mini|hochkant|Urs Widmer (2012) rahmenlos Urs Widmer (* 21. Mai 1938 in Basel; † 2. April 2014 in Zürich) war ein Schweizer Schriftsteller, Lektor und Übersetzer.Urs Widmer. In: Kürschners Deutscher Literatur-Kalender 2014/2015: Band I: A–O. Band II: P–Z. Walter De Gruyter, 2014, ISBN 978-3-11-033720-4, S. 1139–1140.

Leben

Urs Widmer wurde als Sohn des Übersetzers, Literaturkritikers und Gymnasiallehrers Walter Widmer in Basel geboren. Aufgrund der Tätigkeit seines Vaters kam Widmer schon als Kind in Kontakt mit der Literatur und dem Literaturbetrieb. So war der deutsche Autor und Nobelpreisträger Heinrich Böll häufiger Gast im Hause Widmer. Widmers Deutschlehrer am Realgymnasium Basel war der Autor Rudolf Graber. Sein Vater starb jedoch schon 1965. Widmer studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte an den Universitäten von Basel, Montpellier und Paris. 1966 wurde er in Basel bei Heinz Rupp mit der Arbeit 1945 oder Die «neue Sprache». Studien zur Prosa der «jungen Generation» promoviert. mini|Widmers Grab mit dem Grabstein in der Form eines offenen Buches, auf dem Friedhof Enzenbühl, Zürich Anschliessend begann Widmer als Verlagslektor zunächst beim Walter Verlag in Olten, wechselte dann nach Deutschland zum Suhrkamp Verlag, wo er u. a. Peter Handke lektorierte. Den Verlag verliess er bald wieder, nicht aber die Stadt Frankfurt am Main, wo er von 1967 bis 1984 als freier Schriftsteller lebte, ehe er wieder in die Schweiz zurückkehrte. Während seiner Zeit in Frankfurt schrieb er Kritiken für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und lehrte als Dozent für neuere deutsche Literatur an der Universität Frankfurt. 1968 debütierte Widmer als Schriftsteller mit der Erzählung Alois. 1969 gehörte er zu den Mitbegründern des Verlags der Autoren, durch den seine Theaterstücke noch heute publiziert werden.

Widmer war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Bensheim, der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg und Mitglied im Grazer Forum Stadtpark.

Urs Widmer verstarb am 2. April 2014 nach schwerer Krankheit und wurde auf dem Friedhof Enzenbühl in Zürich begraben. Bis zu seinem Tod lebte er überwiegend in Zürich. Er war mit der Psychoanalytikerin May Perrenoud verheiratet und Vater einer Tochter.Urs Widmer 1938–2014. In: linsmayer.ch.

Sein Archiv befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Werk Urs Widmers umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Hörspiele. Er galt als einer der vielseitigsten Schweizer Autoren der Gegenwart. Die Stärke seiner Werke liegt im fantasievollen, ironischen Ausspinnen trivialer Handlungsschemata der klassischen Abenteuer- und Reisegeschichte bis hin zur Parodie und zum Surrealen. Widmer wollte «Fiktion» schreiben, dabei aber auch «möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden lassen».Die Wieder(er)findung der deutschen Sprache. ORF1, 15. Mai 2008. Mit seinem Werk gelang ihm nicht selten ein Brückenschlag zwischen U und E, zwischen avantgardistischem Gestus und Büchern mit Bestsellerpotenzial. Die Jury des Friedrich-Hölderlin-Preises 2007 bemerkte, eine Stärke von Widmers Texten sei «der Wechsel der Töne […]: Ironie und Satire stehen neben surrealer und realistischer Präzision».

Ab 2000 wiesen viele von Widmers Werken autobiografische Bezüge auf. Zu seinen grössten Publikumserfolgen zählt seine (pseudo-)autobiografische Trilogie über seine Mutter (Der Geliebte der Mutter, 2000), seinen Vater (Das Buch des Vaters, 2004) und sich selbst (Ein Leben als Zwerg, 2006). Darin werde deutlich, wie das doppelbödige Spiel seiner Eltern – eine burleske Fassade vor einem ernsten Hintergrund – auch seinen späteren Schreibstil beeinflusst habe. Läse man den Roman Der Geliebte der Mutter als autobiografischen Text, so würde der Autor darin damit kokettieren, der Sohn des einflussreichen Schweizer Unternehmers und Dirigenten Paul Sacher zu sein. Die Ambiguität des Textes zwingt nicht zu einer solchen Lesart, hält sie aber offen.

Sein erfolgreichstes Theaterstück Top Dogs, eine Sozialsatire, präsentierte Widmer mit dem Regisseur Volker Hesse beim Berliner Theatertreffen 1997. Aus entlassenen Führungskräften, den sogenannten «Top Dogs», werden dort «Underdogs». In einem Outplacement-Center erleben sie das Grauen und das Groteske, das sie anderen durch ihre Entlassung zugefügt haben, an sich selbst.

Ausserdem war Widmer wie schon sein Vater als Übersetzer tätig. So übersetzte er eine Vielzahl an Werken französischer und englischsprachiger Autoren.

Auszeichnungen und Ehrungen

Werke Prosawerke

Essays, Vorlesungen und Sachbücher

Theaterstücke

König der Bücher. Komödie. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2014. Uraufführung Theater Rigiblick, Zürich 2014

Hörspiele/Radiosendungen

Herausgaben Seán O’Casey: Eine Auswahl aus den Stücken, der Autobiografie und den Aufsätzen. Zürich 1970 Gottfried Keller: Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Berlin 1989

Übersetzungen mit Peter Stein: Jean Cayrol: Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr. Olten u. a. 1965. Raymond Chandler: Das hohe Fenster. Zürich 1975. Joseph Conrad: Herz der Finsternis. Mit dem Kongo-Tagebuch und dem Up-river Book sowie einem Nachwort im Anhang, neu übersetzt. Haffmans, Zürich 1992, ISBN 3-251-20123-9. Alexandre Dumas: Die Rache der Marquise. Frankfurt am Main 1995. Edward Gorey: Das Vermächtnis der Miss D. Awdrey-Gore. Zürich 1974. Edward Gorey: Die weiche Speiche. Zürich 1978. Daniel Guérin: Die amerikanische Arbeiterbewegung 1867–1967. Frankfurt am Main 1970. Pierre Halet: Little boy. Frankfurt am Main 1970. Eugène Labiche: Das Glück zu dritt. Frankfurt am Main 1969. mit Hans Carl Artmann: Michael McClure: Der Bart. Frankfurt am Main 1971. Hyacinthe Phypps (Pseudonym von Edward Gorey): Das jüngst entjungferte Mädchen. Zürich 1975.

Literatur Benita Cantieni: Schweizer Schriftsteller persönlich. Huber, Frauenfeld 1983, ISBN 3-7193-0883-9, S. 127–141. Ursi Schachenmann (Hrsg.): «Top dogs». Entstehung – Hintergründe – Materialien. Zürich 1997, ISBN 3-9521287-1-6. Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Urs Widmer. Edition Text + Kritik (text + kritik, Band 140). München 1998, ISBN 3-88377-587-8. Simplice Agossavi: Fremdhermeneutik in der zeitgenössischen deutschen Literatur. St. Ingbert 2003, ISBN 3-86110-339-7. Barbara Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken. Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-631-50649-X.

Winfried Giesen (Hrsg.): Urs Widmer – Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Begleitheft zur Ausstellung 16. Januar – 2. März 2007, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Erfurt 2006, ISBN 3-86680-086-X. Winfried Stephan, Daniel Keel (Hrsg.): Das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch. Urs Widmer zum 70. Geburtstag. Diogenes Verlag, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-06674-6. Christophe Bourquin: Schreiben über Reisen. Kap. 1.2: Zur ars itineraria bei Urs Widmer. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3475-9, S. 10–15, Anm. 8 (sehr detaillierte Liste neuer Veröffentlichungen, bei Google Books lesbar). Roman Bucheli: Ein fröhlicher Melancholiker. Mit weiteren Buchrezensionen und Theaterkritiken zu Widmer. In: Neue Zürcher Zeitung. 21. Mai 2008. Pia Reinacher: Immer mit der Nase am Grenzzaun der Erkenntnis. In: FAZ. 21. Mai 2008, abgerufen am 17. März 2012.

Weblinks

Archiv Urs Widmer in der Datenbank HelveticArchives bzw. als Online-Inventar (EAD) des Schweizerischen Literaturarchivs

Urs Widmer in Swisscovery, dem schweizerischen Suchportal der wissenschaftlichen Bibliotheken

«Kafka war nie ein Käfer». Interview mit Urs Widmer. In: Titel-Kulturmagazin. Abgerufen am 8. Juli 2018. Urs Widmers Reflexion zu J. S. Bachs Kantate Schwingt freudig euch empor. Im YouTube-Kanal der J. S. Bach-Stiftung, abgerufen am 6. Dezember 2017. Franziska Schürch: Urs Widmer. In: Gemeinde Lexikon Riehen Nachrufe Roman Bucheli: Zum Tod von Urs Widmer. Schreiben gegen die Furien des Verschwindens. In: Neue Zürcher Zeitung. 3. April 2014, abgerufen am 6. Dezember 2017. Nicola Steiner: Urs Widmer verachtete das Lachen nie. In: SRF 1. 3. April 2014, abgerufen am 6. Dezember 2017 (mit Links auf weitere Sendungen). Pirmin Meier: «Doktor der Sehnsucht». Zum Tode eines Meisters der gegenwärtigen Literaturszene. In: Schweizer Monat. 8. April 2014, abgerufen am 6. Dezember 2017. Literarisches Portrait von Sabine Haupt und Roland Zag.

Einzelnachweise

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