Shakespeares Sonette () ist ein Gedichtband mit 154 Sonetten des Dichters William Shakespeare. Es handelt sich um den spätesten Groß-Zyklus von Sonetten in der Nachfolge Francesco Petrarcas, allerdings widmen sich die Sonette nicht mehr ausschließlich einer idealisierten Geliebten, sondern umfassen neben der Liebe ein wesentlich weiter gefächertes Themenspektrum wie Lust, Begierde, Entsagung, Erfüllung, Treulosigkeit, Verdacht und Verrat, Altern und Vergänglichkeit. Darüber hinaus erkunden sie zugleich den poetologischen Raum des Sag- und Unsagbaren und hinterfragen selbst-reflexiv die Sprache der Poesie und Passion. Als Vierzehnzeiler im fünfhebigen Jambus und Kreuzreimschema mit drei Quartetten und einem abschließenden Paarreim weichen sie ebenfalls von der italienischen Sonettform ab.Tobias Döring in Ansgar und Vera Nünning (Hrsg.): Kindler Klassiker: Englische Literatur: Aus sieben Jahrhunderten. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-04031-2, S. 526;Kurt Tetzeli von Rosador: Die Sonette und »A Lover’s Complaint«. In: Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 571–595. Gemeint sind in diesem Artikel nicht die zahlreichen auch in den Dramen Shakespeares vorkommenden Sonette.Paul Edmondson, Stanley Wells (Hrsg.): All the Sonnets of Shakespeare. Cambridge University Press 2020, ISBN 978-1-108-78084-1. Im Anschluss an die Sonette enthält die Erstausgabe das lange Gedicht A Lover’s Complaint (dt. Einer Liebenden Klage).

Die Erstausgabe von 1609 mini|hochkant|Titelblatt der Erstausgabe Die Druckausgabe der Sonette Shakespeares erschien in gesammelter Form erstmals 1609 im Verlag von Thomas Thorpe in London. Der Titel lautet SHAKE-SPEARES SONNETS. Neuer before Imprinted (das „u“ in „Neuer“ ist als konsonantisches „v“ zu lesen). Im englischen Sprachraum wird diese Ausgabe häufig die „Quarto edition“ genannt, eine Konvention, die sich nach dem Buchformat richtet.

Einige der Sonette waren zuvor schon publiziert worden, so die Nummern 138 und 144 in dem Gedichtband The Passionate Pilgrim (gegen 1599). Zudem weist schon Francis Meres in seiner Literaturübersicht Palladis Tamia von 1598 auf die Existenz weiterer Sonette Shakespeares hin. Auch sind literarische Anspielungen auf die Sonette bereits aus den 1590er Jahren belegt. Die meisten Kommentatoren gehen deshalb davon aus, dass zumindest ein Teil der Sonette bereits vor 1600 verfasst wurde. Der exakte Entstehungszeitraum der Shakespeareschen Sonettsammlung lässt sich jedoch nicht mehr zweifelsfrei feststellen; die diversen Vermutungen über die Entstehungszeit der gesamten Sonette unterscheiden sich in der Datierung um eine Zeitspanne von mindestens 27 Jahren, nicht allein aufgrund der unterschiedlichen mutmaßlichen textexternen oder internen Indizien, die für die Datierungsversuche herangezogen werden, sondern vor allem aufgrund der unterschiedlichen zugrundeliegenden Deutungen: dem Versuch eines biografischen Verständnisses einerseits sowie der Bewertung der Thorpeschen Quartausgabe andererseits.Zu den Merkwürdigkeiten des von Thorpe herausgegebenen Zyklus gehört z. B. nicht nur die genreuntypische Nennung des Autornamens im Titel, sondern gleichermaßen das Fehlen einer Autorwidmung, die den finanziell ansonsten durchaus geschäftstüchtigen Shakespeare um eine wichtige Einnahmequelle brachte. Ebenso seltsam mutet die Widmung Thorpes an, die durchgängig unterschiedlich gedeutet werden kann. Vgl. zur Datierung der Entstehungszeit die zusammenfassenden Darstellung in Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 568–570. Siehe zur Datierung auch Sonja Fielitz: Die Sonette. In: Sonja Fielitz: William Shakespeare. Eine Einführung in Werk und Wirkung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013, S. 59

Als plausibel gilt zumeist die Annahme einer etwa 15-jährigen Entstehungs- und Bearbeitungszeit, vermutlich jeweils während der Pestausbrüche und der damit einhergehenden Schließung der Theater, etwa 1593/94, 1603/04 und 1608/09.

Der Text der Druckausgabe von 1609 enthält zahlreiche Satzfehler, Missverständnisse und Unachtsamkeiten. Auch wenn über die tatsächliche Fehlerhaftigkeit sämtlicher in Verdacht gekommener Stellen in der Gelehrtenschaft keineswegs Einigkeit herrscht, so wird doch die unübersehbare Nachlässigkeit der Edition nirgends wirklich bestritten. Weitgehend unkontrovers ist ebenso die naheliegende Schlussfolgerung, dass für den Druck weder ein Autormanuskript noch eine verlässliche Abschrift vorlag. Man hat bisweilen vermutet, dass es sich um einen in Eile hergestellten Raubdruck handelt, der vom Verleger nicht die nötige Sorgfalt erhielt und auf keinen Fall eine Druckfahnenkorrektur vom Autor selbst. Doch herrscht auch darüber letztlich keine Gewissheit.Wenngleich eine Klärung mit letzter Sicherheit beim gegenwärtigen Stand der Forschung nicht mehr möglich ist, geht ein Großteil der Shakespeare-Gelehrten und Herausgeber bislang davon aus, dass die Druckausgabe von Thorpe 1609 und die dort vorgenommene Anordnung der Sonetten wahrscheinlich von Shakespeare weder autorisiert war noch mit seiner Kenntnis oder Einwilligung erfolgte.Colin Burrow (Hrsg.): William Shakespeare, The Complete Sonnets and Poems. Oxford University Press, Oxford und New York 2002, S. 91–111, hier besonders S. 95 ff.Colin Burrow: Editing the Sonnets. In: Michael Schoenfeldt (Hrsg.): A Companion to Shakespeare’s Sonnets. Blackwell Publishing Ltd., Chichester, West Sussex 2010, S. 145–162, hier vor allem S. 145 f.Colin Burrow: Shakespeare the Poet. In M. De Grazia, & S. Wells (Hrsg.): The New Cambridge Companion to Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 2010, S. 91–104, hier vor allem S. 104 ff.Stephen Booth (Hrsg.): Shakespeare's Sonnets. Yale University Press, New Haven und London 1977, Appendix I. S. 545 ff. sowie Stephen Booth: An Essay on Shakespeare’s Sonnets. Yale University Press, New Haven 1969, S. 2 ff. Siehe ebenso A. D. Cousins: Shakespeare's Sonnets. In: A. D. Cousins und P. Howarth (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Sonnet. Cambridge University Press, Cambridge 2011, S. 125–144, hier insbesondere S. 125 ff.Michael Schoenfeldt: The Sonnets. In: Patrick Cheney (Hrsg.): The Cambridge Companion to Shakespeare’s Poetry. Cambridge University Press, Cambridge 2007, S. 125–143, hier insbesondere S. 125 ff.Jonathan Bate and Eric Rasmussen (Hrsg.): The Sonnets and Other Poems. The Royal Shakespeare Company, Modern Library Paperback Edition 2009, Introduction. S. XV.Paul Edmondson, Stanley Wells: Shakespeare's Sonnets. Oxford University Press, Oxford 2004, S. 5–7.Demgegenüber vermutet Katharine-Duncan Jones, dass Shakespeare die Anordnung und den Druck der einzelnen Sonette in Thorpes Ausgabe durchaus autorisiert haben könne, wenngleich ihr zufolge für diese Hypothese letztlich keine zweifelsfreien Belege mehr erbracht werden können.Katherine Duncan-Jones (Hrsg.): Shakespeare’s Sonnets. The Arden Shakespeare 1997, Preface. S. XIV ff. und Introduction. S. 5 ff. und 29 ff.insbesondere S. 32 ff.Michael Schoenfeldt hält es trotz der seiner Meinung nach nicht mehr zweifelsfrei klärbaren Frage der Autorisierung des Drucks von Thorpe immerhin für möglich, dass Shakespeare als Verfasser den Druck billigend zur Kenntnis genommen habe. Aufgrund seiner historisch dokumentierten Erfahrung in Rechtsgeschäften hätte er Schoenfeldt zufolge anderenfalls vermutlich rechtliche Schritte gegen diesen Druck durch Thorpe in die Wege geleitet; dafür seien jedoch keine Belege überliefert.Michael Schoenfeldt: Mystery of the Sonnets: Dedication, publication, sequence, characters. In: Michael Schoenfeldt: The Cambridge Introduction to Shakespeare’s Poetry. Cambridge University Press, Cambridge 2010, S. 57–68, hier S. 58 ff.Im Gegensatz zu der Sicht der heutigen Editoren gilt es für Tobias Döring „mittlerweile aber als gesichert“, dass Shakespeare die Druckausgabe von 1609 „selbst in dieser Form geplant“ habe;Tobias Döring: William Shakespeare: Sonnets. In: Ansgar und Vera Nünning (Hrsg.): Kindler Klassiker: Englische Literatur: Aus sieben Jahrhunderten. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-04031-2, S. 526.

Die Authentizität der Sonette wird in der Fachwelt nicht bestritten: Sie sind Werke desjenigen, der die Shakespeare-Dramen geschrieben hat. Auch wenn von Sonett 2 aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts rund ein Dutzend nichtidentischer Manuskriptfassungen vorliegen, widerlegt dies nicht die Autorschaft Shakespeares, sondern deutet eher darauf hin, dass Shakespeare ebenso wie andere Dichter seiner Zeit den Sonettzyklus vermutlich mehrfach überarbeitet und revidiert hat.Siehe Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 568–570.

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