mini|Harry M. Daugherty, Attorney General 1921–1924 mini|William J. Burns, Direktor des Bureau of Investigation 1921–1924 Als Daugherty-Burns-Skandal sind Enthüllungen über Amtsmissbrauch bekannt, die im Jahre 1924 zum Rücktritt des US-amerikanischen Attorney General (Justizminister) Harry M. Daugherty und des Direktors des Bureau of Investigation (Büro für Ermittlungen, BOI) – des Vorläufers des späteren Federal Bureau of Investigation (FBI) – William J. Burns führten.

Der Skandal ist jedoch nur als eine Folge des größeren Teapot-Dome-Skandals verständlich, der wiederum nur als ein Kristallisationspunkt einer großen Welle von Korruptionsskandalen in den USA unter der Präsidentschaft Warren G. Harding in der ersten Hälfte der 1920er Jahre zu sehen ist. Der Daugherty-Burns-Skandal wird im größeren Rahmen der verschiedenen Ohio-Gang-Skandale als eine spezifische Einheit gesehen, weil er die Vorgänge in Daughertys Justizministerium, dem auch das BOI unterstand, umfasst und nicht um Bestechlichkeit und Korruption der verwickelten Amtsträger kreist, sondern sich durch wiederholte Versuche der beiden Protagonisten, die Ermittlungen in diesen Skandalen unter Ausnutzung von Amtsmitteln zu behindern, auszeichnet.

Hintergrund Daugherty und Burns kamen beide fast zur selben Zeit im Zuge der Folgen eines anderen politischen Skandals in ihre jeweiligen Ämter. Die sogenannte „Erste Red Scare (Rote Angst)“ fand 1920 ihren Höhepunkt in den Palmer Raids (Palmer-Razzien), einer Reihe von Attorney General Alexander M. Palmer angeordneten und im BOI von Assistant Director J. Edgar Hoover organisierten Razzien gegen anarchistischer, bolschewistischer und kommunistischer Umtriebe verdächtigte Amerikaner und Ausländer, in deren Verlauf es zu tausendfachem Rechtsbruch durch Beamte des BOI kam. Die Kritik am überzogenen Vorgehen der Behörden und der fehlende Rückhalt in der neuen Regierung Harding führten schließlich zum Rücktritt Palmers. Präsident Harding setzte am 4. März 1921 seinen engen Vertrauten und Wahlkampfleiter, den Rechtsanwalt Harry M. Daugherty, als Palmers Nachfolger ein.

William J. Burns war ein ehemaliger Special Agent des Secret Service, der während seiner Zeit in Staatsdiensten unter anderem beschuldigt worden war, 1901 in einem Gerichtsverfahren Mitglieder der Jury von angeheuerten Gangstern beschatten und bedrohen lassen zu haben.Matt Novak, Unlocking the Mystery of the $10 Million California Time Capsule auf paleofuture.gizmodo.com vom 4. März 2014, abgerufen am 4. März 2014. Zum Zeitpunkt der Palmer Raids war er Direktor der von ihm begründeten William J. Burns International Detective Agency, der nach Pinkerton’s National Detective Agency zweitgrößten Privatdetektei der USA. Durch die Aufklärung einiger spektakulärer Fälle und geschickte PR – Burns trat 1914 sogar in einem Spielfilm als er selbst auf – wurde er zum berühmtesten Detektiv der USA und erwarb sich den Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“. Kritik an anrüchigen Geschäftspraktiken seiner Detektei – wie viele amerikanische Privatdetekteien dieser Zeit verdiente die Burns International den Großteil ihres Geldes mit der Verfolgung von und dem teilweise auch gewaltsamen Vorgehen gegen die Arbeiterbewegung, war gleichzeitig aber auch in moralisch fragwürdig ausgeführte Ehebruchsermittlungen verwickelt – konnte Burns weitestgehend ohne Ansehensverlust überstehen. Als kurz nach dem Rücktritt Palmers auch der damalige BOI-Direktor William J. Flynn aus persönlichen Gründen von seinem Posten zurücktrat, setzte Daugherty am 22. August 1921 Burns als dessen Nachfolger ein. William J. Burns übergab die Führung seiner Detektei in dieser Zeit an seinen Sohn William S. Burns, doch seine naturgemäß anhaltend enge Verbindung zum Unternehmen sollte sich später als problematisch erweisen.

Ohio Gang und Teapot Dome Zusammen mit dem Beginn der Präsidentschaft Hardings kam auch die sogenannten „Ohio Gang“ nach Washington, D.C., eine Gruppe von zum größten Teil aus Hardings Heimatstaat Ohio stammenden Politikern, die zum engsten Umfeld des neuen Präsidenten gehörten und von ihm nun mit Kabinettsposten versorgt wurden. Zum Kern der Ohio Gang gehörten Albert B. Fall, der Innenminister wurde, Will H. Hays, Hardings Postmaster General, Charles R. Forbes, der neue Direktor der Kriegsveteranenbehörde, Edwin Denby, der zum Marineminister ernannt wurde, und Thomas W. Miller, den Harding zum Vorsitzenden des Office of Alien Property (Treuhandbehörde für ausländisches Eigentum) machte. Daugherty, der neben Harding als Kopf der Ohio Gang galtArtikel Ohio Gang in der Onlineausgabe der Encyclopædia Britannica, abgerufen am 18. Dezember 2012., erklärte später in seinen Memoiren, dass er stolz sei, zu dieser Gruppe guter Männer gehört zu haben. Zum weiteren Umfeld gehörten auch diverse weitere Assoziierte wie der verurteilte Alkoholschmuggler, Betrüger und Hochstapler Gaston Means, der in der Vergangenheit auch für Burns’ Detektei gearbeitet hatte, oder Hardings persönlicher Kurier Jesse S. „Jess“ Smith, der mit einem nicht näher spezifizierten Beamtenposten in Daughertys Ministerium versorgt wurde. Die von außen kommende, verschworene und abgeschlossene Gruppe war im Establishment der Hauptstadt Washington und auch innerhalb der Republikanischen Partei nicht sehr beliebt, und Harding erwarb sich rasch den Ruf eines schwachen Präsidenten. So nahmen es Journalisten und politische Gegner Hardings gleichermaßen dankbar auf, als sich die Mitglieder der Ohio Gang nach und nach in Korruptionsfälle verstrickten.

mini|Postkarte aus der Zeit des Skandals: „Teapot Rock – Famous Teapot Dome – Oil District – In Wyoming“ Der spektakulärste und bis heute am prominentesten im Gedächtnis gebliebene von diesen Skandalen war der Teapot-Dome-Skandal, in dessen Zentrum Innenminister Albert B. Fall stand. Der Name dieses Skandals wird im Rückblick oft als Synonym für die Korruption der gesamten Ohio Gang verwendet.Artikel Teapot Dome Scandal in der Free Legal Encyclopedia auf law.jrank.org, abgerufen am 18. Dezember 2012. 1921 hatte Präsident Harding die Zuständigkeit für einige Ölfelder, die die US-Marine direkt kontrollierte, um sie als Reserve für den Antrieb ihrer ölbefeuerten Schiffe zu nutzen, vom Marineministerium an das Innenministerium übertragen, was jedoch erst 1922 nach direkter Einwirkung Falls auf Marineminister Denby wirksam wurde. Fall nutzte seine neuen Befugnisse, um nun die als „Teapot Dome“ bekannten Ölfelder von Teapot Rock im Natrona County in Wyoming an eine Tochterfirma der Sinclair Oil und die Ölfelder in den Elk Hills im Kern County in Kalifornien an die Pan American Petroleum zu sehr geringen Pachtzinsen zu verpachten. Die Verpachtung überschritt zwar nicht die Befugnisse des Innenministers, erfolgte aber ohne vorherige Ausschreibung. Fall hatte von Harry F. Sinclair, dem Chef der Sinclair Oil, und Edward L. Doheny von Pan American Petroleum mehrere Zuwendungen erhalten, darunter ein zinsloses Darlehen von Doheny in Höhe von 100.000 Dollar und andere Zuwendungen und Geschenke im Wert von zusammen über 400.000 Dollar von den beiden Ölmagnaten – nach heutigem (2012) Wert insgesamt ungefähr 7 Millionen Dollar.Umrechnung entsprechend der Federal Reserve Bank of Minneapolis, abgerufen am 18. Dezember 2012. Marineminister Denby hatte davon Kenntnis, da Fall durch einen Beschluss des Kongresses die Unterschrift Denbys für die Verpachtung benötigte.Vgl. Grossman, Political Corruption, S. 94.

mini|Sitzung des Senatsausschusses zur Untersuchung des Teapot-Dome-Skandals Mitte April 1922 wurde die Öffentlichkeit durch Artikel im Wall Street Journal und Briefe an mehrere Senatoren auf die Vorgänge aufmerksam. Daraufhin wurde im zuständigen Senatsausschuss für Öffentliche Ländereien eine Ermittlung des Falls eingeleitet, die sich über mehrere Jahre hinzog. Während die Ermittlungen, die bald auch parallel von einem Ausschuss des Repräsentantenhauses geführt wurden, liefen, wurde unter anderem auch in Büros verschiedener Senatoren und Kongressmitglieder eingebrochen und es verschwanden eine Reihe von potentiell belastenden Dokumenten in den beteiligten Ministerien.Zu vermuten, dass dafür die in entsprechenden Techniken geübten Männer aus Burns’ Umfeld verantwortlich gewesen sind, lag nahe, konnte aber nicht nachgewiesen werden. Es waren die sich immer weiter ausweitenden Ermittlungen des Senatsausschusses und die Ermittlungen von Journalisten in diesem Fall, die nach und nach immer mehr Mitglieder der Ohio Gang in den Fokus brachten. Fast alle dieser engsten Vertrauten Hardings gerieten so in mehr oder weniger kleine Skandale und Ermittlungen, und Harding und die Ohio Gang gerieten unter starken öffentlichen Druck. So sorgte beispielsweise der offiziell als Suizid bewertete Tod Jess Smiths am 30. Mai 1923 für großes Aufsehen, da er als Hardings persönlicher Bote und Kurier anscheinend mit allen Vorgängen verbunden war und über möglicherweise das beste Insiderwissen verfügt hatte. Gleichzeitig sollte er laut Senator James Thomas Heflin die zentrale Rolle in einem Plan, Gelder in Millionenhöhe von Alkoholschmugglern an die Republikanische Partei fließen zu lassen, gespielt habenArtikel Again, Heflin im TIME Magazine von 7. Dezember 1926., und sogar Harding selbst wurde mit dem Tod in Verbindung gebracht, weil er angeblich gesagt hatte, er wolle Smith loswerden. Als Warren G. Harding am 2. August 1923 im Amt verstarb, verlor die Ohio Gang schlagartig an Rückhalt, die Ermittlungen wurden weiter intensiviert. Der Teapot-Dome-Skandal im engeren Sinne fand erst 1929 sein Finale in der Verurteilung Albert B. Falls zu einer Geldstrafe in Höhe von 100.000 Dollar und einer Gefängnisstrafe von einem Jahr – Fall war damit das erste amerikanische Kabinettsmitglied, das wegen während seiner Amtszeit begangener Verbrechen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.Charles R. Forbes war bereits 1926 wegen im Amt begangener Vergehen zu 2 Jahren Gefängnis und 10.000 Dollar Strafe verurteilt worden, der von ihm bekleidete Posten als Direktor des Veterans’ Bureau erhielt jedoch erst 1989 (mit Ed Derwinski) offiziell den Rang eines Ministers und Kabinettsmitglieds.

Daugherty und Burns Auch Attorney General Daugherty geriet in den Sog des Teapot-Dome-Skandals. Wie gegen fast alle Mitglieder der Ohio Gang wurden gegen ihn Vorwürfe der Korruption, des Betrugs im Amt und des Verstoßes gegen diverse Prohibitionsgesetze vorgebracht.Artikel Ohio Gang bei Ohio History Central, abgerufen am 18. Dezember 2012. Diese Vorwürfe standen jedoch eher am Rande des sich nun herauskristallisierenden Daugherty-Burns-Skandals. Als Attorney General wurde Daugherty sogleich zu Beginn der Senatsuntersuchungen dafür verantwortlich gemacht, dass er die Verfehlungen Falls nicht eher untersucht hatte, und es wurde vermutet, dass er von der Bestechlichkeit Falls und auch der indirekten Verwicklung Denbys in die Vorgänge gewusst hatte, ohne dagegen einzuschreiten. Eine interne Untersuchung des Justizministeriums kam jedoch zu dem Ergebnis, dass Daugherty keine Kenntnis von den Vorgängen gehabt hatte. Dieses offizielle Untersuchungsergebnis konnte aber anderslautende Gerüchte nicht zum Verstummen bringen. Außerdem geriet Daugherty in Zusammenhang mit dem Tod Jess Smiths unter Druck. Smith unterstand technisch gesehen Daugherty, auch wenn er in dessen Behörde keine offizielle Funktion hatte. Am Abend vor Smiths Tod hatte Daugherty ihm angekündigt, dass er gegen ihn Ermittlungen einleiten werde. Nachdem Smith gestorben war, weigerte sich Daugherty, weitere Aussagen zu diesem Fall zu machen, was den Verdacht weckte, dass er noch lebende Mitglieder der Ohio Gang decken wollte oder aber seine eigene Verantwortung für den Tod vertuschen wollte.