mini|Restaurierter Teil der Konstantinopel-Mauer in der Nähe des Belgrader Tors mini|Das Wallsystem in byzantinischer Zeit
Die Theodosianische Mauer (türkisch İstanbul Surları oder Topkapı Surları) ist eine Anfang des 5. Jahrhunderts unter Kaiser Theodosius II. und dem Präfekten Anthemius errichtete, etwa 19–20 Kilometer lange Befestigungsanlage (Land- und Seemauern) zum Schutz von Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.
Die Theodosianische Mauer wird von einigen Historikern als eine der erfolgreichsten und bestdurchdachten Befestigungsanlagen in der Geschichte der Kriegstechnik angesehen. Viele der einschneidendsten Ereignisse in der Geschichte der Stadt stehen eng mit diesem außergewöhnlichen Bauwerk in Zusammenhang. Der Bau des Wallsystems wurde notwendig, um der Bedrohung durch die Hunnen zu begegnen und der rasch expandierenden Stadt zusätzlichen Raum zu verschaffen. Trotz zunehmenden Verfalles und dem Aufkommen der Feuerwaffen waren die Befestigungen bei entschlossener Verteidigung auch noch in der Mitte des 15. Jahrhunderts nur schwer zu überwinden. Die Komplexität der Verteidigungsanlagen trug wesentlich zum langen Bestehen des Byzantinischen Reiches bei.
Entwicklung Unter der Regierung des Theodosius II. veränderte sich das Erscheinungsbild der oströmischen Hauptstadt am stärksten und sichtbarsten seit der Gründung durch Konstantin I. Geschaffen wurde ein Festungssystem, das selbst als Ruine noch in Erstaunen versetzt.
Zwei Gründe waren für das Großprojekt ausschlaggebend: Im Verlauf des 4. Jahrhunderts war die Stadt immer weiter über die Konstantinische Mauer hinausgewachsen, viele Häuser standen nun vollkommen ungeschützt auf dem flachen Land. Der zweite, wesentlich beunruhigendere Grund war die Plünderung der alten Hauptstadt Rom durch gotische Foederaten unter Alarich I. im Jahr 410. Obwohl die kaiserliche Residenz des Westreiches schon längst in den Flottenstützpunkt Ravenna verlegt worden war, war diese Nachricht für die römische Welt ein schwerer Schock, besonders in Konstantinopel, wo man sich als Hüter und Bewahrer der Größe und Tradition des alten Roms sah. Zudem begannen auch hunnische Stämme, über die Donau einzusickern und sich in Thrakien, also praktisch vor den Toren der Stadt, niederzulassen. mini|links|Kaiser Theodosius II., Louvre, Paris, (Benennung unsicher)
Die erste Bauphase der neuen Stadtmauer – damals noch ein einfacher anstelle des späteren dreifachen Mauerrings – wurde 413 abgeschlossen. Sie wurde zu diesem Zweck zwei Kilometer außerhalb der alten konstantinischen Stadtmauer nach Westen vorgeschoben. Auftraggeber war der Prätorianerpräfekt Anthemius, Vormund des zwölfjährigen Theodosius und der eigentliche Regent des Ostens. Durch die zusätzlich gewonnene Fläche erweiterte sich das Stadtgebiet um mehr als die Hälfte. Dies erwies sich für die zukünftige Expansion der Stadt als mehr als ausreichend. Dieses Neuland wurde nie vollständig überbaut und wurde in byzantinisch/osmanischer Zeit für die Landwirtschaft genutzt.Brubaker 2001, S. 33 Kurz nach ihrer Fertigstellung wurde sie am 27. Januar 447, in der zweiten Stunde nach Mitternacht, durch ein Erdbeben schwer beschädigt. In einigen Abschnitten waren dadurch die Mauer und 57 ihrer Türme zum Einsturz gebracht worden. Dieser Zeitpunkt war denkbar ungünstig, da die Hunnen unter Attila das Oströmische Reich und seine Hauptstadt massiv bedrohten. Fast das gesamte Gebiet rund um das Goldene Horn lag in Schutt und Asche. Der Prätorianerpräfekt des Ostens Constantius organisierte daraufhin umgehend „fliegende Kommandos“, um die Gräben vom Schutt zu räumen und die Befestigungen wiederaufzubauen. Innerhalb von nur zwei Monaten wurde die Mauer bis Ende März 447 in einer gemeinsamen Kraftanstrengung der Stadtbevölkerung (Einsatz von schätzungsweise 16.000 Mann) noch höher und stärker als zuvor wieder errichtet. Dabei wurde nicht nur die ursprüngliche Mauer wieder aufgebaut, sondern noch zusätzlich eine Außenmauer mit Türmen und vorgelagerter Brustwehr hinzugefügt.Peter J. Heather: Der Untergang des Römischen Weltreichs (= Rororo 62665). 2. Auflage. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011, ISBN 978-3-499-62665-4, S. 358. Diese erstaunliche Aufbauleistung wurde in einer Inschrift gefeiert:
„In weniger als zwei Monaten errichtete der Nachfolger des Konstantin das triumphale Werk dieser starken Mauern. Kaum hätte Pallas so schnell ein so starkes Bollwerk erbauen können.“Alexander Van Millingen: Byzantine Constantinople, the walls of the City and adjoining historical sites with maps, plans and illustrations, London, 1899, S. 47
Kurz vor Erscheinen des hunnischen Heeres war die Stadt wieder abwehrbereit. Attila verzichtete auf eine Belagerung und fiel stattdessen in das Weströmische Reich ein. Eine spätere Bauphase der Mauer basiert unter anderem auf den Plänen des Anthemios von Tralleis, eines führenden Architekten des 5. Jahrhunderts.
Araber, Bulgaren, Russen und Petschenegen belagerten die Stadt immer wieder, jedoch ohne Erfolg. 764 wurde die Seemauer während eines äußerst harten Winters beschädigt, der Chronist Theophanes berichtet, dass das Schwarze Meer in diesem Jahr bis zu 100 Meilen vom Ufer zufror. Der Schnee türmte sich auf dem Eis bis zu 15 m hoch. Als Tauwetter einsetzte, trieben sogar Eisberge auf dem Bosporus, die bald die Einfahrten zu Marmarameer und Goldenem Horn blockierten. Die Kais wurden von einem besonders großen Eisberg gerammt, der, als er auf Grund lief, in drei Teile zerbrach und trotzdem immer noch höher als die Seemauer war.
1203/1204 gelang es dem Heer des 4. Kreuzzuges, durch einen Zufall über die weniger gut befestigten Seemauern in die Stadt einzudringen und sie fast vollständig auszuplündern. Von dieser Katastrophe sollte sich die byzantinische Kaiserresidenz nie mehr erholen. 1344 verwüstete wieder ein besonders heftiges Erdbeben die Region, und die Mauer musste auf ihrer gesamten Länge aufwendig repariert werden.
Die Landmauer wurde am 29. Mai 1453 durch die zahlenmäßig und waffentechnisch überlegene Armee des Sultans Mehmed II. gestürmt und dadurch Konstantinopel erobert. Die diesem Ereignis vorangegangene, siebenwöchige Belagerung Konstantinopels war für die Osmanen dennoch äußerst mühsam und verlustreich gewesen, obwohl die Stadt damals schon weitgehend entvölkert und völlig verarmt war. Fast 1000 Jahre lang waren die Befestigungsanlagen ein zuverlässiger Schutz für die Stadt und ihre Bürger gewesen. Als schließlich auch seine Hauptstadt an die Osmanen fiel, war das Ende des Byzantinischen Reiches besiegelt. Danach überließ man die Befestigungsanlage größtenteils dem Verfall, die Bewohner der Gecekondus benutzten sie lange als Steinbruch. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde jedoch damit begonnen, sie teilweise wieder instand zu setzen und zu konservieren.
Die Landmauer Nur wenige Städte verdanken ihrer günstigen Lage so viel wie Konstantinopel, denn die Stadt ist an drei Seiten vom Meer umgeben:
vom Goldenen Horn im Norden, vom Bosporus im Osten und vom Marmarameer (Propontis) im Süden.
mini|Graben-, Vor- und Hauptmauer mini|Schematischer Aufbau der Landmauer Kein Bauwerk hatte – nach der Hagia Sophia – ähnlich große sakrale Bedeutung für die Stadt. Die Kirche repräsentierte die Vorstellung der Bürger über das Himmelreich, die Mauern hingegen waren der Schutzschild gegen die immer wieder auftauchenden Feinde, denn sie standen nach der damaligen Glaubensauffassung unter dem persönlichen Schutz der Heiligen Jungfrau. Bei Belagerungen wurden regelmäßig Prozessionen auf den Wällen abgehalten, die man für viel wirksamer als rein militärische Maßnahmen hielt. Zahlreiche Menschen sahen in Visionen Schutzengel auf der Mauer, die Kaiser ließen marmorne Kreuze und Gebetsinschriften an der Außenseite der Landmauer anbringen. Die Instandhaltung der Mauern war eine der wichtigsten Aufgaben der öffentlichen Verwaltung. Spezielle „Mauergrafen“ überwachten die Baumaßnahmen, die Schäden durch Verwitterung, Erdbeben und den Zahn der Zeit beseitigen sollten. Alle dafür tauglichen Bürger mussten ohne Ausnahme dabei mitwirken, entweder durch Geldspenden oder als Arbeitskraft. Mittel zur Reparatur der Mauern waren auch in größten wirtschaftlichen Krisenzeiten vorhanden. Diesbezügliche Inschriften sind von 447 bis 1438 bekannt. Eine Inschrift der letzten datierbaren Renovierungsmaßnahme am Quellentor bringt die Zusammenarbeit zwischen menschlicher und göttlicher Instanz sehr gut zum Ausdruck:
„Dieses gottgeschützte Tor der lebensspendenden Quelle wurde mit Hilfe und auf Kosten des Manuel Bryennios Lontari in der Regierungszeit des allerfrömmsten Herrschers Johannes und Maria Palaiologos im Mai 1438 restauriert.“'
Das Bollwerk war im Wesentlichen schon im 5. Jahrhundert bautechnisch voll ausgereift und änderte sich im Lauf seiner langen Bestandszeit nur mehr wenig. Es gab dafür auch keine Veranlassung, da sich die Belagerungstechniken ebenfalls nicht gravierend veränderten. Die Mauern waren nach dem Empfinden der Menschen – wie die Stadt – schon immer da gewesen. Selbst die Feinde der Byzantiner glaubten im Laufe der Zeit, dass die Stadt und ihre Einwohner tatsächlich unter einem besonderen göttlichen Schutz standen. Wenn sie überhaupt überwunden werden konnte, dann nur durch Verrat. Es hatte sich immer wieder gezeigt, dass auch kleinere Besatzungen hinter den Mauern einem viel größeren Heer trotzen konnten, bis dieses durch logistische Schwierigkeiten, den Ausbruch von Epidemien oder einer Revolte ohne großes Zutun von selbst wieder abzog. Es war daher nur allzu verständlich, dass die Bürger großes Vertrauen in diese Befestigungsanlagen hatten, da sie unveränderlich, unzerstörbar und im höchsten Maße abschreckend wirkten. 1453 standen die Verteidiger Konstantinopels aber am Vorabend einer technischen Revolution in der Belagerungstechnik, die die Regeln der Kriegsführung für immer verändern sollte.
Konstruktionsmerkmale Die Architektur der Land- und Seemauern Konstantinopels gibt die Bautradition der Spätantike wieder. Ihre Tiefe und Komplexität machten die Mauer gegenüber einem Gegner, der über keine Artillerie verfügte, praktisch uneinnehmbar. Sie vereinigte das gesamte Wissen und die Erfahrung der griechisch-römischen Festungsbautechnik in sich und bewährte sich bis zur Einführung der schweren Feuerwaffen im Belagerungskrieg.
Näherte man sich von der thrakischen Ebene der Stadt, leuchtete die Mauer von Horizont zu Horizont strahlend weiß im Sonnenlicht, da das aufgehende Mauerwerk aus einer Schalenkonstruktion bestand, die, gefüllt mit einem Gemisch aus Bruchstein und Beton, von einer Kalksteinhülle ummantelt wurde (opus implectum). Die Außenseite wurden in einem regelmäßigen Abstand von horizontalen Ziegelbändern durchzogen, die die Kalksteinhülle kastenartig miteinander verband und ihr dadurch eine höhere Festigkeit verlieh (Ziegeldurchschuss). Das Kernstück des Bollwerkes blieb aber die Mauer des Anthemios, die durch einen besonders widerstandsfähigen, unter anderem aus zerriebenen Bimsstein bestehenden Gußmörtelkern zusammengehalten wurde. mini|150px|Die Kasematten der Vormauer mini|links|150px|Stützkonstruktionen der Blachernenmauer mini|150px|Wehrgang der Hauptmauer
Die Verteidigungsanlagen nahmen insgesamt eine Fläche in der Breite von 70 m ein und deckten fast die gesamte Westseite der Halbinsel ab. Lediglich im Osten, am Blachernenviertel, wurde sie, wegen der dortigen Geländebesonderheiten, nur durch eine einzige, in ihren Dimensionen aber ebenso gewaltige Mauer geschützt.
Das Wallsystem besteht im Wesentlichen aus insgesamt vier hintereinander stufenförmig angeordneten Befestigungslinien:
Der mit Ziegel ausgemauerte, durch Schotte in Sektionen aufgeteilte und mit Wasser geflutete Graben von 15 bis 20 m Breite und 5 – 7 m Tiefe. Die Grabenmauer (Brustwehr), sie war sehr niedrig gehalten (2 m), um von den dahinterliegenden Wällen einen ungehinderten Beschuss des Glacis zu ermöglichen.