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Die Geschichte Bremerhavens ist auch die Geschichte der mittelalterlichen Orte Lehe, Geestendorf und Wulsdorf, die der Gründung von Bremerhaven, Geestemünde und des Fischereihafens sowie die der weiteren heutigen Stadt- und Ortsteile. Von 1924 bis 1947 gab es die Stadt Wesermünde, bestehend aus Lehe und Geestemünde.

Orientierung zur Stadtgeschichte Fischereihafen Geestemünde Bahnhof Geestemünde Häfen in Bremerhaven Lehe Leherheide Schiffdorferdamm Surheide Weddewarden Wesermünde Wulsdorf

Frühgeschichte Im Mai 2019 entdeckten Archäologen bei Ausgrabungen an der Bütteler Straße im Stadtteil Lehe in 1,2 Metern Tiefe die Reste eines Wohnstallhauses aus der Eisenzeit. Neben weiteren gesicherten Befunden, wie Vorratsgruben und Keramikscherben, belegt ein Brunnen aus dem letzten Jahrhundert v. Chr. erste Siedlungsspuren.Sensation in Lehe: Haus aus der Eisenzeit entdeckt

Mittelalter und Neuzeit mini|Plan der unvollendeten Stadtgründung Carlsburg Ende des 17. Jahrhunderts

Die älteste schriftliche Überlieferung zur Besiedlung des heutigen Bremerhavener Stadtgebiets reicht bis 1091 zurück. Damals wurde Weddewarden als die friesische Ansiedlung Widewrde in einer Urkunde des Erzstifts Bremen erwähnt, als zehn Friesen ihr Erbgut dem Erzbischof Liemar übertrugen und sie es als Lehen zurückerhielten. 1139 wurden die Kirchdörfer Geestendorf und Wulsdorf urkundlich genannt. Der zwischen 1273/8 erstmals erwähnte Flecken Lehe nördlich der Geeste gewann eine überörtliche Bedeutung als Amtssitz und Marktort mit minderstädtischen Rechten. Politisch stand das Gebiet an der Geestemündung lange im Widerstreit der Interessen des Erzbistums Bremen und der Stadt Bremen, wobei Lehe seine Rechte mehrfach durch Schutzverträge mit dem Bremer Rat zu wahren suchte.

1648/54 kam das Gebiet mit dem gesamten Erzbistum Bremen unter die Hoheit Schwedens, das ab 1672 an der Mündung der Geeste in die Weser mit der Festungsstadt Carlsburg einen Stützpunkt errichten wollte, dieses Vorhaben jedoch nicht vollenden konnte. 1719 ging das Gebiet nach kurzzeitiger dänischer Besetzung endgültig auf das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg – ab 1814 Königreich Hannover – über.

Gründung Bremerhavens mini|Karte Bremerhavens aus dem Jahr 1849 Wegen der zunehmenden Versandung der Weser erwies sich Bremens erster Vorhafen Vegesack schon im Laufe des 18. Jahrhunderts als unzureichend. Nach langen, teils geheimen, Verhandlungen gelang es dem Bremer Senat, dem Königreich Hannover ein 88,7 haGeorg Bessell: Geschichte Bremerhavens. F. Morisse, Bremerhaven 1927, S. 597. großes geeignetes Gelände an der Nordseite der Mündung der Geeste in die Außenweser für 73.658 Taler, 17 Groschen und 1 PfennigHarry Gabcke: Bremerhaven in zwei Jahrhunderten. Nordwestdeutsche Verlagsgesellschaft, Bremerhaven 1996, S. 10–15. abzukaufen, bestehend aus den verfallenen Anlagen der Carlsburg und dem umgebenden Deichvorland. Der Kaufvertrag wurde am 11. Januar 1827 von dem Leiter des Departements für auswärtige Angelegenheiten (Minister) des Königreichs Hannover Friedrich Franz Dieterich von Bremer und von dem Bremer Bürgermeister Johann Smidt unterzeichnet.150 Jahre Bremerhaven. In: Nordsee-Zeitung. Sonderausgabe Juni 1977. Die offizielle Übergabe an die Freie Hansestadt Bremen fand am 1. Mai 1827 statt. Danach wurde ein erstes künstliches Hafenbecken, der Alte Hafen, angelegt und am 1. September 1830 fertiggestellt. Als erstes festes Gebäude aus Stein wurde 1829 das Bremische Amtshaus am Hafen errichtet. 1837 wurde eine vorläufige Gemeindeordnung für Bremerhaven eingeführt. Die ersten Amtmänner, die den Aufbau der Stadt voranbrachten, waren von 1827 bis 1832 Johann Heinrich Castendyk und von 1832 bis 1850 Johann Daniel Thulesius.

1842 brachte der Verleger Paulus Friedrich Lamberti das für Bremerhaven bestimmte Wochenblatt Bremerleher heraus, das 1869 mit dem Namen Volksblatt an der Nordsee bzw. Volksblatt an der Weser an die Nordsee-Zeitung verkauft wurde und sein Erscheinen einstellte.

1845 gründete das Königreich Hannover im Süden Bremerhavens nördlich der alten Siedlung Geestendorf an der Südseite der Geestemündung eine neue Siedlung und legte dort am Ufer der Geeste einen Hafen als Konkurrenz zu Bremerhaven an. Die Neuanlage erhielt am 26. Juni 1847 den Namen Geestemünde. Das hannoversche Fort Wilhelm (1834 errichtet), sowie die Dockbatterie (1849 am Neuen Hafen angelegt) und das Turmfort (1865 fertiggestellt) sollten zum Schutz der Häfen dienen, kamen aber nie zum Einsatz, sondern wurden 1866 im Krieg zwischen Preußen und Österreich kampflos von preußischen Truppen besetzt.

1847 wurde Bremerhaven mit der Washington Ausgangspunkt der ersten Dampfschiffslinie von Europa nach Amerika. Schon bald entwickelte sich der Ort zu einem bedeutenden Überseehafen.Anja Benscheidt, Alfred Kube: Bremerhaven und Umgebung 1827–1927. Geschichte im Morgenstern-Museum. Band 1, Nordwestdeutsche Verlagsgesellschaft, Bremerhaven 1993, ISBN 3-927857-47-5, S. 48. Von 1847 bis 1852 entstand der Neue Hafen. Er war 480 Meter lang und 90 Meter breit. 1849/50 wurde mit dem Auswandererhaus am heutigen Standort der Hochschule das damals größte Gebäude der Stadt errichtet, das bis 1865 diesem Zweck diente. Es wurden hier 283.415 Personen untergebracht. 1854 wanderten von Bremerhaven 76.875 Menschen aus; der Hafen wurde damit zum größten Auswandererhafen Europas. Danach war das Haus u. a. bis 1886 Kaserne und von 1892 bis 1974 Brauereigebäude.

Zwischen 1848 und 1852 war die Stadt Sitz der Seezeugmeisterei, des Arsenals der deutschen Reichsflotte während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung. 1851 erfolgte die erste Durchfahrt von Schiffen der Flotte von Admiral Brommy durch die neue, eiserne Schleuse zum Neuen Hafen, mit einer Größe von 230 × 85 Meter. Die Kriegsflotte wurde 1852/53 in Bremerhaven versteigert.

1850 wurde Geestemünde zu einer Landgemeinde im Amt Lehe erhoben. Am 18. Oktober 1851 erhielt Bremerhaven nach erheblichen Druck aus der Bevölkerung an Stelle der vorläufigen Gemeindeordnung von 1837 eine neue Stadtverfassung und das Stadtrecht. Die Rechte des Amtmanns Georg Wilhelm Gröning (1817–1871) und des Gemeinderats wurden deutlich gestärkt. Diese Verfassung galt bis 1879. Von 1861 bis 1905 wurde das Gebiet Bremerhavens mehrmals erweitert; 1861 um 21 Hektar.

Wachstum Bremerhavens Bis 1918 mini|Das Abfertigungsgebäude des Norddeutschen Lloyd am Neuen Hafen mini|Bremerhavener Marktplatz um 1880 (später Theaterplatz, heute Theodor-Heuss-Platz)

Der Norddeutsche Lloyd (NDL) hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. 1858 wurde mit den 2.674 BRT großen Dampfschiffen Bremen und New York ein regelmäßiger Linienbetrieb zwischen dem Neuen Hafen in Bremerhaven und New York eingerichtet. In den folgenden Jahren kamen Passagierverbindungen nach Baltimore und New Orleans hinzu. 1862 erhielt Bremerhaven mit der Geestebahn von Bremen einen für den Passagierverkehr wichtigen Eisenbahnanschluss. Der NDL richtete 1863 am Alten Hafen sowie am Neuen Hafen zwei Reparaturwerkstätten ein. 1881 war der NDL die größte Reederei der Welt. Von 1876 bis 1879 entstand der Kaiserhafen I, dann bis 1897 die Kaiserschleuse und bis 1907 und 1909 die Kaiserhäfen II und III.

Die Wasserversorgung von Bremerhaven erfolgte seit 1853 von Lehe aus, wo Schwoons Wasserturm (Ausbau 1902) in der Hafenstraße entstand. Seit den 1870er Jahren wurde das Leitungsnetz ausgebaut, und 1885 übernahm Bremerhaven die Wasserversorgung u. a. durch ein Wasserwerk in Langen und den Wasserturm Langener Landstraße.

Das Correspondenzblatt für Bremerhaven erschien seit 1856. 1866 wurde die Nordsee-Zeitung vom Ortsvorsteher Johann Bohls und von A.E. Lachmann in Geestemünde gegründet. 1895 gründete Josef Ditzen die Nordwestdeutsche Zeitung in Bremerhaven. Daraus wurde nach 1947 die regionale Zeitung für ganz Bremerhaven mit dem Namen Nordsee-Zeitung.

Der Leuchtturm Bremerhaven, geplant von Simon Loschen, entstand 1854. Seit 1857 stand auf der Alten Mole an der Einfahrt zum Alten Hafen ein kleines Leuchtfeuer (Gemälde von Carl Fedeler); seit 1914 steht stattdessen weiter westlich das bestehende Leuchtfeuer Geestemole Nord.

1855 wurde die nach Plänen von Loschen gebaute Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche eingeweiht. 1863 wurde die erste kleine evangelisch-lutherische Kreuzkirche an der Ecke Lange Straße (heute Rampenstraße)/Keilstraße eingeweiht. 1864 wurde die Leher Straße in Bürgermeister-Smidt-Straße umbenannt; später wurde sie kurz die Bürger genannt. 1864 folgte der Ausbau der Schleusenstraße, die nun den Namen Lloydstraße erhielt. Seit 1865 war das Gaswerk am Bürgermeister-Donandt-Platz in Betrieb, und die ersten Gaslampen im Ort und Petroleumlampen am Hafen brannten. 45 Tonnen konnte der neue Riesenkran von 1866 am Neuen Hafen tragen. Lehe und Geestemünde wurden preußisch.

1867 wurden zwei neue städtische Schulgebäude eingeweiht: die Volksschule an der Langen Straße (heute Prager Straße) und die Realschule (zuvor Bürgerschule) an der Grünen Straße (heute Grazer Straße) (später Höhere Mädchenschule). 1869 gründete der Gewerbeverein die Gewerbeschule. Die Töchterschule von Doris Bertholdi von 1839, nun unter Leitung von Anton Koch, zog um in einen Neubau an der Grünen, heute Grazer Straße. 1867 gründete sich das Stadttheater Bremerhaven; 1911 wurde die heutige Spielstätte nach Plänen von Oskar Kaufmann gebaut.

1873 wurde die Kanalisation bis zur Lloydstraße fertiggestellt. Eine Knabenschule an der Grenzstraße (ab 1910 Goetheschule), die Stadtbibliothek und das Museum für Natur- und Völkerkunde wurden eröffnet.

1874 erhielten bei Reichstagswahlen die Nationalliberalen 68 % und die Sozialdemokraten (SDAP) 32 % der Stimmen. 1877 kamen die Nationalliberalen auf 60 % und die SDAP auf 40 % der Stimmen. links|mini|Die Simson und die Mosel kurz vor dem Bombenanschlag an der Kaje in Bremerhaven 1875 kam es zur Thomas-Katastrophe, bei der eine Bombe 81 Tote und 200 Verletzte forderte. Der Kanadier William King Thomas wollte das Schiff Mosel zum Zweck eines Versicherungsbetruges auf offener See sprengen. Der Sprengsatz detonierte schon beim Beladen des Schiffes.Cord Christian Troebst: Die Thomas-Katastrophe. In: Mare – Die Zeitschrift der Meere. Nr. 57, August/September 2006, Dreiviertel Verlag, , S. 26 ff.

1876 wurde der Kaiserhafen I (600 × 115 Meter groß) als drittes Hafenbassin mit der kleinen Kaiserschleuse nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt.

Am 1. Oktober 1879 trat eine neue Stadtverfassung in Kraft, wonach Bremerhaven im Land Bremen eine weitergehende Selbstständigkeit erhielt. 1880 wurde deshalb als hauptamtlicher Stadtdirektor der Jurist Hermann Gebhard bestimmt, der das Amt bis 1890 ausübte. Das erste Stadtwappen wurde vom Senat verliehen. Gleichzeitig erhielt die benachbarte hannoversche/preußische Gemeinde Lehe stadtähnliche Rechte. Lehe hatte 1834 und 1848/49 das angebotene Stadtrecht abgelehnt.

1879 entstand die Navigationsschule an der Bussestraße, die 1884 zum Städtischen Technikum wurde.

Die erste Pferdebahn der Straßenbahn Bremerhaven fuhr seit 1881 vom früheren Bahnhof Geestemünde an der Bahnhofsallee (heute Klußmannstraße) durch Alt-Bremerhaven zur Wurster Straße in Lehe zum Pferdebahndepot. 1908 wurde sie zur elektrischen Straßenbahn mit Oberleitung umgerüstet. Bis 1982 fuhren Straßenbahnen in Bremerhaven.

1882 entstand mit Spendenmitteln von Rickmers ein Krankenhaus an der Bogenstraße. Die Realschule wurde zum Gymnasium ausgebaut. 1883 wurde die Telefonleitung von Bremen nach Bremerhaven eröffnet, damals die längste Telefonleitung Deutschlands. 24 Teilnehmer erhielten einen Anschluss.

1884 gab der Geestemünder Friedrich Busse einen Hochseefischdampfer bei der Bremerhavener Wencke-Werft in Auftrag. Nach dessen Indienststellung wurde er zu einem bedeutenden Fischhändler.

Die Gemeinde Geestendorf wurde am 1. April 1889 nach Geestemünde eingegliedert, das etwa 15.000 Einwohner hatte.