Niklashauser Fart ist ein Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1970. Der Film war die erste Fernsehproduktion von Fassbinder, hergestellt im Auftrag des WDR. Er wurde im Mai 1970 in nur 20 Tagen gedreht. Das Budget betrug 550.000 Deutsche Mark. Der Film wurde erstmals am 26. Oktober 1970 in der Reihe Fernsehspiel am Montag im Programm der ARD gezeigt.Rainer Werner Fassbinder, Werkschau Programm, S. 20/21, Hrsg. Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin, 1992
Die Geschichte basiert auf einer historischen Begebenheit im fränkischen Niklashausen, wo im Jahr 1476 der Viehhirte Hans Böhm, genannt „Pauker von Niklashausen“, soziale Gleichheit predigte und innerhalb von drei Monaten 70.000 Anhänger um sich gesammelt haben soll. Er wurde auf Veranlassung des Würzburger Fürstbischofs als Ketzer verhaftet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Um 1490 war als Druckschrift unter dem Titel Die nicklas hausser fartH. Strobach: Die Niklashäuser Fahrt. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaften. Band 23, 1975, S. 191–197. (von mittelhochdeutsch vart: Reise, Wallfahrt)K. A. Barack: Hans Böhm und die Wallfahrt nach Niklashausen im Jahre 1476. In: Archiv des Historischen Vereins von Unterfranken und Aschaffenburg. Band 14, Heft 3, 1858, S. 1–108. der paargereimte spruch von dem baucker zcu nyckelshaussen von einem aus dem Umfeld des Würzburger Bischofs stammenden Verfasser erschienen.Klaus Arnold, in: Verfasserlexikon. Band VI, Sp. 1037.
Handlung Drei Freunde, der Bauer Antonio, ein „schwarzer Mönch“ in schwarzer Lederjacke und Johanna überlegen, mit welchen Mitteln sie das Volk dazu bringen können zu revoltieren, wenn sie nur drei oder vier Leute zur Verfügung haben, auf die Menschen einzuwirken. Sie stellen fest, dass es Agitation, Schulung und ihr kämpferisches Beispiel braucht, aber auch Theatereffekte erlaubt sind, wenn dadurch ihre Agitation wirkungsvoller wird. Sie kommen mit dem Viehhirten Hans zusammen, der Trommel schlagend gegen die Gleichgültigkeit predigt. Es bleibt ihnen nicht verborgen, dass der Prediger eine ganz besondere Ausstrahlung hat, die bewirkt, dass die Menschen ihm zuhören.
Eine wohlhabende Frau namens Margarete ist von dem Prediger fasziniert und angezogen. Sie lässt ihn und seine Freunde bei sich wohnen, biedert sich an und bringt schließlich ihnen zum Gefallen ihren todkranken Mann um.
Der Prediger sagt, die Jungfrau Maria habe ihm ein Zeichen gegeben, dass die Menschen sich nicht mehr mit sozialer Ungerechtigkeit abfinden sollten. Die Kirche hält dem Prediger eine Gegenpredigt: Jeder revolutionäre Aufstand bringe Störungen des Gleichgewichts; man dürfe ein Übel nicht mit einem noch größeren vertreiben. Humanismus sei, wenn die Armen aus dem, was ihnen von den Reichen angeboten werde, friedlich auswählen würden. Der Prediger jedoch lässt sich von seinen Vorstellungen nicht abbringen und ruft zur Enteignung, zur Gründung von Aktionskomitees und genossenschaftlicher Organisation auf. Einige Bauern folgen ihm unter seinem Gesang von der „Blutroten Fahne“; auch andere Bauern kommen nach Niklashausen, als sie hören, dass dort eine Landverteilung stattfinden soll. Die Freunde merken aber nach einiger Zeit der Agitation, dass die Anhänger die Botschaft des Volksaufstandes nicht verstehen, so dass sie Johanna instruieren, als Jungfrau Maria zum Volk zu sprechen. Doch auch das nutzt nichts. Obwohl sie feststellen, dass sie sich verrennen, sieht der Prediger den Zeitpunkt gekommen, zum bewaffneten Volksaufstand aufzurufen.
Ein Niklashauser Bürger hat den Prediger jedoch beim dekadent lebenden Bischof verleumdet. Der lässt ihn von vier Uniformierten verhaften, von denen zwei als deutsche Polizisten und zwei als amerikanische Militärpolizisten gekleidet sind. Bei der Verhaftung auf einem Campingplatz richten sie ein Massaker an. Der Prediger, Antonio und der schwarze Mönch hängen zur Hinrichtung an Kreuzen, unter denen Scheiterhaufen aufgetürmt sind. Die Kreuze befinden sich inmitten eines Autofriedhofs, auf den der Bischof mit einer Luxuslimousine gefahren kommt, um den Befehl zur Verbrennung zu geben. Aus dem Hintergrund erschießt ein Anhänger des Predigers die bewachenden Polizisten.
Ein neues Mitglied der Gruppe liest einen Text, in dem die Weltrevolution ausgerufen und der Liedtitel von Ton Steine Scherben zitiert wird „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Anschließend sieht man die Gruppe in einem verlustreichen Feuergefecht vor einem brennenden Haus. Die Stimme des schwarzen Mönches sagt zuletzt, offenbar in Anlehnung an die Geschichte Fidel Castros: Einer wollte mit anderen die Gewaltherrschaft direkt angreifen. Beim Sturm auf die Polizeikaserne in der Hauptstadt kamen viele um. Er wusste noch nicht, dass man auf manche Art kämpfen kann. Als er nach drei Jahren mit über 80 anderen auf einem Boot wiederkam, fielen bei der Landung fast alle. Aber er und seine Genossen hatten aus ihren Fehlern gelernt. Sie gingen in die Berge. Zwei Jahre später siegte die Revolution.
Hintergrund Fassbinder lässt die Akteure meist wie beim Theater in statischen Einstellungen auftreten. Die Figuren sind teils historisch, teils im Stil der 70er Jahre gekleidet. Die Sprache ist ebenfalls eine Mischung aus altertümlicher Wortwahl und Agitprop der damaligen linken Bewegung.
Auf die Interview-Frage, ob er es sich leisten könne, die an ihn gestellten Erwartungen nicht zu erfüllen und sich frei fühle, etwas ganz Unerwartetes zu tun, antwortet Fassbinder 1980: „Ich denk schon, ja. Ich hab das zum Beispiel schon bei der ersten Fernseharbeit ... und das ist ein Glück, dass es da so gewesen ist. Das war damals die Niklashauser Fart, was als historischer Film geplant gewesen ist und wo ich mir einfach vier Wochen vor Produktionsbeginn gesagt habe: Ich hab überhaupt keine Lust, einen rein historischen Film zu machen, ich möchte so 'ne... so 'ne Collagen-Mischform-Erzählung machen. Ich hab das einfach gemacht und hab den Sender davon überzeugt, dass ich das so machen will. Ich bin eigentlich seitdem dabei geblieben, die Sachen dann so durchzusetzen [...].“Phantasie und Geld, Interview von Peter W. Jansen für den Südwestfunk Baden-Baden, Sendeprotokoll, 5. Januar 1980; S. 459–468 in: Fassbinder über Fassbinder, Robert Fischer [Hrsg.], Verlag der Autoren, Frankfurt, 2004
Der damalige WDR-Dramaturg Peter Märthesheimer antwortet auf die Interviewfrage, ob es damals auf den Film unvorhergesehene Reaktionen gegeben habe: „In dem Film sind ja höchst 'bedenkliche' Themen angesprochen worden. Es wurden schwerverständliche lateinamerikanische Überlegungen zur Weltrevolution zitiert, und es gab das Gerücht, dass Niklashauser Fart der offene Aufruf zum Klassenkampf wäre. Deswegen musste ich mich zur Rechenschaft bei den Arbeitgebervertretern ziehen lassen. [...]“Interview mit Peter Märthesheimer, S. 126 in: Das ganz normale Chaos, Gespräche über Rainer Werner Fassbinder, Henschel Verlag, Berlin, 1995, ISBN 3-89487-227-6
Peer Raben antwortet auf die Interviewfrage, ob sich sein Blick zurück auf 15 Jahre Fassbindersche Filmproduktion im Laufe der Jahre gewandelt habe: „Sie hat immer noch Gültigkeit, vielleicht gerade deshalb, weil sie ihrer Zeit verhaftet war. Ich würde sogar sagen, das einzige gültige Dokument, das es über das Lebensgefühl der späten sechziger Jahre gibt, ist die Niklashauser Fart, auch wenn der Film nicht in den sechziger Jahren spielt, sondern in irgendeinem deutschen Mittelalter.“Interview mit Peer Raben, S. 77 in: Das ganz normale Chaos, Gespräche über Rainer Werner Fassbinder, Henschel Verlag, Berlin, 1995, ISBN 3-89487-227-6
Kritiken
Musik Im Film tritt die seinerzeit populäre Gruppe Amon Düül II auf und präsentiert einen ihrer Songs.
Literatur Rainer Werner Fassbinder: Warum läuft Herr R. Amok; Rio das Mortes; Whity; Die Niklashauser Fart; Der amerikanische Soldat; Warnung vor einer heiligen Nutte, Fassbinders Filme (7 Bände) – Band 2, Michael Töteberg (Hrsg.), Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 1990, ISBN 3-88661-105-1.
Weblinks
Niklashauser Fart, Film- und Hintergrundinformationen, Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin Niklashauser Fart Claus Löser (Filmdienst 12/2005) bei CinOmat.kim-info.de
Niklashauser Fart bei Kino.de
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1970 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Rainer Werner Fassbinder