miniatur|Folleterre Sanctuary der Radical Faeries in Frankreich Die Radical Faeries (auch Faeries) (englisch für „Radikale Tunten“, wörtlich „Radikale Feen“) sind eine weltweite lose durch ein soziales Netzwerk miteinander verbundene Gemeinschaft, welche die Nachahmung des heteronormativen Lebensstils ablehnt und eine Neubestimmung von queerer Identität durch Interesse an Spiritualität in einem weiten, undogmatischen Sinn anstrebt.
Der englische Ausdruck Radical Faeries oder Faeries wird auch im deutschsprachigen Raum verwendet. Eine Gruppe von Faeries bezeichnet sich selbst manchmal als „tribe“ (deutsch: Stamm) oder „circle“ (deutsch: Kreis).
Radical Faeries sind teils progressive soziale Bewegung, Gegenkultur-Bewegung und grünpolitisches ExperimentPeter Hennen: Faeries, Bears, and Leathermen. University of Chicago Press 2008, ISBN 978-0-226-32727-3 mit ökologischem Bewusstsein. Den Faeries geht es um die Überwindung von Konventionen, Maskulinismus und traditionellen Geschlechterrollen zugunsten von Respekt und Achtsamkeit im Umgang miteinander, Akzeptanz und Bewahrung der Identität, sowie Verbundenheit mit der Natur in allen Erscheinungsformen.
Die Faerie-Kultur ist undefinierbar vielfältig; aber sie enthält ähnliche Elemente wie Marxismus, Feminismus, Heidentum, Native American und New-Age-Spiritualität, Anarchismus, die mythopoetischen Männerbewegung, radikaler Individualismus, die therapeutische Kultur der Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung, erdgebundenen Bewegungen zur Unterstützung von Gemeinschaften für nachhaltige Entwicklung, spirituelle Feierlichkeit verbunden mit Camp-Sensibilität, Gay-Liberation und Drag.
Radical Faeries verkörpern heute eine Vielfalt von Geschlechtern, sexuellen Orientierungen und Identitäten und variieren je nach Ort. Radical-Faerie-Gemeinschaften sind in der Regel durch indigene, heimische oder traditionelle Spiritualität inspiriert, vor allem durch diejenige, welche Genderqueer integriert.Marc Stein (Hrsg.): Encyclopedia of lesbian, gay, bisexual, and transgender history in America. Charles Scribner’s Sons 2004, ISBN 978-0-684-31264-4. Sie sind als erste gay-zentrierte spirituelle Bewegung ein weltweites Phänomen.
Begriff miniatur|Harry Hay – links unten (mit Kappe) – San Francisco, Juni 1986 Die Faeries führen ihren Namen auf die Spiritual Conference for Radical Fairies von 1979 zurück. Es war Harry Hay (1912–2002), der in den 1970er Jahren als erster das Wort „Faerie“ mit dieser neuen Form von gleichgeschlechtlichem Bewusstsein in Verbindung gebracht und den Namen „Radical Faerie“ für die aufkeimende Bewegung verwendete.
Der Begriff „Faerie“ wurde in Bezug auf die unsterblichen Geister der europäischen Folklore im Animismus und aufgrund der Tatsache, dass „fairy“ eine abwertende umgangssprachliche Bezeichnung für männliche Homosexuelle war, gewählt.Stuart Timmons: The Making of a Tribe. in Mark Thompson The Fire in the Moonlight: Stories from the Radical Faeries. 1975–2010, White Crane Books 2011, S. 33 Das Wort „Radical“ bezieht sich auf Hays politisch extreme Sicht. Laut Hay und Don Kilhefner wurden die Radikal Faeries teils auch deswegen geschaffen, damit schwule Männer sich selbst neu definieren können „outside of the slave name ,homosexual‘“.Mark Thompson, Don Kilhefner: über den 30sten Jahrestag des ersten Radical Faerie Gatherings
Geschichte miniatur|Radical Faeries beim Gathering in Breitenbush Die Radical Faerie Bewegung begann in den 1970er Jahren unter schwulen Männern in den Vereinigten Staaten während der sexuellen Revolution und Gegenkultur-Bewegung.Mark Thompson: Remembering Harry in The Advocate (hier publiziert) Sie weitete sich zusammen mit der größeren Schwulenbewegung aus, indem sie gegen die Kommerzialisierung und die patriarchalen Aspekte des modernen LGBT-Lebens bei der Ausübung von heidnischen Bräuchen und Ritualen auftraten.
Die Spiritual Conference for Radical Fairies von 1979 wurde von Harry Hay und seinem Partner John Burnside zusammen mit dem Aktivisten Don Kilhefner und dem Jung-Therapeuten Mitch Walker in Benson, Arizona, organisiert „um den kommende Paradigmenwechsel im schwulen Bewusstsein zu entdecken“ und zog mehr als 200 Teilnehmer an. In der Folge hielten Teilnehmer öfter mehrtägige Veranstaltungen ab, die sie „Gatherings“ nannten. Im Einklang mit Strömungen der Zeit wie der Hippie-, Neopaganismus- und der Öko-Feminismus-Bewegung wurden die Treffen draußen in natürlicher Umgebung abgehalten.Mark Thompson: Leatherfolk: Radical Sex, People, Politics, And Practice. Daedalus Publishing 2004, S. 282, ISBN 1-881943-20-8 Zu diesem Zweck haben bestimmte Radical Faerie Gemeinschaften „Sanctuaries“ geschaffen, die close to the land sind.George Haggerty: Gay histories and cultures: an encyclopedia, 2. Taylor & Francis 2000, S. 1123, ISBN 0-8153-1880-4
Hay war ein politisch linker LGBT-Aktivist und 1950 Mitinitiator der Mattachine Society, der ersten schwulen Interessengruppe der USA. Als Kind wurde er durch Wovoka, dem Schamanen der Paiute-Indianer, der um 1890 die Geistertanzbewegung ins Leben gerufen hatte, von der Spiritualität der amerikanischen Ureinwohner geprägt. Zunächst hat Hay den Begriff „Bewegung“ bei der Definition der Radical Faeries abgelehnt und sie stattdessen als „Lebensweg“ für schwule Männer bezeichnet.Timmons, 2011, S. 32
Mitch Walker arbeitete an der Anwendung des Werks von Carl Gustav Jung auf die schwule Kultur. Er war inspiriert von der Idee des schwulen Schamanismus in der Tradition des Briten Edward Carpenter.
Das Buch von Gay Aktivist Arthur Evans (1942–2011) Witchcraft and the Gay Counterculture von 1978 hatte bedeutenden Einfluss auf die Radical Faerie Bewegung. In seinem Kapitel „Magie und Revolution“ schreibt Evans, dass es „die Rolle des schwulen Mannes sei, die Wiederherstellung unserer Kommunikation mit der Natur und der Mutter Erde, die wesentliche Verbindung zwischen Sex und den Kräften, die das Universum zusammen hält, zu fühlen. Wir freuen uns auf die Wiedererlangung unserer alten historischen Rolle als Medizinmänner, Heiler, Propheten, Schamanen und Zauberern.“
Geschichte in Europa miniatur|Radical Faeries Parade zur London Pride, Trafalgar Square Die Idee der Radical Faeries gibt es seit Beginn der 1990er Jahre auch in Europa, wo sie meist als Eurofaeries regelmäßig Treffen abhalten. 1995 wurde die Stiftung der Eurofaeries gegründet, um ein permanentes Sanctuary auf dem europäischen Kontinent mit dem Namen „Folle Terre“ (französisch für „verrückte Erde“) sicherzustellen. 2004 konnte sie „Folleterre“ kaufen: ein ehemaliges Bauernhaus und 15 Hektar Waldfläche in der Nähe von Ternuay in den Vogesen in Frankreich.
Das Eurofaerie-Netzwerk unterstützt oder organisiert jährlich Sitzungen, Treffen im städtischen Bereich, Workshops und internationale Gatherings in natürlicher Umgebung, wobei die meisten Aktivitäten anfangs auf Frankreich und die Niederlande konzentriert waren.
Je nach Region nennen sich einzelne Faerie-Circles in Europa teilweise unterschiedlich, zum Beispiel „Albionfaeries“ nach dem antiken Namen Albion für Großbritannien, „Rheingold Faeries“ im Rheinland, „Radical Faeries Vienna“ in Österreich.
Symbol der Eurofaeries
Das Symbol der Eurofaeries ist „der Schmetterling mit dem geschwungenen EF-Zeichen“ und steht für Veränderung, Wandel (englisch “transformation”), ein neues Bewusstsein, die nächste Zivilisationsebene. Die Veränderungen, zu denen die Faeriekultur befähigt, vollziehen sich meist auf individueller Ebene und wirken typischerweise therapeutisch. Das wachsende neue Bewusstsein steht auch für politisches Engagement in der Zukunft.
Philosophie miniatur|Banner mit der Philosophie der Radical Faeries Bei den Faeries gibt es „keine Hierarchie und keine zwingenden Dogmen“, umschreibt der Faerie Eilendes Wasser die Philosophie der Faeries.Feen der verrückten Erde, publiziert in WOZ Nr. 47/2009 am 19. November 2009.
Um ihre eigene Spiritualität zu schaffen, lassen sich Faeries von ethnischen Religionen wie denen der Aborigines, Indianer, der animistischen Folklore Europas und der alten Germanen und Kelten inspirieren. Besondere Inspiration leiten die Faeries aus dem indianischen Begriff „Two-Spirit“ ab, wo zwei Seelen (männlich und weiblich) in einem Körper vereint sind.
Respektvoller Umgang, Akzeptanz und Achtsamkeit bestimmen das Zusammensein der Faeries, daher spielen Aussehen und Alter keine Rolle. Ältere Faeries und der Alterungsprozess als solches werden von den Faeries neu und positiv bewertet. In der Faerie-Gemeinschaft wird mehr Wert auf gegenseitige Inspiration, die Absichten und den Schaffensprozess gelegt als auf Resultat und Effizienz.
Die Soziologin Margot Adler stellte in ihrer Studie über die heidnische Bewegung in den USA fest, dass die Faeries einen großen Wert auf die „transformative Kraft des Spielens“ legen. Sie glauben, dass spielerischem Verhalten eine Rolle innerhalb des Rituals zukommt, das zu einem veränderten Bewusstseinszustand führen könnte.Margot Adler: Drawing Down the Moon: Witches, Druids, Goddess-Worshipers and Other Pagans in America. London 1979/2006, Penguin. S. 361. ISBN 0-14-303819-2
Die Faeries stellen die erste spirituelle Bewegung dar, in der die Suche nach dem „gay spirit“ von zentraler Bedeutung ist und selbst die Quelle der Spiritualität, Weisheit und Initiation ist. Gründungs-Faerie Mitch Walker behauptet, dass die Radical-Faerie-Bewegung „wegen ihrer indigenen, gayzentrierten Natur ein Pionier einer neuen Ernsthaftigkeit von ‘gayness’, ihrer Tiefe und ihres Potenzial ist und daher eine neue Etappe in der Bedeutung der ‘Gay Liberation’ einläutet“.Mitch Walker: . White Crane Journal 34.
Faerie-Identität
Die Idee hinter den Radical Faeries ist, einen sicheren Ort zu schaffen, wo queere Menschen abseits des homosexuellen Mainstreams ihr wahres Wesen offen leben, wieder zu ihrem Ursprung zurückkommen und nützliche Modelle der Wirklichkeit entwickeln können. Die Faerie-Identität ist eine positive selbstbestimmte Identität, die von niemand anderen auferlegt wird. Jeder Einzelne bestimmt selbst in einem ständigen Prozess der Selbstprüfung und Selbsterkenntnis seine Faerie-Natur.
Die Frage nach der Faerie-Identität wird seit den Anfängen der Gemeinschaft von den Faeries diskutiert. Als gemeinsamer Nenner steht das „Anderssein“ und die Einzigartigkeit, frei von Ablehnung und Diskriminierung im Mittelpunkt der Radical-Faerie-Identität:
Das Konzept der Androgynie wurde von den Faeries verwendet, die ihm einen deutlich spirituellen Anstrich geben. Anstatt sich auf einen asexuellen oder omni-sexuellen Zustand zu beziehen, bedeutet Androgynität für die Faeries eine radikale Gegenüberstellung der Elemente des Männlichen und Weiblichen in psychologischen als auch physischen Ausdrucksformen. Cross-Dressing, Drag, geschlechtsuneindeutig mit sowohl männlichen als auch weiblichen Symbolen geschmückt, fließende Übergänge zwischen den Geschlechtern, spielerische Parodie als auch ernsthaftes soziales Engagement sind charakteristisch für den Umgang der Faeries mit der Geschlechtertrennung.
Subjekt-Subjekt-Bewusstsein