Die Augsburger Straße ist eine zentral in der City West gelegene Berliner Straße, nicht zu verwechseln mit einer gleichnamigen Straße in Berlin-Lichtenrade. Sie wurde 1887 angelegt und reichte damals vom Kurfürstendamm bis zur Eisenacher Straße. Nachdem sie 1936 und dann nochmal 1957 gekürzt wurde, verläuft sie als Parallelstraße der Tauentzienstraße nur noch zwischen Joachimsthaler und Passauer Straße.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie Teil des „Neuen Westens“, in den Goldenen Zwanzigern gab es dort zahlreiche prominente Lokalitäten, und die Straße hatte Anteil an einer kurzen Blütezeit deutscher Kunst und Kultur. Als Folge des Nationalsozialismus verlor die Straße diese Bedeutung. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Bebauung schwere Schäden. In der Nachkriegszeit war sie über Jahrzehnte Ort eines größeren Straßenstrichs. Erst in den 1980er Jahren wurden die letzten großen Baulücken, die durch den Krieg gerissen worden waren, wieder geschlossen. Heute ist die Augsburger Straße eine reine Wohn- und Geschäftsstraße, insbesondere geprägt von mehreren großen Hotels der Oberklasse. Die Anwohnerschaft verfügt im Durchschnitt über ein gehobenes Einkommen.

Neuanlage der Straße Die Augsburger Straße wurde 1862 im ersten Berliner Bebauungsplan, dem Hobrecht-Plan, als die Straßen Nr. 29 und 30 des Abschnitts IV ausgewiesen. Bis 1887 wurde sie angelegt und am 11. März des Jahres nach der bayerischen Stadt Augsburg benannt. Zum Zeitpunkt ihrer Anlage war die Straße rund 1400 Meter lang, begann am Kurfürstendamm und reichte über Joachimsthaler Straße, Rankestraße, Marburger Straße, Nürnberger Straße, Passauer Straße, Ansbacher Straße, Welserstraße, Martin-Luther-Straße und Kalckreuthstraße bis hin zur Eisenacher Straße.

Kurze Zeit lag die Augsburger Straße am Stadtrand. Der kurz nach der Anlage hier als Kind für rund zwei Jahre lebende Moritz Goldstein beschrieb den damaligen Charakter der Straße als Ort, „wo die grosse Stadt in offenes Land überging […] In zehn Minuten konnten wir die unberührte Natur mit bestelltem Kornfeld, Wiesengras und Wasserläufen erreichen“. Goldstein hielt zugleich den wirtschaftlichen wie baulichen Moment des Wachstums im Viertel fest, wenn er von den Anwohnern schrieb, „die meisten machten es gut und kamen vorwärts, als die Gegend sich entwickelte“ und „Mit Stolz und brennender Teilnahme beobachteten wir, wie die Stadt um uns her wuchs.“

mini|hochkant|links|Schema des Straßenverlaufs mit Hausnummern, Berliner Adressbuch, 1919

Vorübergehend gab es noch Grünflächen, ein Stadtplan von 1893 weist an der Ecke zur Joachimsthaler Straße eine Grünanlage als Hippodrom aus. In diesen Lücken aber kündigte sich bereits der neue Westen an: Am 23. Juli 1890 gastierte Buffalo Bill „in einem umzäunten, mit Gehölz bedeckten großen Parke“ an der Einmündung zum Kurfürstendamm mit seiner Wildwestshow aus rund zweihundert Indianern, Cowboys und Artisten sowie zweihundert Tieren. Die Kunstschützin Annie Oakley sorgte dabei für eine Sensation, als Kaiser Wilhelm II. sich eine Zigarre anzündete, sie fragte, ob sie sie ihm aus dem Mund schießen würde und Oakley sie ihm – kaum dass er gefragt hatte – aus der Hand schoss.

Die Augsburger Straße im „Neuen Westen“ Die Augsburger Straße wurde rasch Teil des „Neuen Westens“ mit seiner typischen Mischung aus gehobenem Wohngebiet, Geschäfts- und Vergnügungsviertel. Auch verkehrstechnisch wurde die Augsburger Straße zügig erschlossen. Ab 1895 fuhr die gelbe Linie der Berlin-Charlottenburger Straßenbahn durch die Augsburger Straße. 1900 wurde die Strecke von der Großen Berliner Straßenbahn übernommen und elektrifiziert. Die Gleise lagen im Abschnitt zwischen Lutherstraße und Kurfürstendamm, an der Rankestraße sowie der Nürnberger Straße kreuzten sie weitere Strecken. Am 11. Februar 1923 wurde die Straße letztmals planmäßig von Straßenbahnen befahren.

Frühzeitig wählten neben lokal prominenten Personen wie dem Charlottenburger Oberbürgermeister Kurt Schustehrus (um 1906, Augsburger 62) auch heute als einflussreich für die Moderne bekannte Persönlichkeiten hier ihren Lebensmittelpunkt. Bereits um 1895 wohnte in der Augsburger Straße 50, nah der Kreuzung Kurfürstendamm, wo sein Büro lag, für mehrere Jahre der Architekt August Menken. In der Nachbarschaft, der Nummer 48, lebte 1903 während seines ersten kurzen Berlinaufenthalts der junge Arnold Schönberg. Vor allem die im „Neuen Westen“ zentral gelegenen Pensionen boten günstig und zugleich langfristig auch Künstlern und Bohemiens Unterkunft. So wohnte ab dem 10. November 1900 für ein halbes Jahr der japanische Schriftsteller Iwaya Sazanami in einem Zimmer in der „Augusuburuku machi“ 21, sein Berliner Tagebuch dokumentiert das Berlin dieser Zeit für sein japanisches Publikum. Zwei Häuser neben Schönberg, in der Augsburger Straße 46, lebte 1903 der Dichter Victor Hadwiger, sein Zimmer übernahm Johannes Nohl, der so zu seinem damaligen Lebenspartner, dem bereits dort lebenden Erich Mühsam zog. In seinen Erinnerungen bezeichnete Mühsam sein möbliertes Zimmer als „Stätte reicher Erlebnisse und starker innerer Förderung für mich“, regelmäßige Gäste bei ihnen waren John Henry Mackay, Johannes Schlaf und Hanns Heinz Ewers.

Selbst Sujets der bildenden Kunst finden sich hier: 1911 malte der expressionistische Maler Ludwig Meidner sein Gemälde Gasometer in Berlin-Wilmersdorf. In ihm hielt er einen 1895 im östlichen Abschnitt der Augsburger Straße errichteten, 50 Meter hohen Gasbehälter fest. Der 81.000 Kubikmeter fassende Behälter wurde 1944 im Zweiten Weltkrieg zerstört und Anfang der 1950er Jahre abgerissen. An seiner Stelle, Ecke Fuggerstraße/Welserstraße, steht heute die Finow-Grundschule.

Die Goldenen Zwanziger In den „Goldenen Zwanziger Jahren“ war die Augsburger Straße Achse zwischen dem Kurfürstendamm und dem Motzstraßenviertel und bot renommierten Lokalitäten der Epoche Raum, in denen sich Halbwelt und Bohème mischten.

Vermutlich bereits in den 1910er Jahren oder früher gegründet, wurde die an der Augsburger Straße Ecke Kurfürstendamm gelegene Bar „Kakadu“ ein bedeutender Treffpunkt von Künstlern, Stars und Wirtschaftsführern. 1920 vergrößerte sich die Bar und nahm für sich in den kommenden Jahren in Anspruch, die „größte Bar Berlins“ zu sein. Bis in die 1930er Jahre währte der Barbetrieb, 1937 dann wurde aus der Bar eine „Weinstube“, 1938 gar eine Konditorei. 1943 wurde das Gebäude beschlagnahmt und in eine Unterkunft für den Reichsarbeitsdienst umfunktioniert, alliierte Bombentreffer zerstörten es später so stark, dass es abgerissen werden musste. Heute steht dort das Allianz-Hochhaus.

mini|Die Scala, 1936

Direkt gegenüber, an der Ecke Joachimsthaler Straße, lag in der Augsburger Straße 36 „Maenz' Bierhaus“. Die von der Wirtin Änne Maenz und dem legendären Kellner Adalbert „Papa Duff“ Duffner betriebene Kutscherkneipe verzichtete auf die zu dieser Zeit gewohnte plüschige Einrichtung und wurde ab 1918 zu einem Künstlertreffpunkt vor allem für Schauspieler, Regisseure und Schriftsteller wie Ernst Lubitsch, Emil Jannings, Kurt Pinthus, Ernst Rowohlt, Fritzi Massary, Bertolt Brecht, Conrad Veidt, Jakob Tiedtke, Emil Orlik, Stefan Großmann, Alexander Granach und viele mehr. Der Autor Alfred Richard Meyer widmete dem Ort 1922 seine Schrift Maenz oder Maenzliches. Allzumaenzliches oder Die maenzliche Komödie.

An der Kreuzung zur Lutherstraße 21 (seit 1963: Martin-Luther-Straße 12) befand sich 1904 bis 1944 das Restaurant „Horcher“. Am Platz dahinter entstand 1920 mit der „Scala“ eines der berühmtesten Varietés Deutschlands, das bis zur Zerstörung des Gebäudes in der Nacht vom 22. zum 23. November 1943 bestand. Teile des Scala-Baus wurden ab 1960 provisorisch als Spielstätte des Kabaretts Die Wühlmäuse benutzt. Das Gebäude wurde später abgerissen und in den 1970er Jahren durch ein sachliches Wohngebäude ersetzt. Direkt gegenüber der „Scala“ befand sich zuerst die „Auguste Victoria-Säle“ und 1926 bis 1932 das „Original Eldorado“.

mini|hochkant=1.5|Anzeige des Clubs „Geisha“ von 1930 aus der Zeitung Die Freundin

In einer Pension in der Augsburger Straße 23 wohnten von 1921 bis 1926 bzw. von 1923 bis 1924 die Psychoanalytikerinnen Melanie Klein und Helene Deutsch, Schülerinnen des in der Rankestraße 24 lebenden Karl Abraham. In den „Goldenen Zwanzigern“ nahmen auch neusachliche Künstler ihr Domizil in der Straße. Der Maler Rudolf Schlichter hatte in den 1920er Jahren hier sein Atelier. In einer Pension in der Augsburger Straße lebte 1927 der Maler Christian Schad nach seinem Umzug nach Berlin, während er ein Atelier suchte. Im Erdgeschoss des Hauses befand sich ein Hutgeschäft, wo er einer Modistin begegnete, die ihm Modell für eines seiner bekanntesten Porträts stand: Lotte – Die Berlinerin. Bis etwa 1934 wohnte Otto Niemeyer-Holstein in der Augsburger Straße 62.Adressbuch bis 1935

Auch das in der Gegend vitale und die Ära prägende homosexuelle Berlin fand in der Augsburger Straße seinen Niederschlag. So existierte von 1924 bis 1933 in der Augsburger Straße 72 die „Auluka-Diele“, eine lesbische Kneipe, die später im Gegensatz zu den sehr modischen Lokalen der umliegenden Straßen als „daneben bis an den Punkt der Extravaganz“ charakterisiert wurde. Unter derselben Adresse findet sich 1930 und auch 1932 noch der lesbische Club „Geisha“.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg mini|Stolperstein für Malka Wellner, Augsburger Straße 29

Das Vorgehen der Nationalsozialisten gegenüber der Berliner Bohème und der homosexuellen Szene beendete die „Goldenen Zwanziger“ auch in kultureller Hinsicht. In der Zeit des Nationalsozialismus verlor die Augsburger Straße ihren Charakter als Teil eines Zentrums von Kunst und Kultur. Bedeutung hatte die Straße in dieser Zeit allenfalls noch als Sitz der 1933 gegründeten und dem Reichswirtschaftsministerium unterstellten Überwachungsstelle für Kautschuk und Asbest.

Die ursprüngliche Mündungsspitze am Kurfürstendamm firmierte seit 1936 als eigenständiger Joachimsthaler Platz, seit 2023 Grünfeld-Ecke. Seit dieser Kappung um rund 50 Meter endet die westliche Augsburger Straße an der Joachimsthaler Straße und mündet nicht mehr direkt in den Kurfürstendamm.

Seit 1939 traf der Holocaust die jüdischen Anwohner auch der Augsburger Straße: Sieben Stolpersteine erinnern heute an ihr Schicksal. Unter den Opfern war auch der Theaterwissenschaftler Max Herrmann, der mit seiner Ehefrau, der Philologin Helene Herrmann, bis September 1942 in der Augsburger Straße 42 lebte und arbeitete. Beide wurden in das KZ Theresienstadt deportiert, wo Max Hermann binnen zweier Monate starb, Helene Herrmann überlebte noch bis zum Sommer 1944 und wurde dann im KZ Auschwitz ermordet.

Als teils unmittelbar hinter dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße gelegene Straße erfuhr die Augsburger Straße im Krieg schwere Schäden: die Bebauung im Bereich zwischen Nürnberger und Ansbacher Straße war bei Kriegsende fast vollends zerstört, schwer beschädigt war auch der Straßenzug zwischen Ranke- und Marburger Straße, wo nur mittig noch Häuser standen. Im östlichen Bereich waren die Schäden etwas geringer, unberührt blieb jedoch kein Straßenzug. Der von Ludwig Meidner gemalte große Gasbehälter dort wurde 1944 zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Die Augsburger Straße in West-Berlin In der unmittelbaren Nachkriegszeit hallte zeitweise noch die Infrastruktur der Straße aus den Goldenen Zwanziger Jahren nach. Bars wie die von 1955 bis 1961 existierende Robby-Bar (seither als Tabasco) in der Augsburger Straße 74 wurden zum Treffpunkt homosexueller Männer, 1958 fanden regelmäßig Treffen des von Käthe Reinhardt betriebenen lesbischen Frauen-Clubs Kati und Eva in der Augsburger Straße 52 Bei Irma statt.Claudia Schoppmann: Uns hat doch eigentlich nur zusammengehalten, dass wir anders waren als die andern – Erwin „Isabella“ Friedrich (1902–1990) In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 65/66, 2020, S. 70–84.

Straßenstrich der Nachkriegszeit