Die Gesundheitssystemforschung befasst sich als Teilgebiet der Gesundheitswissenschaften mit den Zusammenhängen zwischen Gesundheit, Gesundheitswesen, Gesellschaft und Umwelt und beschreibt, analysiert und evaluiert diese. Zielsetzung sind unter anderem das Schaffen neuen Wissens, die Beratung der Gesundheitspolitik und die Befähigung von Gesellschaften, die Gesundheit zu verbessern.

System, Gesundheitssystem und Gesundheitsforschung

Ein System ist ein zielorientiert organisierter, dynamisch interagierender Zusammenhang von Komponenten, in dem es verschiedene Ursachen und Wirkungen und erwünschte und unerwünschte Nebenwirkungen gibt. Individuelles und gemeinsames Verhalten, kulturelle Prägungen, organisierte Interventionen, ökologische und ökonomische Rahmenbedingungen, historische Erfahrungen und anderes mehr haben ihren Einfluss auf diese Beziehungen. Systemforschung versucht vor diesem komplexen Hintergrund, Systeme im Allgemeinen und Gesundheitssysteme im Speziellen zu verstehen, zu vergleichen, zu bewerten und zu ändern.

Die Hauptkomponenten des Gesundheitssystems – Gesundheit, Gesundheitswesen, Gesellschaft, Umwelt – stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander. Beispiele: Das Gesundheitswesen soll Gesundheit verbessern, kann es durch falsch-positive Diagnosen oder HospitalinfektionenHaque M, Sartelli M, McKimm J, Abu Bakar M. Health care-associated infections - an overview. Infect Drug Resist. 2018 Nov 15;11:2321-2333. doi:10.2147/IDR.S177247. PMID 30532565; aber auch schädigen. Das Gesundheitswesen ist ein wichtiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sektor, der ArbeitSiehe z. B. für die USA: Occupational outlook handbook, Healthcare occupations https://www.bls.gov/ooh/healthcare/home.htm und Einkommen schafft, durch mangelnde WirtschaftlichkeitRadojicic, M., Jeremic, V., & Savic, G. (2020). Going beyond health efficiency: What really matters? The International journal of health planning and management, 35(1), 318-338. aber auch Gesellschaften schädigen kann. Gesundheit wird durch natürliche Krankheitserreger bedroht aber auch durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Einflüsse wie Arbeitslosigkeit, Armut, Krisen und Kriege.siehe vor allem Kapitel 5.4 Das Gesundheitswesen steht durch Einwirkungen von Umwelt- und Natur – z. B. InfektionenSiehe als aktuelles Beispiel Covid 19: El Bcheraoui, C., Weishaar, H., Pozo-Martin, F., & Hanefeld, J. (2020). Assessing COVID-19 through the lens of health systems’ preparedness: time for a change. Globalization and Health, 16(1), 1-5., KlimaRomanello, Marina et multi alii: The 2022 report of the Lancet Countdown on health and climate change: health at the mercy of fossil fuels. Lancet 2022; 400: 1619–54., Ernährungvon Grebmer, Klaus et alii: Welthunger-Index 2021. Bonn/Dublin (Deutsche Welthungerhilfe) 2021 - www.globalhungerindex.org – vor immer neuen Herausforderungen. Aus diesen beispielhaften Gründen ist es erforderlich, das gesamte Gesundheitssystem zu analysieren und nicht nur die Beziehungen zwischen Gesundheitswesen und Gesundheit.

Bei der Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1946 wurde Gesundheit definiert als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“.Verfassung der Weltgesundheitsorganisation 1946. (PDF; 151 kB) S. 1. Medizinische Versorgung und die Organisation des Gesundheitswesens reichen dafür nicht aus. Seit den 1980er Jahren wird Gesundheit weiter interpretiert. Es geht darum, dass Menschen „zumindest solch einen Gesundheitszustand haben, dass sie fähig sind, produktiv zu arbeiten und aktiv am sozialen Leben der Gemeinschaft teilnehmen“. (PDF; 1,0 MB) World Health Organization (European Health for All Series; No. 6) 1999, ISBN 92-890-1349-4 , S. 211. mini|380px|Gesundheitsforschung Die Ottawa Charta der WHO von 1986 über Gesundheitsförderung verweist auf vielfältige Faktoren, die dafür erforderlich sind: „Grundlegende Bedingungen und konstituierende Momente von Gesundheit sind Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Öko-System, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Jede Verbesserung des Gesundheitszustandes ist zwangsläufig fest an diese Grundvoraussetzungen gebunden.“Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. (PDF) 1986 S. 1–2. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen erweiterte diese Sichtweise und sieht Gesundheit im Umkreis einer Befähigung (englisch ) zur Freiheit und Befreiung.Amartya Sen: (PDF) In: Bulletin of the World Health Organization. Band 77, Nummer 8, 1999, S. 619–623.

Gesundheitsforschung untersucht, was Gesundheit in diesem weiten Sinn behindert bzw. schafft, schützt, stützt und fördert und was Krankheiten verursacht, erkennt, heilt, mindert, lindert und verhindert. Gesundheitssystemforschung beinhaltet „die gesamte Versorgungsforschung, den Großteil der Gesundheitspolitikforschung, einige klinische Forschung und Forschung über den Gesundheitszustand von Bevölkerungen aber keine biomedizinische Forschung“.S. J. Hoffman 2012, S. 18 – siehe Literaturverzeichnis Hoffman 2012, S. 18 – siehe Literaturverzeichnis A Review of Conceptual Barriers and Opportunities facing Health Systems Research to inform a Strategy from the World Health Organization. (PDF; 2,3 MB) 1. Juni 2012

Entwicklung der Gesundheitssystemforschung in Deutschland Nach dem Missbrauch der Begriffe Sozialmedizin und Sozialhygiene durch die Rassenhygiene des Nazi-Regimes waren die Gesundheitswissenschaften in Deutschland lange Zeit in einer Schockstarre. Erst zögerlich entwickelte sich neben der biomedizinischen und klinischen Forschung über Krankheiten eine Forschungslandschaft zum Thema der Gesundheit. Gesundheitssystemforschung entstand in den 70er Jahren, zu einer Zeit, in der sich auch andere neue Wissenschaftszweige wie Kybernetik, Operations Research und Systemforschung durchzusetzen versuchten.

Anstöße und Vorläufer Das 1972 in Wien gegründete Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) war eine zur damaligen Zeit einmalige Zusammenarbeit zwischen Westeuropa, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika. Es entwarf und verbreitete seit 1973 die Idee der Systemanalyse im Gesundheitswesen, die zunächst von sowjetischen Forschern geprägt wurde.Venediktov 1975 – siehe Literaturverzeichnis Venediktov 1975 – siehe Literaturverzeichnis Norman T.J. Bailey, Mark Thompson (Hrsg.): Systems Aspects of Health Planning (PDF) August 1974

Auch die kritische Medizin in Deutschland engagierte sich schon 1973 für eine Systemanalyse des Gesundheitswesens.Projekt Gesundheitssystemanalyse 1973 – siehe Literaturverzeichnis

Zur gleichen Zeit entstanden in Deutschland Institute angewandter Gesundheitsforschung, die im Auftrag und auf Rechnung von Trägern der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen tätig waren: 1973 war das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) in Köln gegründet worden. Es forschte und beriet im Auftrag der ambulant tätigen Kassenärzte. Friedrich Wilhelm Schwartz prägte dieses Institut. Er gilt als Nestor von Public Health in Deutschland. 1975 gründete Fritz Beske das Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel (IGSF).Beske 1978 – siehe Literaturverzeichnis Sein erster Schwerpunkt war die regionale Gesundheitsversorgung in Schleswig-Holstein und wurde dann für viele andere Auftraggeber tätig. Fritz Beske ist Grandseigneur und auch heute noch richtungweisender Mentor der Gesundheitssystemforschung in Deutschland. 1976 entstand in Bonn das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) unter der Leitung von Ulrich Geißler. Diese Institute prägten und prägen nach wie vor eine angewandte Gesundheitsforschung im deutschen Gesundheitswesen. Sie sind allerdings nicht im öffentlichen Interesse tätig, sondern im Interesse ihrer Auftraggeber.

Der Beginn der Gesundheitssystemforschung in Deutschland Die Anregungen der IIASA wurden vor allem aufgegriffen von Wilhelm van Eimeren, dem Gründungsvater einer wissenschaftlich unabhängigen Gesundheitssystemforschung in Deutschland.van Eimeren 1978 – siehe Literaturverzeichnis Auf seine Initiative hin wurde 1978 vom damaligen Bundesforschungsministerium (90 % der Finanzierung) und dem Freistaat Bayern (10 %) das Institut für medizinische Informatik und Systemforschung (MEDIS) geschaffen. Wegen der erforderlichen Multidisziplinarität wurde es einer Großforschungseinrichtung zugeordnet, der damaligen Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF)heute: Helmholtz Zentrum München in Neuherberg bei München. Gesundheitssystemforschung wurde im MEDIS insbesondere von Detlef Schwefel und seinen Mitarbeitern vertreten. Hauptthemen waren in den 80er Jahren:Schwefel 1984, Schwefel 1987 – siehe Literaturverzeichnis und Schwefel 1984, Schwefel 1987 – siehe Literaturverzeichnis und Sozioökonomische Gesundheitssystemforschung am MEDIS -Institut der GSF (PDF; 3,8 MB) Entwicklung von Indikatorensystemen und Testung von Routinedaten gesundheitlicher Versorgung sowie Mitwirkung an der Entwicklung einer deutschen Gesundheitsberichterstattung Erforschung der Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Gesundheit auf Mikro- und Makroebene und entsprechende Beratung des Europarates und der Weltgesundheitsorganisation Evaluation von Gesundheitspolitiken – z. B. Kostendämpfungsmaßnahmen – und Technologiefolgenabschätzung, z. B. künstliche Intelligenz in der Medizin Europäische Kosten- und Kosten-Effektivitätsanalysen, z. B. bezüglich AIDS und Chronische Psychosen Förderung der Gesundheitssystemforschung in Europa (in Zusammenarbeit mit dem Concerted Action Committee for Health Services Research (COMAC) der Europäischen Gemeinschaft) Förderung von Gesundheitsökonomie und Gesundheitsplanung (als Collaborating Centre for Health Planning and Health Economics der Weltgesundheitsorganisation (WHO)) Evaluation und Planung von Gesundheitsprogrammen in Entwicklungsländern

Die 1980er Jahre waren geprägt von einem Aufschwung der Gesundheitssystemforschung. Der Springer Verlag veröffentlichte zwischen 1984 und 1991 eine Reihe zur Gesundheitssystemforschungsiehe und zum Health Systems Research. Unter dem Namen International Society on System Science in Health Care (ISSHC) entstand eine internationale wissenschaftliche Gesellschaft, die bis ins Jahr 2004 aktiv blieb. Wilhelm van Eimeren war treibende Kraft bei diesen Initiativen.

Die Förderung der Gesundheitsforschung in Deutschland Ende der 1970er Jahre startete das damalige Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) das erste „Programm der Bundesregierung zur Förderung von Forschung und Entwicklung im Dienste der Gesundheit 1978–1981“.Siehe Gefördert wurden neben Universitäten auch private Organisationen und Beratungsgesellschaften. Die staatliche Förderung der Gesundheitsforschung gab Anlass zum Entstehen privater Beratungsfirmen, beispielsweise: 1980 wurde die Beratungsgesellschaft für angewandte Systemforschung (BASYS) im Umfeld der Universität Augsburg von Markus Schneider gegründet. Im gleichen Jahr gründeten Wilhelm Schräder und andere Mitarbeiter der Technischen Universität Berlin das später von Bertram Häussler geleitete Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES).

Die Konsolidierung der Gesundheitssystemforschung in Deutschland Gesundheitssystemforschung wurde schließlich auch universitär verankert an der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort hatte Manfred Pflanz bis zu seinem Tode 1980 im Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin die deutsche Sozialmedizin nach Nationalsozialismus und Weltkrieg rehabilitiert. 1985 wurde Friedrich Wilhelm Schwartz auf seinen Lehrstuhl berufen und erweiterte das Aufgabenspektrum dieses Instituts um die Gesundheitssystemforschung.Siehe Er vertritt diese Disziplin bis in die Gegenwart.