Die Geschichte der Plattenbauten in Cottbus beschreibt die Entstehung der Plattenbauweise der Stadt Cottbus, die nach 1950 zu einer Metropole der Energiewirtschaft wurde.
Entwicklung vor 1990 mini|Unsanierter Plattenbau in Sachsendorf Am Ende des Zweiten Weltkrieges war Cottbus zu 60 Prozent zerstört; der Wiederaufbau der Stadt dauerte Jahrzehnte. Der Wohnungsneubau begann mit Einzelbauten an verschiedenen Standorten. Aufgrund des Beschlusses der SED, den Bezirk Cottbus zum Kohle- und Energiebezirk der DDR zu entwickeln, stieg die Nachfrage nach Wohnraum für die benötigten Arbeitskräfte stark an. Schnell und preiswert konnte nur durch Verwendung von Betonfertigteilen mit tragenden Elementen von Deckenplatten und Wandscheiben gebaut werden. Ab 1965 begann man mit der industriellen Blockbauweise, ehe man zur Montage von vorgefertigten Bauelementen überging. Zählte die Stadt Cottbus 1962 fast 70.000 Einwohner, so erhöhte sich die Einwohnerzahl bis 1970 auf etwa 83.000, und im September 1976 waren es bereits 100.000 Einwohner. Cottbus galt nun als Großstadt. Im Bereich Stadtmitte bis zu den Cottbuser Randgebieten wurden mehrere Plattenbautypen mit verschiedenen Geschosshöhen errichtet. Das Repertoire reicht vom Wohnungsbautyp Q3A über P2 bis WBS 70. Ganze Stadtteile mit dem Charakter einer Neubausiedlung prägen bis heute das Bild der neuen Großstadt Cottbus.
Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Plattenbauten
mini|links|Wohnblöcke an der Zuschka Der Bautyp Q3A war ein früher industrieller Wohnungsbautyp der DDR in den 1950er und 1960er Jahren. Es entstanden drei-, vier- und fünfgeschossige in Großserie erbaute Wohngebäude. Diese wurden in Cottbus hauptsächlich in der Spremberger Vorstadt und der Stadtmitte gebaut. Zwischen 1976 und 1986 entstand die Großwohnsiedlung Sachsendorf/Madlow in Plattenbauweise. Dort und im Stadtteil Sandow wurden Gebäude des Wohnungstyps P2 gebaut. P2 ist eine Wohnungsbaureihe, die das Wohnen in der DDR Anfang der 1960er Jahre mit offenen Grundrissen völlig neu definierte. Es konnten Wohnungen ohne tragende Zwischenwände gebaut werden, erstmals durch den Einsatz von weitgespannten Decken mit sechs Metern Länge. Eine ökonomische, ressourcenschonende Bauweise kombiniert mit erhöhtem Wohnkomfort war das erklärte Ziel der Entwicklung. Der Typ P2 wurde vom Institut für Hochbau der Bauakademie für den flächendeckenden Einsatz in der Republik entwickelt. Die Bauakademie führte 1963 nach einem Testlauf mit über 32.000 Besuchern, die 15 komplett eingerichtete Musterwohnungen begutachteten und bewerteten, einen Wohnungsbauwettbewerb durch. Der erste Preis ging an das Kollektiv P2 mit Wilfried Stallknecht, Herbert Kuschy und Achim Felz. Weitere Muster- und Experimentalbauten wurden als Ergebnis 1964/1965 in Berlin und Frankfurt (Oder) gebaut.
mini|Modernisierter Plattenbau in der Thiemstraße, Nähe Bahnhof
Die sogenannte Konzeption P2.12 vom Kollektiv P2 war die Grundlage. Von der Fassade ins Innere des Baukörpers rückten die Treppenhäuser und der Bad/Küchen-Bereich. Die gesamte Außenwandfläche konnte somit für die Belichtung der Wohnräume genutzt werden. Die breite Fensterfront ist deshalb charakteristisch für den P2 Typ. Die Funktionen Kochen, Essen und Wohnen sollten in der Wohnung enger zusammenrücken. Die Architekten wollten den Raum großzügig öffnen und gleichzeitig Platz sparen. Der helle Wohnbereich sorgte für viel Licht in den innenliegenden Küchen. Der raumhohe Vitrinenschrank mit Durchreiche dient als Verbindungselement zwischen Küche und Wohnraum. Flur und Schlafzimmer erhielten raumhohe Einbauschränke. Als komplett eingerichtete Sanitärraumzellen wurden die Bäder am Stück in den Rohbau gehoben. Es entstanden kleine und große Wohnungen vorwiegend mit dem Grundriss im Sechs-Meter-Raster. Ein sogenanntes Verteilergangsystem entwickelten die Architekten für den zehngeschossigen Bautyp. Die Aufzüge halten nur im vierten, siebten und zehnten Stock. In der gleichen Zeit entwickelten die Architekten auch den Wohnungstyp WBS 70. Trotz Vorfertigung konnte der Wohnungsbautyp P2 nicht die angestrebten Einsparungen erzielen, es wurden neue Lösungen gesucht.
mini|links|Sanierter Plattenbau mit Eigentumswohnungen Am Lug
In allen Landesteilen der DDR galt es mit wenigen und einheitlichen Bauteilen sowie einem reduzierten Typenkatalog maximale Bauergebnisse zu erreichen. Ab 1970 sollte dazu ein „Einheitssystem Bau“ nach dem Beschluss der 5. Baukonferenz des Zentralkomitees der SED und des Ministerrates der DDR entwickelt werden. Für eine noch rationellere Massenfertigung von Bauelementen bildete die Studie, erstellt von Wilfried Stallknecht und Achim Felz im Auftrag des Ministeriums von 1969, die Grundlage. Diese neue Wohnungsbauserie entwickelte sich ausgehend von den Bautypen P1, P2 und QP. WBS 70 wurde in der DDR zum weit verbreitetsten Plattenbausystem der DDR. Neben dem Wohnungsbau fand dieser Typ auch beim Bau von Kindertagesstätten Anwendung. Die Architekten verzichteten auf die zehn Jahre zuvor entwickelten offenen Grundrisse. Das Konzept des großzügigen Wohnraums mit innenliegender, angegliederter Küche wurde wieder aufgegeben, es entstanden wieder zwei getrennte Räume (Wohnen und eine Küche mit Essplatz). Die Treppenhäuser wurden von dem Innenbereich wieder zurück in den Außenbereich gebaut. Innenliegend blieb nur das Bad. Deutlich kleiner als im P2-Typ ist die Dreiraumwohnung im Bautyp WBS 70. Klar vorgegeben wird nun die Nutzung der Räume durch die Größenstaffelung. Der Wohnungsbautyp WBS 70 entstand vorwiegend im Stadtteil Neu-Schmellwitz, aber auch vereinzelt in den Stadtteilen Sachsendorf/Madlow, Ströbitz und Sandow.
Geschichte Stadtmitte bis Spremberger Vorstadt (ab 1960) Anfang 1964 begann man mit der konzeptionellen Planung zur Stadtzentrumsgestaltung, um die Bedeutung der Bezirksstadt als politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt des Bezirkes zu unterstreichen. Im März 1965 begannen die ersten Abrissarbeiten für den Bau des neuen Stadtzentrums westlich der Altstadt. In der Innenstadt mussten viele, auch zum Teil noch gut erhaltene Altbauten, den neuen Gebäuden weichen. In den 1970er Jahren galt Cottbus als Industriehochburg, Stadtentwickler wollten der Stadtmitte einen neuen Glanz verleihen. So entstanden eine Reihe von Plattenbauten mit vorgelagerten Pavillons. Die zehngeschossige Wohnscheibe in der Stadtpromenade 10–12 entstand 1969 und wurde vom Architekten Gerhard Guder und Werner Fichte entworfen. Die Wohngeschosse wurden in Stahlbeton-Wandbau-Vollmontage mit Ein- bis Fünfraumwohnungen gebaut. Im Erdgeschoss befanden sich Handelseinrichtungen. Pavillonbauten in Stahl-Skelettbauweise mit Glas und Naturstein verkleidet, entstanden ebenfalls in der Stadtpromenade. Genutzt wurden die Gebäude unter anderem als Disco, Bowlingzentrum, Kunstgalerie, Café und Teestube. Die Pavillons, die Mokka-Milch-Eisbar und die Fußgängerbrücke sind nicht erhalten. Ehemalige Gaststätte Stadttor mini|zentriert|hochkant=1.5
mini|rechts|Wohnhochhaus Leipziger Straße 12. Die Buchhandlung in der Stadtpromenade, damals unter dem Namen „Jenny Marx“ bekannt, wurde 1969 nach dem Entwurf von G. Baer errichtet. Das zweigeschossige Gebäude, ein Montagebau, hat eine Außenwandbeschichtung aus Splitt, Farbglas und Naturstein. Gleich daneben in der Stadtpromenade 8 befindet sich die Gaststätte „Frankys Rock Diner“, damals bekannt unter dem Namen „Am Stadttor“. 1968 wurde das Gebäude, von G. Baer und G. Berger entworfen, eröffnet. Der eingeschossige Gaststättenkomplex ist in Stahlbeton-Skelettbauweise erbaut. Im Erdgeschoss befand sich damals das Restaurant und eine Selbstbedienungsgaststätte, darüber eine Dachterrasse, die noch heute genutzt wird. Im Eingangsbereich wurde aus farbigem Mosaik die Wand nach einem Entwurf von Dieter Dressler und Heinrich Jungebloedt gestaltet. Im Juli 1984 wurde der Grundstein für das Wendische Viertel in der Innenstadt gelegt. Diese Häuser entstanden auf historischem Stadtgrund zwischen Berliner Platz und Oberkirchplatz. Es handelt sich um überwiegend vier- und fünfgeschossige Häuser in Plattenbauweise nach dem Typ INB 80 (Abkürzung für Innerstädtischer Neubau in den 80er Jahren). Die Häuser wurden mit einer vollmontagefähigen Mansarddachkonstruktion gebaut. Auffällig waren an diesen neuen Häusern vor allem die bunten Kachelfassaden, die von regionalen Künstlern gestaltet wurden. Aber auch die markanten Giebel mit den Mosaikbildern waren Besonderheiten in der Gestaltung. Ein vierzehngeschossiges Wohnhochhaus mit 125 Einraumwohnungen entstand 1966 in der Leipziger Straße 12, gebaut in Vollmontage in Stahlbeton-Wandbauweise. Die Außenwandbekleidung war mit Splitt, die Balkonbrüstungen mit Keramik und der Sockel des Hauses mit Sandstein verkleidet. Im Erdgeschoss befanden sich Geschäfte. Bei dem Bautyp handelte es sich um einen P2 Plattenbau. Nach jahrzehntelangem Leerstand wurde das Gebäude ab 2023 altersgerecht umgebaut und renoviert sowie um einen Anbau in moderner Bauweise ergänzt.
Sandow (ab 1960) Zu Beginn der 1960er Jahre entstand das Neubaugebiet Sandow. Wurde bisher auf Flächen zurückgegriffen, die unbebaut waren, mussten für dieses Stadtgebiet Gebäude abgerissen werden. Allein im Bereich Sandow-Mitte entstanden etwa 2700 neue Wohnungen. Hier wurden Häuser zwischen vier bis elf Geschossen und variablen Bebauungsformen aus Wohnungsblöcken, Wohnscheiben, Mittelgang- sowie Punkthäuser gebaut. Am Doll entstanden in den 1970er Jahren vier Hochhäuser, sogenannte Mittelganghäuser. Bei diesen Häusern verfügten einige Wohnungen über zwei Balkone. Erste Würfelhäuser, entworfen von Gerhard Guder, entstanden 1970/1971 als fünfgeschossige Wohngebäude auf P2-Basis mit zwanzig Wohneinheiten. Am Jacques-Duclos-Platz 1–9 entstand 1974 eine viergeschossige Eckbebauung. Im Erdgeschoss befanden sich Geschäfte, vom zweiten bis vierten Geschoss dagegen Wohnungen. Zu den neuen Wohngebieten gehörten auch Gaststätten. So zum Beispiel die Gaststätte „Mentana“, entworfen von Heinz Kästner und M. Pietz, 1971 als Versorgungseinrichtung eröffnet. Auch hier handelte es sich um eine Stahlskelett-Wandbauweise, wobei die Außenwände mit Stahl-Aluminium-Fenstern und strukturierten Sichtbetonplatten gestaltet waren.
Die Gaststätte „Sandower-Eck“, errichtet 1978 in der Franz-Mehring-Straße 30, wurde von H. Losansky entworfen. Das Gebäude, ein eingeschossiges Ensemble, war ein Verbindungsbau mit einer Bibliothek, gebaut in Stahlbeton-Skelettbauweise mit Mauerwerk. Die Außenwandflächen sind mit Klinkern, farbigem Splitt und Sichtbeton abgesetzt. Direkt an der Spree eröffnete im April 1977 die HO Gaststätte „Kleines Spreewehr“, ebenfalls ein moderner Flachbau nach dem Typ WBS 70.
Ströbitz (1972) Der Stadtteil Ströbitz wird überwiegend durch eine historisch gewachsene Bebauungsstruktur geprägt. Anfang der 1970er Jahre erfolgten Neubebauungen vom Typ WBS 70 nach Entwürfen von W. Kühnel in der Berliner Straße und am Brunschwigpark. Der größte Teil der Plattenbauwohnungen wurde aber im P2-Typ gebaut. Von großer Bedeutung für die städtebauliche Entwicklung war der Aufbau des Bildungszentrums. Ein Komplex mit den verschiedensten Bildungseinrichtungen.
Sachsendorf / Madlow (1975) mini|Grünflächen und sanierte Wohngebäude in der Gelsenkirchener Allee.