Die Deutsche Bischofskonferenz initiierte eine kriminologische Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands, nachdem im Jahr 2010 eine Debatte über sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland begonnen hatte. Im Juni 2011 fasste die Deutsche Bischofskonferenz einstimmig den Beschluss, zusammen mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und dessen Leiter Christian Pfeiffer diese Studie zu erstellen.

Im Januar 2013 kündigte die Bischofskonferenz dem KFN den Vertrag und hat die Kriminologische Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands gestoppt. Das KFN hat daraufhin eine selbständige Studie ohne Mithilfe der Kirche angekündigt und die Missbrauchsopfer von Priestern dazu zwecks anonymisierter Befragung zur direkten Zusammenarbeit mit dem KFN aufgerufen.

Hintergrund Das Projekt einer kriminologischen Erforschung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland wurde 2010 vom Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) angestoßen. Alle 27 Bischöfe hätten eine wissenschaftliche Untersuchung durch Pfeiffer begrüßt. In dem der FAZ vorliegenden Vertrag vom 8. Juli 2011 hätten neun als repräsentativ ausgewählte Bistümer verbindlich zugesagt, sich an dem Forschungsprojekt zu beteiligen.Bischofskonferenz stoppt wissenschaftliche Studie, FAZ vom 9. Januar 2013

Zuvor hatten mehrere Bistümer aus Anlass der 2010 bekanntgewordenen Missbrauchsfälle ihre Personalaktenbestände seit dem Zweiten Weltkrieg überprüft. Ergebnisse lagen 2010 aus dem Erzbistum München und Freising vor. Dort wurden über 13.000 Personalakten durch die Anwaltskanzlei Westphal, Spilker und Wastl überprüft. Anwältin Westphal ging in ihrem Bericht von einer erheblichen Dunkelziffer aus, da Akten in erheblichem Umfang vernichtet wurden und Aktenbestände außerhalb des Ordinariats in Privatwohnungen lagerten und somit einem manipulativen Zugriff ausgeliefert waren.Rechtsanwälte Westpfahl, Spilker und Wastl: Kernaussagen des Gutachtens Sexuelle und sonstige körperliche Übergriffe durch Priester, Diakone und sonstige pastorale Mitarbeiter im Verantwortungsbereich der Erzdiözese München und Freising in der Zeit von 1945 bis 2009. Bestandsaufnahme – Bewertung – Konsequenz vom 2. Dezember 2010, Informationen zur Pressekonferenz vom 3. Dezember 2010 (online; PDF; 85 kB) Erste Ergebnisse lagen ebenfalls aus dem Zwischenbericht der Missbrauchsbeauftragten des Bistums Regensburg vor.

Auch einzelne Ordensgemeinschaften leiteten entsprechende Maßnahmen ein. Die Salesianer Don Boscos richteten beispielsweise nach den bekanntgewordenen Missbrauchsfällen eine Arbeitsgruppe aus internen und externen Personen ein, die regelmäßig Zwischenberichte veröffentlichte. Der dritte Zwischenbericht nennt 62 Meldungen von Betroffenen ab dem Zeitraum der 1950er Jahre; 28 davon bezogen sich auf sexuelle Übergriffe unterschiedlicher Schwere. Unter den gemeldeten Fällen sind auch solche, die bereits bekannt und strafrechtlich abgeurteilt waren. Der dritte Zwischenbericht enthält auch bereits einige Konsequenzen für die Arbeit in den Einrichtungen.Dritter Bericht der Arbeitsgruppe der Salesianer Don Boscos zur Aufklärung von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs und der Misshandlung. vom 31. März 2010 ()

Vertragsabschluss im Juni 2011 Am 20. Juni 2011 fasste die Deutsche Bischofskonferenz einstimmig den Beschluss, dass Kirchenmitarbeiter unter Aufsicht eines Teams des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, bestehend aus pensionierten Staatsanwälten und Richtern, sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre (zusätzlich in neun der 27 Bistümer sogar bis ins Jahr 1945 zurück) auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen sollten.https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/79408568 Dabei soll das KFN nur Daten tatverdächtiger Personen und diese nur in anonymisierter Form erhalten; die mit der Aktenauswertung befassten externen Juristen müssen sich zum Schweigen gegenüber Dritten verpflichten.Das Konzept zum Forschungsvorhaben kann auf den Seiten der Deutschen Bischofskonferenz eingesehen werden, vgl. Christian Pfeiffer; Lena Stadler: Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Forschungskonzept für eine empirische Untersuchung, 13. Juli 2011 (online; PDF; 119 kB)

Gegen dieses Projekt erhob das Netzwerk katholischer Priester schwere Bedenken, da es zum einen den Datenschutz der betroffenen Priester, wie auch das Vertrauensverhältnis zum jeweiligen Bischof gefährdet sah, sollten alle Personalakten der Bistümer Dritten zugänglich gemacht werden. Man fürchtete außerdem die Bestätigung eines gesellschaftlichen „Generalverdachtes“ gegen alle Priester. Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlichte im Sommer 2011 die genauen Regularien zur Akteneinsicht und stellte klar, dass die Personalakten nicht von bistumsfremden Dritten eingesehen werden könnten.

Im November 2011 zog sich Generalvikar Peter Beer, Erzbistum München und Freising, aus dem Projektbeirat zurück. Er gab an, dass auf seine kritischen Fragen nicht ausreichend geantwortet worden sei.Missbrauch in Katholischer Kirche.Im Geheimen. (ausführlicher Artikel in der FAZ vom 12. Januar 2013, voller Hintergrundinformationen)

Krise der Studie im Juli 2012

Die Bistümer Regensburg, München und Dresden stiegen im Juli 2012 aus dem Projekt aus.Verdächtig still. In: Die Zeit - Christ & Welt, 26. Juli 2012 (online)

Uwe Winkel, Sprecher des Netzwerks katholischer Priester, ging schon im Juli 2012 von einem faktischen Ende der Studie aus. Er wies auf die Weisungsbefugnis des Heiligen Stuhls hin und vertrat die Auffassung, dass die Studie wegen der Aktenvernichtung gemäß Codex Iuris Canonici habe scheitern müssen:Denn der Zweck heiligt nicht die Mittel! Interview, kath.net, 14. Juli 2012 (online)

Zu diesem Zeitpunkt entließ Pfeiffer zwei bereits eingestellte Mitarbeiter wieder.

Kündigung durch die Deutsche Bischofskonferenz im Januar 2013 Am 8. Januar 2013 wurde durch eine Mitteilung von netzwerkB bekannt, dass die Deutsche Bischofskonferenz den Vertrag über die Studie wegen Differenzen mit dem KFN aufgekündigt hatte.Kirchliche Aufarbeitung gescheitert. netzwerkB Pressemitteilung, 8. Januar 2013 (online) Die Kündigung selbst lag dem Institut am 9. Januar 2013 nicht schriftlich vor.Interview von Christian Pfeiffer im Deutschlandradio (8:30 Minuten), der dazugehörige Originalton

Der Leiter des KFN, Christian Pfeiffer, erklärte, die Studie sei .Kirche stoppt Aufklärung des Missbrauchsskandals. In: Süddeutsche Zeitung, 8. Januar 2013 (online) Der Bericht Pfeiffers, dass er von Kirchenangehörigen aus mehreren Bistümern darauf hingewiesen worden sei, dass Akten über Täter vernichtet worden seien, wurde vom Bischofskonferenz-Sprecher Matthias Kopp nachdrücklich dementiert."Unrühmliches Ende" In: katholisch.de, 9. Januar 2013 () Ackermann erklärte gegenüber der Rhein-Zeitung im Januar 2013:Rhein-Zeitung (online)

In einem Spiegel-Interview vom 14. Januar 2013 präzisierte der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, seine Aussagen. Der Vorwurf der Aktenvernichtung sei „so pauschal nicht richtig“. Die Kirche hätte bereits zugegeben, dass ihre „Aktenführung in früheren Jahren nicht dem Standard“ entsprochen habe. Es sei jedoch ein Fakt, „dass der Tatbestand und das Urteil in Sittlichkeitsverfahren aufbewahrt werden müssen“, demnach „fallen keine Tat und kein Täter unter den Tisch“. Bischof über geplatzte Missbrauchsstudie. "Eine massive Enttäuschung der Opfer". In: Spiegel Online, 14. Januar 2013. Abgerufen am 14. Januar 2013. Spiegel Online hatte zuvor berichtet, dass das Kirchenrecht eine Vernichtung eines Großteils der Akten zu Sittlichkeitsverbrechen vorsehe. So heißt es dort: „Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren“. Katholische Missbrauchsstudie. Vernichtetes Vertrauen. In: Spiegel Online, 10. Januar 2013. Abgerufen am 14. Januar 2013.

Gegen den Vorwurf der ging die Kirche zunächst mit einer Unterlassungsaufforderung gegen Pfeiffer juristisch vor.FAZ.net: Wegen Zensurvorwürfen Katholische Kirche geht juristisch gegen Pfeiffer vor, am 10. Januar 2012 Pfeiffer erklärte daraufhin, er wolle diese nicht befolgen, da ihr keine Vollmacht beigefügt worden und sie deshalb rechtlich nicht gültig sei.Lammert kritisiert Scheitern der Missbrauchsstudie. In: Die Welt, 10. Januar 2013. Abgerufen am 10. Januar 2013. Am 21. Januar wurde bekannt, dass der Verband der Diözesen Deutschlands den beim Landgericht Hamburg gestellten Antrag auf Einstweilige Verfügung zurückgezogen hat.Pfeiffer sieht sich bestätigt. Streitthema: Zensur-Vorwurf an die Bischöfe. In: Mainpost, 21. Januar 2013. Abgerufen am 22. Januar 2013.

Darstellung der Ereignisse durch die Bischofskonferenz

Die Bischofskonferenz beendete laut Stellungnahmen der Sprecher die Zusammenarbeit wegen „unüberbrückbarer Differenzen“: In der Frage um Datenschutz und Persönlichkeitsrechte sei eine Einigung mit dem Leiter des KFN leider gescheitert, Pfeiffer zeige laut dem Sprecher der Bischofskonferenz „Sprunghaftigkeit und mangelnde Seriosität“. Als weitere Gründe nannte Ackermann Vorbehalte des Netzwerks katholischer Priester und kirchenrechtliche Vorgaben zur Öffnung von „Geheimarchiven“ durch die Bischöfe.Bischofskonferenz stoppt wissenschaftliche Studie, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Januar 2013 Die bereits an das KFN gezahlten Gelder würden zurückgefordert."Unrühmliches Ende" In: katholisch.de, 9. Januar 2013 ()

Spekulationen, dass das Erzbistum München vorzeitig aus dem Projekt ausstieg, um den früheren Erzbischof Joseph Ratzinger und damaligen Papst zu schützen, wurden von Bischof Ackermann als unredlich zurückgewiesen."Es geht nicht um Zensur." In: katholisch.de, 9. Januar 2013 (online) "Das Grundvertrauen war nicht mehr da" In: Paulinus, Wochenzeitung im Bistum Trier, 20. Januar 2013

Darstellung der Ereignisse durch Christian Pfeiffer

In einem ausführlichen Interview für den Deutschlandfunk hat Pfeiffer am 9. Januar 2013 seine Sicht der Ereignisse um die Kündigung dargelegt.

Pfeiffer betonte in dem ausführlichen Interview, dass es einen bestehenden Vertrag gab, den die Kirche ändern wollte. Diese Verhandlungen liefen seit Mai 2012. Die Kirche verlangte eine Vertragsveränderung: insbesondere, dass das KFN vor einer Veröffentlichung alle Texte der Kirche als Auftraggeber (Auftraggeber war die Deutsche Bischofskonferenz, Vertragspartner des KFN war der Verband der Diözesen Deutschlands) der Studie zur Genehmigung vorzulegen habe. Mit dem neuen Vertrag sollte der Kirche das Recht eingeräumt werden die Veröffentlichung von Texten zu verbieten. Das betrachtete Pfeiffer als unvereinbar mit den Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens. Pfeiffers Gegenvorschlag, um den Wünschen der Kirche teilweise zu entsprechen, eine mögliche kontroverse Meinung der Kirche ebenfalls in seine Veröffentlichungen mit aufzunehmen, aber als solche kenntlich gemacht, wurde abgelehnt. Die Kirche hätte so zumindest die Möglichkeit gehabt, ihre eigene Sicht der Dinge nach jedem Kapitel darzustellen. Die Kirche beharrte jedoch auf ihre ursprüngliche Forderung und erweiterte diese noch um die Forderung auch bei der Einstellung von Mitarbeitern des KFN für diese Studie ein Mitspracherecht eingeräumt zu bekommen. Zur vertraglichen Absicherung ihrer Forderungen verlangte die Kirche zusätzlich noch Klauseln über „unangemessene Schadensersatzforderungen“.