominini während des frühen Pleistozäns. Mitte der 1990er-Jahre initiierte der australische Archäologe Mike Morwood eine australisch-indonesische Forschungskooperation, motiviert von dem Ziel, den Weg der ersten Zuwanderer vom asiatischen Festland nach Australien zu rekonstruieren. Dazu wurde ab 2001 auch die Höhle Liang Bua erkundet, in der bereits 1965 diverse Tierfossilien geborgen worden waren. Unter der Leitung von Mike Morwood und Thomas Sutikna (Indonesian Centre for Archaeology, Jakarta) wurde am 2. September 2003 der vollständig erhaltene Schädel eines kleinwüchsigen, aufrecht gehenden homininen Individuums entdeckt, „mit einem Schädel-Innenvolumen und der Statur (Körpergröße) ähnlich dem – oder kleiner als bei – Australopithecus afarensis.“ Das Fossil bezeichnete man als LB1. Die meisten seiner Knochen wurden an den folgenden Tagen auf einer Fläche von nur 500 Quadratzentimetern entdeckt, darunter auch der zum Schädel zugehörige Unterkiefer, diverse große Röhrenknochen in teils noch erhaltener natürlicher Anordnung im Bereich der Gelenke sowie einige Steinwerkzeuge. Diese Steinwerkzeuge glichen den aus älteren Schichten von Flores bekannten, waren jedoch wesentlich kleiner und wirkten so, „als seien sie für sehr kleine Hände gemacht“ (im Original: „as if fitted to tiny hands“).

Die Knochen erwiesen sich als äußerst brüchig, da sie weder versteinert noch mit Calciumcarbonat überzogen waren: „Sie hatten in etwa die Konsistenz von nassem Löschpapier“, beschrieb Mike Morwood den Fund.Hobbits in Indonesien. Forscher entdecken neue Menschen-Art. Auf: spiegel.de vom 27. Oktober 2004. Man habe die Knochen nach der Freilegung zunächst drei Tage lang zum Trocknen liegen gelassen, danach mit Leim getränkt und erst nach dessen Aushärtung nach Jakarta transportiert, um sie dort genauer zu untersuchen.

Bereits am 28. Oktober 2004, dem Tag der Veröffentlichung ihrer Erstbeschreibung in der Fachzeitschrift Nature, berichteten die Medien über einen aufgefundenen „Hobbit“.Fossiler ‚Hobbit‘-Mensch in Indonesien entdeckt. Auf: wissenschaft.de vom 28. Oktober 2004. Bernard Wood bezeichnete die Skelettreste in der Fachzeitschrift Science als die bedeutendste paläoanthropologische Entdeckung der vergangenen fünfzig Jahre.Ann Gibbons: New Species of Small Human Found in Indonesia. In: Science. Band 306, Nr. 5697, 2004, S. 789, doi:10.1126/science.306.5697.789.

Weitere Funde Die Ausgräber haben in der Höhle Liang Bua die Überreste von insgesamt mindestens 14 Individuen gefunden, die Homo floresiensis zugeschrieben werden. In den Schichten mit homininen Fossilien stießen sie ferner auf Reste von Holzkohle, die 2004 als Hinweis darauf interpretiert wurden, dass Homo floresiensis möglicherweise Feuer genutzt haben könnte. Gefunden wurden auch Steinwerkzeuge aus Vulkangestein und Feuerstein: zumeist einfache Abschläge, die beidseits bearbeitet waren, aber auch Speerspitzen, Schneiden, Stanzen und kleine Messer. Entdeckt wurden ferner Knochen eines Komodowarans, eines heute ausgestorbenen, ungewöhnlich großen Marabus (Leptoptilos robustus)Hanneke J. M. Meijer, Rokus Awe Due: A new species of giant marabou stork (Aves: Ciconiiformes) from the Pleistocene of Liang Bua, Flores (Indonesia). In: Zoological Journal of the Linnean Society. Band 160, Nr. 4, 2010, S. 707–724, doi:10.1111/j.1096-3642.2010.00616.x. sowie die Überreste von mindestens zwei Dutzend Exemplaren einer heute ausgestorbenen Zwergform der Rüsseltier-Gattung Stegodon.