mini|hochkant=2|Schweifdrehmaschine (ca. 1905) In der Pelzbranche wird mit wenigen Ausnahmen jeder behaarte Tierschwanz als Schweif bezeichnet. Das Schweifdrehen war über etliche Jahrzehnte ein wichtiger Handwerkszweig der deutschen Pelzindustrie, ein Fachlexikon nennt die Verwendung sogar als zuzeiten ins Gigantische gestiegen. Verwendet wurden hierfür vor allem die bei der Pelzverarbeitung abfallenden Fellreste. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm es an Bedeutung schnell ab, einer der letzten deutschen Schweifdreher gab vor 1984 in Leipzig im Alter von 90 Jahren seinen selbständig ausgeübten Beruf auf. 2009 gab die inzwischen 102-jährige Herta Böttger aus Frankfurt an, dass sie die einzige Frau in Europa sei, die dieses Handwerk noch beherrsche. Sie stammte ebenfalls aus Leipzig, wo sie den Beruf bei ihrem Vater in dessen Fehschweiffabrik erlernt hatte.Pelzmarkt, Newsletter des Deutschen Pelzverbandes, Frankfurt/Main, August 2009, S. 6.
Über eine eventuell außerhalb Deutschlands noch existierende oder wiederbelebte Schweifdreherei scheint nichts bekannt. Eine ähnliche Technik wird beim Pelzweben beziehungsweise Pelzflechten angewendet, bei dem schmale Fellstreifen in und um die Fäden textiler Gitterstoffe verwoben werden. Diese arbeitsaufwändigen Produkte werden fast ausschließlich in Asien produziert.Abbildungen gewebter Pelze auf wikimedia.commons.
Geschichte Garnierungen aus behaarten Fellschwänzen, den Schweifen, spielten in der Pelzmode immer eine mehr oder weniger große Rolle. Die auffälligste und häufigste Verwendung fand seit dem frühesten Mittelalter der Hermelinschweif an „geschwänzter“ Hermelinkleidung. Hermelinfell war Bestandteil der dem ritterlichen Stand und den Doktoren vorbehaltenen Kleidung. Das auch im übertragenen Sinn „reine Weiß“ des Hermelin-Winterfells hat dazu geführt, dass es durch Jahrhunderte als Symbol der Reinheit und Makellosigkeit ein Kennzeichen fürstlicher oder richterlicher Gewalt war. Bis heute ist der weiße Pelz mit den charakteristischen schwarzen Schwanztupfen Bestandteil manchen Krönungsornats.Paul Larisch: Hermelin: Reinheit und Gerechtigkeit. In „Die Kürschner und ihre Zeichen“, 1928. Selbstverlag, Berlin, S. 48–51
Die Materialien der Schweifdreher waren Reste, unter anderem von Fuchsfellen, Hasenfellen, Kaninfellen, Ziegenfellen, Wolfsfellen oder Ähnlichem. Es wurden auch Schweife aus ganzen Ziegenfellen gedreht, die unter der Bezeichnung „Fuchslinschweife“ gehandelt wurden.Anmerkung: Das Pelzlexikon XXI nennt gleichzeitig Kidfelle (aus ganzen Ziegenfellen, Kidfellen (Fuchslinschweife) gedreht), das sind die Felle junger Ziegen. Es ist nicht ohne Weiteres ersichtlich, wie daraus Schweife, insbesondere Fuchsschweifimitationen, hergestellt werden können. Eine Erwähnung von Philipp Manes verwirrt fast noch mehr?: „Die Verwendung der Ziege blieb nicht nur auf die Herstellung von Decken beschränkt, der Schweiffabrikant widmete ihr seine ganze Aufmerksamkeit, für billige Konfektionsartikel wurden Ziegenschweife in großen Mengen angewandt – sie kosteten nur wenige Pfennige.“ Philipp Manes 2: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 3. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 18 (Kollektion G. & C. Franke) Um 1900 waren die sonst wenig begehrten Zibetkatzenfelle auf einmal sehr gesucht, sie wurden, skunksartig eingefärbt, in schmale Streifen geschnitten und zu Schweifen gedreht und dienten als Ersatz für die teuren Fuchsschweife.
mini|Originaltext (ca. 1905): „Zum garnieren von Hermelin oder mit Hermelin besetzten Sachen, lassen sich gefällige Motife aus Hermelin herstellen. Fig. I zeigt eine Frange als Abschluss einer Etole. Es werden Streifen aus Hermelin der Länge nach geschnitten und rund, ungefähr eine Schweifstärke, über eine Schnur verzogen. Dann werden diese Schnüre nach einem Muster auf ein Brett gesteckt, mit Knoten aus Seiden oder Genillenpassementerie befestigt und als Abschluss Schweife angenäth. Diese Knoten aus schwarzer oder weisser Passementerie dienen um die zusammengehefteten Stellen zu bedecken und gleichzeitig als Zierde. Fig. 2 + 3 sind als Garnitur für die Brust von Etolen oder Mänteln gedacht. Die Herstellung ist dieselbe. Fig. 4 + 5 sind als Besätze für Kleider (Brautkleider, Ball u. s. w.) bestimmt. Die Einfasstreifen sind einfach Pelz, die Vergitterung rund verzogen gedacht.“ mini|Die Schauspielerin Geneviève Lantelme mit Garnituren aus Hermelin- und Marderschweifen (nach 1900)
Die maschinelle Ausstattung der Betriebe bestand im Wesentlichen, außer der Schweifdrehmaschine und, allerdings in viel kleinerem Ausmaß, aus den gleichen Maschinen wie die der Pelzzurichter und Pelzfärber. Das waren Zentrifugen, Läutertonnen, Schütteltonnen und Farbfässer.
Ein Kürschnerfachzeitschrift beschrieb nach 1900 die Schweif- und Boadrehmaschine:Paul Larisch / Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk, Selbstverlag Paris. III. Teil, Zweite verbesserte Auflage, S. 56.
Bei dem Aufdrehen von Boas aus rauchem Pelzwerk, wie Bär, Wolf, Fuchsschweife, u. s. w., wird als Füllung gewöhnlich eine starke Schnur oder ein breites festes Band verwendet, das mit aufgelöstem Kautschuk bestrichen wird. Nachdem das untere Ende des Boas an die Schnur festgenäht wurde, beginnt von unten angefangen das Aufrollen des Fellbandes. Indem man mit einer Hand das Fellband fest aufrollen lässt, streicht man mit der Anderen die Haare nach unten, damit möglichst wenig zwischen die Ringe eingeklebt werden.
Ist jedoch ein Boa aus flacherem Pelz, wie beispw. Pekan oder Zobelschweife zu drehen, so ist zunächst notwendig ein Füllung über einen Holzstab herzustellen die dem Boa die notwendige Stärke verleiht. Es ist immer anzuraten, das Fellband zunächst probeweise auf den Stab zu drehen um sich den Effekt des fertigen Boas vor Augen zu führen. Ist der Stab als die genügende Stärke befunden worden, reibt man ihn etwas mit Seife ein und spannt ihn in die Maschine. Ueber den Stab nun spannt man einen Streifen Atlas oder glattes festes Band mit Stecknadeln fest und rollt einen Zwirnfaden darüber. Dann werden die Nadeln herausgezogen, Kautschuk aufgestrichen und der Boa aufgedreht. Nachdem er genügend getrocknet ist, wird der Stab herausgezogen und der dadurch entstandene leere Raum mit Wolle ausgefüllt die man in der Stärke des Holzstabes, mittels einer schweren Nadel eingleiten lässt. Dann werden die beiden Hälften aneinandergenäht und die Enden durch Ansetzen eines passenden Stückes geschlossen. Gedrehte Boas müssen immer mit grosser Vorsicht gut ausgekämmt und mehrmals eingestrichen werden.
Größtenteils wurden die ungegerbten Fehschweife anfangs nur in Schweife gedreht, die zu Besätzen an Stolen, Muffen und anderem verwendet wurden. Ende der 1880er Jahre bis Mitte 1895 wurden aus den Fehschweifen fast ausschließlich lange Boas gedreht, die hauptsächlich nach England gingen. Etwa seit 1910 wurden daraus auch lange Streifen als Besatz gefertigt. Die schlangenförmigen, in einer Spitze endenden Boas aus Fell sowie Federboas waren insbesondere in den 1880er Jahren eine große Mode. Fehschweifboas waren gegenüber solchen aus Straußenfedern oder anderen Naturprodukten relativ preiswert, sie wurden häufig bis zu einer Länge von 2,75 Metern hergestellt.
Auch waren die Muffe, Schulterkragen, Capes und Stolas aus gedrehten Fehschweifen durchaus dankbar im Tragen. Philipp Manes fiel ein großer Schal auf, der nach zwanzig Jahren noch wie neu wirkte.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 1. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 19, 21–22 (Kollektion G. & C. Franke). Anfangs wurden auch die Fehschweife noch mit der Hand auf Schnüren zusammengesetzt. Es war eine unerlässliche Bedingung, dass diese Schnüre aus bestem Material bestanden, ganz glatt waren und nicht den geringsten Knoten enthielten. So bezahlte man den für damalige Zeiten hohen Preis von 3,50 Mark für 500 Gramm Schnur.
Die Schweifdrehmaschine für den Kürschner wurde an anderer Stelle so beschrieben:
Bei der Verarbeitung der Pelze bedient sich der Kürschner einer einfachen Drehvorrichtung, mittels welcher er durch spiralförmiges Aufwinden dünner Fellstreifen von Hasenwammen, Ziegen usw. einen Walzenköper zusammenwindet, der wie eine Rundbürste aussieht. Die Achse dieses Zylinders wird durch einen Hanffaden gebildet. Die Vorrichtung lässt sich an jedem Nähmaschinengestell anbringen und durch dessen Tretmechanismus bedienen.A. Ginzel: Maschinen und Apparate der Rauchwarenveredlung. In: „Der Rauchwarenmarkt“ Nr. 3/4, Leipzig 16. Januar 1942, S. 7
In seinen Memoiren schreibt der Leipziger Rauchwarenkaufmann Walter Krausse über den Gründer seines Unternehmens, den sehr innovativen Rauchwarenhändler Friedrich Erler: „Ob Gottl. Friedr. Erler auch die Schweifdrehmaschine erfunden hat, auf der sich später eine weitere jetzt selbständige Industrie aufbaute, konnte ich nicht feststellen. Eine bei unserer Firma noch vorhandene, ziemlich ursprünglich anmutende Maschine möchte dies aber vermuten lassen.“Walter Krausse: Fünfzig Jahre Kaufmann in der Reichsmessestadt Leipzig. Selbstverlag Leipzig April 1941, S. 60. Anmerkung: Der bereits vorher als Kürschner und Einzelhändler selbständig tätige Erler gründete 1876 zusammen mit dem Chemiker Adolph Sieglitz die Pelzfärberei Sieglitz & Co, später die Sealbraunfärberei Erler & Co, die er bald wieder aufgab. Die Stammfirma lief auch bis nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen des Firmengründers Friedr. Erler.
Anfangs gab es nur einzelne Schweifdreher, einige größere Produktionen bestanden in den 1870/1880er Jahren in Berlin. Nach einer Aussage aus dem Jahr 1913 waren die Schweif- und Boadreher allerdings bereits auf der Ostermesse des Jahres 1833 „lebhafte Käufer natureller Fehschweife, neben den bereits damals bereits erfundenen preismachenden Fellspekulanten ohne Fachkenntnisse“.H. Werner: Die Kürschnerkunst. Verlag Bernh. Friedr. Voigt, Leipzig 1914, S. 25.
Der Handel mit Fellstücken wurde schon immer weitgehend von griechischen Händlern ausgeübt, die ihre in Deutschland eingekaufte Ware in ihre Heimat in die beiden Kürschnerorte Kastoria und das nahe gelegene Siatista exportierten. So lag um 1911 auch die Fabrikation von imitierten Hermelinschweifen und Skunksschweifen ganz in griechischen Händen, Skunksschweife machten den teureren Fehschweifen bald erhebliche Konkurrenz. Es entstand nun, insbesondere in Leipzig, eine eigene Schweifindustrie, in der Höchstzeit nach 1900 beschäftigten sich 26 Betriebe damit. Die bekanntesten davon waren Otto Jähnichen & Co., L. Nomis & Co., Gebr. Jährling, G. Berger, Buslik G. m. b. H., die Raja Werke AG u. a. Bis auf die Herstellung von Ziegenschweifen verlagerte sich auch die Berliner Schweifproduktion nach Leipzig und bediente von dort den gesamten Weltmarkt, der große Abnehmer war anfangs England, in Amerika begann man sich erst etwa Anfang der 1920er Jahre nennenswert dafür zu interessieren. Allerdings warb 1897 der Leipziger Max Rabe bereits in einer amerikanischen Fachzeitschrift für seine gedrehten Feh- und Fuchsschweife und Fellreife.Inserat in: Cloaks and Furs Nr. 10. New York, April, 1897, S. 47. Abgerufen am 29. März 2020. 1929 bestanden noch 16 Leipziger Schweiffabriken.Kurt Nestler: Rauchwaren- und Pelzhandel. Max Jänecke Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1929, S. 8 Die Firmen B. Buslik, Leon Nomis und S. Goldstaub erlangten später auch als Konfektionäre Bedeutung. Für viele der Unternehmen bedeutete die Judenverfolgung des Nationalsozialismus das Aus. Auch der wesentliche Berichterstatter über die deutsche Rauchwarenwirtschaft einschließlich der Schweifdreherei, Philipp Manes, wurde mit dem letzten Transport aus dem Ghetto Theresienstadt ins Vernichtungslager KZ Auschwitz-Birkenau überführt und dort ermordet.
mini|Alter Restbestand gefärbter, gedrehter Fehschweife eines Fellhändlers (ca. 2005)