Marko Martin (* 17. September 1970 in Burgstädt/Sachsen) ist ein deutscher Schriftsteller und Publizist.
Leben Marko Martins Eltern waren Zeugen Jehovas. Mitte der 1980er Jahre hatte sich seine Familie von den Zeugen Jehovas gelöst, so Martin in einem späteren Radiointerview.Deutschlandfunk.de: Der Mann, der den Bundespräsidenten wütend machte Die Familie übersiedelte im Rahmen einer von den DDR-Behörden genehmigten Ausreise im Mai 1989 in die Bundesrepublik. Marko Martin begründete seinen Ausreiseantrag mit Schreiben an die DDR-Behörden vom 20. März 1989 damit, dass er als Nichtmitglied der FDJ und als Wehrdienstverweigerer nicht glaube, sich in der DDR seinen Berufswunsch als Journalist erfüllen zu können. Und schildert den "Rausschmiss" aus einer handwerklichen Berufsausbildung, weil er sich geweigert habe, an der vormilitärischen Ausbildung in der Berufsschule teilzunehmen. "Als junger Mensch, mit guten Abschlußzensuren der 10. Klasse, arbeite ich nun als ungelernter Hof- und Parkarbeiter im Krankenhaus unseres Ortes. Diese Erlebnisse und die vermutete Zukunftslosigkeit für mich in der DDR haben mich bewegt, einen Ausreiseantrag zu stellen", schreibt er in seinem Ausreiseantrag.Ausreiseantrag von Marko Martin vom 20. März 1989 https://www.icloud.com/iclouddrive/04eE5Qsbju1J57jE4a34D2B9Q#Ausreiseantrag_Marko_Martin Von den Umständen berichtet Martin ein Vierteljahrhundert später.Marko Martin: Ein verdammt gutes Land, diese Bundesrepublik. in welt.de Er studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte an der TU Berlin und der FU Berlin mit dem Abschluss eines Magisters. Nach langjährigem Aufenthalt in Paris lebt Martin zusammen mit seinem Ehemann in Berlin.literaturport.de
In den 1990er Jahren beschäftigte er sich bei der Zeitschrift Kommune besonders mit französischen Intellektuellen und der Exil- und Antitotalitarismus-Thematik. Er publiziert nun zu Israel, Lateinamerika und Südostasien sowie zu Fragen der Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung. Seine Essays, Reise-Reportagen und Literaturkritiken erscheinen u. a. in der Welt, der Jüdischen Allgemeinen, in Mare sowie in Internationale Politik. Er ist regelmäßig in den Literaturprogrammen von Deutschlandradio Kultur zu hören.
Im September 2007 war Martin unter Pseudonym Sonderkorrespondent der Welt, um im damals diktatorisch regierten Burma über die blutige Niederschlagung der friedlichen Mönchs-Proteste zu berichten.
Martin ist Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (Sektion „Writers in Prison“) und seit Juni 2022 auch Mitglied im PEN Berlin.
Er ist Jury-Mitglied, abgerufen am 12. Juli 2018. des Karl-Wilhelm-Fricke-Preises und von 2015 bis 2017 auch Jury-Mitglied des Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt.
Im Jahr 2016 berichtete Martin als Stadtschreiber in einem zweisprachigen Blog aus der damaligen Europäischen Kulturhauptstadt Breslau/Wrocław und befasste sich mit ihrem heterogenen Charakter, insbesondere mit ihrer deutsch-jüdischen Vergangenheit.Marko Martin wird Stadtschreiber in Breslau/Wrocław 2016. Abgerufen am 6. September 2016. Seit Dezember 2016 ist er Mitglied des antitotalitär-liberalen Autorenblogs Salonkolumnisten. Er publiziert im Thinktank Zentrum Liberale Moderne.
Im Mai 2022 zählte Martin zu den Erstunterzeichnern eines in der Zeit abgedruckten „Offenen Briefs“ an Bundeskanzler Scholz, in dem dieser dringlich aufgefordert wurde, die von Russland angegriffene Ukraine auch militärisch zu unterstützen.Offener Brief In: Die Zeit, 4. Mai 2022. Ende Oktober 2023 war Martin Mitunterzeichner eines Offenen Briefs, in dem das Schweigen des deutschen Kulturbetriebs zum Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 scharf kritisiert und ein verstärktes Engagement gegen Antisemitismus eingefordert wurde.Andreas Platthaus: Deutsche Schriftsteller fordern Solidarität mit Israel. In: FAZ. 27. Oktober 2023.
Anlässlich des 35. Jahrestages des Falls der Berliner Mauer hielt er am 7. November 2024 im Schloss Bellevue eine Rede, in der er die von Steinmeier früher betriebene Russlandpolitik kritisierte.Wortlaut der Rede. In: Die Welt, 8. November 2024. Laut Martin habe Steinmeier, der im April 2022 in einer Reihe von Interviews öffentlich seine Fehleinschätzung Putins erklärt hatte, nach der Veranstaltung mit einem Wutausbruch reagiert. Martin würdigte in seiner Rede die Solidarność und kritisierte die Geringschätzung Osteuropas und fand damit auch in Polen Aufmerksamkeit.Jörg Lau, Sternstunde bei Steinmeier In: Zeit Online. Abgerufen am 13. November 2024.
Im September 2025 erhielt Marko Martin für den bisheriges literarisches Werk den Reiner-Kunze-Preis. Die Laudatio hielt der Schriftsteller Utz Rachowski.
Im Oktober 2025 erhielt Martin den Ovid-Preis. Die Laudatio hielt der Romancier Michael Kleeberg. Martin legte in seiner Dankesrede sein Verständnis von antitotalitärer Ästhetik dar.Marko Martin: Die Götter, die Stasi und das Prinzip Willkür In: taz, 23. Oktober 2025.
Am 22. Januar 2026 wurde Martin in Leipzig mit dem Werner-Schulz-Preis geehrt, der mit 7.500 Euro dotiert war. Die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt hielt die Laudatio, in der auch auf Martins Rede vom 7. November 2024 im Schloss Bellevue Bezug genommen wurde. Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung ermunterte Martin dazu, als „Kassandra-Stimme“ unbequeme Wahrheiten auszusprechen. In seinem Dankwort formulierte Martin den Kernsatz „Das Beharren auf Menschenrechten ist Realpolitik“, betonte die Bedeutung von Erinnern und Aufarbeiten, verwies auf die Zerschlagung der russischen NGO Memorial 2021 und erklärte den ukrainischen Widerstand zur gemeinsamen Sache.
Werk In seinen literarischen Arbeiten beschäftigt sich Martin vor allem mit Welt- und Fremdheitserfahrungen, die positiv konnotiert sind: In seinem Roman Der Prinz von Berlin (2000) wird Berlin ironisch aus der Sicht eines jungen libanesischen Zuwanderers beschrieben. Ein taz-Rezensent schrieb, Martin sei „im Herzen ein Dissident geblieben“.Jan Brandt: Der letzte Dissident. In: taz. 4. Dezember 2000. Das literarische Tagebuch Sommer 1990 (2004) spürt den eigenen ostdeutschen Prägungen nach, während der Essayband Kosmos Tel Aviv (2012) eine Hymne an Martins erklärte zweite Heimat ist, eine „Liebeserklärung in zärtlichem Hebräisch“,Thorsten Schmitz: Liebeserklärung in zärtlichem Hebräisch. In: Süddeutsche. 26. Februar 2013. die von der israelischen Tageszeitung Haaretz mit dem Schreibstil Bruce Chatwins verglichen wurde.מה שמלהיב במחשבה על תל אביב. In: Haaretz. 26. Juni 2013.
Der 2009 in der Anderen Bibliothek erschienene Prosa-Band Schlafende Hunde erzählt von individuellen Schicksalen und erotischen Abenteuern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Krisen in Mexiko, Israel, Ruanda und dem Iran. Die FAZ bezeichnete die Erzählungen als „Meisterwerke der Intensität“.Oliver Jungen: Nur keine falsche Bewegung machen. In: FAZ. 7. Mai 2010. Martins Nachfolgeband in der Anderen Bibliothek Die Nacht von San Salvador (2013) führt erneut an verschiedene Orte der Welt, wobei der Exotismus durch eine Vielzahl an Erzählstilen gebrochen wird, wenngleich es auch hier vor allem um das Spannungsfeld zwischen Liebe, Eros, Sexus und gesellschaftlichen Brüchen geht. Für die NZZ war das Buch „eine ars amatoria des Reisens (…) prallvoll mit Welt und Sinnlichkeit“.Martina Läubli: Ein Fahrtenbuch von Marko Martin – Erotische Entdeckung der Welt. In: Neue Zürcher Zeitung. 9. Mai 2014.
Zum 25. Jahrestag des Zusammenbruchs des Ostblocks erschien sein Essayband Treffpunkt ’89. Von der Gegenwart einer Epochenzäsur, der Erinnerungen an Intellektuelle wie Albert Camus, Manès Sperber, Czesław Miłosz, Václav Havel oder Jürgen Fuchs mit einer Analyse der politischen Spannungen des Jahres 2014 verbindet. Die Welt bezeichnete das Buch als „perfektes Gegengift zur nationalen Nabelschau“,Freiheit fängt im Kopf an. In: Die Welt. 22. November 2014. der SZ gilt der Autor als „Prachtexemplar eines engagierten Intellektuellen, unabhängig von allen Ismen“.Michael Kleeberg: Freiheit ist kein Freibrief. Marko Martins „Treffpunkt ’89 – das beste Buch zum Fall der Mauer“. In: SZ. 7. November 2014. Bereits frühzeitig kritisierte Martin auf harsche Weise das Milieu der AfD- und „Pegida“-Demonstranten.Jan Feddersen interviewt Marko Martin: Das Pack, vor dem ich geflohen bin. In: taz. 5. Januar 2015. Im Folgejahr publizierte er sein literarisches Tagebuch Madiba Days. Eine südafrikanische Reise, das vor dem Hintergrund des 25. Jahrestages der Apartheid-Implosion und des DDR-Endes das Scheitern homogener Gesellschaften reflektiert, an bislang eher unbekannte Prägungen Nelson Mandelas erinnert und gleichzeitig die Verwerfungen der südafrikanischen Gegenwart sondiert. Der Freitag resümierte zu „Madiba Days“: „Unter den zeitgenössischen Schriftstellern speist wohl kaum einer sein Schreiben so sehr aus eigenen sinnlichen Erfahrungen und Erlebnissen … Ein Betrieb, der ständig über seine Homogenität lamentiert, sollte öfter jemanden wie Marko Martin lesen.“Lukas Latz: Handlungen eines Reisenden. In: Der Freitag. 15. Oktober 2015.
2016 erschien mit dem Band Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt erneut eine Hommage auf die Stadt am Mittelmeer, die den Autor mit menschlichen Begegnungen und Erinnerungen beschenkt.Marko Martin: „Tel Aviv“ – Geschichten vom Leben einer „Zauberstadt“, auf deutschlandfunkkultur.de. Ebenfalls 2016 wurden Erzählungen aus den Jahren 2007 bis 2011 unter dem Titel Umsteigen in Babylon veröffentlicht.Stefan Fischer: “Keine Stadt für Insider-Scheiße”. In: SZ., 10. Mai 2016.Dirck Linck: “Der Weg meiner Augen”. In: SZ, 15. November 2016.
Im Mai 2018 beschrieb er in einer Kolumne in der NZZ die Undifferenziertheit der deutschen Rezeption Israels, welche sich seit 70 Jahren im hoch-reflexiven Dauerstreit mit sich selber befinde. Im Rekurs auf die inner-israelische Debattendemokratie geht Martin mit sogenannter „Israel-Kritik“ hart ins Gericht.Kitsch, Ressentiment, Projektion – die meisten unserer Israel-Bilder sind ziemlich schief. NZZ, 7. Mai 2018.
Anfang 2019, zum 60. Jahrestag der kubanischen Revolution, veröffentlichte Martin das literarische Tagebuch Das Haus in Habana. Ein Rapport, eine kritische Auseinandersetzung mit der Insel-Realität. Das Werk war 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert.Nora Voit: Insel auf Du und Du. In: Die Zeit, 6. April 2019.Christian Lütjens: Der beobachtete Beobachter. In: sissy, 25. März 2019. Im Herbst 2019 erschien der umfangreiche Essayband Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters, in dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts als Verknüpfungsgeschichte der Biographien von Dissidenten, jüdischen Lager-Überlebenden und antitotalitären Oppositionellen erzählt wird. Anhand persönlicher Begegnungen oder Lektüren porträtiert Martin hier weltweit verstreut lebende (Exil-)Schriftsteller und Intellektuelle wie Pavel Kohout, Gustaw Herling, Hans Sahl, André Glucksmann, Raissa Orlowa-Kopelewa, Roberto Schopflocher, Ilse Losa, Arthur Koestler, Horst Bienek, Anne Ranasinghe, Edgar Hilsenrath oder Aharon Appelfeld. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nannte Dissidentisches Denken in der Süddeutschen Zeitung ein „Buchdenkmal“: „Wer dieses Buch gelesen und verstanden hat, der hat kein moralisches Recht mehr, pessimistisch zu sein.“Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Einsicht, nicht länger mitzumachen. In: SZ. 28. Oktober 2019. Ähnlich der Ideenhistoriker Jens Hacke in der Zeit: „Marko Martin (…) erinnert uns mit seinem eindrucksvollen Panorama dissidentischer Intellektualität daran, dass geistige Freiheit kein antiquarisches Thema ist.“Jens Hacke: Kein Recht auf Pessimismus. In: Die Zeit, 15. Januar 2020.