mini|hochkant=1.35|Phönizisches Stammland, grün unterlegt mini|hochkant=1.35|Handelsrouten und wichtige Städte der Phönizier; das Stammland rot unterlegt
Phönizier (auch Phönikier oder Phöniker, ) ist ein Name für die semitischsprachige Bevölkerung, die im Altertum (im 1. Jahrtausend v. Chr.) die Levante besiedelte. Der als Phönizien () bezeichnete geografische Raum erstreckt sich entlang der östlichen Mittelmeerküste und ihrem Hinterland, mit dem Karmel-Gebirge als natürlicher Grenze. Die nördlichste phönizische Stadt ist Aruad, die südlichste Stadt ist Dor. Die einflussreichsten phönizischen Stadtstaaten waren Akko, Aruad (Arados), Byblos, Beirut, Sidon und Tyros. Das nicht einfach zu definierende phönizische Siedlungsgebiet, das zudem zu verschiedenen Zeiten nicht immer dieselbe Größe hatte, befindet sich im Kern im heutigen Libanon, Syrien und Nord-Israel, der kulturelle Raum greift auch weit in die Region Palästina aus, nach Süden bis Gaza. Aufgrund der handelsexpansiven Natur der Phönizier sind auch Teile Siziliens, Spaniens und Nordafrikas zumindest punktuell in den phönizischen Kulturraum einzubeziehen.
Die als „Phönizier“ bezeichneten ethnischen Gruppen der Levante waren in Stadtstaaten organisiert und bildeten kein einheitliches Reich. Das als „Phönizien“ bezeichnete Gebiet ist eine Aneinanderreihung von Stadtstaaten. Obwohl die phönizischen Stadtstaaten überwiegend autonom waren, standen sie über lange Zeit hinweg unter dem Einfluss von Großreichen wie Ägypten, Assyrien, Babylonien und schließlich dem Perserreich.
Die phönizischen Stadtstaaten waren auf den Handel und die Seefahrt spezialisiert und stark in den florierenden Mittelmeerhandel eingebunden. Ihre wirtschaftliche Blütezeit dauerte von etwa 1000 bis 600 v. Chr. an. In diesem Zeitraum etablierten sie den See- und Fernhandel mit allen Großreichen und Staaten der Nachbarschaft, vor allem mit Kleinasien, Ägypten, Assyrien, Griechenland und Babylonien. Ausgehend von der Levante, gründeten die phönizischen Stadtstaaten zahlreiche Handelsniederlassungen in weiten Teilen des südlichen und westlichen Mittelmeerraums. Wichtige Exportgüter waren unter anderem Holz, Purpur und gefärbte Textilien, Elfenbein und Elfenbeinobjekte, sowie Nahrungsmittel wie zum Beispiel Wein und Olivenöl. Besonders gefragt war das Zedernholz aus dem Libanongebirge. Sie fungierten auch als Zwischenproduzenten, so verarbeiteten sie zum Beispiel importiertes Erz wie etwa Zinn von den Zinninseln aus dem antiken Britannien oder Kupfer aus Zypern und verkauften die daraus entstehenden Produkte (Bronze) weiter.Propyläen Weltgeschichte. Band 2: Hochkulturen des mittleren und östlichen Asiens. Propyläen, Berlin / Frankfurt / Wien 1962, S. 95.
Name Altägyptische Etymologie
In altägyptischen Quellen wird Fenchu erwähnt. Der Ausdruck Fenchu stand unter anderem mit den mit ihnen handelnden Inseln der Ägäis, den sogenannten Inseln der Fenchu, in Verbindung.
Die ägyptische Bezeichnung leitet sich von fench („Zimmerer, Tischler“) ab und bezieht sich insbesondere auf den Handel mit Holz, den die Phönizier auch mit den Inseln der Ägäis betrieben. Ägypten importierte die im Libanon wachsende Zeder für den Schiffbau. In diesem Zusammenhang entstand der Beiname „Länder der Baumfäller“ beziehungsweise „Baumfällerland“. In einer Inschrift rühmte sich Sethos I., die „Länder (Stadtstaaten) der Fenchu vernichtet zu haben“.Siegfried Schott: Der Denkstein Sethos’ I. für die Kapelle Ramses’ I. in Abydos. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1965, S. 20 f.
Griechische Etymologie Bei dem Namen Phönizier handelt es sich nicht um eine Eigenbezeichnung. Der Begriff geht auf die alten Griechen zurück. Er ist eine Sammelbezeichnung für die Bewohner der Levante und schließt damit zum Beispiel auch Hebräer und Kanaanäer mit ein. Die phönizischen Stadtstaaten teilten zwar viele kulturelle Merkmale, identifizierten sich jedoch nicht als Einheit in dem Sinne der altgriechischen Bezeichnung. Antike phönizische Quellen ordnen die Bewohner der Küste den entsprechenden Stadtstaaten zu, die Rede ist daher zum Beispiel von Tyrern, Sidoniern und Arwaditern.
Der Name Phönizier leitet sich von der mykenischen Bezeichnung (Linearschrift B) beziehungsweise der altgriechischen Bezeichnung ab. Dieser Begriff ist seit Homer belegt und steht im Zusammenhang mit „purpurrot“, somit etwa die Purpurroten: Das Färben von Stoff mit Hilfe von Purpurschnecken war ein typisch phönizisches Handwerk. Dieser Begriff ließ sich – vielleicht volksetymologisch – mit dem griechischen Adjektiv „blutrot“ verbinden, das wiederum von „Mord“ bzw. „töten“ abzuleiten ist.
Von den Römern wurden in der Folge auch die Bewohner der phönizischen Kolonien in Nordafrika, zum Beispiel Karthago, als Poeni (Punier) bezeichnet.
Sprache und Schrift
lang=de|mini|Verbreitung der semitischen Sprachen um 500 v. Chr. im Vorderen Orient. Die phönizisch-punische Sprache ist rot unterlegt; phönizische Sprachgebiete am westlichen Mittelmeer (wie Karthago) sind hier nicht angezeigt mini|Phönizische Schriftzeichen am Deckel des Ahiram-Sarkophags, Byblos (um 1000 v. Chr.)
In der nördlichen Levante gibt es eine weit zurück reichende Schrifttradition. So gab es nördlich der phönizischen Stadtstaaten in Ugarit eine Keilschrift, deren Zeugnisse bis auf 2400 v. Chr. zurück datieren. In Byblos wurde unter ägyptischem Einfluss eine Silbenschrift entwickelt, die Byblos-Schrift. Doch erst etwa 1100 v. Chr. wurde die Alphabetschrift erfunden, das bedeutendste, da nachhaltigste phönizische Exportgut.
Phönizisch, wie es nun in die Welt hinaus getragen wurde, war eine nordwestsemitische Sprache, die mit mehreren anderen Sprachen der Levante ein Dialektkontinuum bildete und die sich nur wenig vom Althebräischen unterscheidet. Die Sprache steht auch dem Moabitischen und Ammonitischen nahe.
Das phönizische Alphabet besteht aus 22 Konsonanten (Vokale wurden nicht notiert). Durch die weitläufigen Handelsaktivitäten verbreitete sich das phönizische Alphabet im Mittelmeerraum. Im 8. Jahrhundert v. Chr. erreichte es Spanien und entwickelte eine gesonderte Ausprägung in der punischen Sprache Nordafrikas ausgehend von Karthago. Phönizische Inschriften sind vom 9. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. in verschiedenen Mittelmeerregionen (Zypern, Rhodos, Kreta, Malta, Sardinien und Attika) belegt. Vom 8. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. ist das Phönizische auch im luwischen Sprachgebiet in Kleinasien verbreitet. In Inschriften lassen sich unterschiedliche Dialekte einzelner phönizischer Städte unterscheiden. Originalquellen aus dem phönizischen Gebiet sind im 1. Jahrtausend v. Chr. bis um 2. Jahrhundert v. Chr. zwar zahlreich; sie befassen sich vor allem mit religiösen Themen. Informationen über die Geschichte oder die interne Organisation der phönizischen Stadtstaaten sind dagegen rar. Der plausibelste Grund für den Verlust der phönizischen Literatur ist die Vergänglichkeit der meisten Schriftträger, die vermutlich aus organischen Materialien bestanden. Das Ausmaß der phönizischen Literatur lässt sich daher schwer schätzen. Doch ist es wahrscheinlich, dass sie sehr umfangreich war. Daher ist unser heutiges Wissen über die phönizische Kultur, Verwaltung, Organisation und Landwirtschaft beschränkt. Diese Bereiche lassen sich nur vereinzelt über externe Quellen nachvollziehen.
Auch phönizisch-punische Quellen sind rar. Ausnahmen sind lediglich wenige punische Sätze im fünften Akt der Komödie Poenulus von Plautus sowie verschiedene Sprachdenkmäler in Form von Inschriften, Münzfunden und Fragmenten späterer römischer und griechischer Autoren, etwa Augustinus von Hippo und Eusebius von Caesarea. Überlieferungen – zum Beispiel das mehrbändige Werk des Mago über den Ackerbau, das ins Lateinische übersetzt wurde – erlauben weitere Einblicke. Erhalten ist zudem eine griechische Übersetzung eines Reiseberichts von Hanno dem Seefahrer.
Herkunft
Ethnologisch handelt es sich bei den Bewohnern der östlichen Mittelmeerküste wahrscheinlich um Kanaanäer oder Aramäer. Einhergehend mit den politischen und ethnischen Umwälzungen, die u. a. den Übergang der Bronzezeit in die Eisenzeit kennzeichnen, können charakteristische Veränderungen im Gebiet der Phönizier in Schrift, Sprache und Namensgebung von Personen beobachtet werden.
Zu der Herkunft der Phönizier gibt es neben den Beobachtungen der modernen Forschung auch antike Textquellen, welche sich mit dieser Thematik befassen. Beispiele dafür finden sich in der Mythologie sowie in der antiken Geschichtsschreibung: Phoinix, der Bruder von Kadmos und Europa, gilt in der griechischen Mythologie als Stammvater der Phönizier. Nach den Historien des Herodot stammten die Phönizier vom Roten Meer und hatten ihren Ursprung im Gebiet des Persischen Golfs. Er schreibt:
In der biblischen Völkertafel der Genesis wird Sidon, der Urvater der Sidonier, als Sohn Kanaans (Enkel des Noach) bezeichnet . Kanaan ist der Sohn Chams. „Cham“ bedeutet im Phönizischen wie die griechische Bezeichnung des Volkes „rot“.
Durch die starke Heterogenität der Textgattungen, aus denen diese Beispiele stammen, müssen diese unter individuellen Gesichtspunkten berücksichtigt und interpretiert werden.
Geschichte
Unser heutiges Wissen über die Geschichte Phöniziens setzt sich aus mehreren, zum Teil sehr unterschiedlichen Quellen zusammen. Originalquellen aus dem phönizischen Gebiet sind im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. zwar zahlreich, jedoch befassen sich diese primär mit religiösen Themen. Informationen über die Geschichte oder die interne Organisation der phönizischen Stadtstaaten sind selten. Um die historischen Ereignisse während des 1. Jahrtausends v. Chr. zu rekonstruieren, können jedoch externe philologische Quellen zu Rate gezogen werden. Eine der wichtigsten Quellen für die neuassyrische Zeit sind die Annalen der assyrischen Könige. Hinzu kommen auch Schriftzeugnisse lateinischer und griechischer Autoren und die Bibel. Durch die starke Heterogenität der Textgattungen, aus denen die Quellen stammen, müssen diese unter individuellen Gesichtspunkten berücksichtigt und interpretiert werden. Archäologisch sind für die neuassyrische Zeit mehrere Zerstörungsschichten belegt, sowie assyrische Keramikformen und Gebäudetypen. Für die neubabylonische und persische Zeit sind die Erkenntnisse durch die Archäologie sehr spärlich. Es sind kaum Fundkontexte und Funde aus diesem Zeitraum bekannt, hierbei könnte es sich jedoch möglicherweise auch um eine Forschungslücke handeln. Der Beginn der eigentlich phönizischen Geschichte setzt um das Ende der Spätbronzezeit und den Anfang der Früheisenzeit ein. Das Ende der Spätbronzezeit ist durch einen komplexen politischen und ethnischen Wandel gekennzeichnet – in der Forschung häufig als Kollaps bezeichnet. Dieser Wandel beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Levante, sondern betrifft den gesamten Mittelmeerraum, den vorderen Orient und zum Teil auch Gebiete darüber hinaus. Große Handelszentren entlang der Küste (zum Beispiel Ugarit) wurden zerstört und verlieren ihre politische und wirtschaftliche Bedeutung. Das dadurch entstehende Vakuum wird vom Aufstieg anderer Siedlungen gefüllt. Es erblühen neue Handelszentren wie zum Beispiel Sidon, Tyros und Byblos. Charakteristische Veränderungen im Gebiet der Phönizier finden in Schrift, Sprache und Namensgebung von Personen statt.
Assyrische Dominanz (883–669 v. Chr.) Der assyrische Herrscher Tiglath-pileser I. (1114–1076 v. Chr.) drang bereits 1090 v. Chr. bis ans Mittelmeer vor und erhielt Tributzahlungen von Sidon und Byblos. Dieser frühe Vorstoß ist jedoch nicht vergleichbar mit der späteren Einflussnahme und Oberherrschaft des assyrischen Reiches, während der assyrischen Expansion, über die Levante.