Der Grabenkrieg war ein charakteristisches Merkmal des Ersten Weltkriegs und zeichnete sich durch ein System befestigter Schützengräben aus, das sich über die Westfront erstreckte, eine Reihe von Schlachtfeldern, die sich durch Belgien und Frankreich zogen. Diese Taktik entstand aus der Sackgasse, in der sich die Fronten befanden, da die Fortschritte bei der Bewaffnung die Fortschritte bei der Mobilität und Taktik überholt hatten. Die Ursprünge des Grabenkriegs lassen sich bis in die Anfangsphase des Krieges zurückverfolgen, als die schnelle Mobilisierung zu einem Wettlauf zum Meer führte. Da beide Seiten versuchten, die Flanken des jeweils anderen zu umgehen, waren sie bald nicht mehr in der Lage, einen entscheidenden Schlag zu führen. Daher griffen sie auf den Bau von Gräben zurück, um ihre Stellungen zu schützen und sich einen Vorteil zu verschaffen. Was als vorübergehende Verteidigungsmaßnahme begann, entwickelte sich zu einem ausgedehnten Netz von Schützengräben, das sich über Hunderte von Kilometern erstreckte.
Durchführung Mit der Entwicklung des Minié-Geschosses, das die massenhafte Nutzung von Gewehren mit gezogenem Lauf und weitaus höherer effektiver Reichweite erlaubte, wurden Frontalangriffe sowohl durch Kavallerie- als auch durch Infanterieeinheiten extrem verlustreich. Schon im amerikanischen Sezessionskrieg hatte sich gezeigt, dass Kavallerieangriffe auf breiter Front ohne große Probleme abgeschlagen werden konnten. Hier wurde auch zum ersten Mal der Nutzen von Schützengräben erprobt und erwies sich in der Verteidigung als enorm erfolgreich. Mit der flächendeckenden Einführung von Hinterladern waren Verteidiger noch mehr im Vorteil, da sie jetzt den Angreifer unter Beschuss nehmen konnten, ohne ihre Deckung zu verlassen. Maschinengewehre steigerten die Feuerkraft der Verteidiger nochmals um ein Vielfaches und konnten die Angreifer niedermähen, sobald diese aufstanden, um vorzurücken.
Obwohl sich damit die Art der Kriegsführung auf dramatische Art und Weise geändert hatte, waren die meisten Armeen und Generale auf die Auswirkungen dieser Änderungen nicht vorbereitet. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs bereiteten sich alle beteiligten Armeen auf einen kurzen Krieg vor, der in seinen Taktiken den bisherigen Kriegen gleichen sollte. Diese Taktiken riefen nach schnellen, aggressiven Vorstößen, um die feindlichen Einheiten und Armeen dann einzukreisen und zu vernichten. Die Durchführung dieser Angriffe war dabei nicht fundamental anders als in den napoleonischen Kriegen: Ein Ansturm möglichst vieler Männer auf schmalem Raum mit aufgepflanzten Bajonetten, um den Gegner dann im Nahkampf zu töten.
Mit Ausbruch des Krieges erkannten die deutschen und alliierten Truppen, dass auch die kleinste Deckung es ermöglichte, einen Angriff problemlos zurückzuschlagen. Frontale Angriffe führten zu nie dagewesenen Verlusten auf beiden Seiten; daher gruben sich beide Seiten in zunehmend komplexeren Grabensystemen ein und versuchten mit immer größeren Mengen an Artillerie und Soldaten wiederum die Verteidigungssysteme des Gegners zu überrennen.
Zunächst wurden Flankenangriffe als einzige Möglichkeit zum Sieg angesehen. Dies führte nach der Marneschlacht zu einer Serie von Umfassungsmanövern, die erst endeten, als beide Armeen die Nordseeküste erreichten. Das Grabensystem der Westfront erstreckte sich von dort bis zur Schweizer Grenze. Der Stellungskrieg an der Westfront setzte sich bis zur deutschen Frühjahrsoffensive im März 1918 fort.
An der Westfront wurden die ersten provisorischen Gräben schnell durch ein komplexes Grabensystem ersetzt. Das Gelände zwischen den Gräben wurde als Niemandsland bezeichnet. Der Abstand zwischen den Gräben variierte je nach Frontabschnitt. Im Westen lag die Distanz üblicherweise bei 100 bis 250 Metern. An einigen Stellen, zum Beispiel bei Vimy, lagen die Gräben jedoch nur 25 Meter auseinander. Nach dem deutschen Rückzug zur Siegfriedstellung im Frühjahr 1917 (Unternehmen Alberich) wuchs der Abstand teilweise auf mehr als einen Kilometer an. Bei der Schlacht von Gallipoli lagen die Gräben streckenweise nur etwa 15 Meter auseinander, so dass es dort häufig zu Handgranatenkämpfen kam.
Aufbau mini|Russische Truppen in einem Rückzugsgraben erwarten einen deutschen Angriff
Westfront Die frühen Schützengräben waren einfache, flache Vertiefungen, die den Deckungsgräben und Schützenlöchern des Zweiten Weltkriegs ähnelten und etwa 30 cm tief waren, um einem liegenden Schützen vorübergehend Deckung zu bieten.Bull: 2002, S. 19. Ab 1916 bestanden die Grabenanlagen aus einer Reihe von drei parallel zueinander verlaufenden Gräben: dem Frontgraben, dem Unterstützungsgraben und dem Reservegraben. Diese Gräben wurden unterirdisch oder oberirdisch als Brustwehren oder als Kombination aus Graben und Brustwehr angelegt. Eine typische Frontlinie bestand aus zwei Gräben: dem Feuergraben und dem Kommandograben. Der Feuergraben war eine durchgehende Zickzacklinie, die in regelmäßigen Abständen von Erdbrüstungen unterbrochen wurde, die vor Flankenfeuer und Granatenexplosionen schützten. Sie waren etwa 2,7 m bis 4 m breit, und die Länge des Grabens oder des Grabenabschnitts zwischen den einzelnen Brüstungen betrug 5,5 m bis 9,10 m.Ashworth: 2000, S. 4 f.
Etwa 20 m vor dem Feuergraben erstreckte sich eine durchgehende Stacheldrahtlinie, quer durch das Niemandsland. Dahinter konnten sich weitere Drahtverhaue befinden. Ein Netz aus Tunneln in den Brustwehren des Feuergrabens und Durchgänge durch die Stacheldrahtverhaue dienten den Soldaten als Zugang zum Niemandsland. Gelegentlich ragte ein Annäherungsgraben 18 m oder 27 m weit ins Niemandsland hinein und diente als Beobachtungsposten.Ashworth: 2000, S. 5. Der Stacheldraht selbst verlief vor der Frontlinie in einer Tiefe von 1,80 m bis 2,70 m; auf Deutscher Seite wurde zudem Klingendraht eingesetzt.Van Emden: 2003, S. 47.Bull: 2014, S. 185.
Die Kommandogräben verliefen etwa 20 m hinter dem Feuergraben und parallel zu diesem. Die beiden Gräben wurden in regelmäßigen Abständen mit Gräben verbunden wodurch die Kommunikation entlang der gesamten Frontlinie aufrechterhalten werden konnte. Innerhalb des Kommandograbens boten Unterstände Schutz während Artilleriefeuer. Im Gegensatz zu den Alliierten setzte die deutsche Armee von Beginn des Grabenkriegs an Beton zur Verstärkung ein.Oldham: 2011, S. 20. Dies ermöglichte es den Deutschen, besonders tiefe Unterstände von bis zu 12 m zu errichten. Diese Unterstände oder Stollen waren so ausgelegt, dass sie dem anhaltenden Beschuss durch Geschütze mit einem Kaliber von bis zu 200 mm standhielten und an ausgewählten Stellen sogar Treffern durch noch schwerere Geschütze.Bull: 2014, S. 192, 195. Die Standardtiefe lag zwischen 6,10 m und 7,60 m unter der Erdoberfläche. Die Stollen konnten über mehrere Ausgänge, Gasvorhänge, Entwässerungsschächte und -pumpen, voll ausgestattete Kochgelegenheiten und manchmal auch Stromgeneratoren für die Beleuchtung verfügen. Die Tunnel, die diese Unterstände miteinander verbanden, waren mit in Beton eingegossenen Wellblechverstärkungen versehen.Showalter: 2016, S. 179.Griffith: 2004, S. 46. Um die Orientierung in den Schützengräben zu gewährleisten, wurden ihnen Namen und oft auch Nummern zugewiesen. Diese erfüllten zudem eine weitere psychologische Funktion. Namen wie Augsburger-Graben, Piccadilly Circus und Tranchée de Champagne vermittelten den Soldaten ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Namen wie Kronprinz-Graben, Joffre Farm oder Victoria Trench waren vom Patriotismus motiviert. Andere, wie Gangrene Alley, Tranchée de l’Enfer oder Hopeless Street, spiegelten den Zynismus der Soldaten wider.
Schließlich wurden Maschinengewehre in getarnten Stellungen entlang der Frontlinie aufgestellt. Alle Linien waren durch Verbindungsgräben in festen Abständen miteinander verbunden. Entlang dieser Gräben wurden Telefonkabel, Ablösungen, Verpflegung und Munitionsvorräte zum Bataillons- und Batteriehauptquartier geleitet. Auch diese Verbindungsgräben wurden im Zickzackmuster angelegt. Rechtwinklig zu den Verbindungsgräben und zu beiden Seiten davon befanden sich Deckungsgräben, die bei Beschuss Schutz boten. Etwa 70 m bis 100 m hinter dem Kommandograben befand sich der Unterstützungsgraben mit Unterständen, in denen die Unterstützungstruppen für die Frontlinienbesatzung untergebracht waren.Ashworth: 2000, S. 5 f.
Das französische Grabensystem unterschied sich teilweise von dem der Briten und Deutschen. Es gab nur zwei Linien: die Frontlinie und die Stützlinie. Die französische Frontlinie bestand aus Abschnitten, in denen sich voll besetzte und befestigte Schützengräben mit solchen abwechselten, die nur von Wachposten gehalten wurden. Dies ermöglichte es den erstgenannten, die letzteren mit Flankenfeuer zu verteidigen. Auch der französische Unterstützungsgraben war voll besetzt und verfügte über tief eingegrabene Unterstände zum Schutz vor Granatbeschuss. Die Französischen Schnellfeuerkanonen glichen das Fehlen einer Reserve-Linie aus.Ashworth: 2000, S. 6. Im Falle eines Infiltrationsversuchs, beispielsweise um ein Eindringen in den Kommandograben zu verhindern, gab es einfache Stacheldrahtbarrieren oberhalb des Grabens, die heruntergelassen werden konnten.Bull: 2013, S. 36, 43. Wenn eine Stellung absichtlich aufgegeben wurde, wie beispielsweise während des deutschen Rückzugs zur Siegfried-Linie im Jahr 1917, wurden Gräben und Unterstände mit Sprengfallen versehen.Griffith: 2004, S. 17, 25.
Ostfront
Im Vergleich zur Westfront waren die Schützengräben an der Ostfront schwieriger zu errichten; es herrschte Arbeitskräftemangel, Baumaterialien waren schwerer zu beschaffen, und die Straßen und Eisenbahnstrecken waren entweder zu wenige oder zu überlastet, um einen schnellen Nachschubtransport zu ermöglichen. Erst 1916 wurde ein Schützengraben-System von annähernd gleichem Ausmaß wie an der Westfront errichtet.Stone: 1975, S. 148. Die österreichisch-ungarische Frontlinie bestand aus den drei vordersten Schützengräben, die einen etwa einen Kilometer tiefen Streifen bildeten. Innerhalb dieses Streifens befanden sich massive Unterstände, die selbst dem schwersten Artilleriefeuer standhalten sollten. Die Unterstände waren mit Beton verstärkt; die Offiziersunterkünfte verfügten sogar über Fenster. Es gab Maschinengewehrstellungen aus Beton, die für Flankenfeuer ausgelegt waren. Vor den Schützengräben befanden sich mehrere Reihen aus Stacheldraht, der oft unter Strom stand und zusätzlich durch Landminen gesichert war.Root: 2007, S. 196.Buttar: 2016, S. 129. Die russischen Schützengräben waren eher primitiv, mit zu exponierten Geschützstellungen und schlecht gebauten Unterständen aus schwachem und teilweise sogar morschem Holz.Stone: 1975, S. 177, 179. Die Schützengräben waren weder tief genug, um dem Beschuss standzuhalten, noch lang genug für eine Verteidigung in der Tiefe. An der Front befanden sich zu viele Truppen, was sie anfällig für Artilleriefeuer machte, und im Hinterland gab es zu wenige Reserven für Gegenangriffe.Stone: 2006, S. 164.
Gallipoli