Das Emslandlager Dalum, auch Emslandlager XII genannt, bestand von 1939 bis 1945 zwei Kilometer westlich des Dorfes Dalum.
Geschichte Errichtung des Lagers mini|Plan des Emslandlagers Dalum 1941 und 1992 Bei einer Besprechung von Beamten mehrerer Reichsministerien am 7. Juli 1936 war beschlossen worden, zur Beschleunigung der Urbarmachung der Moore im Emsland vermehrt Strafgefangene heranzuziehen.Erich Kosthorst, Bernd Walter: Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland 1933–1945. Droste Verlag, Düsseldorf 1985, S. 142 und S. 164–165. Denn Gefangene konnten wesentlich rücksichtsloser eingesetzt und ausgenutzt werden als der Reichsarbeitsdienst (RAD), der bei den Kultivierungsarbeiten im Moor seine Zusagen nicht einhielt, weder was die Zahl der eingesetzten Männer betraf, noch deren Leistung.Erich Kosthorst, Bernd Walter: Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland 1933–1945. Droste Verlag, Düsseldorf 1985, S. 177–178. Nachdem der Reichsarbeitsdienst abgezogen war, begannen im Frühjahr 1938 die Bauarbeiten für weitere Emslandlager, darunter das Lager XII Dalum. Doch bereits wenige Monate später, im August 1938, wurden zehn Baracken wieder abgebaut und im Rahmen des Projektes Westwall an die französische Grenze bei Zweibrücken verlegt. Nach der Münchner Konferenz und der Annexion des Sudetenlandes wurden die Baracken am Westwall wieder ab- und im Lager Dalum wieder aufgebaut. Im Mai 1939 war das Lager fertiggestellt, bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges allerdings noch nicht mit Strafgefangenen belegt.
Kriegsgefangenenlager mini|Verbliebene Reste des Emslandlagers Dalum: Transformatorenhaus und drei Pfosten des Eingangstores Im September 1939 übernahm das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) das Lager Dalum – ebenso wie die anderen acht neuen Emslandlager. Organisatorisch war es als eines von mehreren Zweiglagern dem Mannschaftsstammlager Bathorn VI C (Stalag VI C) zugeordnet. Im Lager VI C wurden 1939 ca. 5000 polnische Kriegsgefangene inhaftiert, die meisten von ihnen lediglich als Durchgangsgefangene. Im Dezember 1939 waren im gesamten Stalag VI C nur noch 571 Polen registriert.diz-emslandlager.de: 1940 war das Lager Dalum hauptsächlich von französischen Kriegsgefangenen belegt. Die Gefangenen wurden per Reichsbahn zunächst nach Osterbrock befördert und marschierten von dort die etwa sieben Kilometer lange Strecke vom Bahnhof durch das Dorf Dalum bis ins Lager, eskortiert von Wachmannschaften.
Hoffnungslos überbelegt wurde das Lager, nachdem die deutschen Truppen im Sommer und Herbst 1941 mehr als zwei Millionen Soldaten der Roten Armee gefangen genommen hatten. Im September 1941 waren im Lager Dalum 4100 sowjetische Kriegsgefangenen zusammengepfercht.Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Hrsg.): Auf der Suche nach den Moorsoldaten. Papenburg, 3. Aufl. 1991, S. 64. In der Regel behandelte die Wachmannschaft westliche Gefangene besser als osteuropäische, da Letztere aufgrund der von den Nazis propagierten Rassenideologie als „lebensunwert“ galten. Insbesondere im sehr kalten Winter 1941/1942 waren die Krankheits- und die Sterblichkeitsraten äußerst hoch – bedingt durch körperlich harte Arbeit, durch Nässe, unzureichende Bekleidung und Verpflegung sowie die unhygienischen Zustände infolge der Überbelegung in den Baracken.Erich Kosthorst, Bernd Walter: Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland 1933–1945. Droste Verlag, Düsseldorf 1985, S. 110–111.
Der Lagerfriedhof mini|Kriegsgräberstätte Dalum Nachdem die ersten russischen Kriegsgefangenen, die im Lager Dalum starben, auf dem Friedhof der katholischen Gemeinde Dalum bestattet worden waren, regte sich Widerstand. Der Lagerkommandant meldete dem Wehrkreiskommando Münster am 20. August 1941: Mit der Zunahme der Todesfälle bei den russischen Kriegsgefangenen ... hat auch die Erregung der Bevölkerung zugenommen, die nicht dulden will, das Bolschewisten auf ihrem Friedhof beerdigt werden.Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Hrsg.): Auf der Suche nach den Moorsoldaten. Papenburg, 3. Aufl. 1991, S. 64–65. Daraufhin wurde zwei Kilometer vom Lager entfernt ein Lagerfriedhof eingerichtet, auf dem 8.000 bis 16.000 Tote ruhen.Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Hrsg.): Auf der Suche nach den Moorsoldaten. Papenburg, 3. Aufl. 1991, S. 65. Bei dieser hohen Zahl muss allerdings berücksichtigt werden, dass auch verstorbene Gefangene aus anderen Lagern (Alexisdorf, Wietmarschen) in Dalum beerdigt wurden. Die meisten von ihnen sind in Massengräbern beigesetzt; bei weitem (noch) nicht alle sind namentlich bekannt. Doch besteht die Aussicht, zumindest einen Großteil der Namen der auf dem Lagerfriedhof Dalum ruhenden Kriegsgefangenen zu ermitteln. Denn die Westalliierten hatten nach Kriegsende der Sowjetunion die Registratur der Wehrmacht über sowjetische Kriegsgefangene übergeben; im Zentralen Archiv des Verteidigungsministeriums der russischen Föderation (dem ehemaligen Archiv der Roten Armee) in Podolsk sind sie bewahrt,Rolf Keller: Das deutsch-russische Forschungsprojekt „Sowjetische Kriegsgefangene 1941–1945“. Ziele, Inhalte, erste Ergebnisse. In: Gunter Bischof, Stefan Karner, Barbara Stelzl-Marx (Hrsg.): Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges. Gefangene – Lagerleben – Rückkehr (= Kriegsfolgen-Forschung, Bd. 4). Oldenbourg, München 2005, ISBN 978-3-486-57818-8, S. 460–475. darunter auch die Kartei der Kriegsgefangenen in den Emslandlagern. Bis 2014 waren bereits rund 10.000 Namen dokumentiert.Meppener Tageszeitung vom 3. September 2014: Die Gedenkveranstaltung auf dem Lagerfriedhof Dalum zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns 1939. Derzeit startet die Gedenkstätte Esterwegen zusammen mit der Gemeinde Geeste ein Projekt, welches die Daten auswertet und die jeweiligen Lebensläufe der verstorbenen Gefangenen auf dem Lagerfriedhof dokumentiert.
Arbeitsalltag Zur Arbeit im Moor wurden die Gefangenen mit einer Feldbahn zu den jeweiligen Einsatzorten im Dalum-Wietmarscher Moor gefahren. Alle Lager des Lagerkomplexes waren an eine solche Feldbahn angebunden, die u. a. auch zur – natürlich dürftigen – medizinischen Versorgung durch sogenannte Lagerärzte genutzt wurde.
Ab 1941 wurden die Gefangenen mehr und mehr statt im Moor in der Landwirtschaft eingesetzt, in geringerer Zahl auch in örtlichen Gewerbebetrieben. Denn es galt, die zur Wehrmacht eingezogenen Arbeitskräfte zu ersetzen. Im Dorf Bathorn – und anderenorts lief es ähnlich – geschah dies folgendermaßen: Vorab konnte nahezu jeder Ortsangehörige, der einen Hof oder Betrieb besaß, einen Antrag für die Zuweisung von Gefangenen stellen. Wurde dem Antrag stattgegeben, wurden die Lagerinsassen morgens zu einem Sammelpunkt eskortiert und dort vom Landwirt bzw. vom Auftraggeber abgeholt. Es war ausdrücklich verboten, die Gefangenen in das familiäre Leben einzubeziehen, wie z. B. Mahlzeiten am gleichen Tisch einzunehmen, geschweige denn, engeren Kontakt zu ihnen zu knüpfen. Diese Verbote wurden nicht immer befolgt – weder von den Gefangenen, noch von den Landwirten selbst. Die Wachmannschaften waren allerdings gehalten, regelmäßig die Arbeit und das Verhalten der Gefangenen zu kontrollieren. Abends mussten die Lagerinsassen wieder zum Sammelpunkt gebracht werden, von dort ging es zurück ins Lager.
Dass die Gefangenen im Lager Dalum schlecht behandelt wurden, konnte in Dalum nicht verborgen bleiben. Die Emslandlager wurden vor der Bevölkerung bewusst nicht „versteckt“; sie sollten als Warnung vor oppositionellem Verhalten dienen.
Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme Vom 5. Juni 1942 bis zum November 1944 wurde das Lager von der Luftwaffe als Gerätelager in Anspruch genommen. Ab Mitte November 1944 wurden etwa 2.000 Männer aus Rotterdam nach Dalum gebracht. Sie gehörten zu den insgesamt fast 50.000 Männern zwischen 17 und 40 Jahren, die am 10./11. November 1944 im Rahmen einer Razzia in Rotterdam festgenommen worden waren und zum Arbeitseinsatz in Deutschland gezwungen wurden. Doch schon nach zwei, drei Wochen, bis Mitte Dezember, wurden die Gefangenen aus Rotterdam auf andere Zwangsarbeiterlager verteilt.Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Hrsg.): Auf der Suche nach den Moorsoldaten. Papenburg, 3. Aufl. 1991, S. 65–66. Denn seit November 1944 war das Lager Dalum ein Nebenlager des Konzentrationslagers Neuengamme (KZ-Außenlager Dalum). Nr. 260. Etwa 2500 Gefangene wurden von Neuengamme nach Dalum und Versen „verbracht“. Dazu die Aussage eines dänischen Häftlings:Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck, München 2007, Zitat S. 480.
Unmittelbar nach Neujahr 1945, etwa am 1./2.1.1945, wurden wir in Richtung Dalum in Marsch gesetzt, und zwar zunächst mit der Eisenbahn, den Rest zu Fuß. Der Transport dauerte zwei bis drei Tage. Er umfasste etwa 1000 Häftlinge, darunter etwa 100 Dänen und 5 Norweger. […] Als wir in Dalum ankamen, waren noch keine anderen Häftlinge dort.
Die aus dem KZ Neuengamme nach Dalum und Versen verlegten Häftlinge sollten im Raum Meppen Verteidigungsstellungen (Panzergräben) gegen die aus den Niederlanden anrückenden Alliierten ausheben (Projekt Friesenwall). Häftlinge aus dem Lager Versen sprachen später von völlig sinnlosen Maßnahmen, da die britischen, polnischen und kanadischen Truppen einfach über die befestigten Straßen durchs Moor kamen. Schon beim Bau der Gräben stürzten die Kanten aufgrund der durchnässten moorigen Erde häufig wieder ein. Um diese sinnlose Maßnahme zu verdeutlichen, folgende Tatsache: Die kanadischen Truppen schafften es in weniger als einem Tag von Coevorden und Emlichheim über gepflasterte Straßen nach Meppen an die Ems vorzustoßen. Das größte Problem dabei war aber die Straße selbst, da die Pflastersteine unter dem Gewicht von hunderten Militärfahrzeugen im moorigen Untergrund versanken und so später Ausweichstrecken benutzt werden mussten. Ein Durchqueren des Moores selbst kam für die Kanadier von Beginn an nicht in Frage. Es hätte also ausgereicht, lediglich Teile der Pflasterstraßen unbefahrbar zu machen. Da keinerlei Zwischenfälle zwischen deutschen und kanadischen Soldaten während dieses Vorrückens bekannt sind, ist davon auszugehen, dass die Verteidigungsstellungen vermutlich nicht einmal registriert wurden.
Die Wachmannschaften des KZ-Außenlagers