mini|Farbbeutelanschlag auf eine Gedenktafel zur Gründung der Teutonia

Die Wiener akademische Burschenschaft Teutonia ist eine 1868 gegründete farbentragende, pflichtschlagende und deutschnationale Wiener Studentenverbindung. Sie ist seit 2007 Mitglied der Deutschen Burschenschaft, deren Vorsitz sie 2013 innehatte. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ordnet die Burschenschaft dem rechtsextremen Spektrum zu (Stand: 2012) und attestiert ihr eine Nähe zum Neonazismus (Stand: 2019).

Geschichte Die Wiener akademische Burschenschaft Teutonia wurde am 28. Jänner 1868 in Wien gegründet. Sechs ihrer neun Gründungsburschen waren jüdischer Herkunft.Otto Mühlwerth (Hrsg.): Hundert Jahre Burschenschaft Teutonia Wien. Eigenverlag, 1968. Es folgte am 3. August 1868 der Eintritt ins Norddeutsche Kartell.

Im aufkommenden Antisemitismus in Österreich-Ungarn wurde dies auch aufgrund ihrer jüdischen Mitglieder ein zentrales Streitthema in den 1880ern. Die antisemitische Stimmung in der Burschenschaft wurde vor allem durch Julius Sylvester und Jaromir Tobiaschek vorangetrieben, indem durch neue Mitglieder (wie etwa Josef Faber) das antisemitische Element in der Verbindung gestärkt wurde. Trotzdem gelang es – vor allem aufgrund des Einsatzes von Karl Emil Franzos – nicht, die Einführung des Arierparagraphen am Convent vom 17. Jänner 1881 durchzusetzen. Es wurde festgestellt, dass „der Antisemitismus nicht im Interesse der Burschenschaft liege“.Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration: die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2005, ISBN 3-205-77337-3, S. 104.

1889 organisierte Sylvester eine Tagung aller konservativen Burschenschaften in Linz, wo zwischen 4. und 6. Mai der Linzer Delegierten Convent (LDC) entstand. Viele Burschenschaften des LDC verstanden sich als „judenrein“ und „streng deutschnational“, waren aber Schönerer nicht treu ergeben, da sie nicht „unter dem Joch eines einzelnen Mannes“ stehen wollten.Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration: die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2005, ISBN 3-205-77337-3, S. 225. 1895 trat die Teutonia mit dem im internen Kampf siegreich gebliebenen Sylvester wieder dem LDC bei und änderte ihre radikal nationale Ausrichtung, was Georg von Schönerer dazu veranlasste, das 1893 an ihn verliehene „Ehrenburschenband“ der Teutonia zurückzugeben und mit seinen Anhängern zur Burschenschaft Germania Innsbruck überzutreten.Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration: die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2005, ISBN 3-205-77337-3, S. 287.

1893 wurde der Altherrenverband gegründet und 1910 das erste Teutonenhaus gekauft. 1918 wurde die Teutonia durch die Vereinigung der Burschenschaft der Ostmark mit der Deutschen Burschenschaft (DB) Mitglied der DB und trat 1920 dem Kartell der Roten Richtung bei. 1933 trat sie wieder aus der DB aus, wurde 1938 in der Zeit des Nationalsozialismus aufgelöst. Bis 1941 konnte als Kameradschaft Georg Ritter von Schönerer ein Aktivenbetrieb im Rahmen des NSDStB unterhalten werden.Bernhard Grün: Zwischen Fronteinsatz und Freiheitsklang - Studententum und Kameradschaftswesen im Nationalsozialismus (Historia academica - Schriftenreihe der Studentengeschichtlichen Vereinigung des Coburger Convents Bd. 57), Würzburg 2019, S. 88 Das Haus wurde 1940 auf politischen Druck des Regimes hin verkauft.

1952 wurde die Teutonia rekonstituiert und 1959 ein neues Haus erworben. 1981 wurde das Nachbarhaus gekauft. Im Geschäftsjahr 1993/94 führte die Teutonia den Vorsitz der Deutschen Burschenschaft in Österreich (DBÖ) und des Wiener Korporationsringes (WKR).

2005 trat die Teutonia der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) und 2007 der DB bei. In den Geschäftsjahren 2006/2007 und 2014/2015 war sie wiederum Vorsitzende des WKR. Im Geschäftsjahr 2011/2012 war sie Vorsitzende der BG. 2013 war sie Vorsitzende Burschenschaft der DB.Tina Friedrich: Völkische Ideologen führen Deutsche Burschenschaft. In: SPIEGEL Online. 2. Jänner 2013, abgerufen am 21. Mai 2026.

Verhältnisse zu anderen Verbindungen Die Wiener akademische Burschenschaft Teutonia gehört der Burschenschaftlichen Gemeinschaft an. Sie bildet mit der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks und der Burschenschaft Danubia München das Ostdeutsche Kartell und mit der Grazer akad. Burschenschaft Frankonia den Gold-Roten-Verband. Zur Innsbrucker akademischen Burschenschaft Brixia und zur Berliner Burschenschaft Arminia bestehen Freundschaftsverhältnisse.

Politische Verortung In den 1990er Jahren galt die Teutonia laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) als „Hochburg der militant-rechten Wiener Szene“, da die Rechtsextremisten Franz Radl und Kurt Hofinger bis zu ihrem Ausschluss 1991/92 Mitglieder der Burschenschaft warenDÖW: Neues von ganz Rechts – Juni 1998. und längere Zeit im Verbindungshaus wohnten.Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, 2. Auflage, Wien 1996, S. 270.

Im Zusammenhang mit einem Flugblatt der Teutonia gegen Ariel Muzicant bezeichnete das DÖW die Teutonia 2012 als rechtsextrem.DÖW: Neues von ganz rechts – Jänner 2012. Nationalfreiheitlicher Antisemitismus.

Im Zuge der Übernahme des Vorsitzes der DB kritisierte das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel „rechtsextremes Gedankengut“ in der Teutonia. Die Übernahme des Vorsitzes wurde von der Wiener Zeitung als deutliches Signal gesehen, dass die DB nach rechts rücke und die Austrittswelle der liberaleren Burschenschaften aus der DB verstärken würde.Deutsche Burschenschaften rücken unter Wiener Teutonia nach rechts. In: Wiener Zeitung. 25. November 2012. Die Süddeutsche Zeitung nannte die Teutonia in diesem Zusammenhang „ultrakonservativ“.Antonie Rietzschel: Abschied von jeglicher Liberalität. In: Süddeutsche Zeitung. 25. November 2012.

Im Februar 2019 distanzierte sich Nationalrat Reinhard Eugen Bösch von der Verwendung des Begriffes Ostmark statt Österreich durch die Burschenschaft Teutonia und bezeichnete diese Verwendung als inakzeptabel.Colette M. Schmidt: „Ostmark“: In Wien „inakzeptabler Begriff“, in Linz Verbindungsname. In: derstandard.at. 6. Februar 2019.

Im April 2019 attestierte das DÖW der Burschenschaft eine organisatorische und ideologische Nähe zum Neonazismus.

Bekannte Mitglieder mini|Teutonia Wien mit Franzos (1868) Georg von Schönerer (1842–1921), zuerst normales Mitglied, später Ehrenmitglied von 1893 bis 1895, Gutsherr und Politiker, radikaler Antisemit Eduard Fischer von Röslerstamm (1848–1915), Journalist und Autographensammler Karl Emil Franzos (1848–1904), Schriftsteller und Publizist Aurelius Polzer (1848–1924), Dichter und Schriftsteller Vilmos Goldzieher (1849–1916), Augenarzt Julius Sylvester (1854–1944), Jurist und deutschnationaler, antisemitischer Politiker (DnP), Präsident des Abgeordnetenhauses im österreichischen Reichsrat, gehörte dem Verfassungsgerichtshof der Ersten Republik an Ferdinand Gorup von Besánez (1855–1928), Polizeijurist und Polizeipräsident von Wien Julius Pirxhofer (1855–1917), Politiker (DVP), Mitglied im Reichsrat und Abgeordneter des Niederösterreichischen Landtags August Harpf (1861–1925), Chemiker und Hochschullehrer Otto Zuckerkandl (1861–1921), 1881 ausgetreten, Urologe und Hochschullehrer Albert von Mühlwerth (1862–1934), Jurist, deutschböhmischer Politiker (Deutschradikale Partei) Josef Ursin (1863–1932), Politiker (GdP), Abgeordneter zum Nationalrat Bruno von Enderes (1871–1934), Eisenbahnfachmann und Beamter Fritz Stüber-Gunther (1872–1922), 1901 ausgetreten, Schriftsteller Curt Rotter (1881–1945), Germanist und Volksmusikforscher Carl Moritz Cammerloher (1882–1945), Maler Oskar Oberwalder (1883–1936), Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Anton Supersperg (1883–1970), Landwirt, Politiker (WdU), Mitglied des Bundesrats Viktor Christian (1885–1963), Altorientalist Konrad Höfinger (1886–1938), Politiker (NSDAP), Abgeordneter zum Landtag von Niederösterreich Hugo Jury (1887–1945), Arzt, Politiker (NSDAP), Gauleiter von Niederdonau Walter Prinzl (1891–1937), Künstler Reinhard Eugen Bösch (1957), Politiker (FPÖ)Mölzer „allein gegen die Linke“, DÖW, Mai 2004. Arnold Schiefer (* 1966), Betriebswirt, Politiker (FPÖ), Finanzvorstand der ÖBB-Holding Franz Radl, ausgeschlossen am 24. Juni 1991, Rechtsextremist

Siehe auch Liste der Burschenschaften Liste der Burschenschaften in der Deutschen Burschenschaft Liste der Studentenverbindungen in Wien

Literatur Hans-Georg Balder: Die Deutsche(n) Burschenschaft(en) – Ihre Darstellung in Einzelchroniken. Hilden 2005, S. 412–413. Max Droßbach und Hans Hauske (Hrsg.): Handbuch für den Deutschen Burschenschafter. 6. Aufl., Berlin 1932, S. 461–462. Burschenschaftliche Blätter. 2008 Nr. 4, S. 170–172.

Weblinks Offizielle Website der Teutonia Dreiteilige Videodokumentation von Vice

Einzelnachweise

Teutonia Teutonia Kategorie:Rechtsextremismus in Österreich Kategorie:Vereinsgründung 1868 Kategorie:Deutschnationalismus