Fairchild Channel F ist eine Videospielkonsole des US-amerikanischen Herstellers Fairchild Camera and Instrument Corporation zum Anschluss an einen Fernseher. Sie basiert auf Fairchilds Mikroprozessorsystem F8 und kam 1976 in den Handel. Die Technologie der Konsole wurde an zahlreiche europäische Hersteller lizenziert. Allein in Westdeutschland produzierten mit SABA, ITT Schaub-Lorenz und Nordmende gleich drei größere Hersteller ihre eigenen Varianten: SABA Videoplay, ITT Telematch Processor und Nordmende Color TelePlay.
Mit Fairchilds Gerät verfügte erstmals eine Videospielkonsole über einen programmierbaren Mikroprozessor und austauschbare ROM-Steckmodule. Mit dem Joystick zur Steuerung kam eine weitere Innovation hinzu. Die Leistungsfähigkeit und die Spieleauswahl war jedoch beschränkt, so dass sie mit anderen Geräten derselben Generation – insbesondere mit dem Atari VCS 2600 – trotz eines geringeren Preises nicht konkurrieren konnte. Nachdem die überarbeitete Version Channel F System II ebenfalls gescheitert war, gab Fairchild 1979 seinen Ausstieg aus dem Videospielegeschäft bekannt. Sämtliche Restbestände und technisches Know-how veräußerte Fairchild an Zircon International. Insgesamt wurden mindestens 350.000 Konsolen verkauft.
Nach übereinstimmender Meinung vieler Autoren revolutionierte Fairchilds kaum bekannte Konsole die Videospielbranche sowohl in technischer und wirtschaftlicher als auch kultureller Hinsicht.
Geschichte 1972 erschien mit der Odyssey von Magnavox die erste Videospielkonsole. Nur zwei Jahre später begannen verschiedene Unternehmen mit den Entwicklungsarbeiten für eine neue Konsolengeneration. Im Gegensatz beispielsweise zur Odyssey mit ihren festverdrahteten diskreten elektronischen Baugruppen sollten diese Geräte über einen Mikroprozessor verfügen und damit programmierbar sein.Benj Edwards: The Untold Story Of The Invention Of The Game Cartridge. Fast Company, 22. Januar 2015, abgerufen am 9. Mai 2019.
Den ersten funktionstüchtigen Prototypen dieser neuen Konsolengeneration konstruierte 1974 das US-amerikanische Unternehmen Alpex Computer Corporation. Ihr Gerät Remote Access Video Entertainment oder kurz Raven basierte auf dem ebenfalls 1974 erschienenen Mikroprozessor Intel 8080. Ein Spiel wurde nun nicht mehr durch fest verlötete Transistoren und Logikgatter, sondern durch Programmanweisungen realisiert, die der Mikroprozessor aus einem Speichermedium las und abarbeitete. Auf ein und derselben Konsole konnten damit erstmals verschiedene – auch zukünftig zu erstellende – Spiele ausgeführt werden. Ihr Austausch erforderte lediglich den Austausch des entsprechenden Speichermediums. Alpex wählte dafür robusten Festwertspeicher in Form von elektronischen EPROM-Bausteinen, die auf steckbaren und damit auswechselbaren Platinen verbaut werden konnten. Die Abmessungen und Kosten einer solchen Platine waren im Vergleich zu der in ihrer Gesamtheit auszutauschenden Konsole der alten Generation zudem sehr viel geringer. Durch diese Wandlung von Hard- zu Software eröffneten sich für die Vermarktung von Videospielen völlig neue Möglichkeiten.
Entwicklung mini|rechts Auf der Suche nach finanzkräftigen Lizenznehmern stellte Alpex sein patentiertes Gerät nebst zweier Spiele Tennis und Hockey im Jahr 1975 auch dem US-amerikanischen Unternehmen Fairchild Camera and Instrument Corp. vor. Fairchild zeigte sich interessiert, bestand jedoch darauf, die Konsole mit einem Mikroprozessor aus seiner eigenen Halbleitersparte auszurüsten. Die Leitung einer entsprechenden Machbarkeitsstudie mit dem Codenamen Stratos übertrug Fairchild seinem Ingenieur Gerald A. Lawson, der bereits über Erfahrungen mit Arcadeautomaten verfügte. In Zusammenarbeit mit den Konstrukteuren von Alpex modifizierte Lawson und sein Entwicklerteam die Raven-Konsole und ersetzte Intels 8080-System durch Fairchilds Mikroprozessorchipsatz F8. Zudem entfiel die ursprünglich von Alpex vorgesehene Tastatur zugunsten eines von Lawson erdachten neuartigen Bediengeräts. Dieser 8-Wege-Joystick verfügte über wesentlich mehr Steuerungsoptionen als die bis dahin in Konsolen eingesetzten Drehregler. Eine abschließende Einschätzung der im Projekt Stratos gewonnenen Erkenntnisse, die auch eine Studie zur Gehäusegestaltung von Nicholas F. Talesfore enthielt, wurde der Firmenleitung am 26. November 1975 vorgestellt. Auch angesichts der ebenfalls vorgelegten prognostizierten Verkaufszahlen beschloss Fairchild kurz darauf den Bau des Video Entertainment System.
Als eine der großen Herausforderungen bei der Überführung in die Produktionsreife erwies sich die Miniaturisierung der elektronischen Komponenten. Technisches Neuland stellte auch die Anfang 1976 begonnene Konstruktion eines sicheren und bedienungsfreundlichen Wechselsystems für die Spieleplatinen dar. Als ebenso schwierig erwies sich die alltagstaugliche Umsetzung des von Lawson vorgeschlagenen Joysticks. Letzte Arbeiten schlossen die Konstrukteure im August 1976 ab und ließen sich anschließend das Gerät mit all seinen neuartigen Komponenten patentieren. Die meisten der technischen Lösungen gehen dabei auf den Maschinenbauingenieur Ronald A. Smith zurück, die Formgebung der Konsolenkomponenten auf den Industriedesigner Nicholas F. Talesfore. Der Abnahmetest zur elektromagnetischen Verträglichkeit durch die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC) wurde im Oktober erfolgreich absolviert – eine maßgebliche Voraussetzung zum Marktzugang des Gerätes in Nordamerika. (PDF) Fairchild Annual Report to Employees 1976, April 1977, S. 10.Fairchild Game Okayed. In: Television Digest, 25. Oktober 1976, S. 11.
Vermarktung Vorstellung und Lieferschwierigkeiten Noch während der Entwicklungsarbeiten stellte Fairchild seine Konsole im Juni 1976 auf der damals weltgrößten Unterhaltungselektronikmesse, der Consumer Electronics Show, in Chicago der Weltöffentlichkeit vor.Games - New CES Star. In: Television Digest, 21. Juni 1976, S. 13. Allerdings handelte es sich dabei um eine bloße Schauattrappe ohne jegliche Funktionalität, so dass das Interesse daran gering ausfiel. Erstes größeres nationales Aufsehen erregte Fairchilds neues Gerät im Juli durch einen Bericht in der auflagenstarken US-Zeitung Business Week,The smart machine revolution: Providing products with brainpower. Business Week, 5. Juli 1976, S. 39. die der Konsole eine Vorreiterrolle im aufkommenden Zeitalter der Mikroprozessoren zubilligte. Die möglicherweise schon zuvor gestartete Vermarktungskampagne oblag der Werbeagentur Peter Chope and Associates. Auf deren Anraten Fndcollectables.com, abgerufen am 16. Mai 2019. änderte der Hersteller den Konsolennamen in Channel Fun oder kurz Channel F. Bereits auf der Third Pennsylvania Hi Fi/Stereo Expo, die am 18. und 19. Oktober stattfand, stellte Fairchild seine Konsole unter dem neuen Namen vor.3rd Pa. Hi Fi Expo Solid Campus Draw. Billboard, 5. November 1977, S. 71. Der Hersteller kündigte die Auslieferung erster Geräte für Anfang November 1976 an, der unverbindliche Verkaufspreis sollte 149,95 US-Dollar betragen.Corporation Affairs. The New York Times, 21. Oktober 1976, S. 79. Nach dem Verkaufsstart trugen aus unbekannten Gründen nur die Umverpackungen und die Spiele die neue Bezeichnung Channel F. Das Typenschild wies die Konsole dagegen noch als Video Entertainment System aus; ein Umstand, der sich auch später nicht mehr ändern sollte.
Eine verkaufsbegleitende Werbebroschüre von 1976 offerierte die Konsole als „wahrhaftes Unterhaltungssystem“ für alle Altersgruppen und Familienmitglieder, denn die neue Steckmodultechnik biete jedem das passende Lern- oder Spielerlebnis. Durch den ebenfalls angekündigten monatlichen Steckmodulnachschub – bei Verkaufsstart waren lediglich drei verschiedene Spiele erhältlichJerry Eimbinder: Home Electronic Game Categories. In: Proceedings of the First Annual Gametronics Conference 18–20 Januar 1977. CMP Publications, 1977, S. 211; . – würde das heimische Fernsehgerät niemals langweilig und das Fernsehzimmer „im Handumdrehen“ in eine Freizeitzentrale verwandelt werden. Die von der FCC vorgeschriebenen individuellen und damit zeitaufwendigen Abnahmen jeder einzelnen Konsole und jedes einzelnen SteckmodulsBenj Edwards: VC&G Interview: Jerry Lawson, Black Video Game Pioneer. Vintagecomputing.com, 24. Februar 2009, abgerufen am 16. Mai 2019. indes machten eine Auslieferung des Geräts in der nachgefragten Menge unmöglich. Zum Weihnachtsgeschäft 1976 gelangte daher nur ein vergleichsweise kleines Kontingent in den Handel. Die Konsole mit ihren beiden fest eingebauten Spielen Tennis und Hockey kostete Ende 1976 bei der US-amerikanischen Kaufhauskette J. C. Penney 169,95 US-Dollar.Martin Goldberg: Fairchild Channel F. Videogames Hardware Handbook. Imagine Publishing, ISBN 978-1-78546-239-9, S. 21; . Die separat verkauften Spielmodule konnten beim selben Anbieter für 19,95 US-Dollar erworben werden.J. C. Penney Werbeanzeige: (PDF) Oakland Tribune, 27. April 1977, S. 9.
Lizenzgeschäft in Europa und Dedicated Console Crash 1977 Nach dem US-amerikanischen Verkaufsstart, der von einigen Publikationen auch mit August 1976 angegeben wird,Zach Whalen: Channel F for Forgotten. In: Before the Crash: Early Video Game History. Hrsg. von Mark J. P. Wolf. Wayne State University Press, Detroit 2012, ISBN 978-0-8143-3450-8, S. 63.Jerry Eimbinder: TV Game Background. In: Proceedings of the First Annual Gametronics Conference vom 18. bis 20. Januar 1977, CMP Publications, 1977, S. 165; .Jerry Eimbinder, Eric Eimbinder: Videogame History. In: Radio Electronics, Juli 1982, S. 52; . stellte Fairchild seine neue Konsole in Europa vor. Ende November 1976 war das „Fairchild-TV-Spiel“ beispielsweise auf der Technikmesse electronica, die in München stattfand, zu sehen.Michael Heysinger: Electronica ’76. In: ELO, Februar 1977, S. 34 f.