Miklós Rózsa [] (* 18. April 1907 in Budapest; † 27. Juli 1995 in Los Angeles) war ein mehrfach mit dem Oscar ausgezeichneter ungarisch-amerikanischer Komponist. Er gilt als einer der bedeutendsten Filmkomponisten und schrieb unter anderem die Musik zu den Monumentalfilm-Klassikern Ben Hur und El Cid. Daneben umfasst sein Werkverzeichnis auch Orchester- und Kammermusik für den Konzertsaal. Rózsa komponierte in einem überwiegend an der Tonalität orientierten, gemäßigt modernen Stil.
Leben und Werk Miklós Rózsa war Sohn des wohlhabenden Fabrikbesitzers Gyula Rózsa und dessen Frau Regina, geb. Berkovits. Sein Großvater Moritz hatte den Namen Rosenberg in 1887 in Rózsa ändern lassen.Steven Dwight Wescott: Miklós Rózsa: A Portrait of the Composer as Seen Through an Analysis of His Early Works for Feature Films and the Concert Stage. University of Minnesota, 1990. Wescotts Arbeit basiert auf Interviews mit dem Komponisten sowie und Dokumenten aus dem Familienarchiv. Seine Jugendjahre verbrachte er oft auf dem Landsitz der Familie in Nagylócz, wo er sich für Leben und Kultur der einfachen Landbevölkerung zu interessieren begann. Im Alter von fünf Jahren erlernte er das Violinspiel bei seinem Onkel Lajos Berkovits, einem Schüler des bekannten Violinisten und Komponisten Jenő Hubay.
Dem Beispiel der seinerzeit in etablierten Budapester Musikkreisen „berüchtigten“ Avantgardisten Béla Bartók und Zoltán Kodály folgend, notierte Rózsa schon in seiner Jugend in den umliegenden Dörfern die Volkslieder der ländlichen Bevölkerung, auf die er in späteren Werken wie den Variationen über ein ungarisches Bauernlied, op. 4 zurückgriff. „Ich war nie ein systematischer Volksliedsammler … Mich interessierte einzig die Musik, die mich dauernd umgab und in Ausdruck und Rhythmus sehr beeindruckte. Ich lief nur mit einem kleinen schwarzen Notenbuch herum und schrieb alle Melodien nieder. Der Text kümmerte mich nicht“, sagte Rózsa Jahrzehnte später in einem Interview mit dem Filmmusikexperten Christopher Palmer.Christopher Palmer: Miklós Rózsa. A Sketch Of His Life And Work. With a foreword by Eugene Ormandy. Breitkopf & Härtel, London, Wiesbaden (1975) Die spezielle Melodik und Harmonik der ungarischen Volksmusik prägte auch den reifen Stil Rózsas.
Studium in Leipzig 1926 nahm er sein Studium in Musik am Leipziger Konservatorium auf, parallel dazu studierte er zunächst auf Drängen seines Vaters auch Chemie an der dortigen Universität, was er jedoch noch im selben Jahr aufgab. Rózsas Professor in Komposition war Hermann Grabner, ein Schüler von Max Reger. Dessen charakteristische chromatische Kontrapunktik sollte großen Einfluss auf einige der frühen Werke Rózsas haben, so. z. B. das Quintett für Klavier und Streichquartett, op. 2.
Rózsas erstes „offizielles“ Werk, das Streich-Trio, op. 1 (1928, eigentlich Trio-Serenade) wurde von Grabner mit Begeisterung aufgenommen. Auf dessen Empfehlung hin vermittelte der damalige Thomaskantor Karl Straube den Druck des Stücks, wie auch des Klavierquintetts, bei dem Verlag Breitkopf & Härtel. Dieser Verlag veröffentlichte in den nächsten fünfzig Jahren den Großteil von Rózsas Konzertwerken. In diese Zeit fällt auch das erste, nie veröffentlichte Violinkonzert.
1929 beendete er sein Studium cum laude. Zunächst blieb er in Leipzig und arbeitete zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen Wolfgang Fortner als Assistent Grabners. Spätestens seit 1930 wurden Werke von Miklós Rózsa auch im Rundfunk aufgeführt, so etwa am 27. Mai 1930 um 21.30 Uhr im Sender Leipzig seine „Variationen über ein ungarisches Bauernlied, Werk 4, für Violine und Klavier“. Dienstag, 27. Mai 1930 21.30 Leipzig 1158 khz
Nach einem Konzert seiner Kammermusik an der École normale de musique de Paris ließ er sich jedoch im Mai 1932 als freischaffender Komponist in Paris nieder.
Die Jahre in Paris und London In seine Pariser Jahre fallen Werke wie Thema, Variationen und Finale, op. 13 (1933, beim Eulenburg-Verlag), die Sonate für zwei Violinen, op. 15 (1933, überarbeitet 1973) und die Serenade für kleines Orchester, die in der 1946 bearbeiteten Fassung als op. 25 verlegt wurde. In dieser Zeit freundete sich Rózsa mit dem ebenfalls in Paris lebenden Schweizer Komponisten Arthur Honegger an, bestritt mit ihm auch 1934 ein gemeinsames Kammerkonzert. Es war Honegger, der den jungen Rózsa auf die Idee brachte, sein Einkommen mit Filmmusik aufzubessern. Honegger bewies ihm mit seiner Partitur zu dem Film Les Miserables, dass man durchaus anspruchsvolle orchestrale Musik für das Medium Film schreiben konnte. In diesem neuen Arbeitsfeld verdingte sich Rózsa zunächst als „Fanfarenschreiber“ für die Wochenschauen der Pathé-Organisation, eine künstlerisch wie finanziell äußerst unbefriedigende Tätigkeit. Wohl auch deshalb benutzte er für die Auftragsarbeiten das Pseudonym „Nic Tomay“.
1935 komponierte Rózsa als Auftragsarbeit für die Markova-Dolin-Company das Ballett Hungaria, welches zwei Jahre im Duke of York’s Theater in London lief. Da die Zahl der Jobs in der französischen Filmindustrie begrenzt schien, übersiedelte er ganz nach London, wo er auf Einladung Jacques Feyders seine erste Filmmusik für Tatjana (1937) schrieb. Für das unabhängige Studio seines Landsmanns Alexander Korda folgten schnell weitere Partituren, darunter zu nennen Vier Federn und Der Spion in Schwarz (beide 1939). Als die Arbeiten für das aufwändige Fantasy-Spektakel Der Dieb von Bagdad (1940) wegen der Bombenangriffe der Luftwaffe auf London in Gefahr gerieten, wurde der Dreh kurzerhand 1940 nach Los Angeles verlegt, wo sich Rózsa endgültig niederließ.
Karriere in Hollywood In den folgenden Jahren etablierte sich Rózsa schnell als einer der führenden Filmkomponisten Hollywoods, dessen Arbeiten mit insgesamt drei Academy Awards für die „beste Originalkomposition“ und zehn weiteren Nominierungen belohnt wurden. Seine Oscars gewann Rózsa für Ich kämpfe um dich (1945), Ein Doppelleben/A Double Life (1948) und schließlich für Ben-Hur (1959), an dem er ein Jahr gearbeitet hatte. Insgesamt schrieb er zwischen 1937 und 1982 annähernd einhundert Partituren für abendfüllende Spielfilme. Besonders bekannt wurden Rózsas Arbeiten in den Filmgenres Kriminalfilm (z. B. die Film Noirs Rächer der Unterwelt (1946), Die nackte Stadt (1948), und John Hustons Asphalt Dschungel (1950)), Melodram (Billy Wilders Alkoholikerdrama Das verlorene Wochenende (1945), The Red House (1947) bzw. Schiff ohne Heimat / Plymouth Adventure, 1952) und natürlich den Epen und historischen Abenteuerfilmen Quo vadis? (1951), Ivanhoe – Der schwarze Ritter (1952), Julius Caesar (1953), Die Ritter der Tafelrunde (1953), Ben-Hur (1959), König der Könige (1961) und schließlich El Cid von 1961.
Rózsas oft dissonante, an der Harmonik des frühen 20. Jahrhunderts und an der Musik Bartóks und Kodálys geschulte Filmkompositionen brachten ihm oft Schwierigkeiten mit dem musikalischen Establishment der Hollywoodstudios ein, die eine spätromantische Tonsprache favorisierten. In Bezug auf seinen populären Kollegen Victor Young bezeichnete Rózsa diesen Stil einmal als „Broadway-cum-Rachmaninoff“.Miklós Rózsa: Double Life: The Autobiography of Miklós Rózsa, Composer in the Golden Years of Hollywood. Seven Hills Books, 1989, ISBN 0-85936-209-4. Ein anderer Abschnitt in diesem Werk illustriert den Konflikt exemplarisch:
Die Musik blieb nicht nur im Film, sondern erhielt auch eine Oscarnominierung. Trotz der Konflikte blieb Rózsa seiner eigenen Klangsprache treu, weshalb seine Filmpartituren auch jederzeit binnen weniger Takte als seine Arbeiten identifizierbar sind. Ein herausragendes Element mehrerer Partituren in den 1940er-Jahren war Rózsas Verwendung des Theremins, eines im Klang der Violine ähnlichen elektronischen Instruments, bei dem die Töne durch Bewegungen des Spielers entlang einer unsichtbaren Luftsäule erzeugt werden. Nachdem Rózsa das Instrument in die Filmmusik eingeführt hatte (in Hitchcocks Ich kämpfe um dich (1945)), wurde es noch von etlichen seiner Kollegen verwendet, so etwa Bernard Herrmann (für Der Tag, an dem die Erde stillstand, 1951) und Roy Webb (Die Wendeltreppe, 1946). Er selbst benutzte das Instrument letztmals für Das verlorene Wochenende und The Red House – und weigerte sich, es für die Christus-Szenen in Ben-Hur zu verwenden, da er eine Orgel für angebrachter hielt.
Gleichzeitig sorgten Rózsas prägnante Melodien und die Dynamik der Musik dafür, dass sich seine Partituren auch außerhalb ihres ursprünglichen Verwendungszwecks, nämlich als selbständige Tonträger, seit Jahrzehnten auf Schallplatte und später Compact Disc großer Beliebtheit erfreuen. Mit über 100 Tonträgern gehört Miklós Rózsa zu den am besten diskografisch dokumentierten Filmkomponisten. Seine Vorliebe, die Stimmungen einer Filmszene und die Psychologie dahinter in ihrer Gesamtheit musikalisch zu erfassen, statt mit dem sogenannten Mickey-Mousing jede Bewegung eines Schauspielers und jedes physische Ereignis einzeln zu illustrieren, haben dafür gesorgt, dass seine Musik vom Film losgelöst stets als unabhängiges musikalisches Erlebnis bestehen kann. Diese Methode hat ihm jedoch auch die Kritik solcher Kommentatoren eingetragen, die ihn als „Generalisten“ bezeichnen, der sich „zu fein gewesen“ sei, minutiös alle Elemente jeder Szene herauszuarbeiten.nachzulesen u. a. in William Darby, Jack Du Bois: American Film Music: Major Composers, Techniques, Trends, 1915–1990. Jefferson NC / London 1990, S. 307–344
Auf Empfehlung seines Agenten ließ sich der bis dahin freie Rózsa 1948 von dem seinerzeit prestigeträchtigsten Hollywoodstudio, der Metro-Goldwyn-Mayer Gesellschaft in Burbank, unter Vertrag nehmen – allerdings nur mit der Zusicherung, dass ihm für seine Arbeit an Konzertwerken in jedem Sommer drei Monate (unbezahlten) Urlaubs gewährt würden – und dass er seine Tätigkeit als Professor für Filmkomposition an der University of Southern California würde fortsetzen dürfen. Zu seinen Studenten an der USC gehörte Jerry Goldsmith, dessen Interesse an Filmmusik durch Rózsas Partitur zu Ich kämpfe um dich/Spellbound geweckt worden war. Rózsa räumte später ein, dass von allen seinen Studenten Goldsmith der einzige gewesen sei, der es als Filmkomponist bis ganz nach oben geschafft habe. „Denn eines konnte ich den jungen Leuten nicht beibringen: Wie man einen Job bekommt.“Rózsa: Double Life.
1962 lief sein Vertrag mit der MGM aus. Ab Mitte der 1960er Jahre waren traditionelle symphonische Filmpartituren immer weniger gefragt, und so konzentrierte sich Rózsa als freier Komponist fortan wieder mehr auf seine Konzertwerke, die er auch während seiner Filmkarriere nie ganz aufgegeben hatte. So fallen in seine Jahre bei MGM die beiden wohl bedeutendsten klassischen Werke, das Streichquartett Nr. 1, op. 22 (1950, das Rózsa während der Arbeit an der opulenten Partitur zu Quo Vadis komponiert – sozusagen als „Gegenmittel“, wie er später schrieb) und das Konzert für Violine und Orchester, op. 24 (1953, geschrieben für und uraufgeführt von Jascha Heifetz). In den 1960er Jahren folgten noch drei weitere große Virtuosenkonzerte, je eines für Klavier und Cello und die Sinfonia Concertante für Violine, Cello und Orchester von 1966. Mit dem Bratschenkonzert von 1979 schließt sich der Kreis von Rózsas konzertanten Werken.
1982 verfasste Rózsa seine letzte Filmpartitur, zu der Steve-Martin-Komödie Tote tragen keine Karos. Diese Arbeit ist insofern interessant, als der Film aus Schnipseln klassischer Kriminalfilme der vierziger Jahre zusammengesetzt ist, von denen einige Rózsa damals schon vertont hatte. Aus den späten Jahren seiner Filmkarriere ragen noch Das Privatleben des Sherlock Holmes (1970), in dem Rózsa auf Bitte des Regisseurs Billy Wilder Themen aus seinem Violinkonzert verarbeitete, die mit einem César ausgezeichnete Partitur zu Alain Resnais’ Drama Providence (1977) und der nostalgische Spionagethriller Die Nadel (1981) heraus.
Die letzten Jahre