Das stille Haus (türkisch: Sessiz Ev) ist der Titel eines 1980 bis 1983 entstandenen Romans des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk. 350px|mini|Gebirgige Küstenlandschaft am Golf von İzmit am Marmarameer in der Nähe des Handlungsortes
Handlungsübersicht Haupthandlungsort des Romans ist das alte Haus der Großmutter Fatma Darvinoglu in der Nähe von Gebze am Marmarameer, ca. 50 km von Istanbul entfernt, wo im Juli 1980 die Enkelkinder Faruk, Dozent für Geschichte, Metin, Gymnasiast, und Nilgün, Soziologiestudentin, eine Sommerferienwoche verbringen. Eingeschoben in diesen siebentägigen Ablauf ist die Geschichte der Familie im 20. Jahrhundert (Vorgeschichte).
Vorgeschichte 1906 empfiehlt Fatmas Vater der im Wohlstand behütet aufgewachsenen achtzehnjährigen Tochter, den um sie werbenden 25-jährigen Arzt Selâhattin Darvinoğlu wegen seiner glänzenden Zukunftsaussichten zu heiraten und gibt ihr als Lebensregel mit: „Männern darf man nicht zu viele Fragen stellen, Neugier ist nur was für Katzen.“Pamuk, Orhan: „Das stille Haus“. München 2009. S. 23. Zitiert wird im Folgenden nach dieser Ausgabe. Vier Jahre später, die Ehe ist immer noch kinderlos, wird Selâhattin wegen seiner radikalen politisch-freiheitlichen Einstellung und Kritik an der Partei „Komitee für Einheit und Fortschritt“ aus Istanbul verbannt.
Er zieht mit seiner Frau nach Cennethisar bei Gebze an der Einmündung der Bucht von İzmit ins Marmarameer, wo sie an der damals noch weitgehend unbewohnten gebirgigen Küste im landwirtschaftlichen Umfeld ein Haus nach europäischer Art ohne Holzgitter an den Fenstern und mit einem Balkon, einem „Fenster zur Freiheit“Pamuk, S. 25., bauen, in dem ihr Sohn Doğan (geb. 1915) „seine eigene Persönlichkeit entwickeln“ kann. Hier beginnt der Arzt, neben den anfangs zahlreichen medizinischen Behandlungen, an einer Enzyklopädie zu arbeiten, mit der er die türkische Gesellschaft nach dem Muster aufklärerischer Erkenntnisse reformieren will, und kehrt auch nach dem Sturz der Jungtürken nicht mehr nach Istanbul zurück, um sein Lebenswerk zu vollenden.
Über dieser Arbeit, die er bei seinem Tod als Fragment hinterlässt, vernachlässigt er seine ärztliche Praxis, verärgert zudem die abergläubischen, Naturheilmittel bevorzugenden Bauern und muss das Leben der Familie und seinen großen Alkoholkonsum mit dem Verkauf des Erbschmucks seiner Frau finanzieren. Er steigert sich immer mehr in eine nihilistische Weltauffassung hinein, doch Fatma lehnt dies als teuflisches WirkenPamuk, S. 118. ab, zieht sich zunehmend von ihm zurück und verbrennt nach seinem Tod einen Teil seiner Manuskripte.
Mit einem Dienstmädchen geht er eine Beziehung ein (Kap. 23) und wird Vater zweier Söhne, İsmail (geb. 1928) und Recep (geb. 1927), die mit ihrer Mutter in einem Holzhaus im Garten wohnen. Als er sie in einem kalten Winter ins Haupthaus holt, kommt es zur Auseinandersetzung Fatmas mit der Nebenfamilie. Diese schlägt mit einem Stock auf die Kinder ein, dass sie dauerhafte Schäden erleiden: Recep wird zwergwüchsig, İsmail erleidet einen Beinbruch und hinkt seitdem. Selâhattin muss sich wegen der finanziellen Abhängigkeit Fatmas Wünschen unterordnen. Er verheiratet daraufhin seine Geliebte mit einem Bauern, dadurch erhält sie mit ihren Kindern den Familiennamen „Karataş, schwarzer Stein“.Pamuk, S. 64. Nach dem Tod ihrer Mutter holt Doğan 1940, zur Zeit seines Militärdienstes, die beiden Halbbrüder zurück nach Cennethisar und unterstützt sie finanziell durch den Verkauf der letzten Diamanten Fatmas, um die Sünden seiner Eltern zu tilgen. Der dreizehnjährige Recep wird Diener bei den Darvinoğlus, der ein Jahr jüngere İsmail baut sich später mit dem Geld ein Haus auf den Hügeln und arbeitet als Losverkäufer.
Doğan studiert Politik, hat zusammen mit seiner sieben Jahre jüngeren Frau Gül drei Kinder (Faruk, Nilgün und Metin) und wird Landrat in Kemah im Osten der Türkei. In den letzten beiden Sommern vor Beendigung seiner Beamtenlaufbahn schickt er seine Familie zur Erholung nach Cennethisar. Nach dem Tod seiner Frau (1964) tritt er von seinem Posten zurück, weil er das Elend der Bauern nicht mehr ertragen kann, und zieht ins Haus seiner Mutter, um Agrarreformvorschläge auszuarbeiten und sie an den Landwirtschaftsminister zu schicken. Enttäuscht von der fehlenden Reaktion betrinkt er sich, die väterliche Alkoholexzesse fortsetzend, immer mehr. Seine Kinder werden von ihrer Tante in Istanbul erzogen.
Haupthandlung Die Haupthandlung beginnt mit der Ankunft Faruks, Nilgüns und Metins in Cennethisar und dauert eine Woche: Dienstag: Ankunft der Enkelkinder Mittwoch (ab Kap. 6): Friedhofsbesuch Donnerstag (ab Kap. 12), Freitag (ab Kap. 20) und Samstag (ab Kap. 22): Ferienprogramme (Nilgün: Strand, Faruk: Archiv in Gebze, Metin: nächtliche Partys und seine unerwiderte Liebe zu Ceylan) mit fallender Stimmungslinie bei Faruk und Metin. Parallelhandlung: Hasans, Receps Neffe, terroristische Aktivitäten, sein Interesse an Nilgün und die zunehmende tragische Verstrickung im Geflecht von Zuneigung und politischer Feindschaft Sonntag (ab Kap. 26): Angriff Hasans auf Nilgün Montag (ab Kap. 30): Nilgüns Tod, Hasans Flucht
An diesen Tagen ergibt sich im Allgemeinen folgender Ablauf:
Nachdem Nilgün vom Baden im Meer zurückkehrt, serviert Recep ihr und Faruk den Morgenkaffee, während Metin noch schläft. Faruk fährt anschließend nach Gebze. Nilgün verbringt den Tag mit dem Lesen von Iwan Turgenjews Roman Väter und Söhne (auf die Handlung bezogen symbolträchtig)Pamuk, S. 126. im Garten. Recep kauft auf dem Markt ein (Kap. 13) und kocht das Mittagessen. Abends treffen alle zum Essen zusammen. Anschließend unterhalten sich Faruk und Nilgün auf der Terrasse, während Metin mit den Freunden feiert. Die Großmutter verbringt die ganze Zeit meistens in ihrem Zimmer, mit Ausnahme der Abendmahlzeiten im Esszimmer (Kap. 19). Nur einmal verlässt sie zum Friedhofbesuch mit Recep und den Enkeln am zweiten Tag das Haus, in dem sie am Ende des Romans allein zurückbleibt.
Literarische Einordnung und Erzählform Das stille Haus ist im Prinzip, ähnlich Pamuks Erstling Cevdet und seine Söhne, ein Drei-Generationen-Gesellschaftsroman nach dem Vorbild des Romans Buddenbrooks von Thomas Mann mit Schwerpunkt auf dem bürgerlichen Stammhaus der Familie. Anders als in diesen beiden Werken wird die Geschichte nicht chronologisch dargeboten, sondern ist in Rückblicken, wie im Roman Schnee, in eine siebentägige, auf einen geographischen Ort begrenzte Handlung eingeschoben, welche, im Unterschied zum einheitlichen personalen Blickwinkel in Schnee, abwechselnd fünf Erzähler vorstellen, und dieser Perspektivenwechsel erinnert wiederum an Cevdet und seine Söhne.
Struktur Die Familiengeschichte wird vorwiegend von der 90-jährigen vereinsamten Fatma in ihren schlaflosen NächtenPamuk, S. 27. erinnert. Sie lebt gedanklich in der Vergangenheit, die sie ganz einnimmt, da sie kaum Anteil an der Gegenwart hat. Der Repräsentant der Vätergeneration Receps ergänzt diese Reminiszenzen. Auch er hat einen Einblick in die Konflikte um die unehelichen Kinder des Großvaters, und Fatma befürchtet, allerdings unbegründet, dass er ihre Taten den Enkeln mitteilt. Neben der Großmutter, stellvertretend für ihren Mann Selâhattin Darvinoğlu und zugleich dessen gesellschaftlich-weltanschaulich rückwärtsgewandte Antagonistin, sind die Erzähler auf dessen beide Familienzweige verteilt: Die Enkel Faruk und Metin entstammen der Haupt-, Recep und sein Neffe Hasan der illegalen Nebenlinie.
Die Ereignisse der Ferienwoche in Cennethisar werden chronologisch aus verschiedenen Blickwinkeln mit inhaltlichen Überlappungen beim Wechsel der Erzähler geschildert. Dabei gibt es eine Aufgabenteilung. Fatma (Kap. 2, 7, 11, 16, 23, 29, 32) und v. a. Recep (Kap. 1, 6, 13, 19, 27, 30) beobachten die Geschehnisse und Gespräche im Haus. Der Leser begleitet den Diener bei seinen Einkäufen, Kaffeehausbesuchen, Diensten für die Familie und bei der Versorgung der verletzten Nilgün, Faruk (Kap. 4, 9, 14, 18, 24, 28) auf den Fahrten nach Gebze bzw. während der Forschungen im Archiv, Metin (Kap. 5, 10, 15, 21, 25) auf seinen nächtlichen Irrfahrten und Hasan (Kap. 3, 8, 12, 17, 20, 22, 26, 31) bei seinen familiären Streitigkeiten und politischen Aktionen sowie der Beobachtung und Verfolgung Nilgüns auf den Straßen und am Strand.
Erzählform Entsprechend der Perspektive der Figuren bei ihren Beobachtungen, ihrem Informationsstand und ihrer subjektiven Bewertung verwendet der Autor durchgehend die Ich-Form. Teilweise springen die Erzähler übergangslos von der Wiedergabe der Haupthandlung zu den Rückblicken, die bei der Mischung von Dialogen, Inneren Monologen bei kommentierenden Überlegungen die Form eines Bewusstseinsstroms (stream of consciousness) annehmen können, z. B. in Receps Darstellung: „Ich brachte das restliche Geschirr in die Küche […]. Die Maden und Würmer treiben sich in euren Därmen herum, sagte Selâhattin immer […]!“Pamuk, S. 190 Vor allem für Fatma sind die langen Reflexionspassagen während der schlaflosen Nacht charakteristisch: „Ich stieg aus dem Bett, ging zum Fenster und sah hinunter. Aus Receps Zimmer fällt immer noch ein Lichtschein in den Garten: Was machst du noch, du Zwerg. Ich hatte Angst. Er ist verschlagen.“Pamuk, S. 323. Auch in Hasans und Metins Phantasievorstellungen wechseln verschiedene Erzählformen, wenn sie sich beispielsweise mit Nilgün bzw. Ceylan beschäftigen.
Die Familiengeschichte im historischen Kontext Die Romanhandlung ist eingerahmt von zwei Militärputschen (1908 und 1980); verweist aber konkret nur auf wenige historische Ereignisse: 1910 wird der Arzt Selâhattin Darvinoğlu (1881–1942) wegen seiner radikalen politisch freiheitlichen Einstellung und Kritik an der Partei Komitee für Einheit und Fortschritt der Jungtürken, von Talât Pascha aus Istanbul verbannt. Sein damit beginnender Lebensschwerpunkt in Cennethisar steht im Zusammenhang mit der Diskussion über die Entwicklung des Landes zwischen orientalischer Tradition und europäisch orientiertem Fortschritt, die sich in dieser Zeit am Streit um die Auflösung des Parlaments durch den absolutistisch herrschenden Sultan Abdülhamid II. entzündete. Die Rebellion der Jungtürken zwang den Regenten zur Zurücknahme seiner Entscheidung. In seiner Eröffnungsrede am 10. Dezember 1908 vor dem neugewählten Parlament rechtfertigte Abdülhamid die Aussetzung parlamentarischer Kontrolle damit, dass die Bildung des Volks durch Ausweitung des Unterrichts erst auf ein ausreichend hohes Niveau gebracht worden wären.
Diese Thematik, in Verbindung mit der Gesellschaftsordnung, bildet den Hintergrund der Familienhandlung: Selâhattin schreibt zur Erziehung des Volkes eine Enzyklopädie nach dem Vorbild der französischen Encyclopédie. Sein Sohn Doğan (1915–1967) lernt als Landrat in Kemah im Osten der Türkei das Elend der Bauern kennen und erarbeitet Reformvorschläge und Gesetzesentwürfe, die er an den Landwirtschaftsminister schickt. Faruk plant als Historiker die Geschichte der Region Gebze darzustellen und seine kommunistisch orientierte Schwester versucht ihn zu bewegen, die Zusammenhänge und Machtstrukturen zu analysieren und dementsprechend Verantwortung zu übernehmen.
Das zweite historische Rahmendatum ist der Militärputsch in der Türkei 1980 zwei Monate nach Ende der Haupthandlung. Der Roman bildet hinter der ruhigen Ferien-Fassade die Situation in der Türkei Ende der 1970er Jahre ab: Die fehlende politische Stabilität und die sozialen Probleme, Streiks und Gewalt links- und rechtsextremer Gruppen veranschaulichen die Schutzgelderpressungen der „nationalistischen Jugend“, die Angst der Geschäftsleute vor Racheakten. Der Kampf gegen die Kommunisten gipfelt im Angriff Hasans auf Nilgün, die täglich in der Zeitung die Listen der Opfer politischer Auseinandersetzungen liest.