mini|300px|Westflanke mit Bannwald (vom Hohberg) Der Rotenacker (auch Rotenacker Wald genanntFrüher Rauthenacker, Rauttenacker oder Raittenacker geschrieben, möglicherweise abgeleitet von der Weinraute (Ruta graveolens) oder eher von Raite: Die Toponyme Raite bzw. Reute verweisen auf einen Rodungsnamen.) ist ein Forst im baden-württembergischen Landkreis Ludwigsburg. Am Westrand ist der Hangwald oberhalb der Remminger Enzschleife als Bannwald ausgewiesen und damit in seiner Entwicklung weitgehend sich selbst überlassen.
Geographie mini|hochkant|1590 war der Rotenacker bereits bewaldetAusschnitt aus der 1590 erstellten Karte Leonberger Forst von Georg Gadner mini|hochkant|Besitz-Parzellen 1682Kiesersche Forstkarten 159 (Gröningen) von 1682 und 110 (Unterriexingen) von 1684, mit Parzellenbezeichnungen im Uhrzeigersinn: „Herrschaftlich Rauttenacker“, „Gröninger Rauttenacker“, „Grön. Spital-Rauttenacker“, „Grön. Bürger-Rauttenacker“, „Bissinger Rauttenacker“, „Lorcher Mönchswald“, „Tammer Kernhub“ und „Breuningswald“ (Grön. Bürger).
Sein Namensbestandteil acker legt nahe, dass der im 19. Jahrhundert noch „Rauthenacker“ geschriebene Wald früher landwirtschaftlich genutzt und erst in der Neuzeit zur Holzversorgung und für die Jagd der württembergischen Herzöge aufgeforstet wurde.Siehe Urflurkarte von 1831 bei Wikimedia So hieß dieses Gebiet im Mittelalter „Raitenhardt“, was auf einen zuvor gerodeten Wald hinweist und eine mehrfach wechselnde Nutzungsform nahelegt. Der älteste kartographische Beleg für einen demnach wiederaufgeforsteten Waldbestand auf dem Rotenacker stammt aus der 1590 von Georg Gadner für die württembergische Hofkammer erstellten Karte des Leonberger Forstbezirks.Siehe Gadnersche Forstkarte von 1590 bei Wikimedia Damals soll Herzog Ludwig hier große Jagden abgehalten haben.Karl Erwin Fuchs: Grenzsteine der Stadt Markgröningen. Mit dem Lagerbuch die Grenze entlang, Markgröningen 1987, S. 49. Er nannte dieses Jagdgebiet 1586 „Raithenackerholz“.Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte, Band II, 1550–1750, Ludwigsburger Geschichtsblätter, Heft 11, Ludwigsburg 1930, S. 47.
Besitzverhältnisse Bis ins 18. Jahrhundert verfolgte die württembergische Hofkammer das Ziel, den Wald, in dem 1682 außer ihr die Kommunen Grüningen, Bissingen und Tamm, Grüninger Bürger sowie die Grüninger Spitalverwaltung und das Kloster Lorch Parzellen besaßen,Quellen: Kiesersche Forstkarten 159 (Gröningen) von 1682 und 110 (Unterriexingen) von 1684, bei Wikimedia weitestgehend in herrschaftlichen Besitz zu bringen. Nach 1771, als der Wald neu versteint und eine Forstkarte angelegt worden war,Quelle: HStA Stuttgart, A 557 Bü 31 Landesarchiv BW. änderten sich die herrschaftlichen Erwerbsinteressen. So konnte das Heilig-Geist-Spital 1773 Teile der Rotenacker Spitze gegen Waldstücke bei Asperg und bei Schloss Solitude eintauschen.Quelle: HStA Stuttgart, A 557 Bü 80 Landesarchiv BW 1812 wurde der herrschaftliche Steinbruch im Rotenacker privatisiert.
Heute gehört der Rotenacker zu den Markungen von Markgröningen, Bietigheim-Bissingen (einst Remmigheim bzw. Untermberg und Bissingen) und Tamm. Er liegt auf einer teils ertragsschwachen Hochfläche über den Tälern von Leudelsbach und Enz, die ihn im Süden und Westen begrenzen.
Geologie Der Rotenacker liegt großteils auf einer Lettenkeuper-Platte, die teilweise von einer Löss-Deckschicht überlagert wird. Wo kein Löss ansteht, finden sich noch Flussschotter der einst auf dieser Höhe fließenden Enz. An den Talhängen steht Muschelkalk an, der Karsterscheinungen aufweist: Zwei Dolinen nördlich vom Remminger Schlössle wurden als Naturdenkmale unter Schutz gestellt und in das Geotop-Kataster des Geologischen Landesamtes aufgenommen.Vgl. des LGRBs und Liste der Geotope in Markgröningen. Weitere Dolinen oder Erdfälle konnten entlang der Hangkante zum Leudelsbachtal ausgemacht werden.Vgl. Blatt 7020 Bietigheim-Bissingen der Geologischen Karte 1:25.000 von Baden-Württemberg, hrsg. vom Geologischen Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart 1981. Einige Löcher an der Hangkante entstanden allerdings durch den Abbau des hier ausstreichenden Hauptsandsteins des Lettenkeupers.
Das rund 16 Meter hohe Profil 38 im Rotenacker Bruch weist folgende Gesteinsschichten (von oben nach unten) unter dem Waldboden auf:Erläuterungen zu Blatt 7020 Bietigheim-Bissingen zur Geologischen Karte 1:25.000 von Baden-Württemberg, hrsg. vom Geologischen Landesamt und vom Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, Stuttgart 1981, S. 21. Obere Graue Mergel, ca. 1,7 Meter mächtig, Anoplophora-Dolomite (knapp 2 m), Untere Graue Mergel (ca. 0,9 m), Anthrakonit-Bank (ca. 0,3 m), Sandige Pflanzenschiefer (ca. 1 m) und der früher als Werkstein sehr begehrte Unterkeuper-Hauptsandstein mit einer vergleichsweise hohen Mächtigkeit von 8,5 Metern.
Niederschläge fließen im Rotenacker kaum oberflächlich ab, versickern weitgehend und fließen im verkarsteten Muschelkalk-Untergrund ab.
mini|hochkant|Mastodonsaurus-Schädel im Naturkundemuseum Saurierfund Im Jahr 1867 fand der Tübinger Student Frederik Endlich im Rotenacker Sandsteinbruch einen ca. 75 cm langen, sehr gut erhaltenen Schädel einer Panzerechse, Mastodonsaurus giganteus genannt (Nr. SMNS 4774),Eberhard Fraas: Die Labyrinthodonten der schwäbischen Trias, Stuttgart 1889, und Lothar Buck: Der Saurierfund vom Rotenacker Wald, in: Durch die Stadtbrille, Band 4, 1989, hrsg. v. Arbeitskreis Geschichtsforschung und Denkmalpflege Markgröningen, S. 8–11. den er Oscar Fraas vom Königlichen Naturalienkabinett, dem Vorläufer des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart übergab.Rainer R. Schoch: Comparative osteology of Mastodonsaurus giganteus (Jaeger, 1828) from the Middle Triassic (Lettenkeuper: Longobardian) of Germany (Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen). (= Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde. Serie B (Geologie und Paläontologie). Band 278). Dissertation. Stuttgart 1999. (PDF-Datei; 3,62 MB, englisch) Mitarbeiter des Naturalienkabinetts stellten darauf weitere Skelettpartikel sicher und setzten sie zusammen. Das Skelett wird bis heute im Naturkundemuseum ausgestellt.
mini|hochkant|Der Waldkauz (Strix aluco) findet im Bannwald Zuflucht Naturschutz Der teils bis in deren Talgrund hinabreichende, vielseitige Mischwald gehört zum LSG Enztal zwischen dem Leinfelder Hof und Bietigheim-Bissingen und großteils zum FFH-Gebiet 7119-341 Strohgäu und unteres Enztal bzw. zum Naturschutzgebiet (NSG) Leudelsbachtal.Siehe LUBW
Bannwald Rotenacker Am Abhang zur Enz ist eine Fläche von rund 14,4 ha als Bannwald nach § 32 LWaldG ausgewiesen. In diesem Gebiet bleibt der Wald weitgehend sich selbst überlassen und entwickelt sich zum Urwald. Er liegt großteils auf den Flurstücken 144 und 234 auf ehemals Remmigheimer Markung, die heute zu Bietigheim-Bissingen gehören, und teils auf Markgröninger Markung. Er zählt zu den ökologisch wertvollen Kernzonen des NSGs Leudelsbachtal und bietet vielen Vogelarten Lebensraum und Zuflucht, darunter insbesondere Spechte sowie Schleiereule und Waldkauz.
Im Bannwald Rotenacker sollen sich die jeweiligen Waldökosysteme mit ihren Tier- und Pflanzenarten sowie Pilzen unbeeinflusst entwickeln können. Außerdem soll die wissenschaftliche Beobachtung gewährleistet sein. Der Schutz bezieht sich nicht nur auf die aktuell dort anzufindenden Lebensräume und -gemeinschaften, sondern bezieht auch explizit die eventuellen eigendynamischen Entwicklungen und Änderungen mit ein.
Schaftrieb mit großer Pflanzenvielfalt Entlang der sonnenexponierten Hangkante des Leudelsbachtales verlief am Waldrand ein breiter Schaftrieb bzw. Herdweg, der von alters her im Besitz der Stadt Markgröningen ist. Die verbliebenen Relikte entlang des Rotenackers werden durch Pflegemaßnahmen offen gehalten. Eine markante alte Sommerlinde am Wegesrand ist als Naturdenkmal ND25/09 geschützt. Neben verschiedenen Orchideen findet man hier über 200 weitere Pflanzenarten, sehr häufig die Schlüsselblume (Primula veris) und das Berg-Hellerkraut (Thlaspi montanum), aber auch die Türkenbundlilie (Lilium martagon), die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus) und den Seidelbast (Daphne mezereum).
Historische Relikte mini|In diesem Hohlweg verlief einst eine Römerstraße mini|An der Südostecke des Bannwalds finden sich Relikte des Burgstalls vom Remminger Schlössle und ein württembergischer Grenzstein mini|Ehemaliger Sandsteinbruch an der Hangkante mit verwitterter Deckschicht mini|Der „Rauthenacker“ mit herrschaftlichem Jagdwegenetz, Sandsteinbruch und Schaftrieb auf der 1831/32 erstellten Urflurkarte. Die Flurparzellierung im zu Tamm gehörenden Ostteil legt eine spätere Aufforstung privater Äcker nahe.
Fürstengrabhügel Der Archäologe und Ausgräber des Hochdorfer Fürstengrabs Jörg Biel vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg hat 1973 auch im Rotenacker einen großen Grabhügel lokalisiert. Da dieser hier nicht durch Baumaßnahmen oder landwirtschaftliche Bearbeitung gefährdet ist, wurde auf eine Öffnung der anscheinend nicht von Grabräubern beeinträchtigten Grabkammern verzichtet.
Römerstraße und Gutshof Bei einer Grabung im Gewann „Sträßlensäcker“ am östlichen Waldrand wurden im 19. Jahrhundert Relikte einer Römerstraße entdeckt, die laut einer Urkunde der Geistlichen Verwaltung von Grüningen 1331 offenbar noch sichtbar war: In Zeile 9 wird eine „Steinern Strausse uf Büssinger velde“ angeführt.Quelle: HStA Stgt., A 602, Nr. 8783, LABW online. Siehe auch Ansicht der Urkunde. Hierauf verlief später die „Bissinger Weg“ genannte Straßenverbindung von Markgröningen nach Bissingen, die im 19. Jahrhundert an Bedeutung verlor und zum Feldweg degenierte. Ein Abschnitt des einstigen Hohlwegs blieb im Gewann „Brennerin“ vor der „Rotenacker Spitze“ erhalten. Weiter nördlich tangierte die Straße im Gewann „Weilerrain“ einen römischen Gutshof.
Remminger Schlössle Auf einem Sporn über dem Enztal an der Markungsgrenze von Markgröningen und dem wüst gefallenen Remmigheim, dessen Markung mit Untermberg zu Bissingen kam, findet man den Burgstall des Remminger Schlössles. Ehemaliger Mauerring und Graben sind noch nachvollziehbar. In direkter Nachbarschaft stehen gut erhaltene alte Grenzsteine von Grüningen und der Herrschaft Württemberg. Am Südrand der Burg entlang verläuft der alte „Spielmannsweg“, der Unterriexingen und Tamm auf kürzestem Weg verband.
Das laut Fuchs 1750 für Herzog Carl Eugen nur scheinbar willkürlich angelegte Wegenetz orientiert sich einerseits am Remminger Schlössle bzw. an der Achse zwischen dem Schlössle und Tamm, andererseits an den derzeitigen Besitzverhältnissen.Karl Erwin Fuchs: Grenzsteine der Stadt Markgröningen. Mit dem Lagerbuch die Grenze entlang, Markgröningen 1987, S. 49. Im rechten Winkel hierzu wurde die heutige Hauptachse, die nahezu nord-südlich verlaufende „Markgröninger Allee“, entlang der Grenze des Herrschaftswaldes angelegt. Eine zweite Achse verläuft diagonal vom Schlössle zur Rotenacker Spitze, unterbrochen durch den später ausgedehnten Steinbruch. Die übrigen sternförmig angelegten Wege orientieren sich an diesen Achsen.Vergleiche Urflurkarte von 1831 und Kiesersche Forstkarten von 1682/84 bei Wikimedia.
Steinbrüche