mini|Handwagen deutscher Vertriebener. Deutsches Historisches Museum, Berlin Die Flucht und Vertreibung Deutscher aus den deutschen Ostgebieten und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa während und nach Ende des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1945 bis 1950 umfasste große Teile der dort ansässigen deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen. Sie betraf rund 12 bis 14 Millionen Deutsche in den Ostgebieten des Deutschen Reiches sowie in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa. Sie war eine Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen in Ostmitteleuropa und Südosteuropa während der Zeit des Nationalsozialismus und der Gebietsverluste des Deutschen Reiches, die die Siegermächte (USA, Sowjetunion, Großbritannien) auf der Potsdamer Konferenz 1945 festlegten.
Geschichte Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 setzte Josef Stalin die Abtrennung der bereits in Jahren 1939 bis 1941 sowjetisch besetzten polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion durch. Ostpolen war im Zuge des Friedensvertrags von Riga 1921 polnisch geworden. Das Gebiet gehörte bis zum Jahr 1793 zu „Altpolen“. Mit dem polnisch-sowjetischen Geheimvertrag vom 27. Juli 1944 (geschlossen mit dem Lubliner Komitee) hatte die sowjetische Regierung anerkannt, dass „die Grenze zwischen Polen und Deutschland auf einer Linie westlich von Swinemünde zur Oder, wobei Stettin auf polnischer Seite bleibt, weiter den Lauf der Oder aufwärts zur Mündung der Neiße und von hier an der Neiße bis zur tschechoslowakischen Grenze festgelegt werden soll“; auch der zweite Grenzvertrag vom 16. August 1945 mit der Polnischen Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit enthielt diese Festlegung.
Mit diesem Plan einer Westverschiebung Polens bei gleichzeitiger ethnischer Säuberung der neuen sowjetischen und der sogenannten „wiedergewonnenen Gebiete“ Polens stellte Stalin, wie Timothy Snyder bemerkt, den Generalplan Ost der Nationalsozialisten auf den Kopf: Statt einer enormen Expansion des deutschen Siedlungsgebiets nach Osten wurde es nun im Westen zusammengedrängt.Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H. Beck, München 2011, S. 320.
Die polnischen Ostgebiete waren ethnisch heterogen, wobei in den Großstädten wie Lemberg (Lwów) und Wilna (Wilno) die Polen dominierten, auf dem Land außer in der Gegend um Wilna Belarussen und Ukrainer. Polen, Belarussen und Ukrainer stellten die größten Volksgruppen, wobei um Wilna die Polen, zwischen Njemen (Memel) und Prypjat die Belarussen, südlich des Prypjat die Ukrainer die Mehrheit stellten.Die größten drei Sprachgruppen (Polen, Ukrainer und Belarussen) stellten zusammen zwischen 80 und 85 % der Population, der Rest setzte sich zusammen aus Juden (ca. 9 %), Lemken, Bojken, Huzulen, Poleschuken, Russen (unter 1 %), Litauern, Tschechen, Deutschen (bis 2 %) u. a. Nach polnischer Volkszählung 1931 und Mały rocznik statystyczny 1941 (Kleines Statistikjahrbuch 1941), London 1941.
Die bürgerliche polnische Exilregierung in London erhob Anspruch auf Teile Ostpreußens und Schlesiens, in denen es eine polnische Minderheit gab. Die Forderung einer Oder-Neiße-Linie hatte eine bis 1917 zurückreichende GeschichteRoland Gehrke: Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges. Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche gegenüber Deutschland im Zeitalter des Nationalismus. Herder-Institut, Marburg 2001, ISBN 3-87969-288-2, S. 139. und erhielt Nahrung durch das Versprechen Stalins von 1941 gegenüber Władysław Sikorski, dass die künftige Westgrenze Polens die Oder sein werde.Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938–1945. Pläne und Entscheidungen zum „Transfer“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen. Oldenbourg, München 2005, ISBN 3-486-56731-4, S. 177 f. In der polnischen Westforschung waren diese Vorstellungen in Entgegnung auf die deutsche Ostforschung auf eine bis ins 10. Jahrhundert zurückreichende Argumentationsbasis gestellt worden. Daraus ergab sich bei Kriegsende die Einrichtung des bis 1949 bestehenden „Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete“.Robert Brier: Der polnische „Westgedanke“ nach dem Zweiten Weltkrieg 1944–1950. Digitale Osteuropa-Bibliothek: Geschichte 3 (2003), S. 25 (PDF; 828 kB).
Bereits ab Sommer 1941 forderten die polnische und die tschechoslowakische Exilregierung in London Grenzkorrekturen nach dem Sieg über das Deutsche Reich. Dies sollte ausdrücklich die Entfernung der deutschen Bevölkerung aus diesen Gebieten und aus dem übrigen Staatsgebiet einschließen. Die polnische Exilregierung begründete ihre Forderung damit, dass die deutschen Gebiete eine Entschädigung für die Verluste an Gütern und Menschen während der Besatzungszeit sein sollten, und verwies dabei auf die Verbrechen der Nationalsozialisten im Generalgouvernement. Stalin rechnete damit, dass die Sowjetunion mit der Vertreibung und Enteignung von Millionen Deutschen gegenüber Polen und der Tschechoslowakei dauerhaft als Garantiemacht eines neuen Status quo auftreten könnte. Mit diesem Kalkül hatten das zaristische Russland und später die Sowjetunion bereits im Nordkaukasus Vertreibungen als Mittel der Politik angewandt. Im Jahr 1944 ließ Stalin einige Bergvölker (Balkaren, Tschetschenen, Inguschen und andere) nach Mittelasien deportieren.
Die geforderte Vertreibung der Deutschen wurde mit einem Verweis auf das Verhalten der deutschen Besatzer zu legitimieren versucht. Hinzu kamen, insbesondere in Polen, sozioökonomische Ziele. Weite Gebiete Ostmitteleuropas galten damals als überbevölkert.
In einem Rechtsgutachten, das hinsichtlich der Sudetendeutschen im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung 1991 erstellt wurde, kam der österreichische Verfassungsrechtler und Menschenrechtsexperte Felix Ermacora zu folgendem Ergebnis:
Potsdamer Beschlüsse mini|Außenministerium der Vereinigten Staaten, Potsdamer Konferenz: Das mögliche Vertreibungsgebiet mit Bevölkerung
Grenzfragen Auf der Potsdamer Konferenz Anfang August 1945 wurden die neuen Staatsgrenzen in Ostmitteleuropa von den Alliierten der Form nach erst vorläufig festgeschrieben, als die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße bereits polnischer und sowjetischer Verwaltung unterstellt waren.
Von einer „endgültigen Übergabe“ – an die Sowjetunion – „vorbehaltlich der endgültigen Bestimmung der territorialen Fragen bei der Friedensregelung“ ist explizit nur für die „(Abschnitt VI.) Stadt Königsberg und das anliegende Gebiet“ die Rede. Laut Protokoll erklärten die Regierungen der USA und Großbritanniens, bei einer kommenden Friedenskonferenz den sowjetischen Anspruch auf das Gebiet um Königsberg (nördliches Ostpreußen) unterstützen zu wollen, während eine derartige Erklärung zugunsten Polens nicht dokumentiert ist.
In Abschnitt IX.b (Polen) wird bestimmt, dass wobei „die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll“.
Bereits einige Wochen zuvor hatte die Sowjetunion die Verwaltungshoheit dieser Gebiete an Polen übertragen.
Sie sind in der Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin deutlich von den vier Besatzungszonen unterschieden, die in Abschnitt III. als „ganz Deutschland“ bezeichnet werden, das (III.B.14.) „als eine wirtschaftliche Einheit zu betrachten“ sei. III.A.2.: „Soweit dieses praktisch durchführbar ist, muß die Behandlung der deutschen Bevölkerung in ganz Deutschland gleich sein.“ Dazu gehört in Abschnitt „XIII. Ordnungsmäßige Überführung deutscher Bevölkerungsteile“, dass die „Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind“, vorübergehend unterbrochen werden soll und „der alliierte Kontrollrat in Deutschland zunächst das Problem unter besonderer Berücksichtigung der Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prüfen soll“.
Die Knappheit der Formulierungen wurde ab dem Frühjahr 1946 zu der Behauptung genutzt, die Abtrennung sei nicht endgültig gemeint gewesen, da die Regelung von Gebietsfragen, wie der „final delimitation of the western frontier of Poland“, einer Friedensregelung vorbehalten wurde.Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin, IX.b. Versuchen der Sowjetunion, die Potsdamer Beschlüsse insoweit als endgültige Entscheidung zu werten, sind die Vereinigten Staaten entgegengetreten,Vgl. hierzu die Ausführungen des amerikanischen Außenministers George C. Marshall auf der Moskauer Außenministerkonferenz 1947: Documents on American Foreign Relations. Vol. IX, January 1–December 31, 1947 , S. 49. und die bereits laufende Vertreibung ist nicht durch das Abkommen akzeptiert worden.
Zwangsaussiedlung mini|Vertreibungsbefehl an die deutsche Bevölkerung der niederschlesischen Stadt Bad Salzbrunn vom 14. Juli 1945 mini|Planwagen im Braunschweigischen Landesmuseum. Solche Wagen dienten den Familien bei der Evakuierung der Frontgebiete als Gefährt für Kinder, Alte und Kranke sowie zur Mitnahme von Bedarfsgütern.
Die Umsiedlungen sollten in einer „humanen Art“ geschehen. Im Bericht von Francis E. Walter an das US-Repräsentantenhaus wurde vermerkt, dass die Transporte keineswegs dieser Bestimmung entsprachen.Francis E. Walter: Expellees and Refugees of German ethnic Origin. Report of a Special Subcommittee of the Committee on the Judiciary, House of Representatives, HR 2nd Session, Report No. 1841. Washington, D.C., 24. März 1950. Tatsächlich führte die internationale Kontrolle dazu, dass die Zwangsaussiedlung ab Anfang 1946 in wesentlich geordneterer Form vor sich ging als in den sogenannten wilden Vertreibungen in den Wochen und Monaten vor und noch unmittelbar nach der Konferenz. Dennoch wurden zahlreiche Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung verübt und es gab sehr viele Todesfälle in den Internierungslagern und Gefängnissen.Tomáš Staněk: Internierung und Zwangsarbeit. Das Lagersystem in den böhmischen Ländern 1945–1948. Aus dem Tschech. von Eliška und Ralph Melville. Mit einer Einf. von Andreas R. Hofmann. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-56519-5.
Bei den Vertreibungsgebieten handelte es sich um: den an Polen durch die Alliierten zuerkannten Teil der deutschen Ostgebiete, wie das südliche Ostpreußen, Hinterpommern (plus Stettin in Vorpommern), die Neumark sowie Schlesien (östlich der Oder-Neiße-Linie) und Ostsachsen (östlich der Lausitzer Neiße); das nördliche Ostpreußen, das entsprechend dem Potsdamer Abkommen der Sowjetunion zugeschlagen und in die russische Sowjetrepublik eingegliedert worden war; Gebiete, die seit dem Jahr 1919 dem Deutschen Reich abgesprochen wurden, in denen aber nach wie vor Deutsche lebten (beispielsweise das Memelland, Westpreußen, Ost-Oberschlesien und das Territorium des Freistaats Danzig); die baltischen Staaten (bereits 1939/40 vertraglich vereinbart); das Sudetengebiet, den südlichen Böhmerwald sowie Südböhmen und Südmähren, also die nördlichen, südlichen und westlichen Randgebiete der Tschechoslowakei; Prag, Brünn, Olmütz und deutsche Sprachinseln (beispielsweise den Schönhengstgau mit den Städten Mährisch Trübau, Zwittau und Landskron in Zentralböhmen und -mähren sowie Iglau); mehrere Regionen in Südosteuropa, vor allem in Ungarn, Rumänien (Siebenbürgen, Banat), Kroatien (Slawonien), Serbien (Vojvodina) und Slowenien (Maribor (Marburg a. d. Drau), Ljubljana (Laibach), Celje (Cilli), die Gottschee (Kočevje), siehe auch Jugoslawien).
Eine erhebliche Zahl der Vertriebenen machten deutsche Siedler und Verwaltungsbeamte mit ihren Familien aus, die erst im Zuge der deutschen Eroberungen des II. Weltkriegs gekommen waren. Timothy Snyder schätzt ihre Zahl allein unter den aus Polen Vertriebenen auf 1,5 Millionen.
Zahlen zur Flucht und Vertreibung Anzahl der Vertriebenen