Der Alfred-Lion-Steg ist eine Fuß- und Radwegbrücke im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg.

Die 93,30 Meter lange, zweifeldrige Konstruktion aus Stahlrohrfachwerk entstand im Rahmen des Stadtumbaus West (Fördergebiet Schöneberg-Südkreuz) und wurde im November 2012 eröffnet. Sie führt die Hertha-Block-Promenade des gleichfalls neu geschaffenen Ost-West-GrünzugsEröffnung Alfred-Lion-Steg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt nördlich des Bahnhofs Südkreuz über die Trassen der Dresdener und Anhalter Bahn und verbindet den Ortsteil Schöneberg von der Roten Insel mit dem Ortsteil Tempelhof am Geschichtsparcours General-Pape-Straße. Benannt ist die Brücke nach Alfred Lion, Gründer und Inhaber des Jazz-Plattenlabels Blue Note.

Die Brücke Die gesamte Brücke gehört zum Ortsteil Schöneberg, da die Grenze zwischen Schöneberg und Tempelhof parallel zur General-Pape-Straße auf dem östlichen Bahndamm des breiten Trassengrabens verläuft.

Bau, Kosten und Eröffnung Die Planungen für den Steg begannen im Oktober 2008, der Baubeginn erfolgte im April 2010. Der erste Bauabschnitt umfasste die beiden Brückenüberbauten, die Ende März 2011 eingehoben wurden,Brückenschlag in Schöneberg nördlich des Bahnhofes Südkreuz Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. und die östliche Treppen- und Rampenanlage auf der Tempelhofer Seite. Der Bauabschnitt war im September 2011 vollendet. Der zweite Bauabschnitt galt einer doppelläufigen Rampe auf der Schöneberger Westseite mit den Verbindungen zum Ost-West-Grünzug und zur Schöneberger Schleife (siehe unten). Auftraggeber war das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Bauherr die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Abt. X: Projektbereich Ingenieurbauwerke Entwurf), die auch die Projektsteuerung wahrnahm. Die Ausführung der Brücke erfolgte durch das Büro Kolb Ripke Architekten Planungsgesellschaft mbH. Das Bauvolumen für den Steg gab das Architekturbüro mit 2,6 Millionen Euro an, die Gesamtbaukosten inklusive aller Rampen betrugen laut Senatsverwaltung 3,4 Millionen Euro. Zur Finanzierung der Brücke wie auch des gesamten Grünzugs dienten die Förderprogramme des Stadtumbaus West (Projekte im Fördergebiet Schöneberg-Südkreuz),Stadtumbau Ost und West. Alfred-Lion-Steg von Neu-Tempelhof zur Schöneberger Insel. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und UmweltKolp Ripke Architekten: die zu 50 Prozent vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und zu 33 Prozent vom Bund getragen wurden.Stadtumbau West. Schöneberg-Südkreuz. […], S. 6.

Zu Jazz-Stücken des Lion’schen Plattenlabels eröffneten der damalige Stadtentwicklungssenator Michael Müller, Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Bezirksstadträtin Sibyll-Anka Klotz und Bezirksstadtrat Daniel Krüger am 8. November 2012 den Steg gemeinsam mit der Hertha-Block-Promenade. In den Ansprachen wurde insbesondere hervorgehoben, dass die Brücke das weitere Zusammenwachsen der beiden Bezirksteile Tempelhof und Schöneberg fördere. Ein kleines Projekt für Berlin, aber ein großes für Tempelhof-Schöneberg – so die zuständige Stadträtin Klotz vom Bündnis 90/Die Grünen.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Horst-Dieter Keitel:

Konstruktion mini|Blick von Tempelhof zur Roten Insel mini|Namensschild am eröffneten Steg mini|hochkant|Infoschild

Die Brücke ruht auf je einem Widerlager auf dem östlichen und westlichen Bahndamm sowie auf einem Stützpfeiler, der zwischen den Gleisen errichtet wurde. Die Spannweiten betragen 50,00 und 34,21 Meter. Die Gesamtlänge des barrierefreien Stegs aus zweifeldrigem Stahlrohrfachwerk erreicht 90,30 Meter. Die Brückenbreite liegt bei sechs Metern, die nutzbare Breite bei vier Metern. Das Architekturbüro Kolp Ripke, das 1997 gemeinsam mit weiteren Büros den Wettbewerb für die Dresdener Waldschlößchenbrücke gewonnen hatte,Kolp Ripke Architekten: beschreibt die Konstruktion wie folgt:

Auf der Schöneberger Westseite erfolgt die Anbindung durch eine zweiläufige Rampenanlage. Eine der Rampen führt in Verlängerung der Brückenachse zur neuen Wilhelm-Kabus-Straße und weiter zum Leuthener Platz. Die andere Rampe führt zum Nord-Süd-Grünzug (Schöneberger Schleife) unterhalb der Brücke. Auf der Tempelhofer Ostseite bindet eine kombinierte Rampen- und Treppenanlage den Steg an die General-Pape-Straße an.

Umstrittene Namensgebung: Alfred Lion oder Hertha Block Der namensgebende Alfred Lion wurde 1908 in der seinerzeit noch selbstständigen Stadt Schöneberg geboren. Zur Zeit der Namensgebung wurde die Gotenstraße 7 auf der Roten Insel für sein Geburtshaus gehalten, die Geburtsurkunde weist jedoch die Adresse Wielandstrasse 22 im etwa 2 Kilometer entfernten Ortsteil Friedenau nach.Standesamt Schöneberg I, Geburtsurkunde Nr. 1144 vom 27. April 1908 (Landesarchiv Berlin)Blaue Noten aus der Gotenstraße – Alfred Lion auf Rote Insel-Blog aus Schöneberg. Nach Theresia Ziehe: Talkin' about the Lion and the Wolff, In: Dietrich Rünger (Hrsg.) Painted Jazz!: talking about Blue Note. Bad Oeynhausen, Jazzprezzo, 2014, S. 48–56, ist Lion jedoch laut Geburtsurkunde in der Wielandstraße 22 geboren. Als Jude sah sich Lion gezwungen, Nazideutschland den Rücken zu kehren. Über Chile emigrierte er 1936 in die USA, wo er sich als Mitbegründer des Jazz-Plattenlabels Blue Note einen Namen machte. Lion prägte den Satz „It must schwing!“ Er starb 1987 in San Diego.

Die Benennung des Stegs nach Alfred Lion war in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg umstritten. Als Namensgeberin stand auch die Bibliothekarin Hertha Block zur Debatte, die im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller aktiv und am 26. Juli 1933 gemeinsam mit den Schriftstellern Werner Ilberg und Walter Stolle von der SA verhaftet worden war. Mit der Begründung, sie habe „noch im Juni 1933 mit kommunistisch eingestellten Literaten Verkehr gepflegt“, wurde Block für acht Wochen im nahegelegenen SA-Gefängnis Papestraße eingekerkert. Ihre Bemühungen um Wiederaufnahme in den öffentlichen Dienst scheiterten anschließend. 1936 wurde sie erneut festgenommen und zu 15 Monaten Haft wegen Hochverrats verurteilt. Nach der Entlassung ließ sie ihre Kontakte zum Widerstand ruhen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie am Wiederaufbau der Wilmersdorfer Stadtbibliothek und der Wiederaufbereitung der vor den Nazis versteckten Bücher beteiligt. Dazu gehörte die rund 8000 Bände umfassende Sammlung geisteswissenschaftlicher Werke Ludwig Geigers, die der jüdische Goethe-Forscher dem Bezirksamt Wilmersdorf vererbt hatte. Ab 1952 leitete Hertha Block den Aufbau der Bibliotheks-Zweigstelle im Rathaus Schmargendorf. Bis zu ihrer Pensionierung 1972 ging sie ihrem Beruf nach.Alice Lanzke: Ausstellung: „Konsequente Säuberung“. Die Verfolgung von städtischen Bediensteten zwischen 1933 und 1945. In: Jüdische Allgemeine, 21. Januar 2010.Kiezspaziergang am 10. Mai 2003 durch Wilmersdorf zum Fest der Nationen mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Während sich die Bezirks-Politiker der CDU und von Bündnis 90/Die Grünen für die Benennung nach Alfred Lion einsetzten, befürwortete die SPD Hertha Block als Namensgeberin. Die SPD unterstellte ihren Widersachern in einem Blog-Beitrag, „dass sie zum einen“, wie ein Kritiker zusammenfasste, „eine Frauen-Benennung umgehen wollten, zum anderen weist die Autorin süffisant darauf hin, dass es sich bei ,Blue Note’ um ein Plattenlabel und Tochterunternehmen von EMI handelt. Zudem suggeriert der Text, dass lediglich Hertha Block dazu beitragen könne‚ die Gedenkkultur in den Alltag der Menschen und den öffentlichen Raum zu transportieren.“Rote Insel. Blog aus Schöneberg: Brückenname: Block oder Bluenote? 5. Juli 2011. Hinweis: Die zitierten SPD-Beiträge sind im nächsten Einzelnachweis (ASF) enthalten. Eine feierliche symbolische Benennung des Stegs nach Hertha Block am 30. April 2011, an der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Tempelhof Schöneberg (ASF) beteiligt waren, blieb wirkungslos; die Brücke erhielt den Namen Alfred-Lion-Steg.ASF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Tempelhof Schöneberg) Tempelhof-Schöneberg: Siehe Beiträge: SPD fordert die Benennung der neuen Geh- und Radwegbrücke zum Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße nach Hertha Block (29. April 2011) und Geh- und Radwegbrücke zum Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße nach Hertha Block symbolisch benannt. (24. Mai 2011) Mit der Bezeichnung Hertha-Block-Promenade für den Weg des Ost-West-Grünzugs hatte die SPD-Initiative allerdings einen Teilerfolg.

Ost-West-Grünzug Der Ost-West-Grünzug führt von der Tempelhofer Gontermannstraße bis zum Schöneberger Leuthener Platz auf der Roten Insel. Die Gesamtlänge beträgt rund 600 Meter, die Kosten für dessen Anlage betrugen 4,8 Millionen Euro – jeweils inklusive Brücke, dem Kernstück des Grünzugs.

Hertha-Block-Promenade mini|Der Steg mit einem ehemaligen Dienstgebäude der Landwehrinspektion, heute ein Teil des Robert Koch-Instituts

Die asphaltierte, vier Meter breite und teils von Laternen gesäumte Hertha-Block-Promenade ist beidseitig von einem Rasenstreifen und teilweise von Alleenreihen mit Säulen-Ahorn eingefasst. Zwischen der Gontermannstraße und General-Pape-Straße führt der Weg – in Sichtachse zur markanten Landmarke Gasometer Schöneberg – am nördlichen Rand des ehemaligen preußischen Militärgeländes mit seinen historischen Klinkerbauten entlang. Die denkmalgeschützten Kasernen des 1. Preußischen Eisenbahnregiments und die Dienstgebäude der Landwehrinspektion wurden zwischen 1870 und 1898 am Westrand des Tempelhofer Feldes errichtet, das seit 1722 als militärisches Übungsgelände und Paradeplatz der Berliner Garnison genutzt wurde. Die gleichfalls denkmalgeschützte Klinkermauer bildet die Grundstücksgrenze. Nördlich der Promenade schließt sich die Kleingartenkolonie Papestraße an, deren zulaufende Wege an die Hertha-Block-Promenade angeschlossen wurden.Ost-West-Grünzug/Alfred-Lion-Steg., Hertha-Block-Promenade Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt; neu abgerufen am 9. Februar 2016. Auf Höhe der Nummern 62–66 erreicht der Weg die General-Pape-Straße mit dem Geschichtsparcours Papestraße, zu dem neben den Militärbauten der Schwerbelastungskörper und das SA-Gefängnis Papestraße gehören. In den Gebäuden 62–66 (siehe nebenstehendes Bild) aus den Jahren 1895/1898 waren Teile der Landwehrinspektion untergebracht. Der architektonische Entwurf im Stil der Neorenaissance stammte maßgeblich vom Garnison-Bauinspektor Hermann Böhmer.Geschichtsparcours Papestraße. Booklet, Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg (Hrsg.), 2006, , S. 17 ff, . Heute (Stand 2013) werden die beiden Bauten vom Robert Koch-Institut (Bereich Papestraße) genutzt.

Gegenüber diesem Gebäudekomplex führt der Alfred-Lion-Steg die Promenade über den Bahngraben auf die Schöneberger Rote Insel. Die Rampe in Verlängerung der Brückenachse verläuft durch das Gewerbegebiet Naumannstraße bis zur Wilhelm-Kabus-Straße, die 2010 zur Entlastung der parallel verlaufenden Naumannstraße angelegt und nach dem Ingenieur und Schöneberger Bürgermeister Wilhelm Kabus benannt wurde. Nach Querung der Straße endet die Hertha-Block-Promenade am Leuthener Platz.

Erweiterung des Leuthener Platzes Der Leuthener Platz wurde um 1905/1906 als Spiel- und Schmuckplatz bei der Verlängerung der Leuthener Straße angelegt. Ursprünglich wahrscheinlich nicht amtlich benannt, erhielt er nach dem Ersten Weltkrieg den Namen Leuthenplatz und 1930 die Bezeichnung Leuthener Platz. Der Name wurde nach der Schlacht von Leuthen gewählt, die 1757 während des Siebenjährigen Krieges bei Leuthen in Schlesien stattfand. Der rechteckige Platz liegt zwischen der Gustav-Müller-Straße und der Naumannstraße. Auf dem Platz steht ein denkmalgeschütztes ,Café Achteck’ (Bedürfnisanstalt; im Bild).

mini|Der historische Teil des Leuthener Platzes mit der Fortsetzung der Hertha-Block-Promenade zur Naumannstraße