mini|hochkant=1.66|Stammesgebiet der Nipissing um 1650 Die Nipissingim wissenschaftlichen Französisch Kanadas, Mehrzahl: Népissingues sind ein nordamerikanischer Indianerstamm, dessen Stammesgebiet im sechzehnten Jahrhundert in der Umgebung des Lake Nipissing in Ontario in Kanada lag. Der Name bezieht sich auf den Lake Nipissing und bedeutet „Kleines Wasser“ im Vergleich zu den Großen Seen im Süden und Westen. Sie sprachen einen Algonkin-Dialekt und gehören kulturell zum Volk der Anishinabe.
Die heutige Bezeichnung des Stammes lautet Nipissing First Nation und die Mehrzahl der Angehörigen bewohnt das Nipissing Indian Reserve 10. Das Reservat liegt am Nordufer des Lake Nipissing und hatte im Jahr 2016 laut Kanada-Zensus 1593 Einwohner.Statistics Canada: Census Profile, 2016 Census – Nipissing 10, Indian reserve (Census subdivision), Ontario and Ontario (Province), abgerufen am 20. Mai 2021
Sprache Berichte der ersten Missionare sagen aus, dass sich die Nipissing-Sprache deutlich von der ihrer Nachbarn unterschied. Trotzdem lebten sie laut Pater Franquet 1752 gemeinsam mit den Algonkin in der Mission Two Mountains und unterhielten sich problemlos. John Long glaubte 1791, sie sprächen alle die Anishinabe-Sprache. Nachdem er diese erlernt hatte, konnte er sich mit den Indianern im gesamten Norden der Großen Seen verständigen. Um 1847 entwickelte sich die Nipissing-Sprache zum dominanten Idiom in der Mission. Die charakteristischen Unterschiede zwischen der Nipissing- und der Algonkinsprache müssen noch wissenschaftlich untersucht werden.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15: Northeast, S. 787.
Stammesgebiet Das traditionelle Stammes- und Jagdgebiet der Nipissing lag rund um den Lake Nipissing; die genauen Grenzen ihres Territoriums sind jedoch unbekannt. Ihre nördlichen Nachbarn waren vermutlich die Temiskaming und Temagami, im Osten lebten die Algonkin, südliche Nachbarn waren die Huronen, während man im Westen die Ottawa und Anishinabe fand. Das gesamte Territorium der Nipissing befand sich auf dem ehemals vereisten Kanadischen Schild und war von Nadelwald bedeckt. Der französische Forschungsreisende Samuel de Champlain berichtete von der Schönheit des Lake Nipissing und der Wälder, die ihn umgaben. Er schwärmte vom Überfluss an Wild, an Enten und Schwänen, vor allem aber vom Fischreichtum. Die ihm folgenden Missionare sprachen vom Land der Seen, baumlosen Felsen und unzähligen Bibern.
Kultur und Lebensweise miniatur|Ufer des Lake Nipissing bei Garden Village Der Lebensunterhalt der Nipissing basierte auf einem jährlichen Zyklus des Fischfangs, der Jagd und des Handels. Feldwirtschaft wurde nur in sehr geringem Maße betrieben. Von Pater Jerome Lalement gibt es eine detaillierte Beschreibung der jährlichen Runde: „Es scheint so, als hätten sie so viele verschiedene Behausungen, wie es Jahreszeiten gibt. Im Frühling suchen sie die besten Fischgründe auf. Einige bleiben im Lager zurück, während andere sich sammeln und mit Kanus auf den Flüssen zum Nordufer des Lake Nipissing fahren. Für die Fahrt benötigen sie zehn Tage. Im Sommer reisen sie gemeinsam mit den Huronen zu den Franzosen, auf die sie am Ufer des Sees treffen, der ihren Namen trägt. Gegen Mitte August ziehen sie langsam zum Land unserer Huronen, wo sie normalerweise den Winter verbringen. Bevor sie dort ankommen, fangen sie große Mengen an Fisch und trocknen diesen. Mit dem Trockenfisch kaufen sie ihren Wintervorrat an Mais und andere Lebensmittel, wie reiche Leute, die im Wohlstand leben. In der Nähe ihrer Sommerhäuser kultivieren sie etwas Land zum Anbau von Gemüse. Der Ertrag dient nicht als Vorrat, sondern nur zum sofortigen Verzehr.“Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15: Northeast, S. 788.
Der Jahreszyklus wurde variabel gestaltet. Gelegentlich verbrachten die Nipissing den Winter in den Wäldern, um zu jagen. Samuel de Champlain berichtete vom Handel mit kahlköpfigen Leuten aus dem Norden, die mit großen hölzernen Booten kamen und mit Äxten, Stiefeln und anderen Waren handelten. Champlain nahm an, dass die Felle dieser Händler aus dem Norden vom Bison stammten. Heute gilt als sicher, dass es sich um Angehörige der Cree handelte. Die Kahlköpfe waren offenbar Engländer, die ab 1610 von der Hudson Bay aus diese Gegend besuchten.
Über die Kosmologie und Religion der Nipissing gibt es nur wenige Informationen. Ihr Schöpfer war vermutlich der Great Beaver (Großer Biber) und es gab eine Erzählung von der Sintflut und dem Earth Diver (Erdtaucher), die sie mit ihren östlichen und westlichen Nachbarn teilten. Es gab Schamanen für die Heilung Kranker und die Deutung von Orakeln, sowie den Thunderbird (Donnervogel). Sie feierten das Feast of the Dead (Fest der Toten), das in vielen Details von dem der Huronen abwich. Dabei wurden die Namen von Toten auf Lebende übertragen, um die Erinnerung an sie wachzuhalten und um Häuptlinge auszuwählen und zu ernennen. Pater Henri Nouvel traf 1682 in Maskounagoüng am Huronsee auf vier verschiedene Stämme der Nipissing. Maray de la Chauvinerie berichtete von mehreren Totems, nämlich Reiher, Biber, Birkenrinde, Eichhörnchen und Blut. Aus den Jesuitenberichten (Jesuit Relations) geht hervor, dass sie die Prügelstrafe für Kinder ablehnten und die Wiegenbretter verstorbener Kinder wegwarfen. Es wurde viel gesungen und den Missionaren gefielen ihre wohlklingenden Lieder.
Pater Denis Jamet beschrieb die Nipissing als schlanker als die Huronen und als robuste, ausdauernde Reisende. Sie ließen ihre Haare lang wachsen und kleideten sich in Biberpelze und Marderpelze. Er behauptete außerdem, sie hätten wie die Innu und Algonkin keinen Gott, sondern würden den Teufel anrufen, liebten den Krieg und wären grausam und rachsüchtig. Diese Beschreibung ihres Charakters hatte er vermutlich von einem Dolmetscher übernommen, so wie auch andere Aussagen Jamets aus zweiter Hand stammten. Champlain war zur gleichen Zeit im Stammesgebiet der Nipissing unterwegs. Er beurteilte sie nach zwei Tagen Aufenthalt als gastfreundlich und hilfsbereit.
Louis Franquet beschrieb 1752 einen Begrüßungstanz, der bei einem gemeinsamen Fest von Angehörigen der Nipissing und Algonkin in Lake of Two Mountains aufgeführt wurde und 1757 beobachtete Louis Antoine de Bougainville einen Kriegstanz. Ebenfalls 1757 beschrieb Pater Pierre Roubaud die Beerdigung eines Kriegers nach der Schlacht von Fort William Henry.
Geschichte Erste Kontakte mit Europäern Samuel de Champlain bekam 1613 erste Informationen über die Nipissing und wollte sie besuchen. Er wandte sich an die benachbarten Algonkin, doch diese rieten ihm von einem Besuch ab. Sie behaupteten, die Nipissing seien bösartige Zauberer. Die Algonkin wollten offenbar verhindern, dass die französischen Händler in direkten Kontakt mit den Nipissing kamen. Champlain besuchte sie trotzdem 1615 und im folgenden Winter traf er nochmals auf sie bei den Huronen.Bruce G. Trigger (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Bd. 15: Northeast, S. 789/790
Zwischen 1615 und 1629 kamen Missionare vom französischen Recollect-Orden zu den Huronen und lernten bei dieser Gelegenheit auch die Nipissing kennen. Bruder Sagard-Theodat beschrieb sie als „sehr freundlich und höflich“ und nannte sie ein „ausgezeichnetes Volk“, das die Sprache der Huronen zusätzlich zur eigenen Sprache beherrschte. Nach dem Abzug der Recollect-Missionare trieben die Nipissing weiterhin Handel mit den Franzosen, wenn auch nicht regelmäßig. 1636 wurde eine gemischte Gruppe von Huronen und Nipissing von den Algonkin aufgehalten, die den Handel mit den Franzosen überwachen wollten. In der Folge verweigerten sie den Algonkin ihren Beistand im Kampf gegen die Irokesen. Schon 1634 gab es eine verheerende Epidemie bei den Huronen und Nipissing. Im Winter 1636/37 starben 70 der bei den Huronen lebenden Nipissing an den Pocken. Diese beschuldigten einen anwesenden Algonkin-Häuptling, er habe sie durch einen Zauber aus Rache getötet, weil die Nipissing ihm Hilfe gegen die Irokesen verweigert hätten. Im Frühling brachten sie ihre Toten zurück in ihr Heimatland. Im Spätsommer hatten viele die Krankheit noch immer nicht überwunden. Die Schamanen klagten an, sie hätten Manitu beleidigt und würde sie nun bestrafen. Diese Ereignisse machten die Nipissing empfänglicher für die Lehren der Jesuiten. Die Patres Claude Pijart und Charles Raymbault hatten 1640 eine Mission im Winterlager für die Nipissing errichtet und folgten ihnen anschließend in ihr Heimatland im Norden. Hier waren sie sehr erfolgreich tätig, denn die meisten getauften Kinder erholten sich von ihrer Krankheit. Daraufhin trat der oberste Häuptling Wikassoumint zum Christentum über. Die Patres René Mènard und Leonard Garreau verstärkten die Mission of the Holy Ghost (Mission vom Heiligen Geist) bei den Nipissing und nahmen sogar an einer Winterjagd teil.
Vertreibung in den Biberkriegen mini|Ein Nipissing im Jahr 1717 (anonyme französische Zeichnung). Im Jahr 1647 bildeten die Algonkin, Montagnais und Nipissing eine defensive Allianz gegen die Irokesen, die allerdings wenig erfolgreich war. 1649 wurden die Huronen von den Irokesen vernichtend geschlagen und in den folgenden Jahren fanden mehrfach Angriffe der Irokesen auf die Nipissing statt. Nach dem letzten Gefecht am Lake Nipissing 1653 flohen die Überlebenden nach Westen. Um 1661 wurden sie gemeinsam mit den Amikwa am Lake Nipigon gesichtet. Im Sommer 1662 vereinigten sie sich mit den Ottawa und Saulteaux gegen die Irokesen und besiegten eine beachtliche Streitmacht der Mohawk und Oneida. Von ihrem neuen Wohnsitz am Lake Nipigon aus festigten die Nipissing ihre alten Handelsbeziehungen zu den Cree. 1657 und 1660 besuchten sie Trois Rivières über die nördliche Route. Im Juli 1664 erreichten 60 Nipissing mit ihren Biberpelzen Montreal über die Ottawa-River-Route, nachdem sie unterwegs zweimal von den Irokesen angegriffen worden waren. Pater Claude Allouez kehrte mit ihnen zurück, um am Oberen See die Missionsstation an der Chequamegon Bay zu leiten. Um 1667 besuchte er die Nipissing am Lake Nipigon und fand dort eine Gruppe christlicher Stammesangehöriger, die seit 20 Jahren keinen Missionar mehr gesehen hatten.
Nach dem Friedensschluss 1667 zwischen Franzosen und Irokesen kehrte ein Teil der Nipissing in ihr altes Wohngebiet zurück und seit dieser Zeit war der Stamm in westliche und östliche Nipissing geteilt. Der Sulpizianerpater Dollier de Casson verbrachte den Winter 1668/69 bei den östlichen Nipissing und 1670 gab es ein friedliches Zusammentreffen mit den Irokesen. Dennoch lebten zahlreiche Nipissing an anderen Orten, wie zum Beispiel 1671/72 in der überwiegend irokesischen Mission von Saint Francois Xavier des Près bei Montreal. Pater Henri Nouvel begegnete einer Gruppe 1675 in Michigan und im Krieg der Illinois 1677–1680 kämpften einige westliche Nipissing gegen die Irokesen. Pater André Bonneault besuchte 1677 die östlichen Nipissing, während Pater Pierre Bailloquette eine Mission für die westlichen Nipissing bei Michilimackinac errichtete. In der folgenden Dekade eskalierten die Feindseligkeiten zwischen Franzosen und Briten. Die Nipissing standen fest auf der Seite der Franzosen, obwohl der Verkauf von Alkohol durch französische Händler den Stamm schwächte.