Jean Baptiste Édouard Verreaux (* 16. September 1810 in Paris; † 14. März 1868 ebenda im 4. Arrondissement) war ein französischer Ornithologe und Naturforscher.
Leben und Wirken Édouard Verreaux wurde als zweiter Sohn des Pariser Naturalienhändlers Pierre-Jacques Verreaux und Joséphine Delalande, Schwester von Pierre Antoine Delalande (1787–1823), geboren. Geprägt von seiner Familie, entwickelte er schon bald ein starkes Interesse für die Naturkunde. Schon im Alter von 17 Jahren wurde er zum Präparator des Naturhistorischen Museums (heute: Aquarium municipal et musée des sciences naturelles) von Douai ernannt. Als ihn 1819 sein älterer Bruder Jules Verreaux (1807–1873) bat, ans Kap der Guten Hoffnung zu kommen, brach er als Neunjähriger nach Südafrika auf, um das berühmte Maison Verreaux seines Vaters mit naturhistorischen Gütern zu versorgen. Zusammen mit seinem Bruder und seinem Onkel Delalande unternahm er Ausflüge ins Umland von Kapstadt und zwei Exkursionen ins Landesinnere, einem Landesteil, den außer François Levaillant (1753–1824) und ihrem Onkel bisher noch kein Europäer erforscht hatte.Martial Étienne Mulsant (1879), S. 139. Trotz seines geringen Alters beobachtete er zusammen mit seinem Onkel Delalande 1820 Erdwölfe, die Isidore Geoffroy Saint-Hilaire (1805–1861) unter der neuen Gattung Proteles beschrieb.Eugène Desmarest, S. 570. Sie sammelten eine Menge Naturobjekte, die sie an den väterlichen Naturalienhandel und das Muséum national d’histoire naturelle in Paris schickten.Martial Étienne Mulsant (1879), S. 140. mini|links|Der Bruder Jules Verreaux Nach zwei ausgedehnten Exkursionen kehrte er nach Paris zurück. Mit ihm kam eine beachtliche Sammlung von präparierten Tieren, von denen man teils nicht viel wusste oder die neu für die Wissenschaft waren. Alle Präparate wurden 1831 in der Galerie von Baron Jules Paul Benjamin Delessert (1773–1847) ausgestellt, ihr Anblick zog Wissenschaftler in ihren Bann: Georges Cuvier (1769–1832) und Isidore Geoffroy Saint-Hilaire (1805–1861) waren so fasziniert, dass sie ihn zur Rückkehr nach Südafrika ermutigten. Am 1. Juli 1832 brach er mit seinem jüngeren Bruder Joseph Alexis Verreaux (?–1868) erneut nach Kapstadt auf, wo sie im September desselben Jahres ankamen. Dabei gruben sie sogar die Leiche eines San aus, um sie zum Ausstopfen nach Paris zu bringen. Mit großem Eifer gründeten die Brüder Verreaux ein Museum, in welchem sie viele Säugetiere, Vögel, Reptilien, Insekten etc. dieses Landes ausstellten. Die Sammlung des Museums setzte sich aus den Sammlungen des Barons Carl von Ludwig (1784–1847), Andrew Smiths (1797–1872), der Verreaux sowie des South African Literary and Scientific Institution zusammen. Die Verreaux-Sammlung blieb stets in Privateigentum und stand dem Museum nur auf Leihbasis zur Verfügung.Saul Dubow, S. 37. Bis zur Rückkehr von Jules im Jahr 1838 wurde die Verreaux-Sammlung von den Einheimischen und vielen Reisenden auf ihrem Hin- oder Rückweg nach Indien bewundert.
Nach der Rückkehr von einer größeren Expedition ins Landesinnere bot sich Édouard eine Gelegenheit: Kapitän Geoffroy bot ihm einen Platz auf seinem Schiff zu den großen asiatischen Inseln an. Seine Reise führte ihn über Sumatra, Batavia, Surabaya, einige Teile der Philippinen, China und Cochinchina. Schließlich kehrte er über Mauritius nach Kapstadt zurück. Seinem Freund Étienne Mulsant (1797–1880) berichtete er von der Reise einige Geschichten. So hatte er beobachtet, wie drei Kinder eines Unbekannten von Kaimanen gefressen wurden, als dieser von Bord ging.Martial Étienne Mulsant (1879), S. 141.
Zurück in Kapstadt, fand er seinen Bruder Jules in großer Sorge vor, weil er seit geraumer Zeit ohne Lebenszeichen von seinem Bruder Alexis war. Im Sechsten Xhosa-Krieges (1834–1835) brannten die Xhosa Gebäude nieder und töteten die Bewohner. Sie operierten aus den Wäldern nahe der Küste mit der Gefahr, dass sie nach und nach kleinere Städte und Metropolen eroberten. Trotz dreier Regimenter und zweitausend Buren bzw. holländischen Siedlern unter der Führung von Henry George Wakelyn Smith (1787–1860) bekam dieser die Lage nicht in den Griff. Die Xhosa führten keinen offenen Kampf, sondern verfolgten eine Guerilla-Taktik mit kleinen Banden. Erst als Truppen aus Saint Helena und Indien angefordert wurden, besiegten die Briten die Xhosa schließlich nach einem 18-monatigen Krieg unter dem Regiment von Sir Benjamin D’Urban (1777–1849).
Nachdem Édouard zwei Monate vergeblich auf Neuigkeiten von seinem Bruder gewartet hatte, ging er auf die Suche nach ihm und brach nach Mossel Bay auf. Dort wurde er von Aker freundlich aufgenommen und konnte seine Sammlung erweitern. Bei einer Jagd auf einen Klippschliefer an der Felsküste glitt er ab und landete in einem horizontal abstehenden Baum. Unter ihm ging es 600 Meter nach unten, zu einem Riff über den Meerwellen. Nachdem der erste Schock verflogen war, musste er 12 Fuß den senkrechten Felsen hochklettern, um den Rand der Klippe zu erreichen. Mit allerletzter Kraft gelang es ihm.Martial Étienne Mulsant (1879), S. 142.
Während seines Aufenthalts in Mossel Bay bekam er die Nachricht, dass sein Bruder Alexis wohlauf sei und sich an einem Ort befand, der vom Krieg bisher nicht betroffen war. So brach er dorthin auf und traf auf ihn.
Nach mehreren Monaten Abenteuerleben schickten die beiden Brüder ihre zahlreiche Beute an ihren Bruder Jules. Gleichzeitig machten sie sich auf den Weg, eben jenen zu suchen.Martial Étienne Mulsant (1879), S. 143.
mini|links|Heiratsurkunde mini|Registrierung seines Todes Im Jahr 1833 kehrte Édouard nach Frankreich zurück. Hier übernahm er im folgenden Jahr das Geschäft seines Vaters und baute es zu einer konkurrenzlosen Institution aus. Das Geschäft blühte, und so bat er Jules, mit ihrer gesamten Sammlung nach Paris zu kommen, um ihn hier zu unterstützen. Als dieser 1838 mit der Lucullus die Heimreise antrat, zerschellte das Schiff vor La Rochelle. Es war ein schwerer Schlag für das Maison Verreaux, denn neben den unschätzbaren naturhistorischen Kostbarkeiten verloren sie all ihre Manuskripte und Zeichnungen, die ihnen zu Ruhm und Ehre in der Wissenschaft verhelfen sollten.
Am 20. Januar 1846 heiratete er Henriette Jeanne geb. Bodier (1826–1895) in Paris, der er und sein Bruder auch den Namen des Grünscheitel-Nektarvogels (Cinnyris johannae) widmeten.HeiratsurkundeIn Descriptions d’espèces nouvelles d’Oiseaux du Gabon (côte occidentale d’Afrique). S. 514.
Das Maison Verreaux, welches in Paris, Place Royal 9 und Succursale Boulevard Montmartre 6, stand, baute eine weltweite Verbindung zu allen naturhistorischen Museen und fast allen großen Privatsammlern auf.Ludwig Reichenbach, S. 22. Neben den kommerziellen Interessen waren die Brüder immer bereit, allen Menschen Aspekte der Naturkunde bereitwillig zu vermitteln.Ludwig Reichenbach, S. 23. So trafen sich hier immer wieder bedeutende Wissenschaftler aus ganz Europa und Amerika.
In ihrem Lager befanden sich ca. 3.000 Säugetiere, 40.000 Vögel, 200.000 Schalenweichtiere, viele Skelette, Reptilien und Fische. Alle waren vorbildlich präpariert. Dazu gab es eine beträchtliche Eiersammlung von Vögeln aus aller Welt. Bei der Bestimmung der Exponate versuchten sie mit Sorgfalt alle ihnen bekannten Synonyme und das Land, aus dem sie stammten, auf den dazugehörigen Etiketten festzuhalten.
Édouard entwickelte eine Vorliebe für Kolibris. Deshalb versuchte er von jeder bekannten Kolibriart beide Geschlechter in verschiedenen Entwicklungsphasen, ihre Skelette und ihre Nester mit den Eiern möglichst komplett zusammenzutragen.Martial Étienne Mulsant (1879), S. 144.
Als Étienne Mulsant (1797–1880) begann, ein Werk über die Naturgeschichte der Kolibris (Histoire naturelle des oiseaux-mouches ou colibris constituant la famille des trochilidés) mit Hilfe der Sammlung Jules Bourciers (1797–1873) zu schreiben, unterstützte Èdouard Verreaux dieses Vorhaben. Nach dessen Tod bekam Mulsant durch die Witwe weiter Zugriff auf das wertvolle Material. Er publizierte dieses fünfbändige Werk auch unter dem Namen Verreaux’.
Im August 1867 begann sich Édouards Gesundheitszustand zu verschlechtern. Als Mulsant ihn im September desselben Jahres besuchte, zeichnete sich der nahende Tod ab. Er starb im März 1868 im Kreise seiner Familie. zentriert|mini|hochkant=4|Eintrag seines Todes im 4. Arrondissement von Paris
Nach seinem plötzlichen Tod ging seine Sammlung, die auf einen Wert von 500.000 Francs geschätzt wurde, an die Witwe. Ein Teil der Sammlung, unter anderem eine fast vollständige Sammlung amerikanischer Vögel sowie Paradiesvögel und Fasanen wurde von Daniel Giraud Elliot (1835–1915) für das American Museum of Natural History aufgekauft.Albert Smith Bickmore, S. 9. Ein Teil seiner Kolibris wurde an den italienischen Bankier und Ornithologen Ercole Turati (1829–1881) verkauft.Barbara Mearns u. a, S. 308.
Dedikationsnamen Ausschließlich für Édouard Verreaux mini|links|hochkant|Unterart der Schmetterlingselfe Lophornis chalybeus verreauxii Oft findet man in der Literatur Jules Verreaux und Édouard Verreaux als Erstautoren der Grünschopfelfe Lophornis verreauxii, da die Überschrift im Originalartikel sie als Autoren verzeichnet. In einer Fehlerkorrektur im gleichen Heft stellen die beiden Brüder aber klar, dass Jules Bourcier (1797–1873) der alleinige Autor des Artikels ist.Jules & Édouard Verreaux. (1853), S. 288. Der Name dieser Unterart der Grünschopfelfe ist ausschließlich Édouard gewidmet. So schrieb Bourcier:
Eine Unterart des Kräuselhauben-Perlhuhns beinhaltet in seiner wissenschaftlichen Bezeichnung den Namen Édourds, nämlich Guttera pucherani edouardi. In der Übersetzung eines Briefes von Jules Verreaux an Gustav Hartlaub (1814–1900) schrieb dieser:
Die von Armand Marie Paulin Ducros de Saint-Germain (1823–1888) im Jahr 1857 in seinem Werk Revue critique du genre Oliva, de Bruguières beschriebene Muschelart Olivella (Niteoliva) verreauxii gilt heute als Synonym für Olivella (Niteoliva) minuta minuta , 1807. So schrieb Ducros de Saint-Germain:
Eine weitere Muschel mit seinem Namen Burnupia verreauxii beschrieb Jules René Bourguignat (1829–1892) im Jahr 1853.Jules René Bourguignat, S. 351. Allerdings erfordert der taxonomische Status dieser Art weitere Analysen.
Für die Brüder Die Blauringtaube (Leptotila verreauxi), die Charles Lucien Jules Laurent Bonaparte (1803–1857) im Jahr 1857 beschrieb, ist nicht ausschließlich Jules, sondern wahrscheinlich auch seinem Bruder Édouard gewidmet. So schrieb Bonaparte:
Eine Unterart des Gelbflankenspechts (Celeus grammicus verreauxii), die Alfred Malherbe (1804–1865) unter dem Namen Celeopicus Verrauxii beschrieb, ist ebenfalls den Brüdern gewidmet. Als Begründung für den Namen diente Malherbe:
Hermann Schlegel (1804–1884) zeigte 1854 in einer Analyse des Musophaga Persa (heute Guinea-Turako Tauraco persa), dass die heutige Unterart des Blaurückenturakos Tauraco macrorhynchus verreauxii, die die Gebrüder Verreaux als Guinea-Turako klassifiziert hatten, sich deutlich unterscheidet. So schrieb er in seiner Analyse:
Erstbeschreibungen von Jules & Édouard Verreaux Édouard Verreaux beschrieb mit seinem Bruder viele Gattungen, Arten und Unterarten als Erstautor. Bei der Beschreibung des Rotbrusthabichts wirkte außerdem Marc Athanase Parfait Œillet Des Murs (1804–1894) mit.
Gattungen Zu den Gattungen, die Édouard Verreaux beschrieben hat:
Tricholaema & , 1855 Ixonotus & , 1855 Elvira , & , 1866
Arten mini|Adansonwachtel (Coturnix adansonii) gemalt von Claude Gibney Finch-Davies (1875–1920) mini|Glanzwitwe (Vidua hypocherina) Zu den Arten, die Édouard Verreaux beschrieben hat, gehören chronologisch: Adansonwachtel (Coturnix adansonii) & , 1851 Blaßstirnschwärzling (Nigrita luteifrons) & , 1851 Fleckenbülbül (Ixonotus guttatus) & , 1851 Gabunspecht (Dendropicos gabonensis) ( & , 1851) Gelbschnabel-Bartvogel (Trachylaemus purpuratus) ( & , 1851)