Die Weltseele (, ) ist ein religiöses und naturphilosophisches Konzept. Es beruht auf der Vorstellung einer Analogie zwischen der Gesamtheit des Kosmos und dem einzelnen Lebewesen, speziell dem Menschen. Das Universum als Makrokosmos soll analog zum Menschen, dem Mikrokosmos, strukturiert sein. Als Lebens- und Bewegungsprinzip wird für beide eine transzendente Seele angenommen. So wie man sich ein einzelnes Lebewesen als beseelt und von seiner Einzelseele belebt vorstellt, so wird der Kosmos als lebendiger, mit einer eigenen Seele ausgestatteter Organismus aufgefasst.
Antike Platonismus Der Begriff „Weltseele“ wurde von Platon geprägt. In seinem Dialog Timaios entwarf er eine Theorie der Beseelung der Welt.Platon, Timaios 29e–37c. Er bezeichnete die Weltseele als selbstbewegt; in ihrer Eigenbewegung sah er ihr Hauptmerkmal. Als notwendig betrachtete er sie aus zwei Gründen. Erstens hielt er ein Prinzip, auf das Bewegung generell zurückgeführt werden kann, für erforderlich; in seinem Spätwerk NomoiPlaton, Nomoi 896a–897c. betonte er, die Weltseele sei die Ursache aller Bewegung in der Natur. Auf sie führte er die Bewegungen am Himmel ebenso wie diejenigen auf der Erde zurück. Zweitens benötigte er die Weltseele als das Prinzip, vermittels dessen er die im Kosmos waltende Vernunft mit der Weltmaterie verband.
Nach dem im Timaios erzählten Mythos hat der Demiurg, der Weltschöpfer, die Weltseele zusammen mit dem Kosmos erschaffen. Dies vollbrachte der Demiurg, indem er Unterschiedliches in einem komplexen, aus vier Schritten bestehenden Prozess in einem Mischkrug mischte. Aus unteilbarem und teilbarem Sein bildete er eine dritte Seinsform, aus unteilbarem und teilbarem Identischem eine dritte Form des Identischen, aus unteilbarem und teilbarem Verschiedenem eine dritte Form des Verschiedenen. Diese drei Mischungen verband er dann in einem vierten Schritt zur Weltseele. Dank dieser Mischung enthält die Weltseele Elemente von allem und wird dadurch in die Lage versetzt, alles wahrzunehmen und zu erkennen. Ihr steht die Herrschaft über den Weltkörper zu, so wie der Einzelseele des Individuums die Herrschaft über dessen Körper. Die Weltseele durchdringt und umgibt den Körper des Kosmos, seine Materie. Sie ist die vermittelnde Instanz zwischen der rein geistigen (spirituellen) Ideenwelt und dem physischen Weltkörper. Plato formuliert seinen Text auf der Basis eines mathematischen Konzeptes, welches er von dem der Schule des Pythagoras zugehörigen Gelehrten Philolaos übernahm.Die Fragmente der Vorsokratiker, Philolaos, Fragment B6 Diese pythagoreische Lehre galt als Geheimlehre, zu der nur Eingeweihte einen Zugang haben. Für diese war das von Plato angegebene Zahlenverhältnis 256:243 nachvollziehbar.
In den Nomoi prüfte Platon die hypothetische Möglichkeit, dass die Weltseele auch Schlechtes hervorbringen kann oder dass es zwei Weltseelen gibt, von denen die eine Gutes, die andere Schlechtes bewirkt. Da die Himmelsbewegungen geordnet und daher mathematisch beschreibbar sind, schloss er diese Möglichkeit aus, denn er war davon überzeugt, dass eine schlechte Weltseele nur Chaos erzeugen könnte. Daraus ergab sich für ihn, dass die Weltseele als Verwalterin des gesamten Kosmos die beste Seele sein müsse.Platon, Nomoi 896d–899b. Siehe dazu Klaus Schöpsdau (Übersetzer): Platon: Nomoi (Gesetze) Buch VIII–XII. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2011, S. 416 f. Allerdings bedarf sie nach der platonischen Naturphilosophie zur geordneten Bewegung der Vernunft, des Nous. Der Nous, der im Timaios vom Demiurgen repräsentiert wird, lenkt als übergeordnete Instanz die Weltseele von außen. – Das Verhältnis der Weltseele zur Vernunft warf Fragen auf, die von Platon nicht abschließend geklärt wurden. Die in seinen Werken nicht gelösten Probleme des Weltseele-Konzepts wurden im späteren Platonismus erörtert, wobei die Platoniker zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangten. Unter anderem ging es um die Frage, ob die Weltseele auch über eine eigene Vernunft verfügt oder sich nur dank fremder Lenkung vernunftgemäß verhält.Michael Bordt: Weltseele. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon, Darmstadt 2007, S. 320–322, hier: 321 f. Vgl. Michael Bordt: Platons Theologie, Freiburg/München 2006, S. 222–226; John M. Dillon: The Heirs of Plato, Oxford 2003, S. 22–26, 51–54, 172–174, 185–193; John M. Dillon: The Middle Platonists, London 1977, S. 45 f., 83, 202–208, 254, 284, 287, 289, 374 f.
Im Mittelplatonismus wurde der Versuch unternommen, die Existenz des Übels auf einen Mangel der Weltseele zurückzuführen. Plutarch vertrat eine dualistische Position. Da in der sinnlich wahrnehmbaren Welt Gutes mit Schlechtem gemischt ist, nahm er zwei entgegengesetzte Prinzipien (archaí) und einander widerstreitende Kräfte (dynámeis) an. Eine der Kräfte führt in die richtige Richtung, die andere in die verkehrte. Die negative Kraft kann sich normalerweise nur im Bereich unterhalb der Mondsphäre, also insbesondere auf der Erde, auswirken; der jenseits der Mondbahn gelegene Himmelsbereich ist eigentlich frei von Schlechtigkeit, kann aber in bestimmten Perioden des Weltgeschehens von ihr infiziert werden. Plutarch identifizierte das negative Prinzip mit der Urseele („Seele an sich“, Seele im Urzustand, Weltseele). Diese sei von Natur aus unvernünftig, bewege sich ungeordnet und werde nur dank der Herrschaft der ordnenden Vernunft (der sie unablässig Widerstand entgegensetze) auf das Gute ausgerichtet. Plutarch betrachtete die Weltseele als unauflöslich mit der ihr zugehörigen, von ihr beseelten Weltmaterie verbunden.Zu Plutarchs Auffassung siehe Heinrich Dörrie, Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike, Band 4: Die philosophische Lehre des Platonismus, Stuttgart 1996, S. 162–164 (Quellentext und Übersetzung) und S. 399–406, 458–465 (Kommentar). Einen ähnlichen Dualismus lehrte der Mittelplatoniker Numenios. Er betrachtete den guten Gott und die üble Materie als gleichermaßen ursprünglich und nahm eine schlechte Weltseele an, in der er den Ursprung des Übels sah. Die Auswirkungen des Schlechten, das der Weltseele und der von ihr beseelten Materie innewohne, seien im gesamten Kosmos spürbar.Zu dieser Ansicht des Numenios siehe Heinrich Dörrie, Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike, Band 4: Die philosophische Lehre des Platonismus, Stuttgart 1996, S. 124–127, 164–173 (Quellentext und Übersetzung) und S. 466–471 (Kommentar).
Im Neuplatonismus hingegen wurde die Weltseele zu den vollkommenen Elementen der geistigen Welt gezählt. Sie galt als die unterste der drei hierarchisch geordneten „Naturen“ oder, wie man später zu sagen pflegte, Hypostasen, welche die geistige Welt ausmachen. Plotin, der Begründer der neuplatonischen Tradition, meinte, die Weltseele unterscheide sich von den Einzelseelen dadurch, dass sie ständig auf den Geist (Nous) ausgerichtet und immer mit ihrem Körper verbunden sei, während die Ausrichtung und der Körperbezug der Einzelseelen Veränderungen unterworfen seien. Indem sie den Kosmos beseele, verleihe sie ihm göttliche Qualität. Das Interesse der antiken Neuplatoniker richtete sich hauptsächlich auf die Einzelseele und deren Schicksal; die Weltseele erörterten sie fast nur im Rahmen der Timaios-Kommentierung.
Nichtplatonische Traditionen Aristoteles lehnte das platonische Konzept der Weltseele ab und verwarf insbesondere die Vorstellung, dass sie nicht nur bewege, sondern auch selbst in ständiger Bewegung sei.Zur Position des Aristoteles siehe Heinz Robert Schlette: Weltseele. Geschichte und Hermeneutik, Frankfurt am Main 1993, S. 80–85.
Von dem platonischen Konzept abgeleitet, aber stark abgeändert war die Auffassung der Stoiker von der Beseelung der Welt. Sie nahmen ein aktives, den ganzen Kosmos durchdringendes feuriges Prinzip, das Pneuma, an. Damit verbanden sie die Vorstellung, die Welt sei ein beseeltes, unsterbliches, göttliches Lebewesen, dem sie Sinne und Vernunft zuschrieben. Die Einzelseelen betrachteten sie als Teile der Weltseele. Für die Stoiker war die Weltseele jedoch nicht wie im Platonismus eine eigenständig existierende geistige Substanz mit einem bestimmten Rang und einer besonderen Aufgabe in der hierarchischen Weltordnung, sondern nur ein bestimmter Aspekt einer einheitlichen, körperlich gedachten Welt. Diese materialistische, „physikalische“ Sichtweise konkurrierte mit der spirituellen der Platoniker.
Judentum und Christentum Dem Judentum und daher auch dem antiken Christentum war die Vorstellung einer Weltseele ursprünglich völlig fremd. Daher wollte auch der stark vom Platonismus beeinflusste jüdische Denker Philon von Alexandria sie nur als Metapher gelten lassen. Auch bei den verschiedenen Strömungen des Gnostizismus fand das Konzept keinen Anklang; nur der besonders synkretistisch orientierte Manichäismus nahm es auf. Die Manichäer betrachteten die Weltseele jedoch nicht wie die Platoniker und die Stoiker als von Natur aus dem Weltkörper zugeordnet, sondern hielten ihren Aufenthalt in der materiellen Welt für das Ergebnis einer Katastrophe, das ebenso wie bei den Einzelseelen durch Erlösung rückgängig zu machen sei.
Unter den antiken Kirchenvätern fällt Augustinus, der sich vor seiner Bekehrung zeitweilig erst zum Manichäismus, dann zum Neuplatonismus bekannt hatte, durch sein positives Verhältnis zum Gedanken einer Beseeltheit der Welt auf. Er hält ihn für eine kühne Hypothese, die weder mit Vernunftgründen beweisbar noch aus der Bibel abzuleiten sei, aber möglicherweise zutreffe.Heinz Robert Schlette: Weltseele. Geschichte und Hermeneutik, Frankfurt am Main 1993, S. 118–122. Noch im 6. Jahrhundert bekennt sich Boethius in seiner Consolatio philosophiae ausdrücklich zur Idee der „alles bewegenden Seele“ der Welt.Boethius, Consolatio philosophiae 3 m. 9, 13–14; dieses Gedicht in der Consolatio fußt auf Platons Timaios.
Mittelalter Im Mittelalter war die platonische Vorstellung einer Beseeltheit des Kosmos aus einigen damals sehr beliebten antiken Werken bekannt. Dazu gehörten neben der Consolatio philosophiae des Boethius der Timaios-Kommentar des Calcidius, der Kommentar des Macrobius zum Somnium Scipionis Ciceros und Vergils Aeneis.Vergil, Aeneis 6, 726 f. Im 9. Jahrhundert bekannte sich der neuplatonisch orientierte christliche Philosoph Johannes Scottus Eriugena zur Idee der Belebtheit der ganzen Welt.
Im 11. Jahrhundert übernahm der in Spanien lebende jüdische Philosoph Solomon ibn Gabirol (Avencebrol, Avicebron) im Rahmen seiner Rezeption des Neuplatonismus auch die Vorstellung einer Weltseele.
Im 12. Jahrhundert wurde das Weltseele-Thema erneut aufgegriffen. Der Platoniker Wilhelm von Conches, der den Timaios kommentierte, nannte die Weltseele eine belebende „natürliche Kraft“ und schrieb, sie sei zugleich mit der Welt geschaffen worden. Er brachte sie – eine schon in der Antike auftauchende Überlegung erneuernd – vorsichtig mit dem Heiligen Geist in Zusammenhang. Allerdings identifizierte er sie nicht ontologisch mit dem Heiligen Geist (was wegen dessen Ungeschaffenheit theologisch problematisch wäre), sondern ließ die Frage ihres Verhältnisses zur dritten Person der Dreifaltigkeit ausdrücklich offen. Petrus Abaelardus betonte, die platonische Lehre von der Weltseele sei nicht konkret, sondern nur gleichnishaft gemeint gewesen; anderenfalls wäre sie nach seiner Ansicht eine Dummheit. Dennoch unterstellten ihm seine Gegner, er habe der Weltseele eine reale Existenz zugeschrieben und sie mit dem Heiligen Geist identifiziert; diese angebliche Behauptung Abaelards wurde 1140 kirchlich verurteilt. Die einflussreichen Theologen Bernhard von Clairvaux und Wilhelm von Saint-Thierry bekämpften die Gleichsetzung der Weltseele mit dem Heiligen Geist nachdrücklich.
Frühe Neuzeit