Die Große Hungersnot () im Herbst und Winter 1941/1942 war die mit Abstand schlimmste Hungersnot in der Geschichte Griechenlands. Sie war die Folge einer auf maximale wirtschaftliche Ausbeutung ausgelegten Besatzungspolitik des NS-Staates während der deutschen Besatzung Griechenlands. Die Schätzungen über die Zahl der Menschen, die in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges an den direkten oder indirekten Folgen des Hungers starben, schwanken zwischen 100.000 und 450.000 Opfern.

Chronologie mini|Die 3 Besatzungszonen in Griechenland. Braun: Italienische Zone, Rot: Deutsche Zone und Grün: Bulgarische Zone Vorgeschichte Im Rahmen des Balkanfeldzugs überschritt am 6. April 1941 die 12. Armee der deutschen Wehrmacht die Grenze zu Griechenland. Am 9. April durchbrach ein Wehrmachtskorps mit starker fliegerischer Unterstützung durch Sturzkampfflugzeuge die Gebirgsbefestigungen der Metaxas-Linie bei dem Fort Roupel im Tal des Strymonas. Am gleichen Tag erreichten deutsche Panzerverbände Thessaloniki und besetzten die Stadt. Der Feldzug auf dem griechischen Festland endete am 29. April mit der Einnahme von Kalamata im Süden der Peloponnes.

1941 Willkürliche Ausbeutung mini|Wehrmachtssoldaten plündern ein Ladengeschäft, 1941 Am 28. April 1941 begannen Angehörige der Wehrmacht mit der Plünderung Athens. Der Journalist Laird Archer berichtete, wie Wehrmachtssoldaten Geschäft für Geschäft in der Innenstadt ausräumten. Die erbeuteten Waren wurden von den Soldaten in Päckchen in die Heimat geschickt, leere Geschäfte wurden für nachfolgende Soldaten außen markiert. Die Besatzer betrachteten die Güter als ihre Kriegsbeute. Dies war eine Missachtung der Haager Landkriegsordnung von 1907.Laird Archer: Balkan Journal. Verlag W. W. Norton, New York 1944, , S. 196–199. Es wird auch berichtet, wie Arbeitnehmer in Büros und Geschäften bereits nach wenigen Tagen nur noch geleerte Geschäftsräume vorfanden. Ladeneinrichtungen und Möbel wurden als Brenn- und Heizmaterial verwendet. Innerhalb kürzester Zeit brach der Handel zusammen.Mark Mazower: Inside Hitler’s Greece: The Experience of Occupation, 1941–1944. Yale University Press, New Haven/London 1993, ISBN 0-300-06552-3, Abschnitt „Plunder and collapse of the market“, 2009, S. 23. Durch das Konfiszieren vieler Gerätschaften und aller Fahrzeuge, beispielsweise Mühlen und Lieferfahrzeuge bis hin zu Fahrrädern, wurde die Verarbeitung, Haltbarmachung und Distribution von Lebensmitteln weitgehend unterbunden.

Ausgangsverbote und die Verhinderung des Warenverkehrs hatten aufgrund der damals üblichen Vorratshaltung vorerst wenige Auswirkungen. Auch waren die Beschlagnahmungen und Plünderungen durch Wehrmachtsangehörige eher willkürlicher Natur. Auf dem Land waren die Auswirkungen weitaus geringer, da hier anders als in Athen, Thessaloniki und den Kykladeninseln eine Flora und Fauna bestand, die über die beschlagnahmten Lebensmittel hinaus Essbares bot. Beispielsweise wurden Kerne zu Mehl gemahlen, Wurzeln und Kleintiere verspeist. So gab es in den beiden Regionen Thessalien und Epirus zumindest bis 1943 keine Todesopfer durch Nahrungsmittelmangel.

Auf den Inseln Lesbos und Chios war die Präsenz der deutschen Soldaten für Patrouillengänge und Kontrollen nicht ausreichend. Plünderungen und Repressalien beschränkten sich weitestgehend auf die ersten Tage der Besetzung. Zwischen den Soldaten und der Bevölkerung entwickelte sich mit der Zeit Tauschhandel.Violetta Hionidou: Famine and Death in Occupied Greece, 1941–1944. 2006, S. 60ff.

Systematische Ausbeutung Durch die Besatzungsbehörden wurde die systematische Demontage von Fertigungsanlagen geplant und organisiert.

Lebensmittel wurden in großen Mengen und systematisch abgezogen. Eine Mitteilung an das Reichsernährungsministerium besagte, dass für Athen eine tägliche Brotration von 192 g festgelegt worden sei, man diese aber schon kurz darauf auf 92 g habe senken können. Auf dem Land wurde die Verteilung von Brot gänzlich eingestellt.Maximiliane Rieder: Deutsch-italienische Wirtschaftsbeziehungen. Kontinuitäten und Brüche 1936–1957. Campus, Frankfurt am Main, ISBN 3-593-37136-7, S. 190. Die beschlagnahmten Lebensmittel wurden vornehmlich zur Versorgung der Wehrmachtstruppen an der Ostfront, Südosteuropa und Afrika eingesetzt. Der Warenwert der Beschlagnahmungen an Lebensmitteln aus staatlichen Lagerhäusern in den ersten Monaten wurde damals von der griechischen Regierung auf 15.480.334 £ geschätzt.Violetta Hionidou: Famine and Death in Occupied Greece, 1941–1944. Cambridge, University Press 2006, ISBN 0-521-82932-1, S. 66. Laut Wehrmachtsangaben wurden im November 1941 4.000 Tonnen Feigen, 181.000 Tonnen Rosinen und Trauben, 10.000 Tonnen Olivenöl sowie Reis, Zucker, Fett und andere Lebensmittel konfisziert. Anschließend wurden 2.500 Tonnen Olivenöl der Kollaborationsregierung zur Verteilung an die Bevölkerung abgegeben.Violetta Hionidou: Famine and Death in Occupied Greece, 1941–1944. 2006, S. 57. Günther Altenburg, der Generalbevollmächtigte des deutschen Reiches in Griechenland, erwirkte eine bessere Versorgung von Arbeitern, die in der Rohstoffgewinnung tätig waren.

Aus Lesbos und Chios wurden im Juli 1941 495 Tonnen Olivenöl, 50 Tonnen Lederwaren, 81 Tonnen Seife und 52 Tonnen Felle verschifft, teilweise gegen Bezahlung, allerdings mit Geld, das zuvor erbeutet wurde. Eine zweite Lieferung umfasste 25.000 Orangen, 4500 Zitronen und 100.000 Zigaretten. Die Bevölkerung zeigte sich kooperativ mit der Besatzungsmacht, daher erhielten die Inseln eine Lieferung von 400 t Weizen. Diese wurde der BBC und anderen Medien vorgeführt. Weitere Lieferungen von den beiden Inseln blieben ohne Gegenleistung.Violetta Hionidou: Famine and Death in Occupied Greece, 1941–1944. 2006, S. 60ff.

Aktivitäten der Bevölkerung zur Linderung der Not mini|Kinder arbeiten als Schuhputzer für Wehrmachtssoldaten, Kavala 1941 Ende 1941 waren noch Hamsterfahrten der Bevölkerung mit der Bahn möglich. Athener konnten Wertsachen wie Silberbesteck und Goldschmuck – sofern sie noch welche hatten – auf dem Land gegen Lebensmittel tauschen.Johannes B. Gadarian: Die Flucht. Von der Hungersnot in den Bombenkrieg. Videel, Niebüll 2003, ISBN 3-89906-491-7, S. 33ff. In einem Fall, in dem zwei Mädchen über Deutschkenntnisse verfügten, wurden sie von Soldaten auf dem LKW mitgenommen, ihnen wurden später aber alle Lebensmittel und Wertsachen gestohlen, nachdem man ihnen gesagt hatte, sie müssten nur kurz für eine Kontrolle aussteigen.Johannes B. Gadarian: Die Flucht. Von der Hungersnot in den Bombenkrieg. S. 37ff. Italienischen Berichten zufolge vergruben manche Familien ihre Toten heimlich bei Nacht, um die Lebensmittelkarten behalten zu können.Malte König: Kooperation als Machtkampf. Das faschistische Achsenbündnis Berlin-Rom im Krieg 1940/41 (Italien in der Moderne, Bd. 14), Köln 2007, S. 193.

Internationale Hilfsaktionen Im September 1941 erreichte das türkische Schiff SS Kurtuluş mit einer Hilfslieferung Griechenland. Diese war eher symbolischer Natur und konnte das Leid nicht lindern, führte aber zu einer weltweiten Aufmerksamkeit für die Situation in Griechenland. Der Winter 1941–1942 war ein Extremwinter mit Tiefsttemperaturen und verschärfte die Lage der Bevölkerung. Das Internationale Rote Kreuz (IRK) befasste sich mit der Situation.Conrad Roediger: Die internationale Hilfsaktion für die Bevölkerung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 11.1 (1963), S. 49–71, hier 56 f. Schweden bot sich an, 15.000 Tonnen Weizen aus Kanada herzutransportieren. Bis ins Jahr 1942 hielt Großbritannien jedoch seine Mittelmeerblockade aufrecht, sodass die Lieferungen zunächst nicht durchgeführt werden konnten – vordergründig damit begründet, dass gemäß Haager Landkriegsordnung die Besatzer eines Landes dessen Versorgung übernehmen müssten. Dahinter stand allerdings das Kalkül des Foreign Office, dass die Achsenmächte zunehmend mit diesem Gebiet beschäftigt sein würden, wenn es dort aufgrund der Hungersnot zu Aufständen kommen sollte; dies würde Ressourcen und Kräfte binden. Ende März 1942 lenkten die Briten schließlich – aus humanitären Gründen und auf Bitten des Vatikans – ein und gestatteten die Durchfahrt der ersten Hilfssendung des IRK.König: Kooperation als Machtkampf, S. 192 f.

Die Besatzungsbehörden führten über die Todesfälle Buch. Die durchschnittliche Anzahl der Todesfälle im November vervierfachte sich 1941 gegenüber dem gleichen Zeitraum von 1931 bis 1940; allein im Zeitraum Januar bis März versechsfachte sich diese. Die Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen erreichte 90 %.Eduardo D. Faingold: The Kalamata Diary: Greece, War, and Emigration. Lanham Maryland, 2010, ISBN 978-0-7391-2890-9, S. 13.

Mit dem Ziel, durch Lebensmittellieferungen die durch die Ausbeutung verursachte Not zu lindern, wurde aus einer im Herbst 1941 gegründeten Initiative in Oxford 1942 Oxfam gegründet.

1942

Systematische Ausbeutung ab 1942

Eine weitere Maßnahme der Besatzer war die extreme Steigerung der Geldmenge und die Bezahlung der Wehrmachtssoldaten mit diesem Geld. Am 1. Oktober 1942 wurde die Deutsch-Griechische Warenausgleichsgesellschaft gegründet. Die Bank von Griechenland wurde gezwungen, ihre Devisenreserven in Form einer Zwangsanleihe abzugeben, deren Höhe bei Kriegsende 476 Millionen Reichsmark betrug.Stellungnahme der Deutschen Bundesregierung vom 11. Februar 2010 (PDF; 113 kB) Die weiterhin – wenn auch weniger intensiv – stattfindende Abfuhr von Wirtschaftsgütern wurde mit einer stetigen Anhebung der „Besatzungskosten“ formell ausgeglichen. In: 2i.westhost.com Griechenland hatte hohe Kosten dieser Art für die Besetzung seines Landes – nach Angaben der griechischen Historikerin Gabriella Etmektsoglou pro Kopf gerechnet sogar die höchsten der besetzten Länder – zu entrichten.Gabriella Etmektsoglou: Criminal states, innocent Citizens? Aspects of Greek-German relations during World War II and its aftermath. In: Gerd Bender, Rainer Maria Kiesow, Dieter Simon (Hrsg.): Die andere Seite des Wirtschaftsrechts. Steuerung in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts (= Studien zur Europäischen Rechtsgeschichte, Band 208). Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-465-04002-3, S. 81. Der Historiker Götz Aly weist darauf hin, dass 1942 die in erster Linie von deutschen und in zweiter Linie italienischen Besatzungstruppen verursachten Besatzungskosten und Staatsausgaben rund 90 Prozent des tatsächlichen Volkseinkommens beansprucht hätten".Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, S. 278. Jüdischen Gemeinden in Griechenland wurden spezielle Abgaben auferlegt. Die Besatzung brachte, so Kaspar Dreidoppel in seiner Studie, Griechenland den Ruin: „zerstückelt, ausgebeutet, verhungert, gedemütigt“.Kaspar Dreidoppel: Der griechische Dämon: Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941–1944. Balkanologische Veröffentlichungen des Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Wiesbaden, Harrassowitz 2009 (zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 2008), S. 42.

Nachdem ab Ende 1942 aufgrund der Demontage der Maschinen und Werkzeuge keine Fertigwaren mehr erzeugt werden konnten, konzentrierte sich die Ausbeutung auf Lebensmittel und Rohstoffe. Für diese wurden Vertreter der deutschen Industrie herbeigeholt. So wurden zwischen Mai 1941 und November 1944 ca. 28.000 Tonnen reines Chrom aus Griechenland abtransportiert, die ein Viertel des Bedarfs der deutschen Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg abdeckten.

Deutsche Propaganda und Rechtfertigung