mini|hochkant=1.8|Titelseite der Emder Rhein-Ems-Zeitung vom 31. Januar 1933
Die Seehafenstadt Emden hatte zur Zeit des Nationalsozialismus in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung innerhalb Ostfrieslands. Während Teile Ostfrieslands eine ausgesprochene Hochburg der NSDAP innerhalb des heutigen Niedersachsens waren (insbesondere die Geestgegenden der Landkreise Aurich und WittmundHerbert Reyer: Aurichs Weg ins Dritte Reich. In: Ders. (Hrsg.): Aurich im Nationalsozialismus. (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Band 69), Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1993, ISBN 3-925365-49-4, S. 19–90, hier S. 66.), verzeichneten SPD und KPD in Emden noch bei den Reichstags- und Stadtratswahlen im Jahr 1933 überdurchschnittliche Ergebnisse. Dennoch verlief auch in Emden die Gleichschaltung so zügig wie in den anderen ostfriesischen Gemeinden. Bis zu einer großen Verhaftungswelle im Jahr 1937 gab es in Emden einen starken kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der vor allem von den Hafenarbeitern ausging. Es bestand in geringerem Umfang auch sozialdemokratische und kirchliche Opposition.
miniatur|Die Emder Synagoge (1912) Die Jüdische Gemeinde Emden war die größte Ostfrieslands. Sie hatte in Emden eine große Synagoge. Wie anderenorts wurden auch in Emden die Juden diskriminiert und entrechtet. Nach den vom NS-Regime reichsweit befohlenen Pogromen am 9. und 10. November 1938 emigrierten oder flüchteten viele Juden. Diejenigen, die nicht emigrieren konnten oder wollten wurden in den Osten deportiert; die meisten von ihnen wurden dort ermordet (Holocaust).
Aufgrund der geografisch exponierten Lage Emdens – keine Seehafenstadt in Deutschland liegt näher an Großbritannien – und aufgrund der Bedeutung des Hafens als Umschlagplatz von Eisenerz für das Ruhrgebiet sowie wegen der Werft Nordseewerke, auf der U-Boote für die Kriegsmarine vom Stapel liefen, ließ das NS-Regime in der kriegswichtigen Stadt zahlreiche Bunker bauen. Während des Zweiten Weltkriegs gab es ab 1940 mehr als 80 Luftangriffe auf Emden. Am Abend des 6. September 1944 flogen Bomber der Royal Air Force den schwersten Luftangriff auf Emden und zerstörten rund 80 Prozent der Innenstadt.
Vorgeschichte
In Emden gab es aufgrund der sozioökonomischen Struktur der Stadt in der Weimarer Republik nicht nur eine starke sozialdemokratische Bewegung, auch die Kommunistische Partei war sehr aktiv und erzielte bei Wahlen im Reichsvergleich überdurchschnittliche Ergebnisse. Laut einer Volks- und Berufszählung aus dem Jahr 1925 arbeiteten 37,1 % der Emder Beschäftigten im Bereich Handel und Verkehr und weitere 29,5 % in Industrie und Handwerk.Dietmar von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. Eine Fallstudie zum Problem der historischen Kontinuität am Beispiel der Städte Emden und Aurich. (Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens nach 1945, Band 7). Verlag August Lax, Hildesheim 1991, ISBN 3-7848-3057-9, S. 18. Im Folgenden von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. In der vor dem Ersten Weltkrieg liberalen Hochburg schmolzen die Reichstagswahlergebnisse der beiden größten liberalen Parteien DDP und DVP nach und nach.
Am 11. August 1928 gründete der damals 18-jährige Gymnasiast Johann Folkerts die Ortsgruppe der NSDAP.Dietmar von Reeken: Johann Menso Folkerts. (PDF; 76 kB) In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Band II. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 1997, S. 122–124, Internet-Veröffentlichung auf der Website der Ostfriesischen Landschaft; abgerufen am 3. März 2013. Blieb sie zunächst bei Wahlen auf lokaler Ebene noch wenig beachtet, so steigerte sich ihr Anteil bei den Wahlen bis 1933 erheblich. Sie folgte damit dem reichsweiten Trend; im ostfriesischen Vergleich allerdings blieb die NSDAP unter ihren Wahlergebnissen.Marianne Claudi, Reinhard Claudi: Goldene und andere Zeiten. Emden, Stadt in Ostfriesland. Gerhard Verlag, Emden 1982, ISBN 3-88656-003-1, passim. Im Folgenden Claudi, Claudi: Goldene und andere Zeiten.
Von 1933 bis 1945 Das Rathaus in den Händen der NSDAP Bei den Kommunalwahlen am 12. März 1933, eine Woche nach der Reichstagswahl, erhielt die NSDAP in Emden mehr Stimmen als jede andere Partei. Allerdings musste sich die NSDAP im Vergleich zur Reichstagswahl eine Woche zuvor mit deutlich weniger Stimmen bescheiden. Grund waren vermutlich teils öffentlich ausgetragene personelle Querelen auf lokaler Ebene.Enno Eimers: Die Eroberung der Macht in den Rathäusern Ostfrieslands durch die Nationalsozialisten: Die Bürgermeister zwischen Partei- und Kommunalinteressen. In: Herbert Reyer (Hrsg.): Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933–1938. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 1992, ISBN 3-932206-14-2, S. 10–23, hier S. 16 f. Im Folgenden Eimers: Die Eroberung der Macht in den Rathäusern Ostfrieslands. Sie gewann mit 13 Sitzen im Bürgervorsteherkollegium genauso viele Sitze wie SPD (sieben) und KPD (sechs) zusammen. Gemeinsam mit den acht Sitzen, die die DNVP als zweitstärkste Kraft erhielt, verfügte die NSDAP mit der nationalkonservativen Partei über eine komfortable Mehrheit. Liberale Kräfte spielten – wie überall in ihrer ehemaligen Hochburg Ostfriesland – am Ende der Weimarer Republik keine Rolle mehr. Die DDP erhielt nur noch einen Sitz. Im Vergleich zur Kommunalwahl 1929 zeigte sich, dass die rechten Parteien vor allem auf Kosten der Liberalen und des CSVD zugelegt hatten: DDP, DVP und CSVD waren fünf Jahre zuvor noch auf zusammen zwölf Sitze gekommen, 1933 war es einer. Die 1929 als Rechtsblock angetretene Verbindung aus DNVP und NSDAP hingegen steigerte die Anzahl ihrer Sitze um 13. Als recht stabil erwiesen sich die Ergebnisse für die Arbeiterparteien: Die KPD lag unverändert bei sechs Sitzen, die SPD büßte zwei ein und erhielt 1933 noch sieben.
Unmittelbar nach der Wahl ging das NS-Regime in Emden daran, ihnen nicht genehme in der Zeit der Weimarer Republik ernannte städtische Führungspersönlichkeiten widerrechtlich aus ihren Ämtern zu drängen. Dabei nutzten sie vor allem die städtische Finanzsituation weidlich aus und warfen den Verantwortlichen Korruption vor – ebenso in vielen anderen Städten des Reichs.Eimers: Die Eroberung der Macht in den Rathäusern Ostfrieslands. S. 19 ff. Besonders der Bürgermeister und Stadtkämmerer Willi Harding, der Stadtbaurat Reinhold Haasis und der ehrenamtliche Senator der DDP Georg Frickenstein wurden zu Zielscheiben der NSDAP. Gegen sie richtete sich eine Diffamierungskampagne, zu deren Unterstützung die NSDAP ausdrücklich die Berufung eines Antikorruptionsbüros im Rathaus durchsetzte.Eimers: Die Eroberung der Macht in den Rathäusern Ostfrieslands. S. 21. Harding konnte seine Position schließlich nicht mehr halten, als familiäre Verbindungen zu dem (aus Sicht der Nationalsozialisten: obendrein jüdischen) Berliner Bankhaus Jaffa & Levin öffentlich und Vorwürfe der Bestechlichkeit erhoben wurden, für die ihn das Landgericht Aurich im Mai 1934 verurteilte.Deeters: Geschichte der Stadt Emden von 1890 bis 1945. S. 244. Harding und Frickenstein waren im Sommer 1933 zeitweilig inhaftiert. Als am 14. Juli 1933 alle Parteien in Deutschland verboten waren und die Nationalsozialisten allein im Bürgervorsteherkollegium der Stadt Emden saßen, hielt der NSDAP-Kreisleiter Jann de Boer im Bürgervorsteherkollegium der Stadt Emden eine Rede, in der er einen am Führerprinzip ausgerichteten, kompromisslosen und im Zweifel gewaltsamen Umbau der Verwaltung ankündigte.„Die N.S.-Fraktion hat im Bürgervorsteherkollegium die Mehrheit bezw. die alleinige Macht. Diese Gewalt wird die N.S.-Fraktion ausüben unter strenger Befolgung des Führerprinzips, d. h. also, dass der örtliche politische Leiter in der Fraktion und damit in der Stadtverwaltung die Richtung angeben und die endgültigen Entscheidungen treffen wird. Im Rahmen eines Wiederaufbaues ist es zunächst notwendig, dass eine innere Bereinigung des städtischen Beamtenapparates vorgenommen wird. (…) Wir wollen in der Verwaltung der Stadt Emden und insbesondere bei der Wiederaufbauarbeit selbstverständlich auch die gesetzlichen Bestimmungen beachten und soweit möglich befolgen. Es gibt aber für uns zweierlei Art von Gesetzen. Die eine ist die der bestehenden paragraphenmässigen Bestimmungen und die andere die der Moral und das Gesetz der nat.soz. Revolution. Bei allen unseren Handlungen werden wir in erster Linie das Gesetz der nat.soz. Revolution und der Moral erwägen und befolgen. (…) Die Beamten werden auch klar erkennen können, was unter einer Zusammenarbeit mit der N.S.D.A.P. zu verstehen ist. Ich verstehe darunter nichts anderes, als dass die Beamten einzig und ausschließlich das zu tun haben, was im Sinne der nat.soz. Revolution liegt und was hinsichtlich der Selbstverwaltung von der Fraktion der N.S.D.A.P. beschlossen wird. Ich warne davor, (…) die Arbeit unserer Bewegung zu durchkreuzen. In solchen Fällen würden wir mit Hilfe der SA rücksichtslos die schuldigen Beamten formlos nach unserer Methode aus ihren Amtszimmern entfernen. (…) Heil!“ Jann de Boer: Rede in der Kollegiumssitzung am 14. Juli 1933. Niederschrift der Rede abgedruckt in Claudi, Claudi: Goldene und andere Zeiten. Anlageband I, S 44 f., entnommen aus dem Stadtarchiv Emden, Reg. V, 135.
mini|Das Emder Rathaus vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Zu einer Gewaltaktion kam es fast genau drei Monate später. Emdens seit 1913 amtierendem Oberbürgermeister Wilhelm Mützelburg war in der sogenannten „Korruptionsaffäre“ juristisch nichts anzulasten gewesen. Daher war es für die Nationalsozialisten nicht so einfach, einen Vorwand zu finden, um Mützelburg abzusetzen, den sie als Vertreter der „Systemzeit“ ansahen, und damit „die lokale Machtergreifung (…) zum Abschluß zu bringen“.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 120. Einem Antrag auf Absetzung unter Hinweis auf das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mochte sich der Auricher Regierungspräsident Gustav Bansi im August 1933 nicht anschließen und empfahl, Mützelburg entweder in Pension zu schicken, was man sich aber „bei der finanziellen Lage der Stadt (…) doch sehr genau überlegen müsse“,Schreiben von Gustav Bansi an das preußische Innenministerium vom 23. August 1933, abgedruckt in Claudi, Claudi: Goldene und andere Zeiten. Anlageband I, S. 48 ff. oder ihm einen tatkräftigen zweiten Bürgermeister zur Seite zu stellen, der sich insbesondere um die Polizeiaufsicht kümmern solle. Der Oberbürgermeister blieb daher zunächst weiter im Amt. Bansis in jenen Tagen mutiges Verhalten wurde im September 1933 durch die Außerdienststellung Bansis durch den Innenminister von Preußen Hermann Göring beantwortet. Danach hatten die Nationalsozialisten in Emden freie Bahn. Am 16. Oktober 1933 wurde der 57-jährige Mützelburg nach einer Auseinandersetzung mit dem nunmehr amtierenden 24-jährigen NSDAP-Kreisleiter Johann Menso Folkerts von einer etwa 20-köpfigen Gruppe von Nationalsozialisten aus seinem Büro gezerrt, zwangsweise durch die Stadt getrieben und misshandelt.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 121. Mützelburg ließ sich daraufhin „krankschreiben“ und wurde beurlaubt. Kommissarisch wurde der altgediente NSDAP-Angehörige Paul Hinkler, seit Ende März 1933 Polizeipräsident von Altona, mit den Amtsgeschäften betraut, ehe im November 1933 der aus Bad Bramstedt stammende Jurist und NSDAP-Angehörige Hermann Maas als Oberbürgermeister nachfolgte.Eimers: Die Eroberung der Macht in den Rathäusern Ostfrieslands. S. 22.