Nordhumbrisch () war ein Dialekt der altenglischen Sprache, der im Königreich Northumbria gesprochen wurde.
Geographische Verbreitung mini|Altenglische Dialekte (dargestellt ist die Unterteilung in vier Dialektregionen nach Baugh/Cable und Obst/Schlemann. Weimann unterscheidet hingegen fünf Dialekte durch Ausgliederung des Ostanglischen.K. Weimann: Einführung ins Altenglische. UTB Quelle & Meyer, Heidelberg/Wiesbaden 1995, S. 36.)
Seine Verbreitung reichte vom Fluss Humber nach Norden bis zum Firth of Forth.Albert C. Baugh, T. Cable: A History of the English Language. Routledge, Abingdon 2002, S. 54.
Dieses Gebiet wurde nach der Landnahme der Angelsachsen von den Angeln besiedelt, ebenso wie die südlich des Humber gelegenen Gebiete, in denen Merzisch gesprochen wurde. Diese beiden Dialekte haben also bestimmte gemeinsame Charakteristika.Albert C. Baugh, T. Cable: A History of the English Language. Routledge, Abingdon 2002, S. 53.
Da es keine Möglichkeit gibt, den gesprochenen Dialekt direkt nachzuweisen, ist man auf die Analyse der Besonderheiten altenglischer Handschriften angewiesen, die in diesem Gebiet entstanden. Bedeutende oder zumindest bekannte Schreibstuben bzw. Verwaltungszentren waren: Lindisfarne, 635–793 (–875), 1082– Whitby, 657–867, 1077– Wearmouth-Jarrow, 674–794 (–860) Hexham, 674–875, 1050– York (als Sitz des Erzbischofs seit 735 und als Sitz der Könige von Deira und später Northumbria), 626 - Durham Coldingham (Berwickshire) Hartlepool, 640–800
Charakteristika Bei der Betrachtung dialekttypischer Charakteristika ist die Klassifizierung als "nordhumbrisch" oder "anglisch" (also dem nordhumbrischen und merzischen gemein) nur als Hilfsvorstellung zu verstehen. In der Realität gibt es keine geographisch randscharfen Dialektmerkmale, die für alle Kennzeichen (Vokabular, Lautstand, Flexion usw.) die exakt gleiche Verbreitung haben. Vielmehr handelt es sich in der Regel um Häufigkeiten bestimmter Schreibungen, die in der einen oder anderen Region bzw. einer Handschrift einen Schwerpunkt bilden. Dabei können auch innerhalb derselben Textquelle Merkmale verschiedener Dialekte vorkommen.P. R. Kitson: The nature of Old English dialect distributions, mainly as exhibited in charter boundaries. In: Jacek Fisiak (Hrsg.): Medieval Dialectology. (= Trends in Linguistics - Studies and Monographs. 79). 1995, S. 43. Abkürzungen in den folgenden Abschnitten: ws. = westsächsisch, germ. = germanisch, wgerm. = westgermanisch.
Wortschatz Ausgewählte Beispiele:
nordhumbrisch: æc-soð, afreon, aweorðan, asald, astyltan, bæersynnig, basnung, carr, dærstan, deadian, druncenig, drysn(i)an, eftbehealdan, eftsellan, eftersona, eftgemyndig, forlonge, forwost, hoga, infindan, leohtisern, ofergiwian, ofstigan, ondælan, sunset, towesan, untrymig, winnung uvm.F. Wenisch: Spezifisch anglisches Wortgut in den nordhumbrischen Interlinearglossierungen des Lukasevangeliums. C. Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1979, S. 325 ff. nordh. ēa aus germ. *ahwō 'water'
anglisch: bebycgan (verkaufen, ws. sellan), nemne (wenn nicht, ws. butan), -berende (versehen mit, ws. baere), z. B. atorbaerende (giftig, ws. atorbaere), oferhygd (Überheblichkeit, ws. modignys) acweðan, æswic, basnian, cofa, edwitan, embeht (ambeht), forcuman, geornness, giestærn, heonu, lixan, morðor, nænig, sceððan, symbel, telge, ðeofend, ðreat, wæccan, westig, wohfull, ymbsellan uvm.
Flexion nordhumbrisch: Infinitivendung -n entfällt häufig Präsensendungen auf -es nordhumbrische Form der 1. Pers. Sg. von habban: hafa (ws. haebbe) in Waldere, Fragment B (generell ist im nicht-ws. die 1. Pers. Sg.: -u, -o, -a) im Paradigma der starken Verben steht -s (meist realisiert als -st) nicht nur in der 2., sondern auch der 3. Pers. Sg. (Ursache ungeklärt). Daraus entwickelt sich ne. -s. Nom. Pl. exen (statt z. B. merzisch oexen, Nullstufe der Protoform germ. *uksnes) Beibehaltung der Nullstufe Gen. Sg. -ur/-or im altengl. Wort für 'father' 1. Pers. Pl. Possessiv ūsa (auch heute noch zwischen York und Stafford gebräuchlich) Akk. Sg. þene (neben þone) (e-Vokalismus im Akk. Sg.) seltene nordhumbrische Form 2. Pers. Sg. 'is' (vermutlich 3. Pers. Sg. benutzt für 2. Pers.)
anglisch: Nom. Akk. Pl. der ō-Stämme: -e im Anglischen (-a in ws.), aus dem ursprünglichen Akk. germ. *-ōns reduplizierte Präterita heht ('called'), leolc ('played'), leort ('let'), reord ('advised') häufiger r-Formen in 'to be' z. B. (e)aron 1. Sg. beom ('am') dedon neben dydon ('did') Ausbreitung von germ. *waljan ins Verbparadigma von 'will' (Präteritum angl. walde, altsächs. walda)
Lautentwicklung und Phonologie nordhumbrisch: Konjunktivform wælle statt ws. wille Zusammenfallen der Hinterzungenvokale a und o/u zu Schwa ab dem 10. Jhdt. (ws. erst ab 11. Jhdt.)
anglisch: die anglische Ebnung ("smoothing") macht durch die Monophthongierung des Brechungsdiphthongs vor velaren Konsonanten die Brechung von westgerm. *[e] rückgängig: e vor [x] (berht statt beŏrht in Boethius, Vom Trost der Philosophie, Versfassung Ms. Cotton Otho A. VI, eigentl. ws. Text) vor den velaren Konsonanten [k], [ɣ], [x] wird der Diphthong [æa] zu [e:], z. B. wird eac zu ēk, vgl. dazu auch im Mittelengl.: Geoffrey Chaucer: Canterbury Tales, Introduction – The General Prologue, Zeile 5: "Whan Zephirus eek with his sweete breeth..." auch [eo] wird zu [e:] monophthongiert: sēc (statt seoc) vor [l] + Konsonant keine Palatalisierung westgerm. *[a] > altengl. [æ] (ald statt æld) keine Brechung von *[æ], sondern Wiederherstellung von [a] auch vor [r] in labialer Umgebung (innewardan statt innewærdan in Boethius, Vom Trost der Philosophie, Prosafassung Bodleian Ms. 180, eigentl. ws. Text) Bevorzugung von <o> statt <a> in späteren Texten für den denasalisierten Vokal [ɒ̃] wgerm. *[e] zwischen [w] und [r] + Konsonant entwickelt sich zu [ɔ], z. B. worpan in Ælfrics Lives of Saints, Leben der Heiligen Eugenia (eigentl. ws. Text); worc (statt weorc), hworfan (statt hweorfan) im Waldere, Fragment A (Ny kgl. saml. 167b) Erhaltung des Bindevokals in 3. Pers. Sg. Ind.: findeð (ws. fint), standeð (kein Umlaut des Wurzelvokals wie in ws. stent) in Waldere, Fragment B (Ny kgl. saml. 167b)
Sprachzeugnisse Es gibt nur wenige Sprachzeugnisse des nordhumbrischen Dialektes aus der altenglischen Periode. Die drei wichtigsten Quellen sind: die dem Priester Aldred zugeschriebene Interlinearglosse der Lindisfarne Gospels (Codex Lindisfarnensis, Cotton Nero D. IV) aus der Zeit zwischen 950 und 970, die im spätnordhumbrischen Dialekt abgefasst ist, mit einer "Mischung aus konservativen Zügen und Innovationen".W. Obst, F. Schleburg: Lehrbuch des Altenglischen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, S. 255. Einige Beispiele für auffallende Wortformen sind ðone (statt westsächsisch þanon), ðe (statt se), usig (statt us), bedon (statt bædon), diwble (statt deofle). Weitere Besonderheiten im Wortschatz siehe oben im entsprechenden Abschnitt. Aldreds Interlinearglosse im sog. Durhamer Rituale. Durham Cathedral A. IV. 19; 2. H. 10. Jh., wahrsch. um 970 die Interlinearglosse im sog. Rushworth-Evangeliar (ausgenommen die Glossierung von Mt., Mk. 1-2,15 u. Joh. 18,1-3). Bodleian, Auct. D. 2.19; 2. H. 10. Jh., wahrsch. 950 - 970.
Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Death Song des Beda Venerabilis aus dem achten Jahrhundert, von welchem eine nordhumbrische Version in einer Kopie des neunten Jahrhunderts in Sankt Gallen vorliegt.Richard Marsden: The Cambridge Old English Reader. Cambridge University Press, Cambridge 2004, S. 167. Darin sind die Wörter aeththa (statt westsächsisch oððe) hiniongae (statt westsächsisch heonengange) neid (statt westsächsisch nēd) thoncsnotturra (statt westsächsisch þances snotera) ymbhycggannae (statt westsächsisch gehicgenne) wahrscheinlich typisch nordhumbrisch, und tharf (statt þearf) zumindest anglisch (also typisch nordhumbrisch und merzisch).Richard Marsden: The Cambridge Old English Reader. Cambridge University Press, Cambridge 2004, S. 168. (Die Schreibweise der Buchstaben thorn und eth als th (statt ð) sowie von ash als ae (statt æ) ist nicht dialekttypisch.)
Ebenfalls bekannt ist der Schöpfungshymnus von Cædmon, dessen erste Versionen im frühnordhumbrischen Dialekt vorliegen (die häufig zitierte Fassung aus Bedas Historia ecclesiastica repräsentiert jedoch eine westsächsische Form).Richard Marsden: The Cambridge Old English Reader. Cambridge University Press, Cambridge, 2004, S. 77. Erkennbare Dialektmerkmale sind:Richard Marsden: The Cambridge Old English Reader. Cambridge University Press, Cambridge 2004, S. 80. Beibehaltung des ungebrochenen a vor r+Konsonant: barnum (statt bearnum) Vokabular: aelda barnum (statt eorðan bearnum)
Nordhumbrische Dialektmerkmale tragen auch eine altenglische Runeninschrift aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts auf dem Urswick Cross, Furness (Cumbria).W. Obst, F. Schleburg: Lehrbuch des Altenglischen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, S. 245. Sie enthält geebnetes [e:] in bekun (statt beacn) und die Endung -s im Präsens des Verbparadigmas in gebidæs (statt gebiddað) (Imp. 2. Pers. Pl.). das Kreuz von Ruthwell.
Im "Northumbrian Gloss to the Gospel of St. Mark" sind u. a. zu beobachten:E. M. Lea: The Language of the Northumbrian Gloss to the Gospel of St. Mark. In: Anglia - Zeitschrift für englische Philologie. Vol. 1894, No. 16. altes redupliziertes Präteritum des starken Verbs ws. (on)-drædan erscheint ausnahmslos als ondreard arð neben ws. eart Gen. Pl. scæ (ws. scoe) Diphthonge ei und ai z. B. in fifteig, gefraign Metathesis von r vor ht, kommt im nordh. häufig vor: brehi statt berhto, frohto, frohtende, wrihtes (neben wyrihte und worhte) sehr regelmäßig Verlust von abschließendem inflektionalem -n dreimal hundrað neben hundradum fremðe neben fremde nordh. h statt finalem c in unbetonten Silben, z. B. ah, meh (neben mec), ðeh (neben ðec), usih (neben usic)
Schließlich kann auch die harte Aussprache des c, zum Beispiel in cald ('cold') gegenüber der weichen Aussprache ċald / ċeald, die sich im Westsächsischen entwickelt, als nordhumbrisches (und zugleich merzisches) Dialektmerkmal gesehen werden.Richard Marsden: The Cambridge Old English Reader. Cambridge University Press, Cambridge 2004, S. xxxiii. Nach der normannischen Eroberung wurde diese Aussprache zum englischen Standard.
Solche Einzelnachweise repräsentieren jedoch immer eine bestimmte Entstehungszeit und eine Schreibschule. Die mundartliche Gliederung Englands dürfte wesentlich komplexer gewesen sein, als es die vereinfachende Darstellung in vier oder fünf Dialekte suggeriert – eine "Reinform der postulierten Dialekte" war praktisch nicht existent.W. Obst, F. Schleburg: Lehrbuch des Altenglischen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, S. 22. Stattdessen kann und muss für jedes sprachliche Einzelmerkmal eine eigene geographische und zeitliche Verteilung betrachtet werden.P. R. Kitson: The nature of Old English dialect distributions, mainly as exhibited in charter boundaries. In: Jacek Fisiak (Hrsg.): Medieval Dialectology. (= Trends in Linguistics - Studies and Monographs. 79). 1995.
Historische Entwicklung