Das Materialproduktsystem (, kurz MPS, offiziell eigentlich bzw. dt. System volkswirtschaftlicher BilanzenAlfred Stobbe: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. In: Willi Albers (Hrsg.): Terminmärkte bis Wirtschaft der DDR, Die (= Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 8). Fischer/Mohr/Vandenhoeck und Ruprecht, Stuttgart/New York/Tübingen/Göttingen 1980, ISBN 3-525-10257-7, S. 368–405, hier S. 387 (digitale-sammlungen.de).) beschreibt einen Verfahrenstandard zur Erstellung Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen mit dem Nettomaterialprodukt als wichtigster Aggregatgröße. Es handelte sich um einen östlichen Gegenentwurf zu dem nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten, 1953 erstmals veröffentlichten und heute weltweit verwendeten System of National Accounts (SNA). Das MPS wurde ab den 1920er Jahren bis ca. 1990 in planwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften angewandt.

Die beiden Systeme waren zueinander nicht kompatibel bzw. führten die umfangreichen Arbeiten, die zu einem Umrechnungsverfahren führen sollten, bis zum Fall des Kommunismus nicht zu einem eindeutigen Ergebnis.János Árvay: The Material Product System (MPS). A Retrospective. In: Zoltan Kenessey (Hrsg.): The Accounts of Nations. IOS Press, Washington D.C. 1994, ISBN 90-5199-156-8, S. 229–235 (). Als Faustregel kann angenommen werden, dass etwa ein Fünftel der Wirtschaftsleistung nach SNA im MPS nicht erfasst wird, allerdings gilt diese Annahme nur dann, wenn für dieselbe Volkswirtschaft volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen nach beiden Methoden erstellt werden.Jozef Wilczynski: The Economics of Socialism. Principes Governing the Operarion of the Centraly Planned Economies in the USSR and Eastern Europe under the New System. (= Studies in Economics. Band 2). 3. Auflage. Allen & Unwin, London 1977, ISBN 0-04-335034-8, S. 65. Ein Vergleich der östlichen und westlichen Volkswirtschaften zur Zeit des Kalten Krieges auf Basis volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wurde durch die unterschiedlichen Verfahrensstandards – zusätzlich zu staatlich festgesetzten Preisen und Wechselkursen – erheblich erschwert.Alfred Stobbe: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. In: Willi Albers (Hrsg.): Terminmärkte bis Wirtschaft der DDR, Die (= Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 8). Fischer/Mohr/Vandenhoeck und Ruprecht, Stuttgart/New York/Tübingen/Göttingen 1980, ISBN 3-525-10257-7, S. 368–405, hier S. 390 (digitale-sammlungen.de).

Merkmale Das Materialproduktsystem unterschied sich durch Anwendung marxistischer Wirtschaftsmodelle wesentlich vom System of National Accounts (SNA), praktische Wirksamkeit entfaltete dabei jedoch in erster Linie der unterschiedliche Produktionsbegriff:Alfred Stobbe: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. In: Willi Albers (Hrsg.): Terminmärkte bis Wirtschaft der DDR, Die (= Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 8). Fischer/Mohr/Vandenhoeck und Ruprecht, Stuttgart/New York/Tübingen/Göttingen 1980, ISBN 3-525-10257-7, S. 368–405, hier S. 388 f. (digitale-sammlungen.de).Hans Wessels: Grundlegende Unterschiede der Konzepte des System of National Accounts und des Material Product System. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Internationale Systeme volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (= Schriftenreihe Forum der Bundesstatistik. Band 4). Kohlhammer, Stuttgart 1986, ISBN 3-17-003308-5, S. 133–142, hier S. 134.Herbert Wilkens: Das Sozialprodukt der Deutschen Demokratischen Republik im Vergleich mit dem der Bundesrepublik Deutschland (= Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Sonderhefte. Band 115). Duncker & Humblot, Berlin 1976, ISBN 3-428-03800-2, S. 12. Im MPS wurde nur der Bereich der sogenannten „materiellen Produktion“ erfasst, d. h. nur die Produktion von Waren und solchen Dienstleistungen, die mit der Produktion und Verteilung von Waren verbunden sind, flossen in die Berechnung ein. Berechnet werden z. B. Montage- und Reparaturdienstleistungen, Warentransport und Telekommunikation, nicht aber persönliche Dienstleistungen wie das Gesundheits- und Erziehungswesen oder innere Sicherheit.Dieter Brümmerhoff: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. 8. Auflage. Oldenbourg Verlag, München 2007, ISBN 978-3-486-58335-9, S. 89.

Die Abgrenzung zwischen produktiven und nicht-produktiven Dienstleistungen war schwierig und in der genauen Ausgestaltung bisweilen einer gewissen Willkür unterworfen. So galt etwa der Warentransport und die Tätigkeit eines Betriebsarztes als produktiv, Personentransport und die Tätigkeit eines Arztes im Krankenhaus hingegen nicht. Die Abgrenzung zwischen produktiven und nicht-produktiven Wirtschaftssektoren war nicht in allen Ländern einheitlich und wurde auch häufig geändert.Alfred Stobbe: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. In: Willi Albers (Hrsg.): Terminmärkte bis Wirtschaft der DDR, Die (= Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 8). Fischer/Mohr/Vandenhoeck und Ruprecht, Stuttgart/New York/Tübingen/Göttingen 1980, ISBN 3-525-10257-7, S. 368–405, hier S. 388 f. (digitale-sammlungen.de).Hans Wessels: Grundlegende Unterschiede der Konzepte des System of National Accounts und des Material Product System. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Internationale Systeme volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (= Schriftenreihe Forum der Bundesstatistik. Band 4). Kohlhammer, Stuttgart 1986, ISBN 3-17-003308-5, S. 133–142, hier S. 136 f.Herbert Wilkens: Das Sozialprodukt der Deutschen Demokratischen Republik im Vergleich mit dem der Bundesrepublik Deutschland (= Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Sonderhefte. Band 115). Duncker & Humblot, Berlin 1976, ISBN 3-428-03800-2, S. 12–16.Reiner Stäglin: Die Bedeutung von Input-Output-Tabellen bei der Verbindung des System of National Accounts und des Material Product System. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Internationale Systeme volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (= Schriftenreihe Forum der Bundesstatistik. Band 4). Kohlhammer, Stuttgart 1986, ISBN 3-17-003308-5, S. 143–162, hier S. 144.

Anders als im SNA, in dem eine ganze Reihe von verschiedenen Aggregatgrößen (Inlands- und Inländerkonzept, Faktorkosten und Marktpreise, inklusiv und exklusiv Abschreibungen) beschrieben sind, sah das MPS nur das Inlandskonzept, „Marktpreise“ (es sich jedoch tatsächlich mehr um Plan-Roland Götz-Coenenberg: Vom Nationaleinkommen zum Sozialprodukt. Die Umgestaltung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der UdSSR (= Berichte des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien. Band 51–1988). Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Köln 1988, , S. 18 (vifaost.de). statt um Marktpreise handelt, ist die Benennung als „real(isiert)e“J. Wilczynski: The Economics of Socialism After World War Two. 1945–1990. Transaction Publishers, New Brunswick 2008, ISBN 978-0-202-36580-0, S. 62 (). oder „faktische“Alfred Kuehn: Die Berechnungsmethoden des Sozialprodukts in der UdSSR. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung. Band 30, Nr. 1, 1961, , S. 106–119, hier S. 106. Preise präziser) und zwei Aggregate vor:Roland Götz-Coenenberg: Zum Konzept der sowjetischen Sozialproduktstatistik (= Berichte des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien. Band 47–1987). Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Köln 1987, , S. 6 f. (vifaost.de). Das (gesellschaftliche)Delcho Porsajow (Hrsg.): Nationaleinkommen im Sozialismus. Produktion, Verteilung, Umverteilung, Verwendung, Informationssystem und Modellierung. Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1976, , S. 18. GesamtproduktHans Wessels: Grundlegende Unterschiede der Konzepte des System of National Accounts und des Material Product System. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Internationale Systeme volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (= Schriftenreihe Forum der Bundesstatistik. Band 4). Kohlhammer, Stuttgart 1986, ISBN 3-17-003308-5, S. 133–142, hier S. 138. oder BruttoproduktHerbert Wilkens: Das Sozialprodukt der Deutschen Demokratischen Republik im Vergleich mit dem der Bundesrepublik Deutschland (= Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Sonderhefte. Band 115). Duncker & Humblot, Berlin 1976, ISBN 3-428-03800-2, S. 13. – den Wert aller erzeugten „materiellen“ Waren und Dienstleistungen inkl. aller Vorleistungen und ohne Abzug von Abschreibungen, etwa dem westlichen Produktionswert entsprechend, sowie das Nationaleinkommen, Roheinkommen, Bruttoeinkommen, (gesellschaftliches) Nettoprodukt oder Nettomaterialprodukt. Das Nettomaterialprodukt, Hauptaggregat des MPS, liegt demnach dem westlichen Nettoninlandsprodukt zu Marktpreisen am nächsten.Alfred Kuehn: Die Berechnungsmethoden des Sozialprodukts in der UdSSR. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung. Band 30, Nr. 1, 1961, , S. 106–119, hier S. 107. Ein „Bruttomaterialprodukt“, also ein mit dem westlichen Bruttoinlandsprodukt vergleichbares Aggregat, wurde, obwohl eigentlich nicht vorgesehen, von einigen Ländern (vor allem Jugoslawien) dennoch gelegentlich veröffentlicht.Paul Marer, Janos Arvay, John O’Connor, Martin Schrenk. Daniel Swanson: Historically Planned Economies. A Guide to the Data. Weltbank, Washington D.C. 1992, ISBN 0-8213-2147-1, S. 66 (worldbank.org [PDF; 26,8 MB]).

Der Begriff Materialproduktssystem bzw. Materialprodukt ist eine westliche Begriffschöpfung der 1950er Jahre, um eine eindeutige Abgrenzung zu der Begriffswelt des westlichen Systems volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen zu schaffen und hat keine direkte Entsprechung im Sprachgebrauch der RGW-Staaten.Michael Kaser: A Survey of the National Accounts of Eastern Europe. In: The Review of Income and Wealth. Band 9, 1961, , S. 131–177, hier S. 157 (PDF; 1,5 MB).Helen Boss: Origins of the Soviet Material Product System. In: Canadian Slavonic Papers/Revue Canadienne des Slavistes. Band 28, Nr. 3, September 1986, , S. 243–265, hier S. 243. Eine einheitliche Terminologie wurde aber in Ost und West nicht erreicht, unterschiedliche Bezeichnungen und Übersetzungen für ein und die dieselbe Größe können zu Begriffsverwirrungen führen.Abraham S. Becker: National Income Accounting in the USSR. RAND Corporation, Santa Monica 1971, S. 7–8.Roland Götz-Coenenberg: Vom Nationaleinkommen zum Sozialprodukt. Die Umgestaltung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der UdSSR (= Berichte des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien. Band 51–1988). Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Köln 1988, , S. 18 (vifaost.de).

Geschichte Ein erster Vorläufer des späteren Materialproduktsystems wurde 1926 erstmals veröffentlicht, zusammen mit den ersten volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und umfangreicheren Wirtschaftsstatistiken der UdSSR betreffend das Geschäftsjahr 1923/24. Weitere Veröffentlichungen folgten in den folgenden Jahrzehnten, nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen auch die sowjetischen Satellitenstaaten – zumeist mit länderspezifischen Modifikationen, die den internationalen Vergleich erschwertenAlfred Kuehn: Die Berechnungsmethoden des Sozialprodukts in der UdSSR. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung. Band 30, Nr. 1, 1961, , S. 106–119, hier S. 107. – dieses System. 1958 wurde eine überarbeitete Version des MPS der UN vorgelegt, mit dem Ziel die Vergleichbarkeit von MPS und SNA zu verbessern. Zehn Jahre später erklärte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe eine erneut überarbeitete Version des MPS als das Standardverfahren volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen in seinen Mitgliedstaaten. Diese Version wurde ebenfalls der UN vorgelegt und 1971 erklärte diese das MPS als zweiten empfohlenen Standard volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen neben dem SNA.János Árvay: The Material Product System (MPS). A Retrospective. In: Zoltan Kenessey (Hrsg.): The Accounts of Nations. IOS Press, Washington D.C. 1994, ISBN 90-5199-156-8, S. 219–223 ().