miniatur|hochkant=1.5|Bana. Ansicht von Süden (2007) Bana (, ) ist die Ruine einer großen Rundkirche des mittelalterlichen georgischen Königreichs Tao-Klardschetien in der heutigen nordosttürkischen Provinz Erzurum. Die Kathedrale mit dem Grundplan eines Vierkonchenbaus und einem kreisrunden Umgang wurde nach einem mutmaßlichen Vorgängerbau im 7. Jahrhundert um 900 erweitert und befand sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in einem guten Zustand. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde Bana das Zentrum des Fürstentums Tao der Bagratidendynastie. Mehrere in Bana kopierte Handschriften bis zur letzten erhaltenen aus dem Jahr 1511 erwähnen Bischöfe des Ortes. Nach der Eingliederung der Region ins Osmanische Reich Mitte des 16. Jahrhunderts war das christlich-religiöse Leben vermutlich noch bis ins 18. Jahrhundert eingeschränkt möglich.

Lage

Von der Schnellstraße zwischen Erzurum im Süden und Artvin im Norden zweigt kurz hinter Tortum eine Straße nach Nordosten ab, die im Tal des Flusses Oltu (Oltu Çayı) in einem weiten Bogen um die südlichen Ausläufer des Yalnızçam-Gebirgsmassivs Richtung Ardahan führt. Bana liegt im Landkreis Şenkaya etwa halbwegs zwischen Oltu und Göle (georgisch Kola) nördlich der Straße und auf der rechten (nördlichen) Seite des Penek-Flusses (Penek Çayı). Von der Abzweigung an einer Brücke über den Fluss sind es zwei Kilometer bis zum Dorf Penek, von wo ein Fahrweg zur Ruine führt, die nach etwas über einem weiteren Kilometer auf der linken Seite auf einer breiten Hügelkuppe zu sehen ist. Im Umkreis von wenigen Kilometern nördlich von Penek standen einst weitere Kirchen, darunter eine kleine, ungefähr aus dem 11. Jahrhundert stammende Felskirche beim Dorf Soğmonkale (Salomankale) und die Deliktaş-Kirche (Deliktaş Kilise), von der 1977 noch Reste einer der ursprünglich sechs Apsiden erhalten waren. Die Festung Kamkız (Kamkız Kalesi) überblickt das Kömürlü-Tal, das vom Kömür Çayı, der in den Penek Çayı mündet, durchflossen wird. Sie ist wahrscheinlich identisch mit der bedeutenden georgischen Festung Kalmakhi, die mehrfach in georgischen Geschichtsquellen erwähnt wird und bis Ende 16. Jahrhundert der Sitz eines Sandschak war.Sinclair, S. 26

Der westwärts fließende Penek mündet in den Oltu, kurz vor dessen Einmündung in den Çoruh liegt in den Bergen die Ruine der Klosterkirche von İşhan. Entlang des Berta Suyu, der in einer tiefen Schlucht im Norden des Yalnızçam-Gebirges ebenfalls dem Çoruh zufließt, liegen in kleinen Seitentälern die Ruinen mehrerer georgischer Klöster: Von Westen nach Osten sind dies Dolisqana, Opiza, Chandsta und Tbeti kurz vor der Stadt Şavşat. Diese und weitere georgische Klöster wurden an geschützten und schwer erreichbaren Rückzugsorten weit oben an Berghängen gegründet. Bana auf einem relativ flachen Hügel bildet hiervon eine Ausnahme.

Geschichte miniatur|Die 1036 datierte Wandmalerei in der Kathedrale von Öşk Vank (georgisch Oschki) stellt vermutlich die Hochzeit von König Bagrat IV. und Helena Argyre vor der Rundkirche von Bana dar, deren Westportal zu sehen ist. Das nordöstliche Gebiet der Türkei gehörte zum georgischen Reich Iberien und zeitweise zu Armenien, bis es im 7. und 8. Jahrhundert mehrmals von muslimischen Umayyaden erobert wurde. Nachdem der umayyadische Statthalter von Aserbaidschan und Armenien Marwan II. (688–750) in den Jahren 736 bis 738 mit Strafexpeditionen plündernd durchgezogen war, hatte die Bevölkerung die Region weitgehend verlassen. Im 9. und 10. Jahrhundert suchten sich georgische Mönche, fernab vom arabischen Emirat Tiflis, das die Kontrolle über ihre Heimatregion ausübte, abgelegene Orte in Tao-Klardschetien für Klostergründungen. Opiza war das älteste Kloster aus der Mitte des 8. Jahrhunderts; von dort aus gründeten der Mönch Grigol Chandsteli und einige seiner Schüler in der Folgezeit eine Reihe Klöster in der Umgebung, zu denen auch Bana und Yeni Rabat in der Nähe der Festung Ardanuç gehörten.

Um 820 machte der Bagratidenfürst Aschot I. die Festung von Ardanuç (georgisch Artanudschi) zu seinem Regierungssitz. Nach der Aufspaltung der Bagratidendynastie wurde Artanudschi der Hauptort des Fürstentums Klardschetien und in Bana regierten die Herrscher von Tao. Ende des 10. Jahrhunderts vereinigte König Bagrat III. Tao-Klardschetien mit drei weiteren Fürstentümern zum Königreich Georgien. Ab dem 11. Jahrhundert hielten sich regelmäßig georgische Könige in Bana auf.

Bana war neben İşhan einer der beiden Bischofssitze in Tao.Sinclair, S. 25 In der Kathedrale fand die Krönung von König Bagrat IV. (reg. 1027–1072) statt und hier heiratete Bagrat 1032 als seine erste Frau Helena Argyre († 1033), eine Nichte des byzantinischen Kaisers Romanos III. Argyros (reg. 1028–1034). In der Kirche oder in deren Nähe wurden mehrere Herrscher von Tao beerdigt, unter ihnen der georgische König Wachtang IV. (reg. 1443–1446) und seine Gemahlin Sitichatun († 1445).

Nachdem in der Schlacht von Manzikert 1071 das byzantinische Heer den türkischen Seldschuken unterlegen war, folgte eine für Tao und die umgebenden georgischen Fürstentümer unruhige Zeit. Sie erlebten mehrere Plünderungszüge der Seldschuken in den Jahren 1074 bis 1080, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eroberten die Seldschuken Tao. Dagegen half auch ein Angriff des georgischen Königs Giorgi III. (reg. 1156–1184) nichts, der erfolglos blieb. Lediglich dessen Tochter Tamar (reg. 1184–1213) konnte für kurze Zeit die Region befreien. Während der Regierungszeit der nachfolgenden Könige Giorgi IV. Lascha (reg. 1213–1223) und David VIII. (reg. 1293–1311) wirkten sich die Plünderungen besonders verheerend aus. Dennoch gelang es, in Bana ein religiöses und kulturell reiches Leben bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts aufrechtzuerhalten, als die Region an das Osmanische Reich fiel. In einer georgischen Handschrift aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, die als Anhang dem Dzruci-Tetraevangelium von 936 aus dem Kloster Schatberdi beigegeben wurde und sich mit der Signatur H 1660 in Tiflis befindet, ist vom schwierigen Leben der hiesigen Christen unter der osmanischen Herrschaft zu lesen. Ein gläubiger Christ ließ demnach in einem Nachbarort eine Georgskirche errichten und sie mit einigen Reliquien ausstatten. Als der türkische Regent namens Baadin Beg davon hörte, ließ er den Stifter verhaften und einsperren.

Unter den georgischen Gelehrten, deren Name mit Bana verbunden ist, ragt Zakaria Baneli (Zacharias von Bana) heraus. Er nahm an den diplomatischen Verhandlungen zwischen dem byzantinischen Kaiser Basileios II. und dem georgischen König Giorgi I. in den Jahren 1021 und 1022 in Konstantinopel teil. In dieser Stadt verfasste er eine große Zahl Manuskripte für die dort lebende georgische Mönchsgemeinde. Von den in Bana kopierten Manuskripten stammt das letzte erhaltene aus dem Jahr 1511. Es ist das „Typikon (Sammlung von Mönchsregeln) von Sabatsminda“, womit das Kloster Mar Saba bei Jerusalem gemeint ist.Djobadze, S. 84f

Die Kirche war längstens bis Mitte des 18. Jahrhunderts als Gotteshaus und Bischofssitz in Gebrauch. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie danach als Moschee diente. Im Krimkrieg von 1853 bis 1856 gegen Russland bauten die Osmanen die Kirche zu einer Festung aus. Reste einer Verteidigungsmauer rund um den Hügel sind noch sichtbar. 1875 stürzte die Kuppel ein. Danach nahm die Kirche während des Russisch-Osmanischen Krieges von 1877/78 weiteren Schaden. Noch 1881 war das Gebäude bis auf die Kuppel und einige Beschädigungen erhalten, im Jahr 1902 jedoch bereits stark zerfallen. In den Jahren dazwischen dürften russische Besatzungstruppen Steine abgetragen haben, einige dienten wohl zum Bau einer Kirche in Oltu.Sinclair, S. 25 Im Frühjahr 1985 stürzte bei einem Erdbeben der größte Teil der bis dahin einzig noch stehenden Ostapsis ein.Eid, S. 199

miniatur|Alle bisherigen Untersuchungen beschränkten sich auf Vermessungen und den Augenschein, es fanden keine Grabungen statt. Bana ist teilweise in einem Trümmerhaufen versunken. (2008) Laut dem georgischen Chronisten Sumbat Davitisdze aus dem 11. Jahrhundert ließ der georgische König Adarnase IV. (reg. 888–923) die Kirche erbauen. Der leitende Baumeister war demnach Kwirike Baneli, der später der erste Bischof von Bana wurde.Eid, S. 198 Die zweite bedeutende Geschichtsquelle ist der Historiker und Geograf Prinz Wachuschti Bagrationi Batonischwili (1696–1757), der zusammengefasst berichtete: „Das Dorf Bana oberhalb des Flusses heißt heute Penek. Die wunderschöne Kuppelkirche dort wurde von König Adarnase erbaut und in ihr liegen die georgischen Könige begraben. Bana war der heute aufgegebene Sitz eines Bischofs, zu dessen Gebiet ganz Tao, Oltisi (Oltu) und Narumaki (Narimani) gehörte.“ Folglich muss es auf dem Hügel eine Stadt und eine Herrscherresidenz gegeben haben.

Forschungsgeschichte Die erste Beschreibung aus neuerer Zeit gab der Botaniker Karl Heinrich Koch (1809–1879), der auf dem Weg zu den Sumpfgebieten des Kola-Tals nördlich von Göle war. Er sah die Kathedrale 1843 während einer Expedition in den Nordosten der Türkei und erklärte sie unverzüglich voller Begeisterung zur zweitschönsten Architekturschöpfung nach der Hagia Sophia. Nach ihm kamen 1879 der russische Ethnograf Yewgeny Weidenbaum und 1881 der georgische Gelehrte Dimitri Bakradze (1826–1890), die übereinstimmende Beschreibungen über den Zustand der Kirche gaben. Genauere Untersuchungen unternahm 1902 der georgische Archäologe Ekvtime Takaschwili im vorhandenen Trümmerhaufen. Zu der Zeit waren noch die Ostapsis, Teile ihrer flankierenden Nebenräume und Teile der äußeren Umfassung erhalten. Als Takaschwili 1907 ein zweites Mal kam, waren weitere Gebäudeteile eingestürzt. Als erste Kunsthistoriker nach dem Zweiten Weltkrieg führten Nicole und Jean-Michel Thierry in den 1960er Jahren Forschungsreisen im Nordosten der Türkei durch. D. Guschow (1971), W. Eugène Kleinbauer (1972), Volker Eid (1980) und andere veröffentlichten kurze Berichte über ihre Besuche. Die Beschreibung von Wachtang Djobadze basiert auf Untersuchungen in den Jahren 1974 und 1978.Djobadze, S. 78f

Herkunft des georgischen Zentralbaus miniatur|Rekonstruktionszeichnung von Anatoly Kalgyn, 1907 Die frühesten erhaltenen Kirchenbauten aus Stein der Georgisch-Orthodoxen Kirche aus dem 4. Jahrhundert waren einfache Saalkirchen oder Basiliken und besaßen noch keine charakteristische Bauform. Im 5. und 6. Jahrhundert folgte die klassische Phase der georgischen Kirchenarchitektur, in der überkuppelte Zentralbauten im Westen um einen basilikalen Raumteil verlängert wurden. Diese Kombinationen wuchsen durch einen Kuppeltambour über dem Altarraum in enorme Höhen und stellen bis heute die überwiegende Mehrzahl der Kirchengebäude dar. Eine georgische Besonderheit waren Dreikirchenbasiliken mit durch Zwischenwände abgetrennten Seitenschiffen.