Als blutige Weihnachten wurde zunächst vonseiten der türkisch-zyprischen Bevölkerung, etwa drei Jahrzehnte später auch von der internationalen Forschungsliteratur eine länger andauernde bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung zwischen griechischen und türkischen Zyprern zwischen Ende 1963 und Sommer 1964 bezeichnet. Der Begriff wurde von türkischer Seite propagandistisch aufgeladen und im Schulunterricht eingesetzt, aber auch in Fachpublikationen. Er dominierte bis vor wenigen Jahren die Erinnerungskultur des türkischen Teils der Inselbevölkerung. In überregionalen deutschen Tageszeitungen erschien der Begriff spätestens 1974. miniatur|Verteilung der Bevölkerungsgruppen bei Gründung der Republik Zypern im Jahr 1960

Vorgeschichte und Einordnung Die britische Kolonie Zypern wurde am 16. August 1960 auf Grund des Abkommens von Zürich zwischen Großbritannien, Griechenland und der Türkei, das im Februar 1959 unterzeichnet worden war, unabhängig. Die griechisch- und türkischsprachigen Angehörigen des neuen Staates sollten gleichberechtigt sein. Zum ersten Staatspräsidenten wurde Erzbischof Makarios III. († 1977) gewählt, der der griechischsprachigen Mehrheit angehörte. In den Konflikt mischten sich vor dem Hintergrund des Kalten Krieges sowohl die USA als auch die Sowjetunion ein, vor allem aber eskalierte der alte Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei. In diesem Konflikt waren seit den 1920er Jahren Millionen Griechen aus dem Westen der Türkei, aber auch Hunderttausende von Türken aus Griechenland vertrieben worden.

Um Konflikte auf Zypern zu vermeiden, räumte die Verfassung der türkischen Minderheit einen Anteil von 30 % der Parlamentssitze, ebenso wie einen entsprechenden Anteil in der Verwaltung ein, dazu 40 % in der Armee und der Polizei. Zudem sollten in den fünf größten Gemeinden, in denen Türken und Griechen lebten, separate Verwaltungen eingerichtet werden; auch eine getrennte Gerichtsbarkeit wurde den beiden Sprachgruppen zugestanden. Insbesondere wurden dem Vizepräsidenten, der stets von türkisch-zypriotischer Seite gestellt werden sollte, umfassende Vetorechte eingeräumt.Dies und das Folgende nach: Blutige Unruhen auf Zypern. England vermittelt zwischen den Türken und Griechen. In: Die Zeit, 3. Januar 1964.

1963 wollte Makarios eine neue Verfassung durchsetzen, in der das Vetorecht des Präsidenten und des Vize-Präsidenten in Fragen der Verteidigung, der auswärtigen Beziehungen und der Sicherheitsgesetzgebung entfallen sollte. Außerdem sollten die getrennte Gerichtsbarkeit und die Stadtverwaltungen aufgehoben werden. Anlass war die Feststellung, dass die türkische Minderheit in der Praxis nicht in der Lage war, die nach dem Schlüssel 7:3 auf sie entfallenden Posten zu besetzen. Am 30. November 1963 unterbreitete Makarios ein 13-Punkte-Memorandum zur Verfassungsänderung. Die türkische Seite verdächtigte Makarios, er wolle die Insel an Griechenland anschließen. Zwar gilt die Forderung von Makarios nach einer Verfassungsänderung als Auslöser der blutigen Weihnacht und damit des Auftakts zum Zypernkonflikt, doch zeigen jüngere Untersuchungen, dass sowohl türkische als auch griechische Gruppen bereits zuvor Waffenlieferungen organisiert hatten.James Ker-Lindsay: Britain and the Cyprus Crisis 1963–1964. S. 39 f. Während die Griechen damit hofften, ihr Ziel, den Anschluss an Griechenland (Enosis), zu erreichen, hofften die Türken auf die Teilung der Insel (Taksim). Doch viele türkische Zyprer waren gegen die Teilung. Während die Griechen später behaupteten, die Türken hätten freiwillig die Regierung verlassen, behaupteten die Türken, sie seien dazu gezwungen worden. Doch auch Türken, die der Gesamtregierung treu blieben, erweckten den gegenteiligen Eindruck, da sie ihren Ämtern fernblieben. Dies geschah jedoch vielfach aus Furcht vor Angriffen oder aus Sorge, ihre Loyalität könnte als Verrat an der türkischen Sache aufgefasst werden. Anfang 1964 war die Inselregierung praktisch ausschließlich in griechischer Hand. In Famagusta hingegen erschienen türkischsprachige Staatsbedienstete weiterhin zur Arbeit.

Seit Makarios’ Verfassungsänderung war es zu Spannungen gekommen, am 21. Dezember 1963 wurden die armenischen Häuser der Hauptstadt besetzt – sie hatten sich im Referendum mit großer Mehrheit für Griechenland entschieden –, am 19. Januar 1964 die verbliebenen Häuser des Quartiers geplündert. Nach Drohungen flohen 231 armenische und 169 griechische Familien.Alexander-Michael Hadjilyra: The Armenians of Cyprus, o. O. 2009, S. 16. Am selben Tag kam es zu einem Massaker an türkischzyprischen Zivilisten durch griechischzyprische Polizeikräfte, dem weitere folgten, was von türkischer Seite als „Blutige Weihnachten“ bezeichnet wurde. Am 21. und 22. Dezember 1963 wurden 133 türkische Zyprer von griechischen Zyprern getötet.British Turks asked to remember victims of Bloody Christmas 1963. In: North Cyprus Free Press, 14. Dezember 2010.

Diese wechselseitigen Übergriffe bildeten den Auftakt für Kämpfe, bei denen insgesamt rund 1000 türkische und mindestens 200 griechische Zyprioten starben. Später brüstete sich der militante Aktivist Nikos Sampson, 200 türkische Frauen und Kinder ermordet zu haben.Ewiger Krisenherd. In: Die Zeit, Dossier, 2002. Allein zwischen Dezember 1963 und dem Ende der Auseinandersetzungen im Sommer 1964 verloren 364 türkische und 174 griechische Zyprer ihr Leben. 18.667 türkische Zyprer aus 103 Dörfern verließen ihre Häuser,Pierre Oberlinga: The Road to Bellapais. The Turkish Cypriot exodus to northern Cyprus, New York 1982, S. 120. womit die ethnische Teilung der Insel in einen türkischen Norden (sieht man von der Karpas-Halbinsel ab) und einen griechischen Süden begann.

Verlauf Am frühen Morgen des 21. Dezember 1963, zu einer Zeit als Gerüchte kursierten, griechisch-zyprische Milizen würden in Nikosia Übungen abhalten, um Blockaden einzurichten, wurde ein Fahrzeug von irregulären griechisch-zyprischen Einheiten angehalten. Die Milizionäre forderten die Insassen auf, ihre Ausweispapiere zu zeigen.Dies und das Folgende nach: James Ker-Lindsay: Britain and the Cyprus Crisis 1963–1964. S. 24 ff. In dieser angespannten Atmosphäre erschienen türkisch-zyprische Milizionäre in den Straßen. Gegen 3 Uhr 20 wurde von ersten Schüssen berichtet. Bis zum Abend waren zwei Männer türkischer Abstammung tot, acht weitere Männer sowohl griechischer als auch türkischer Herkunft verletzt. Die ersten beiden Opfer waren die türkischen Zyprer Zeki Halil und Cemaliye Emirali.Aydın Olgun: Kıbrıs Gerçeği (1931–1990). Demircioğlu Matbaacılıkm, Ankara 1991, S. 25. Nachdem sie mit anderen im Auto durch die griechischen Viertel von Nikosia gefahren waren,Erinnerungen von Prof. Ata Atun. hielt eine Gruppe von bewaffneten griechischen Zivilisten zwei Fahrzeuge unmittelbar bei der Ankunft im türkischen Viertel an und zwang die zehn Insassen auszusteigen. Als die griechisch-zyprische Polizei ankam, traten die griechischen Zivilisten beiseite und die Polizei schoss in die Menge der türkischen Zyprer.Harry Scott Gibbons: The Genocide Files. Charles Bravos, London 1969, S. 2–5.

Aufrufe des Präsidenten und des Vize-Präsidenten, Ruhe zu bewahren, blieben wirkungslos; auch an anderen Stellen der Hauptstadt kam es zu Schusswechseln. Am nächsten Tag kam es zu Kämpfen in Larnaka, doch blieb es bis zum nächsten Tag ruhig. Erst mit einem Angriff auf griechisch-zyprische Familien im Stadtteil Omorphita von Nikosia flammten die Kämpfe wieder auf, nun auch in Famagusta und Kyrenia.

In der Folge fuhr die türkisch-zypriotische Führung, unterstützt durch die Regierung in Ankara, einen harten Kurs. Die Extremisten beider Lager heizten den Konflikt weiter an, sodass die Auseinandersetzungen bürgerkriegsartige Ausmaße annahmen. Neben dem als Hardliner geltenden Nikos Sampson und seinen Mitstreitern agierten auf griechischer Seite auch Terrorgruppen, die zum Teil aus der EOKA hervorgegangen waren. Bis heute wird die Regierung Makarios von türkischer Seite verdächtigt, sie habe die Gruppe der türkischen Zyprer auslöschen wollen.Diese These verficht etwa Ali Özkan: Enosis, Kanlı Noel olayı ve birleşmiş milletlerde Kibris sorununda türkiye'ye arnavutluk desteği / Enosis, Bloody Christmas and Albanian Support to Turkey on Cyprus Question in the United Nations. In: The Journal of Academic Social Science Studies 6,2 (2013) 765–796.

Noch am 23. Dezember hielt die britische Regierung als eine der drei Garantiemächte den Vorgang für eine innere Angelegenheit. Doch am 24. Dezember wurde der zyprische Außenminister ins Commonwealth-Büro eingeladen, der türkische Außenminister hielt Besprechungen mit dem amerikanischen und dem sowjetischen Botschafter. Die drei Garantiemächte riefen die Inselbewohner auf, die Kämpfe einzustellen, doch zu Weihnachten kam es, nachdem drei türkische Kampfflugzeuge im Tiefflug Nikosia überquert hatten, zu Kämpfen an der strategisch bedeutenden Kyrenia-Straße, insbesondere um das Dorf Gunyeli. In einer Sondersitzung traf London Vorbereitungen zum Schutz der 15.000 Briten auf der Insel.

Die türkische Öffentlichkeit trat für eine Intervention ein, eine allgemeine Mobilmachung schien bevorzustehen. Doch die Regierung bevorzugte ein gemeinsames Eingreifen der Garantiemächte, war jedoch bereit, falls dieser Plan scheitern sollte, allein vorzugehen. Die griechische Regierung stand weniger unter öffentlichem Druck. Athen bevorzugte ebenfalls ein gemeinsames Vorgehen, doch war es besorgt wegen türkischer Kriegsschiffe, die vor der Küste Zyperns gesichtet worden waren. Am 25. Dezember wurde die Regierung Zyperns in Kenntnis gesetzt, dass die drei Garantiemächte unter Führung Großbritanniens die Ordnung wiederherstellen würden, wenn die Regierung sie dazu auffordere. Makarios bat sich Bedenkzeit aus, stimmte jedoch am 26. im Grundsatz zu.

Inzwischen hatten die türkischen Truppen auf der Insel ihr Lager am 25. Dezember verlassen. Einige von ihnen unterstützten die Inseltürken bei der Befestigung ihrer Stellungen. Andere hatten zudem an direkten Kämpfen gegen Inselgriechen bei Ortaköy nördlich von Nikosia teilgenommen. Auch griechische Kontingente hatten sich an Kämpfen beteiligt, doch nach der Zusage Makarios’ hatten sie sich in ihre Lager zurückgezogen. Da sich Griechenland weigerte, an der gemeinsamen Aktion ohne türkische Teilnahme zu partizipieren, mussten einige ältere türkische Offiziere herhalten, um das Unternehmen nicht zu gefährden. Außerdem weigerte sich die türkische Truppe, sich dem britischen Kommando ohne Befehl aus Ankara zu unterstellen. Damit standen die britischen Truppen praktisch allein.

Die Angst vor Übergriffen führte zunächst dazu, dass türkische Zyprer die gemischt besiedelten Orte verließen. Dieser Exodus wurde von der türkischen Seite zur Propaganda genutzt, gefördert und instrumentalisiert. Daraufhin blockierte die griechisch-zypriotische Führung die Zugänge zu türkisch-zypriotischen Enklaven, sodass die Bewohner von der Versorgung mit Wasser, Strom und Lebensmitteln abgeschnitten wurden.

Am 27. Dezember bezog die Joint Truce Force der Garantiemächte Stellung in Nikosia. Gleichzeitig begannen Ärzte mehrere hundert verletzte türkische Zyprer zu behandeln. General Peter Young schien es zunächst zu gelingen, die Kämpfe zu beenden, die nur noch sporadisch aufflammten. Auch die Regierungen in Ankara und Athen waren optimistisch. mini|Verlauf der späteren UN-Pufferzone