Ohio Impromptu ist ein kurzes Stück („playlet“) von Samuel Beckett. Beckett schrieb es 1980. Ursprünglich sollte es ein Gefallen für Stanley E. Gontarski sein, der Beckett um ein Stück gebeten hatte, das auf einem akademischen Symposium zu Ehren von Becketts fünfundsiebzigstem Geburtstag in Columbus, Ohio aufgeführt werden sollte. Beckett war es unangenehm, eine Auftragsarbeit zu erledigen, und er rang neun Monate mit dem Stück, bevor es schließlich fertig war. Es wurde am 9. Mai 1981 am Drake Union, Stadium 2 Theater in OhioSamuel Beckett: Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006), S. 352. unter der Regie von Alan Schneider und mit David Warillow als „Reader“ und Rand Mitchell als „Listener“ uraufgeführt. Erika und Elmar Tophoven übersetzten das Stück ins Deutsche. Diese Übersetzung steht auch unter dem Einfluss der von Beckett selbst verfassten Übertragung des Stücks ins Französische.Samuel Beckett: Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006), S. 353.
„Es ist das erste Stück von Beckett, das einen Doppelgänger auf der Bühne zeigt, ein weiteres Beckett-Paar, aber diesmal im Sinne eines Spiegelbildes; es stammt aus Becketts Geister-Phase, in der Phantome auf der Bühne gezeigt werden, die die gespenstische Natur von Erinnerung und Nostalgie widerhallen lassen.“Calder, J., (PDF; 57 kB), Journal of Beckett Studies, Nos 11 and 12, December 1989: “It is the first Beckett play to present a Doppelgänger on stage, another Beckett pair, but this time seen as mirror images; it belongs to Beckett’s ghost period, where phantoms that echo the haunting quality of memory and nostalgia in his work are seen or described on stage.”
Handlung Figuren und Handlungsablauf Zwei alte Männer sitzen einander an einem rechtwinkligen Tisch über Eck gegenüber. Sie sind „[i]m Aussehen einander so ähnlich wie möglich“,Samuel Beckett: Ohio Impromptu. Aus dem Englischen von Erika und Elmar Tophoven. In: ders. Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006), S. 307“[a]s alike in appearance as possible”, Beckett, S., Collected Shorter Plays of Samuel Beckett (London: Faber and Faber, 1984), S. 285 beide tragen lange schwarze Mäntel und haben langes weißes Haar. Der Tisch und auch die Stühle sind weiß. Die Figur Hörer“Listener” sieht in Richtung des Publikums, aber sein Kopf ist herabgebeugt, sodass sein Gesicht verdeckt ist. Die Haltung der anderen Figur, Leser“Reader” ist gleich bis auf den Unterschied, dass dieser ein Buch vor sich hat, das auf den letzten Seiten geöffnet ist. Ein einziger „[s]chwarzer, breitkrempiger Hut“S. 307“[b]lack wide-brimmed hat” befindet sich auf dem Tisch. Die Figuren „könnten von Rembrandt ausgeliehen sein“Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett, S. 664: “could have been borrowed from Rembrandt” oder aus Gerard ter Borchs Gemälde „Vier spanische Mönche“,Avigdor Arikha behauptete, dass Ter Borchs Gemälde der Ursprung des Bühnenbilds von Ohio Impromptu sei, „mit dem Hut auf dem Tisch, wobei man den Eindruck hat, in ein Treffen auf einem flämischen Gemälde einzudringen“. In Atik, Anne (2001). How It Was, London: Faber and Faber, 6 allerdings hat Beckett selbst kein spezielles Bild als Inspiration angegeben. Auch Edgar Rubins Vordergrund-Hintergrund-Experimente werden als mögliche Inspirationsquelle genannt.Acheson, J., ‘“The Absolute Absence of the Absolute”: the Theory and Practice of Samuel Beckett’s Drama’ in British & Irish Drama since 1960(New York: St Martin’s Press, 1993), S. 14
Sobald Leser zu lesen beginnt, pocht Hörer mit seiner linken Hand auf den Tisch, sodass Leser sich unterbricht, und den letzten vollständigen Satz wiederholt, um auf das nächste Klopfen zu warten, bevor er erneut beginnt. Das geht so während des gesamten Lesens und erinnert an „Krapps genussvollen Umgang mit ausgewählten Passagen seiner Tonbänder“ in Becketts Stück Das letzte Band.Laughlin, K. L., ‘Seeing is Perceiving: Beckett’s Later Plays and the Theory of Audience Response’ in Davis, R. J. and Butler, L. St J. (Eds.) ‘Make Sense Who May’: Essays on Samuel Beckett’s Later Works (Gerrards Cross: Colin Smythe, 1988), S. 21: “Krapp’s earlier relishing in selected passages from his tapes.” „An einer Stelle hält Hörer Leser davon ab, zu einer vorigen Seite umzublättern, auf welche der Text verweist, und an einer anderen Stelle pausiert Leser an einer scheinbar grammatisch fehlerhaften Textstelle, sagt ‚Ja‘ – seine Stegreifanmerkung in promptu – und liest sie erneut.“O’Gorman, K., ‘The Speech Act in Beckett’s Ohio Impromptu’ in Davis, R. J. and Butler, L. St J. (Eds.) ‘Make Sense Who May’: Essays on Samuel Beckett’s Later Works (Gerrards Cross: Colin Smythe, 1988), S. 108, 115: “At one point the Listener stops the Reader from turning back to an earlier page to which the text refers, and at another the Reader pauses at a seemingly ungrammatical structure in the text, says, ‘Yes’ -- his one ‘impromptu’ remark -- and re-reads it.” Bis auf dieses eine Wort spricht er genau den Text, der in dem Buch abgedruckt ist.
Hörer lässt Leser den letzten Satz seiner Geschichte wiederholen und dann wird das Buch geschlossen. „Es bleibt nichts mehr zu sagen“.S. 310“Nothing is left to tell”, S. 288 Listener klopft noch ein letztes Mal, aber es gibt nichts mehr vorzulesen. Die zwei schauen einander starrend an, bis das Licht abgeblendet wird.
Die Erzählung In der Vergangenheitsform geschrieben wird die Geschichte von einem Menschen erzählt, vielleicht von Hörer selbst, der „bei einem letzten Versuch, Linderung“S. 307“last attempt to obtain relief”, S. 285 vom Verlust eines nahestehenden Menschen zu erhalten, zur Schwaneninsel geht, wo die beiden niemals gemeinsam gewesen waren. Damit missachtet er die Warnung, die ihm gegeben worden war, als „das geliebte Gesicht“S. 308 ihm im Traum erschienen waren: „Bleib, wo wir so lange allein zusammen gewesen, mein Schatten wird dich trösten.“S. 308“Stay where we were so long alone together, my shade will comfort you.”, S. 286
Er erkennt bald, dass er einen fürchterlichen Fehler gemacht hat. „Die vertraute Umgebung hätte ihn durch ihre Verbindung mit der verlorenen Person besänftigen und beruhigen können, aber eine ungewohnte Umgebung betont sein totales Verlustgefühl. In seinem Trauerzustand verschwört sich alles, um ihn an das zu erinnern, was er verloren hat.“Brown, V., , S. 226: “a terrible mistake. Familiar surroundings could have soothed and ‘sedated’ him through their long association with his loved one, but unfamiliar surroundings accentuate his total sense of deprivation. In his bereaved state, everything conspires to remind him of what he has lost.” Es bleibt unklar, warum es ihm unmöglich ist, zurückzugehen und diesen Fehler rückgängig zu machen. Er wird von einer alten Angst vor der Nacht heimgesucht. Daran hatte er zum letzten Mal vor so langer Zeit gelitten, „als ob es sie nie gegeben“ hätte.S. 309“as if never been.”, S. 286 Infolgedessen stellt er fest, dass er nicht schlafen kann. Eines Nachts allerdings, als er mit seinem Kopf auf den Armen aufgestützt dasitzt und am ganzen Körper zittert, erscheint aus dem Nichts ein Mann. Er erklärt, dass er von der Angehörigen gesandt sei, ihm Trost zu bringen. Dabei zieht er „ein abgegriffenes Buch aus der Tasche seine langen schwarzen Mantels, [setzt] sich hin und [liest], bis es [graut]“,S. 309“a worn volume from the pocket of his long black coat and [reads from it] till dawn”, S. 286 wonach er ohne ein weiteres Wort verschwindet. Wir erfahren, dass es sich um eine „traurige Geschichte“S. 309“sad tale”, S. 287 handelt, aber mehr nicht. Dies wiederholt sich Nacht um Nacht, der Mann erscheint „unangemeldet“,S. 309“unheralded” fängt ohne Vorrede“without preamble” an zu lesen und verschwindet zur Morgendämmerung „wortlos“.S. 309“without a word.”S. 287
Schließlich bestimmt die verlorene Person,“loved one” dass dies lang genug gewährt hat. Nachdem der Mann seine Lesung ein letztes Mal beendet hat, bleibt er da und erklärt, dass dies sein letztes Erscheinen sei; ihm wurde gesagt, dass seine Tröstung nicht länger notwendig sei und er nicht länger ermächtigt sei wiederzukehren, selbst wenn er wollte. Für eine Weile noch sitzen die beiden, die durch die vielen Nächte hindurch „gleichsam eins“S. 309“to be as one”, S. 287 wurden, in der Stille, „versunken in wer weiß was für Tiefen des Geistes [...] wie versteinert“.S. 310“profounds of mind … as though turned to stone.”, S. 288
David Warrilow erinnert sich an Becketts Rat, als er die Rolle übernahm: „Nun, der hilfreichste Hinweis, den mir Beckett von Anfang an beim Ohio Impromptu gab, war, es wie eine Gutenachtgeschichte zu behandeln und es beruhigend zu erzählen“.Kalb, J., Beckett in Performance, (Cambridge: Cambridge University Press, 1989), S. 223: “Now, the most useful intention that Beckett gave me early on in the Ohio Impromptu experience was to treat it like a bedtime story and let it be soothing.”
Biographische Einblicke Beckett nahm oftmals biographische Ereignisse aus seinem eigenen Leben und entledigte sie aller biographischen Details, indem er nur ein blankes Minimum von Sprache und Thema übrig ließ.
„Beckett arbeitete eine Zeit lang als Amanuensis für James Joyce ... die beiden Männer pflegten in den dreißiger Jahren gemeinsam auf der Île de cygnes spazieren zu gehen und ... Joyce trug einen Quartier-Latin-Hut [wie er auch im Stück erwähnt wird.]“Acheson, J., ‘“The Absolute Absence of the Absolute”: the Theory and Practice of Samuel Beckett’s Drama’ in British & Irish Drama since 1960(New York: St Martin’s Press, 1993), p 15: “Beckett served for a time as Joyce’s amanuensis … the two men used to walk together on the Isle of Swans during the thirties and … Joyce used to wear a Latin Quarter hat.” Beckett bestätigte diese Details während eines Abendessens mit seinem Biographen James Knowlson.Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett (London: Bloomsbury, 1996), p 665 Knowlson erwähnte dabei, dass er Leute von dem „geliebte[n] Gesicht“S. 308“dear face” S. 286 habe sagen hören, dass es das Gesicht von Joyce sei.Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett (London: Bloomsbury, 1996), S. 665 Knowlson glaubte, es handele sich in Wirklichkeit um eine Frau, und Beckett stimmte ihm zu: „Es ist Suzanne ... Ich habe sie mir so oft nach ihrem Tod vorgestellt. Ich habe mir sogar vorgestellt, wie ich mich zu ihren Grab schleppe“James Knowlson in conversation with Samuel Beckett. Zitiert nach Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett (London: Bloomsbury, 1996), p 665: “It’s Suzanne … I’ve imagined her dead so many times. I’ve even imagined myself trudging out to her grave.” „Als er Ohio Impromptu schrieb, war [seine Frau] achtzig Jahre alt und sie waren nichtsdestotrotz (obwohl sie für einige Zeit getrennt gelebt hatten) über vierzig Jahre lang ein Paar“Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett (London: Bloomsbury, 1996), S. 665: “When he wrote Ohio Impromptu [his wife] was eighty years old [and although for some time they lived quite separate lives they] had nonetheless remained a couple for over forty years” und „an die sterbende Suzanne zu denken war für ihn unerträglich“.Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett (London: Bloomsbury, 1996), S. 666: “the thought of Suzanne dying was intolerable to him.”