mini|Martha Stettler und Alice Dannenberg (links) mini|«Dans le Jardin du Luxembourg» mini|«Fex-Gletscher»Adelheid Fanny Martha Stettler (* 25. September 1870 in Bern; † 16. Dezember 1945 in Châtillon bei Paris) war eine Schweizer Malerin. Sie gehörte einer europäischen, postimpressionistischen Bewegung an, die weit über die Schweiz hinausführte, obschon sie in der Schweiz hauptsächlich als Berner Malerin wahrgenommen wird. Martha Stettler gehörte dem Berner Patriziergeschlecht der Stettler an. Sie besass damit das Burgerrecht der Stadt Bern. Sie war unverheiratet.

Leben und Werk

Kindheit und Jugend Martha Stettler war die zweite Tochter des Berner Architekten, Zeichners und Aquarellisten Eugen Stettler (1840–1913) und der Clara Stettler-von Fischer (1849–1927). Sie wuchs mit fünf Schwestern und einem Bruder auf. Ihr Vater, selber ein leidenschaftlicher Zeichner und Aquarellist, ermunterte Martha schon früh, sich künstlerisch zu betätigen. Die ersten erhalten gebliebenen Skizzenbücher stammen aus ihrem 13. Lebensjahr. Ihre bevorzugten Motive waren ihre spielenden Geschwister. Das Thema spielende Kindergruppen beschäftigte sie später immer wieder. Martha Stettler besuchte die Neue Mädchenschule in Bern, wo sie bereits methodischen Unterricht im Zeichnen erhielt. Mit ihrem zeichnerischen Talent sollte sie eine fundierte künstlerische Ausbildung bekommen, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Dass Stettler ihren Berufswunsch verwirklichen konnte, war in dieser Zeit eher unüblich, da Bürgerstöchter damals kaum auf eine Erwerbstätigkeit hin erzogen wurden.Vgl. Corinne Linda Sotzek: Die Spätimpressionistin Martha Stettler: im Spannungsfeld zwischen Malerei und Akademieleitung (1870–1945) (mit Werkverzeichnis). Dissertation, Universität Zürich, Zürich 2017.

Ausbildung

Künstlerische Anfänge Martha Stettler absolvierte in den Jahren 1886 bis 1891 eine Ausbildung an der Berner Kunstschule, die sich damals im Untergeschoss des Berner Kunstmuseums befand. Sie erhielt ihre künstlerische Grundausbildung mehrheitlich bei Wilhelm Benteli (1839–1924) und Paul Volmar (1832–1906). Das sogenannte akademische Zeichnen beinhaltete damals in erster Linie das Kopieren von Gipsabgüssen antiker Statuen, da für Frauen das Aktzeichnen nach dem lebenden Modell ausgeschlossen war. Im Kurs Landschaftliches Zeichnen fertigte sie Veduten der Stadt Bern vor Ort an, im Kurs Ornamentzeichnen entstanden architektonische Dekorationselemente, Schmuckentwürfe, Blumenmedaillons und reich geschmückte antikisierende Vasen.

An der Kunstschule lernte sie die neun Jahre ältere baltische Malerin Alice Dannenberg (1861–1948) kennen, die dort zwischen 1887 und 1891 eingeschrieben war. Aus einer anfänglichen Bekanntschaft entwickelte sich eine langjährige Lebensgemeinschaft. 1890 wurden Stettler und Dannenberg von der Kunstschule anlässlich des Wettbewerbs zum Thema «Kopf nach der Natur» prämiert. Stettlers Abschlussarbeit war vermutlich das Gemälde Stilleben mit Nyontasse, eine typische Akademiemalerei in der Tradition des holländischen Stilllebens mit kostbaren Gegenständen eines grossbürgerlichen Haushalts. Es belegt sowohl ihre handwerklichen wie auch künstlerischen Fertigkeiten und ist eines der wenigen datierten Werke. 1890 unternahm Martha Stettler eine Studienreise nach London mit anschliessendem Aufenthalt in Paris.

1892 wechselte sie an die École des Beaux-Arts in Genf, wo sich Alice Dannenberg bereits ein Jahr zuvor eingeschrieben hatte. Der Leiter der Abteilung für Bildende Kunst, Barthélemy Menn (1815–1893), genoss weitherum einen guten Ruf. Bei ihm durften auch Frauen beim Unterricht im Aktzeichnen teilnehmen. Stettler schrieb sich jedoch beim Landschaftsmaler Léon Gaud (1844–1908) und beim Karikaturisten Henri Hébert (1849–1917) ein. Aus dieser Zeit stammen einige ironische Bildergeschichten, Porträtkarikaturen und Sprachspötteleien, die jedoch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Im Sommer reiste Stettler mit ihrer Schwester Sarah, Alice Dannenberg und der Berner Malerin Caroline Müller zu Studienzwecken nach Frankreich, rund um den Genfersee und ins Wallis.

Pariser Lehrjahre 1893 zog die dreiundzwanzigjährige Martha Stettler mit Dannenberg nach Paris, wo die beiden in einer kleinen Mansardenwohnung an der Rue d'Assas 90 im Montparnasse-Quartier wohnten. Sie schrieben sich an der damals grössten privaten Kunstschule, der Académie Julian, ein. Dort zeichnete Stettler Akte, was in öffentlichen Schulen nur den Männern vorbehalten war. Allerdings musste sie dort doppelt so viel Schulgeld bezahlen wie ihre männlichen Kommilitonen und erhielt dabei weniger Korrekturleistungen ihrer Lehrer.

Das war wohl mit ein Grund, weshalb Stettler im Herbst 1894 auf Anraten ihres Vaters ins Meisteratelier des Malers und Illustrators Luc-Olivier Merson (1846–1920) wechselte. Merson war Martha Stettler bereits bekannt, da ihr Schwager, Gustav von Steiger (1867–1935), zwischen 1887 und 1896 zeitweise bei ihm arbeitete. Ausserdem lernte sie Mersons Arbeiten bereits 1890 auf ihrer Studienreise nach London und Paris kennen. Er bot einen umfassenden Zeichenunterricht ausschliesslich nach dem lebenden Modell an. Martha Stettler war dort in derselben Klasse wie der Schweizer Maler René Auberjonois. Sie widmete sich in dieser Zeit überwiegend in der Darstellung des menschlichen Körpers, was die Arbeiten aus dieser Zeit belegen. Neben vielen Bleistift-Akten malte die Bernerin bereits 1894 einen Rückenakt einer jungen Frau in Öl. Sie schien bereits nach wenigen Monaten die Ansprüche ihres Lehrers erfüllt zu haben, so dass sie sich in beiden Techniken üben durfte. Ausserhalb des Unterrichts fertigte sie Bleistiftskizzen aus ihrer unmittelbaren Pariser Umgebung an. Bevorzugte Motive waren zeitungslesende Männer auf einer Parkbank sitzend, Kindermädchen mit ihren Zöglingen und spielende Kinder im Jardin du Luxembourg. Daneben übte sie sich in der freien Natur in Landschaftsmalerei mit Ölfarben.

Bereits nach zwei Jahren durfte Stettler zum ersten Mal am Salon de la Société des Artistes Français teilnehmen (1896). Sie zeigte die Kaltnadelradierung Matinée d'Août und stellte sich gemäss Katalog als Schülerin des Kupferstechers Eugène-Jules Collier vor. 1897 nahm Stettler dann als Schülerin von Merson mit der Zeichnung Tête de jeune fille und bereits ein Jahr später mit einem Gemälde an diesem grossen Salon teil.

Nach vier Jahren stellte Martha Stettler fest, dass Merson sie nicht mehr entscheidend fördern konnte und so wechselte sie 1898 ins Atelier des französischen Malers Lucien Simon (1861–1945), der zu ihrem wichtigsten Mentor wurde. Simon stand damals am Anfang seiner künstlerischen Karriere und hatte schon früh die Maler der Künstlergruppe Nabis kennengelernt. Durch seine Malerfreunde Charles Cottet (1863–1925) und André Dauchez (1870–1948) sowie durch die Heirat mit einer Bretonin, entdeckte Simon 1890 die Bretagne als Bildmotiv. Seine Bilder, die das ursprüngliche Leben der bretonischen Bauern darstellten, beeinflussten auch Stettlers Motivwahl. Simon führte sie in die freie, impressionistische Ölmalerei ein. Dank ihm konnte sie sich vom Akademismus befreien und mit Farbe und deren Lichtwirkung experimentieren. Stettler kommentierte ihren Wechsel wie folgt: «Das war wie aus einem dämmerigen Zimmer in den Sonnenschein.». Durch Simon kam sie auch mit den aktuellen Strömungen im damaligen Paris in Berührung. Stettler konnten nun all die erworbenen Fähigkeiten und Einsichten für die Entwicklung ihres eigenen Stils über den Impressionismus hinaus entwickeln. Mit diesen neuen Werken versuchte sie über Ausstellungsteilnahmen am überaus lebendigen europäischen Kunstbetrieb zu partizipieren.

Ab 1898 reiste Stettler mehrmals nach Venedig und traf dort um 1900 auf den deutsch-englischen Maler Walter Sickert (1860–1942). Bei mehreren Werken ist eine Zusammenarbeit belegt, Sichert und Stettler malten beispielsweise die Fassade von San Marco vom selben Blickwinkel aus.

Nachdem Martha Stettler vier Jahre im Atelier von Lucien Simon gearbeitet hatte, gründete sie mit Gleichgesinnten einen Malzirkel, in dem Simon und Claudio Castelucho regelmässig Korrekturstunden gaben.

Berufsleben

Akademieleitung Der von Martha Stettler mitbegründete Cercle bekam rasch Zulauf und so beschloss man, daraus eine Akademie zu formen. Aus Platzgründen erfolgte 1902 ein Umzug an die Rue de la Grande Chaumière 14 statt. Die Akademie erhielt damit den Namen Académie de la Grande Chaumière, an der später u. a. Tamara de Lempicka, Alexandra Exter, Alberto Giacometti, Hans Hofmann, Isamu Noguchi und Meret Oppenheim studierten. 1909 übernahm Martha Stettler gemeinsam mit Alice Dannenberg die administrative Leitung der Grande Chaumière. Stettler übte die Funktion als Schulleiterin parallel zu ihrer künstlerischen Tätigkeit aus und war am erfolgreichen Aufbau der Akademie massgeblich beteiligt, bis sie ihre Funktion als Leiterin zwischen 1943 und 1944 aufgab.

Künstlerische Karriere Martha Stettlers Erfolge in der Kunstwelt liessen lange auf sich warten, sie war deshalb auf die finanzielle Unterstützung ihrer Familie angewiesen. Von 1893 bis 1899 bewarb sie sich erfolgreich für ein Stipendium beim renommierten Fonds von Anna Elisabeth Ochs (1791–1864), der im 19. Jahrhundert für Bernburger Künstlerinnen und Künstler eingerichtet worden war, die ihre Studien im Ausland weiterführen wollten. Erst in den 1910er-Jahren konnte sich Stettler als Künstlerin sowohl in Frankreich wie auch in der Schweiz etablieren. Es war eine äusserst produktive und eine sowohl persönlich wie künstlerisch sehr erfolgreiche Zeit, in der sie ihr Hauptwerk schuf. Es bestand schwerpunktmässig aus französischen Parkansichten, Interieurs und Kindermotiven sowie aus Schweizer Berglandschaften in einer auf dem Impressionismus aufbauenden Malweise. Damit traf sie den damaligen bürgerlichen Kunstgeschmack der kaufkräftigen Kundschaft.

1913 starb ihr Vater, mit dem sie sehr verbunden war. Dies führte zu einem rund einjährigen Unterbruch ihres Schaffens. Am Ende des Trauerjahres begann sie wieder mit einem posthumen Porträt ihres Vaters und als sie ihre künstlerische Tätigkeit wieder intensivieren wollte, brach der Erste Weltkrieg aus. Stettler und Dannenberg blieben trotz schwierigen Zeiten in Paris, wo sie sich eine gemeinsame Existenz aufgebaut hatten. Die Einkünfte aus der Académie sicherten ihr trotz reduziertem Pensum die Lebensgrundlage. Da Stettler kaum auf Bestellung gemalt hatte, konnte sie ihre Werke unabhängig von einem direkten Auftraggeber erarbeiten.

Das Ende des Ersten Weltkriegs beendete auch den Impressionismus. Die damalige Avantgarde mit den Fauves, den Expressionisten und den Kubisten hatte sich durchgesetzt und wurde allmählich auch gesellschaftlich anerkannt. Stettler, weiterhin dem Impressionismus verpflichtet, konnte in den 1920er-Jahren nicht mehr an ihren künstlerischen Durchbruch und den damit verbundenen wirtschaftlichen Erfolg anknüpfen. Es musste ihr bewusst gewesen sein, dass sich die Malerei ihrer Zeit in eine neue Richtung ausgebildet hatte, konnte aber diese Entwicklung selber nicht nachvollziehen, auch wenn sich in ihrem Spätwerk Anklänge an fauvistische Freiheiten finden lassen. Stettler gab in diesen Jahren das Malen grosser Kompositionen mit Pariser Themen auf und malte nur noch Landschaftsmotive, die sie hauptsächlich in den Ferien in der Schweiz vorfand. Auch zog sie sich nach und nach aus dem aktiven Ausstellungsbetrieb zurück.

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