mini|hochkant|Ottosäule

Die Geschichte Ottobrunns, einer Gemeinde im oberbayerischen Landkreis München, gliedert sich in die Vorgeschichte (um 1800–1902), die Siedlungsgeschichte (1902–1955) und die Gemeindegeschichte (seit 1955).

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war das heutige Gemeindegebiet unbewohnter Wald. Seit etwa 1800 gehörte das bis dahin gemeindefreie Territorium zur Gemeinde Unterhaching. Das erste historisch bedeutsame Ereignis stand im Zusammenhang mit der Reise des Prinzen Otto von Wittelsbach in sein zukünftiges Königreich Griechenland: 1832 nahmen der 17-Jährige und sein Gefolge hier Abschied von Ottos Vater, König Ludwig I. von Bayern. 1834 wurde am Schauplatz des Geschehens eine Gedenksäule, die Ottosäule, errichtet. Der 1913 geprägte und 1921 offiziell eingeführte Name „Ottobrunn“ verweist auf dieses Bauwerk, dessen stilisiertes Abbild auch das Ottobrunner Gemeindewappen ziert.

Die Besiedlung des heutigen Gemeindegebiets setzte 1902 mit dem Bau des Ausflugslokals Waldschlößchen ein. Schon 53 Jahre später, am 1. April 1955, wurde die Waldsiedlung, die bis dahin ein Ortsteil Unterhachings gewesen war, zu einer eigenständigen Gemeinde. Auslöser war ein Bevölkerungswachstum, das wegen des Baus der Luftfahrtforschungsanstalt München (LFM) (1940–1945) sowie des Zustroms an Ausgebombten, Flüchtlingen und Heimatvertriebenen (seit 1942 bzw. 1945) an der Spitze des Landkreises lag. Weitere Entwicklungsimpulse setzten die Übernahme des benachbarten Fliegerhorsts Neubiberg von der US-Luftwaffe durch die Bundeswehr (1958), die Ansiedlung der Bölkow-Entwicklungen KG (1958) – Keimzelle des weltbekannten Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) – sowie die Gründung der IABG (1961). MBB (heute Airbus) war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Ottobrunn über Jahrzehnte als einer der führenden High-Tech-Standorte Europas galt.

Obwohl seit Mitte der 1990er Jahre zahlreiche Arbeitsplätze in und um Ottobrunn abgebaut und teilweise an andere Standorte verlagert wurden, überschritt Ottobrunn im Jahr 2010 die Marke von 20.000 Einwohnern.

Allgemeines Mittelalter Die Landeshauptstadt München ist im Süden und Osten von einem mächtigen Waldgürtel umgeben. Er besteht aus acht Forsten (unter anderem dem Höhenkirchener Forst) und wird von drei Fluss- beziehungsweise Bachtälern (unter anderem dem Hachinger Tal) durchquert. Zwischen dem Hachinger Tal und der Hohenbrunner Rodungsinsel, mithin auf dem Gebiet des heutigen Ottobrunn, herrschte einst die größte Hoch- oder Wölbacker-Dichte Altbayerns. Die nebeneinander angeordneten Langbeete, deren Humus zur Mittelachse hin angehäuft war, stammten aus dem Mittelalter. Ihre Speicherkraft ermöglichte auch auf der Münchner Schotterebene mit ihrem schnell versickernden Regenwasser eine bescheidene Form des Ackerbaus.Interessengemeinschaft: Ottobrunn. Siedlungsraum und Gemeinde. 1977, S. 12.

19. Jahrhundert Ende des 18. Jahrhunderts gab es im Nordwesten des Höhenkirchener Forstes ein knapp fünf Quadratkilometer großes Areal, dessen Lage, Form und Größe dadurch zustande kamen, dass es zu keiner der umgebenden Gemarkungen Unterbiberg, Putzbrunn, Hohenbrunn, Taufkirchen und Unterhaching gehörte.Internetpräsenz Landesamt für Vermessung und Geoinformation: Positionsblatt 1 : 25 000, Blatt Nr. 715 (Hohenbrunn), Erstellungsjahr 1853. Abgerufen am 16. September 2012. Das Gebiet war somit gemeindefrei („ausmärkisch“) und auch unbewohnt. Sein nördlicher, östlicher und südlicher Grenzverlauf hat sich nahezu unverändert in der heutigen Ottobrunner Gemeindegrenze erhalten. Die Westgrenze, die das Ende des Höhenkirchener Forstes und den Übergang ins Hachinger Tal markierte, bildete ein Feldweg namens Haidgraben, der heute eine asphaltierte Straße im Westen Ottobrunns ist. Um 1800 schlug der bayerische Staat besagtes Territorium den Bauern von Unterhaching im Tausch für Besitzungen im Perlacher Forst zu. Dadurch verschob sich die östliche Gemeindegrenze Unterhachings vom Haidgraben um bis zu drei Kilometer nach Osten.Felzmann: Unterhaching. Heimatbuch. 1983, S. 58, 111.

Von Nordwesten nach Süden durchzog nur die mit Kies und Sand befestigte Staatsstraße („Chaussee“) München – Rosenheim, die Rosenheimer Landstraße, das heutige Gemeindegebiet.Interessengemeinschaft: 100 Jahre Siedlungsraum Ottobrunn. 2002, S. 23. Sie hatte nach der Gründung Münchens durch Herzog Heinrich XII. den Löwen (1158) erhebliche Bedeutung als Handelsweg (v. a. Salz, Post) von München nach Salzburg beziehungsweise Innsbruck und Italien erlangt.Interessengemeinschaft: Ottobrunn. Siedlungsraum und Gemeinde. 1977, S. 21. Gequert wurde die Landstraße von Waldwegen aus Unterhaching, Taufkirchen (Winning), Putzbrunn und Hohenbrunn. Deren Verlauf ist großenteils noch heute im Straßenbild Ottobrunns und des benachbarten Hohenbrunner Ortsteils Riemerling zu erkennen.In Ottobrunn sind dies die Bahnhofstraße, die Unterhachinger Straße, die Putzbrunner Straße, der Ranhazweg und die Ottostraße, in Riemerling die Jagdstraße und die Münchner Straße. Der Bozaunweg mündete seinerzeit noch in die heutige Bahnhofstraße. – Quelle: Internetpräsenz Landesamt für Vermessung und Geoinformation: Positionsblatt 1 : 25 000, Blatt Nr. 715 (Hohenbrunn), Erstellungsjahr 1853. Abgerufen am 16. September 2012.

Auf der Rosenheimer Landstraße reiste am 6. Dezember 1832 der spätere Namenspatron Ottobrunns, Prinz Otto von Wittelsbach, in sein künftiges Königreich Griechenland. Nach der Befreiung des Landes von über 350-jähriger osmanischer Herrschaft und der Ermordung des Staatsoberhaupts Ioannis Kapodistrias hatte die griechische Nationalversammlung auf Vorschlag der Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland den zweiten Sohn König Ludwigs I. von Bayern zum König von Griechenland gewählt.Jan Murken u. a.: König-Otto-von-Griechenland-Museum der Gemeinde Ottobrunn. Weltkunst-Verlag, München 1995, ISBN 3-921669-16-2, S. 20. Beim Straßenwärterhäuschen kurz nach dem Kilometerstein 12Das 1813/14 auf Hohenbrunner Flur (Rosenheimer Landstraße 135) erbaute Häuschen steht heute unter Denkmalschutz. – Quelle: Gemeinde Hohenbrunn (Hrsg.): Gemeindeblatt. Februar 2012, S. 9. Abgerufen am 12. Januar 2013 (PDF; 5,1 MB). nahm der erst 17-jährige Prinz von seinem Vater Abschied und begab sich mit seinem Gefolge auf die Reise nach Nauplia, der damaligen Hauptstadt Griechenlands.Interessengemeinschaft: Ottobrunn. Siedlungsraum und Gemeinde. 1977, S. 15–17. Am 13. Februar 1834 wurde am Schauplatz des Geschehens eine vom Münchner Steinmetzmeister Anton Ripfel geschaffene und gestiftete dorische Steinsäule enthüllt, auf deren Kapitell eine Büste Ottos thront. Die Ottosäule ist heute das Wahrzeichen Ottobrunns und steht im Mittelpunkt des Gemeindewappens.Cornelia Oelwein, Jan Murken: Die Ottosäule in Ottobrunn und ihr Stifter Anton Ripfel. Otto-König-von-Griechenland-Museum, Ottobrunn 2009, ISBN 978-3-00-027536-4, S. 58–64, 70–71, 83–86, 93–94.

In den nächsten fünf Jahrzehnten gab es nach heutigem Wissen keine nennenswerten Ereignisse auf Ottobrunner Flur. Erst 1890 entstand am nördlichen Eintritt der Rosenheimer Landstraße in den Höhenkirchener Forst (heute Ecke Alte Landstraße/Haidgraben) ein Milchviehhof („Schwaige“, 1976 abgerissen), der auch eine Gaststätte für Fuhrleute, Boten, Wanderer, Pilz- und Beerensammler beherbergte.Interessengemeinschaft: 100 Jahre Siedlungsraum Ottobrunn. 2002, S. 143, 146. Das Anwesen gehörte von 1893 bis 1973 zum landwirtschaftlichen Mustergut der Finck-Stengelschen Gutsverwaltung in Unterbiberg.Katja Klee, Hermann Rumschöttel (Hrsg.): Neubiberg – Unterbiberg. Von den Anfängen am Hachinger Bach bis ins 21. Jahrhundert. Selbstverlag, Neubiberg 2010, S. 143. Es blieb aber alleinstehend und löste keine Besiedlung der Gegend aus.

Frühes 20. Jahrhundert (bis 1933) Erst Anfang des 20. Jahrhunderts begannen naturliebende und stadtmüde Münchner unter dem Eindruck der Lebensreform-Bewegung, im Nordwesten des Höhenkirchener Forstes Parzellen zu erwerben, um darauf Wochenend-, Block- oder Landhäuser zu errichten.z. B. Gemeinde Hohenbrunn (Hrsg.): Hohenbrunner Heimatbuch. Selbstverlag, Hohenbrunn 1986, Verfasser: Heinrich Gröber, S. 338. Aus diesen versprengten Siedlungskernen (Streusiedlung) bildeten sich mit der Zeit Waldkolonien, die ihrerseits zusammenwuchsen und schließlich vom Bayerischen Staatsministerium des Innern in den Rang von Ortsteilen bestehender Gemeinden erhoben wurden. Beispiele sind Waldperlach (Gemeinde Perlach),Georg Mooseder, Adolf Hackenberg (Hrsg.): 1200 Jahre Perlach 790–1990. 1990, S. 699–706. Neubiberg (Unterbiberg),Katja Klee, Hermann Rumschöttel (Hrsg.): Neubiberg – Unterbiberg. Von den Anfängen am Hachinger Bach bis ins 21. Jahrhundert. Selbstverlag, Neubiberg 2010, S. 150–159. Waldkolonie (Putzbrunn),Gemeinde Putzbrunn (Hrsg.): Putzbrunn. Chronik einer tausendjährigen Geschichte. Selbstverlag, Putzbrunn 1994, Verfasser: Klaus B. Schubert, S. 237–239. Riemerling (Hohenbrunn)Gemeinde Hohenbrunn: Hohenbrunner Heimatbuch. 1986, S. 337 f. und Ottobrunn (Gemeinde Unterhaching). Weil das Wachstum einiger Kolonien an den Gemeindegrenzen nicht Halt machte, ordneten selbst Einheimische ihre Anwesen oft der falschen Gemeinde zu.z. B. Jan Murken u. a.: König-Otto-von-Griechenland-Museum der Gemeinde Ottobrunn. Weltkunst-Verlag, München 1995, ISBN 3-921669-16-2, S. 16 (Abb. 14, 15).

mini|Waldschlößchen Auf dem heutigen Ottobrunner Gemeindegebiet setzte die Besiedlung im Jahr 1902 ein. Der Münchner Kaufmann und Baumeister Clemens Schöps baute an der Rosenheimer Landstraße rund 800 Meter südlich der „Schwaige“ (heute Ecke Prinz-Otto-Straße) ein repräsentatives Ausflugslokal namens Waldschlößchen (früher auch Waldschlößl) sowie drei Villen. Das „Waldschlößchen“ ist als einziges bis heute erhalten geblieben und somit das älteste existierende Gebäude Ottobrunns.Interessengemeinschaft: 100 Jahre Siedlungsraum Ottobrunn. 2002, S. 146.