mini|Kacem El Ghazzali, 2020 Kacem El Ghazzali (; geb. 24. Juni 1990) ist ein Schweizer Essayist, Islamwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist marokkanischer Herkunft. In seinen Schriften betont er unter anderem die Wichtigkeit der individuellen Freiheit, liberaler Werte und Gedankenfreiheit, die in den islamischen Ländern oft fehlen.

Seine Artikel werden in der Richard Dawkins Foundation, Fair Observer, Huffington Post, Le Monde, NZZ, FAZ, Basler Zeitung u. a. veröffentlicht. Er wurde von der Basler Zeitung zu einem der 15 einflussreichsten Schweizer Intellektuellen des Jahres 2017 gewählt. El Ghazzali wurde auch von der Sonntagszeitung des Tages-Anzeiger unter 30 weiteren Persönlichkeiten zum Schweizer des Jahres 2018 ernannt.

Leben Kacem El Ghazzali stammt aus einer sufistischen marokkanischen Berber-Familie. Sein Grossvater baute in seinem Dorf eine Moschee; sein Vater, ein Zahnarzt, wollte, dass er ein Imam wird. Doch er verliess die Koranschule, unterstützt darin von seinem heimlich atheistischen Onkel, der ihm auch westliche Literatur vermittelte, von Marx, Darwin, Spinoza, Voltaire. Die Aufklärung fasziniert ihn, denn er entdeckte, dass «der Westen» einst genauso geknechtet war von religiösen Dogmen.Lucien Scherrer: Der Islam-Kritiker, der sich auch mit Linken anlegt – Kacem El Ghazzali war Koranschüler und Marxist, heute lebt er in der Schweiz und gehört zu den profiliertesten Kritikern des Islam. Das hat dem Flüchtling heftige Feindschaften eingebracht. Nicht nur von Islamisten, NZZ 29.9.17 Auch wenn der Sufismus, innerhalb des strengen Islams, einen mystischen, «undogmatischen» Islam predigt, empfand El Ghazzali die Religion seiner Familie als restriktiv und kontrollierend.

Kurz wandte er sich den Linken zu – «für die war Marx wie ein Imam» – und begann als 17-Jähriger anonym zu bloggen, kritisierte die Unterdrückung und Verfolgung von Frauen, Homosexuellen und Apostaten in der islamischen Welt. Nachdem er geoutet worden ist, begann seine Verfolgung. Er versteckte sich in der Grossstadt Rabat, wo er den Schweizer Botschafter mit schriftlichen Belegen davon überzeugen konnte, dass er aus religiösen Gründen verfolgt wurde. 2011 flog er mit Unterstützung schweizerischer Freidenker nach Genf. Bis zur 2017 erfolgten Zuerkennung der schweizerischen Staatsbürgerschaft lebte er als anerkannter Flüchtling in der Schweiz.

Blogging und Aktivismus mini|HUMAN-Interview mit El Ghazzali über seinen Aktivismus in Zürich 2014 El Ghazzali war bis 2012 der Autor des Bahmut-Blogs und hat wegen seiner Ansichten eine Reihe von Todesdrohungen erhalten. Sein Blog diskutierte Themen von Meinungsfreiheit bis zum politischen Islam.

Er war früher Leiter des Jugendverbandes des marokkanischen Zentrums für Menschenrechte und ist Vorstandsmitglied des marokkanischen Blogger-Verbandes und des Bloggerzirkels cyberdissidents.org, wobei er von letzterem auch einer seiner Gründer ist.

Im Jahr 2012 startete er die Initiative „Mayasaminch“, die sich an Marokkaner wendet, die den Ramadan nicht befolgen, und sie auffordert, öffentlich zu essen. Marokkanern in nichtjüdischen Familien ist es per Gesetz verboten, während des Ramadans in der Öffentlichkeit zu trinken, zu essen oder zu rauchen. El Ghazzali war ein Redner auf der 47. Session des St. Gallen Symposium und war Mitglied des „Leaders of Tomorrow-Knowledge Pool“.

In der Schweiz erschienen von Kacem El Ghazzali Artikel in der NZZ, BaZ, Schweizer Monat und Weltwoche. Auch in der Huffington Post hat Kacem El Ghazzali Artikel veröffentlicht. In seinen Beiträgen thematisiert er unter anderem Demokratiedefizite in der islamischen Welt, oder – wie er betont – die unterdrückerische und patriarchale Symbolik des Kopftuchs im Islam, sowie die Ausgrenzung von Islamreformern und liberalen Islamkritikern seitens europäischer linksliberaler Kräfte in Form einer kollektivistischen Doppelmoral (Regressive left). El Ghazzali bezeichnet sich selbst als Feminist, der gegen Kriege sei, den Islam und Religionen im Allgemeinen. Entsprechend drehen sich Themen, mit denen er sich beschäftigt, oft im Spannungsfeld zwischen Islam, der Aufklärung, dem Westen und individueller Freiheit.

Menschenrechte am UNO-Menschenrechtsrat mini|El Ghazzali mit Blick auf Zürich, 2014 Seit 2012 ist El Ghazzali als Repräsentant der International Humanist and Ethical Union bei den Vereinten Nationen in Genf tätig, wo er unter anderem Saudi-Arabien für die Verfolgung von Freidenkern und Liberalen wie des Poeten Hamza Kaschgari und des Bloggers Raif Badawi anklagte. El Ghazzali kritisierte auch sein Heimatland Marokko dafür, dass es mit nicht-rechtsstaatlichen Mitteln die Stimmen von Atheisten zum Schweigen bringe.iheu.org Während der 25. Sitzung des Menschenrechtsrats kritisierte El Ghazzali die Tatsache, dass mehrere Staaten, in denen verurteilte „Gotteslästerer“ derzeit im Gefängnis sitzen, auch aktuelle Mitglieder des Menschenrechtsrats sind.

Raif Badawi Foundation Im September 2015 kündigte Ensaf Haidar die Gründung der Raif-Badawi-Stiftung an, die nach ihrem Ehemann benannt wurde. Dieser sitzt in Saudi-Arabien eine jahrzehntelange Gefängnisstrafe ab und ist wegen seiner religiösen und politischen Meinungsäusserungen zu 1000 Peitschenhieben verurteilt. El Ghazzali wurde als wissenschaftlicher Leiter der Raif-Badawi-Stiftung für Freiheit gewählt.

Veröffentlichungen Casablanca Geneva flight number: 8J540 (Roman auf Arabisch), 2013.goodreads.com

Weblinks

Website von El Ghazzali Barbara Klingbacher: Fluchtgrund: Unglaube. In: NZZ Folio (Thema: Atheismus). 12, 8. Dezember 2014.siehe auch Nigel Barley: Der Ball der verlorenen Seelen (Thema).

Kacem El Ghazzali: https://www.nzz.ch/feuilleton/statt-ueber-verfolgte-christen-sprechen-sie-lieber-ueber-islamophobie-wie-westliche-kirchen-ihre-glaubensbrueder-in-afrika-und-asien-verraten-ld.1883694 abgerufen am 20. Mai 2025 Lucien Scherrer: Der böse Flüchtling. In: NZZ. 29. September 2017

Einzelnachweise

Kategorie:Autor Kategorie:Journalist (Schweiz) Kategorie:Blogger Kategorie:Vertreter des Atheismus Kategorie:Marokkaner Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1990 Kategorie:Mann Kategorie:Wikipedia:Artikel mit Video