Zähne zeigen ist der Titel des Romandebüts der 1975 geborenen britischen Schriftstellerin Zadie Smith. Der Roman erschien im Jahr 2000 in Großbritannien unter dem Titel White Teeth und wurde im selben Jahr von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann ins Deutsche übersetzt. Der Roman erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde für weitere nominiert (s. Rezeption).

Inhalt Überblick Zähne zeigen erzählt die Geschichten dreier Familien unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die im Londoner Stadtteil Willesden leben, dort die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Problemfelder erfahren und um ihre Identität ringen. Eingeblendet werden in Rückblicken die „Wurzeln“ der Immigranten auf Jamaika und in Ost-Pakistan mit ihren Bezügen zur Kolonialzeit. Teils humorvoll-ironische, teils ernsthafte Kommentare einer auktorialen Erzählinstanz unterbrechen immer wieder die Handlungen.

Die 1975 beginnende und 1992 endende Haupthandlung schildert das Leben zweier Generationen der Familien Iqbal, Jones und Chalfen sowie ihre Auseinandersetzungen, Abgrenzungen und Integrationsbemühungen. Die ersten beiden Romanteile (Archie, Samad) erzählen v. a. die Geschichten der ersten Immigranten-Generation, die folgenden (Irie, Magid, Millat und Marcus) die Orientierungsprobleme ihrer Kinder. Während ihrer Schulzeit entstehen die Kontakte zur britischen Helfer-Familie Chalfen und durch den Wissenschaftler Dr. Marcus Chalfen erweitert sich Thematik der Migration um die der Gentechnik. Die Familien Jones- und Iqbal Die Handlung des Romans setzt am Neujahrsmorgen des Jahres 1975 mit der Schilderung eines missglückten Selbstmordversuchs des Engländers Archibald Jones ein. Nach einer gescheiterten Ehe beginnt an diesem Tag ein neues Leben für den 47-Jährigen mit seinem einfachen konfliktscheuen Gemüt, der sein Geld als Werbeblattfalter verdient und in schwierigen Lebenssituationen den Münzwurf entscheiden lässt (Kap. 1 Die seltsame zweite Heirat des Archie Jones). Auf einer ausklingenden Silvesterparty lernt er die 27 Jahre jüngere braunhäutige Clara Bowden kennen, die zur Zeit als Betreuerin einer Kindergruppe arbeitet. Clara ist die Tochter jamaikanischer Immigranten und hat einen britischen Großvater. Kurz nach ihrem ersten Treffen heiraten Archie und Clara und sie ist erleichtert, den Einflussbereich ihrer Mutter Hortense, einer passionierten Zeugin Jehovas, verlassen zu können (Kap. 2 Zahnprobleme). Im Gegensatz zu ihrem Mann ist sie geistig interessiert und bildet sich in Kursen fort, während er sein Junggesellenleben nie aufgibt und sich fast jeden Abend mit seinem Freund Samad in der Kneipe O’Connell’s trifft, die der islamistische Wirt Abduk-Mickey nur männlichen Gästen öffnet (Kap. 8 Mitose).

Archibald und der bengalische Muslim Samad Iqbal haben sich 1945 als junge Panzer-Soldaten auf dem Balkan kennengelernt, wo sie, weit ab vom Kriegsgeschehen und ohne Funkkontakt zur britischen Armee, erst durch russische Soldaten vom Kriegsende erfuhren (Kap. 5 Die Wurzelkanäle von Alfred Archibald Jones und Samad Miah Iqbal). In dieser Zeit hatten sie ein einschneidendes Erlebnis, das am Ende des Romans wieder die Handlung bestimmt: Sie verhaften den untergetauchten französischen Professor Marc-Pierre Perret, genannt Dr. Krank, der in Konzentrationslagern im Zusammenhang mit der Erblehre medizinische Versuche an Menschen durchgeführt hat. Da Samad befürchtet, der Gefangene könnte in den Nachkriegswirren der Bestrafung entgehen, überträgt er Archie die Aufgabe der Liquidation. Dieser lässt sich jedoch, wie am Romanende enthüllt wird, auf ein Gespräch mit dem Arzt ein. Dieser appelliert an sein Gewissen, lenkt ihn ab, verletzt ihn durch einen Schuss und kann entkommen. Dem Freund meldet Archie jedoch die Hinrichtung des KZ-Arztes und dieser erfährt die Wahrheit erst 47 Jahr später.

Nach dem Krieg emigriert Samad nach Großbritannien und arbeitet als Kellner im indischen Restaurant seines Vetters Ardashir Mukhul. 1974 holt er nach einer in Indien traditionell arrangierten Ehe die 29 Jahre jüngere Alsana Begum nach London, wo sie in Heimarbeit als Näherin arbeitet.

Die Freundschaft zwischen Archie und Samad erweitert sich, als sie beide im Stadtteil Willesden eine Wohnung finden, auf die gleichaltrigen Frauen und die drei 1975 geborenen Kinder (Kap. 4 Drei im Anmarsch): Die Zwillinge Magid und Millat Iqbal sowie Irie Jones (Kap. 3 Zwei Familien). Irie, Magid und Millat Ein weiterer Handlungsschwerpunkt liegt auf der Zeit der Kinder in der Gesamtschule Glenard Oak in Willesden, ironischerweise nach einem möglichen Großvater Claras benannt, dem Kolonialisten und viktorianischen Wohltäter Sir Edmund Flecker Glenard (Kap. 11 Die Verziehung der Irie Jones). Auch wenn die Kinder u. a. mit dem beängstigenden Rassismus eines alten Kriegsveteranen konfrontiert werden, überwiegt in diesem Kapitel die teils humorvolle, teils ironisch-satirische Schilderung einer in dem Londoner Stadtteil alltäglich gewordenen ethnischen Vielfalt und Hybridität, z. B. eines Elternabends (Kap. 6 Die Versuchung des Samad Iqbal) und der Gesellschaft in der Kneipe O’Connell’s.

Nach einer kurzen Affäre Samads mit der Musiklehrerin seiner Söhne, Poppy Burt-Jones (Kap. 7 Molare), und einer sich anschließenden ethnisch-religiösen Identitätskrise, verfolgt Samad den Plan (Kap. 8 Mitose), seine Zwillinge zur traditionellen Erziehung nach Bangladesch zu schicken, um sie vor den Übeln des Werteverfalls in der westlichen Gesellschaft zu schützen. Da jedoch das Geld nur für ein Flugticket reicht, lässt Samad, unterstützt durch Archie, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Magid zu Verwandten ausfliegen, ohne vorher Alsana zu informieren, die als Reaktion darauf acht Jahre lang nur noch das Nötigste mit ihrem Mann redet und nicht mehr ja oder nein sagt: „Vielleicht, Samad Miah, vielleicht aber auch nicht.“ (Kap. 9 Meuterei!).

Um dem häuslichen Chaos der unzufriedenen Frauen und Kinder zu entkommen, treffen sich Archie und Samad jeden Abend in ihrer Stammkneipe O’Connell’s Pool House. Dort tauschen die beiden Kriegsveteranen ihre Erinnerungen über den Krieg aus, die ihre jüngeren Ehefrauen und Kinder nicht interessieren. Zudem hat Samad in diesem Umfeld die Möglichkeit, mit Archie über sein Lieblingsthema zu sprechen: Er ist angeblich der Urenkel des Sepoy Mangal Pandey, der 1857 Auslöser des Indischen Aufstands war und damit für Samad ein Held ist. Am Beispiel dieses historischen Ereignisses diskutieren Archie und Samad über die Unterschiede in der nationalen Geschichtsschreibung, da in der britischen Version Mangal Pandey ein benebelter Fanatiker war, der es nicht einmal schaffte, sich selbst zu töten (Kap. 10 Die Wurzelkanäle des Mangal Pande).

Während der strebsame, intelligente Magid aus der Ferne beredte Briefe schickt, bereitet der rebellische Mädchenheld Millat den Iqbals Sorgen. Er schließt sich der fundamentalistischen muslimischen Gruppierung HEINTZ an und nimmt zum Entsetzen seiner Eltern an den Buchverbrennungen von Salman Rushdies Roman Die Satanischen Verse im nordenglischen Bradford teil (Kap. 9 Meuterei, 14. Januar 1989). Auch Irie, die heimlich in den draufgängerischen Millat verliebt ist, während dieser sie lediglich als eine gute Freundin behandelt, beobachtet die zunehmende Entfremdung zwischen ihnen: Während er die westliche pluralistische Gesellschaft ablehnt und sich einem autoritären System zuwendet, begeistert sie sich für den Mauerfall in Berlin als Zeichen der Freiheit (Kap. 9 Meuterei, 10. November 1989). Zudem leidet die 15-Jährige unter ihrer ethnisch hybriden Identität, da sie sich in dem traditionell „weiß“ dominierten England fremd fühlt. Sie versucht sich äußerlich anzupassen, beispielsweise durch eine Haarglättung, die jedoch durch die Ammoniakbehandlung mit ihrem Haarausfall endet (Kap. 11 Die Verziehung der Irie Jones). Chalfenismus Während Iries und Millats Schulzeit tritt die britische Familie Chalfen in die Handlung ein (Kap. 11 Die Verziehung der Irie Jones). Ausgangspunkt ist eine Rauschgift-Kontrolle auf dem Schulhof. Nicht nur Irie und Millat werden erwischt, sondern auch der unbeteiligte Joshua Chalfen. Der um den Ruf der Schule besorgte liberale Direktor bestellt sie zu einem Gespräch und bemerkt, dass der strebsame Überflieger Joshua durch die Aktion versucht, sich in die „coole“ Clique von Irie und Millat einzubringen. So verhängt er, nach Rücksprache mit den Eltern, eine für die drei Jugendlichen pädagogisch hilfreiche Strafe: Irie und Millat erledigen zweimal in der Woche nach der Schule bei der Akademikerfamilie Chalfen gemeinsam mit Joshua ihre Hausaufgaben und lernen für Klassenarbeiten (Kap. 11 Die Verziehung der Irie Jones).

Die Chalfens werden im Roman als liberale und hilfsbereite Mittelschichtfamilie karikiert (Kap. 12 Eckzähne: Die Reißwerkzeuge). Marcus Chalfen ist ein renommierter Wissenschaftler und Genforscher mit osteuropäischen jüdischen Wurzeln. Er glaubt an die „Perfektionierbarkeit des Lebens“ und die Möglichkeit, es mit Hilfe seiner Forschung über die „Embryonenfusion von Mäuserassen“, d. h. durch „DNA-Mikroinjektionen“ bzw. einen „durch embryonale Stammzellen vermittelte[n] Gentransfer“, effizienter und „chalfenistischer“ zu machen.Zadie Smith: Zähne zeigen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010, S. 372, 373. Seine Frau Joyce ist passionierte Gärtnerin und kümmert sich dank des gesicherten Einkommens durch Marcus’ Forschung neben dem Verfassen ihres alternativen Gärtnerhandbuchs „Die neue Flower Power“ um die Erziehung ihrer vier Söhne. Die Chalfens sind von ihren guten Familien-Genen, ihrer Intelligenz und ihrer Erziehungsmethode überzeugt, die sie missionarisch an andere weitergeben möchten. „Wahrheit war für die Chalfens Wahrheit. Und Genie war Genie. Marcus schuf Wesen. Und Joyce war seine Frau, eifrig damit beschäftigt, kleinere Versionen von Marcus zu erschaffen.“Zadie Smith: Zähne zeigen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010, S. 373. Die beiden sehen in der Unterstützung der Immigrantenkinder eine gute Gelegenheit, ihr Potential zu nutzen, stoßen dabei jedoch auch auf Widerstände. Konfliktfelder Clara und Alsana reagieren auf die zunehmende Abwesenheit ihrer Kinder mit Eifersucht. Sie fürchten, dass Joyce ihnen ihre Kinder wegnehmen will. Während Clara grundsätzlich für die Hilfe dankbar ist, sieht Alsana v. a. die Störung ihrer Familie: „Die Engländer […] sind das einzige Volk, das dich gleichzeitig belehren und bestehlen will.“Zadie Smith: Zähne zeigen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010, S. 424. Einer durch gegenseitige Vorwürfe kontrovers verlaufende Begegnung der drei Frauen endet ergebnislos (Kap. 17 Krisengespräche und fünf-vor-zwölf-Taktiken!). Irie ist anfangs fasziniert von der weißen intellektuellen Mittelschichtfamilie, die ihr als Idealtyp einer englischen liberalen weltoffenen Gesellschaft erscheint, von der sie am liebsten ein Teil werden würde. Sie verbringt zunehmend ihre Freizeit bei den Chalfens und unterstützt Marcus bei seiner Buchhaltung, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Der Umgang mit dem attraktiven, nur begrenzt anpassungsbereiten Millat ist dagegen schwierig und Joyce zieht sich den Unmut ihres Sohnes Joshua, aber auch Iries zu, als sie immer mehr Zeit für ihre Aufgabe aufwendet, ihn in ihrem Sinn zu erziehen.